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Tipps: Klettern in Corona-Zeiten

In einigen Bundesländern war Felsklettern erlaubt, in anderen nicht. Die Kletterhallen waren überall geschlossen. Kein Wunder, dass viele jetzt heiß aufs Klettern sind. Doch diese Saison gibt es neben den normalen Regeln noch ein paar weitere zu beachten.

Die Lockerung der Corona-Beschränkungen wird in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. An Felsen in der Natur zu gehen, ist natürlich nur erlaubt, wenn solche Regelungen dem nicht im Weg stehen. Ebenfalls selbstverständlich, wenn auch nicht risikorelevant, ist es, dass man Sperrungen aus Naturschutzgründen und am Fels die DAV-Empfehlungen zu naturverträglichem Klettern beachtet. Aktuelle Infos zu Kletterregionen findet ihr hier.

 

Faktor Mensch

  • Ein paar Fragen zum Selbstcheck: Eingeklettert? Felsgewohnt? Aufgewärmt? Ausgeschlafen? Konzentriert? Volle Konzentration auch beim Zu- und Abstieg und beim Rumlaufen am unebenen Wandfuß.
  • Vorsicht bei Situationen wie: „die letzte Tour“, „schnell noch probieren“, „wird schon klappen“. Ablenkung oder mangelnde Konzentration sind Gefahrenquellen.
  • Der Partnercheck ist und bleibt eine der wesentlichen Maßnahmen zur Risikoreduktion beim Klettern. Alle tödlichen Unfälle in Kletterhallen entstanden durch Einbindefehler – der Partnercheck prüft unter anderem auch den Knoten. Das geht auch visuell, mit Abstand.
  • Die Partnerbeschränkung durch Corona begünstigt „eingespielte Teams“, vor allem Paare und andere Hausgemeinschaften. Das ist tendenziell positiv, wenn die Eingespieltheit zu positiver Stimmung und gutem Mitdenken führt – Beziehungsstress sollte natürlich daheimbleiben.
  • Wie ist die Stimmung und der Spirit in der Seilschaft? „Wir wollen eine gute Zeit zusammen“ oder „bring deine Leistung!“? Entspannt-motivierend und ohne Druck klettert man am sichersten.
 

Darf/mag ich stürzen oder nicht?

Stürzen, auch im Vorstieg, gehört zum Sportklettern dazu. Andererseits bedeutet jeder Vorstiegssturz ein gewisses Restrisiko – mit dem man in Coronazeiten vorsichtig sein sollte. Deswegen thematisieren die folgenden Tipps zur Risikoreduktion besonders stark Überlegungen, ob Vorstiegsstürze zu erwarten und vertretbar sind oder wie sie vermieden werden können.

  • Der Satz „Lieber tot als toprope“ passt vielleicht auf T-Shirts, aber nicht in die Kletterpraxis. Topropeklettern ist die beste Möglichkeit, Vorstiegsstürze zu vermeiden – auch wenn es natürlich nicht das Onsight- oder Rotpunktideal des Sportkletterns erfüllt.
  • Wer topropen will, steht vor der Frage: Wie kommt das Toprope in die Wand? Außenrumlaufen und von oben zum Umlenker gehen/klettern/abseilen kann auch ein Risiko bedeuten; wenn geschützte Pflanzen auf dem Felskopf wachsen, verbietet es sich aus Naturschutzgründen; wenn über der Wand Wald ist, ist auf Gefahr durch runtergetretene Äste oder Steine zu achten. Problemloser, falls räumlich möglich, ist es, das Toprope von einer leichteren Tour in die schwerere rüberzuhängen; cleanen der Ursprungsroute wäre eine soziale Verpflichtung, wenn andere Leute am Fels sind. Erfahrene Kletterer können sich mit Trittschlingen oder Clipstick rauftricksen.
  • Egal ob ein Vorstiegssturz willentlich in Kauf genommen wird oder nicht, folgende Grundlagen muss das Team beherrschen: richtig sichern, richtig stürzen, Umgang mit Gewichtsunterschieden. Mehr Infos dazu findet ihr hier.
 

Schwierigkeit

  • Die Schwierigkeit der Route ist der wahrscheinlichste Faktor für einen Sturz. Und so sehr der Leistungsgedanke zum Sportklettern gehört, ist doch auch die Frage erlaubt: Ist es die richtige Zeit für die Höchstleistung? Gerade zum Saisonanfang bringt „Routenspulen“ den Bewegungsfluss in Gang und frischt die Grundlagen auf. Vor allem zum Aufwärmen empfiehlt es sich, leichte Routen zu klettern, die man schon kennt: Das Risiko ist besser einschätzbar.
  • Wer Freude und Befriedigung aus schweren Bewegungen zieht, kann sich überlegen, eine anspruchsvolle Route von vornherein als Rotpunkt zu projektieren statt sich in einen Vollgas-onsight-Versuch zu stürzen. Und die Schlüsselsequenz lieber einmal mehr auszubouldern, bis die Bewegung optimiert ist. Wenn die Begehung dann elegant und mit souveräner Leichtigkeit klappt, kann man daraus besondere Befriedigung ziehen.
  • Merkt man, dass die Kräfte schwinden und der Durchstieg wahrscheinlich doch nicht klappt, geht man auf Nummer sicher mit einem „zu!“ (aber nur unterhalb des Hakens!) oder einem angekündigten, kontrollierten Fallenlassen („ich komme!“).
 

Sturzfreundlichkeit

  • Wie verletzungsgefährlich ein Sturz ist, hängt vor allem outdoor besonders von der Geländeform ab. Je steiler, desto weniger gefährlich ist ein Sturz meistens.
  • Besonders gefährlich ist der bodennahe Bereich (bis zum 3./4. Haken, je nach Hakendichte) und Zonen über Bändern oder Verflachungen im Wandverlauf. Starker Anprall droht auch, wenn man aus überhängendem in flacheres Gelände fällt.
  • Schwierig abzusehen und zu kontrollieren sind Stürze in stark strukturiertem Gelände wie Verschneidungen, Kanten (vor allem mit Querungen) oder an Dachkanten (wie weit geht der Sturz? Anprallgefahr mit Schienbein, Bauch, Kopf?).
 

Absicherung

  • Klar: Je besser die Absicherung, desto weniger gefährlich ist üblicherweise ein Sturz. „Gut abgesicherte Touren bevorzugen“ ist deshalb der Königstipp zur Risikoreduktion; Kriterien dafür sind die Abstände, Platzierung (Einhängbarkeit, Seilverlauf) und Qualität der Haken.
  • Normalhaken und alte Bohrhaken (dünner Schraubendurchmesser) sind Warnsignale, vor allem wenn Rost aus dem Bohrloch läuft.
  • In Tradrouten und -gebieten ist das Verletzungsrisiko bei einem Sturz tendenziell größer, viel mehr Kraft, Erfahrung und Kompetenz sind gefordert. Ein selbstgelegter Keil, Friend oder eine Sanduhrschlinge zwischendurch machen noch keine Tradroute – aber fordern auch schon mehr „innere Sicherheit“.
  • Noch komplexer wird das Risikomanagement bei alpinen Unternehmungen und „Abenteuerklettereien“, also in großen, komplexen Wänden mit wechselnder Felsqualität und selbst zu schaffender Absicherung. Wer in diesem Metier nicht viel Erfahrung hat, sollte besser nicht im Coronajahr 2020 die ersten Versuche starten.
  • Zurück zum Sportklettern: Ein Clipstick kann die Gefahr von Sprunggelenkverletzungen entschärfen, wenn der erste Haken weit und heikel anzuklettern ist. Wer ganze Projektrouten mit elaborierter Clipstick-Technik „hochhängt“, erntet oft schiefe Blicke, ist aber – wenn es richtig gemacht wird – auf der sicheren Seite.
 

Exposition

Im Frühling und Frühsommer können vor allem nordseitig und im Wald gelegene Felsen noch feucht und schmierig sein; Algenbelag verschärft das Problem oft noch – teilweise schwer erkennbar. Tendenziell günstiger sind frei oder im lichten Wald stehende Felsen der Expositionen Ost, Süd und West. Natürlich kann an abgespeckten Sonnenwänden die Rutschgefahr erhöht sein…

 

Felsqualität/Steinschlag

  • In jedem Winter kann der Frost Steine lockern; die Gefahr von Griffausbruch (-> unkontrollierter Sturz) und Steinschlag ist deshalb zu Saisonbeginn deutlich erhöht.
  • Vor Griffausbruch schützt man sich durch „sanftes“ Klettern ohne heftiges Reißen. Dubiose Griffe und Tritte (z.B. gelb, sandig oder mit Rissen) kann man durch Klopfen testen; dumpfe Klänge oder Wackeln sind Warnsignale.
  • Manchmal ist es eine gute Lösung, lockere Brocken rauszureißen; am besten im Toprope. Die Menschen am Wandfuß müssen dabei natürlich vorgewarnt werden und sich aus der Falllinie bringen: der Seilpartner wie alle anderen. Vorsicht, wenn es um größere Brocken geht – im Zweifelsfall lieber umdrehen.
  • Dubiose Griffe, die sich nicht entfernen lassen, kann man mit einem Magnesia-Warnkreuz markieren.
  • Fallende Steine gefährden alle Menschen am Wandfuß – der laute Warnruf „Stein!“ ist angesagt, wenn was ausbricht oder man einen Stein gezielt entfernt.
  • Der beste Platz für die Pause ist abseits der Wand und keinesfalls in der Falllinie von Kletternden. Das trägt übrigens auch zur Vermeidung von Abstands-Problemen bei.
  • Vorsicht auf Steinschlag ist auch angebracht, wenn eine Kletterwand unterhalb eines Wanderwegs liegt oder wenn oberhalb alpines Gelände ist, in dem Gämsen Steine lostreten können. Dann am besten direkt am Wandfuß aufhalten und immer ein Auge nach oben haben – oder ein anderes Ziel aussuchen.
 

Infektionspotenzial

  • In Coronazeiten bekommen bei der Felswahl diese Fragen eine neue Bedeutung: Wie viele Routen gibt’s am Fels? Wie verlaufen sie? Wie viele Linien pro Schwierigkeit sind geboten? Je nachdem können schon zwei oder drei Seilschaften an einem kleinen Fels zu viel sein, andere vertragen auch mehr Besuch. Idealerweise bleibt immer eine Linie zwischen den Seilschaften frei. Oder man klettert zumindest versetzt, startet also erst, wenn der Nachbar zur Hälfte oben ist – falls die Sichernden den nötigen Abstand zueinander halten können.
  • Um den Platz am Wandfuß nicht zu eng zu machen und Ausweichen zu ermöglichen, sollte nicht benötigtes Material abseits vom Wandfuß gelagert und nicht weiträumig verstreut werden. Am besten packt man vor dem Klettern alles nicht Gebrauchte in den Rucksack, macht diesen zu und stellt ihn einige Meter abseits der Wand ab.
  • Auch beim Klettern gilt die goldene Regel: Miteinander reden und abstimmen! Wer zuerst am Fels ist, hat das Recht auf Respekt: Die Frage „ist’s ok, wenn wir nebendran klettern?“ (oder eindeutige nonverbale Zustimmung) ist eine Grunderfordernis der Höflichkeit.
  • Wie lange das Coronavirus auf Gegenständen infektiös bleibt, ist noch nicht umfassend erforscht. Es scheint aber auf Metall, also womöglich auch auf Karabinern, zumindest einen Klettertag lang überleben zu können. Von daher empfiehlt es sich, beim Klettern nur eigenes Material zu verwenden. Ob und wie es desinfiziert werden soll und kann (vor allem bei professionellem Gebrauch und im Verleih), dazu geben Hersteller unterschiedliche Hinweise, die im Internet abrufbar sind. Ein Tag „Austrocknen“ an der frischen Luft sollte für den Privatgebrauch meistens reichen.
  • Weitere Infos findet ihr hier.
 

Tipps: Wandern in Corona-Zeiten

Tipps zur Risikoreduktion in der Praxis

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Die zurückliegende Sommersaison war für alle neu und ungewohnt: für Bergnovizen, die Hüttenwirtsleute und auch für Alpinprofis. Nun steht der Herbst vor der Tür und mit ein wenig Vorbereitung und bei Beachtung einiger Regeln steht uns eine tolle Bergsaison bevor. Selbsterkenntnis ist der goldene Weg zur Sicherheit: Kenne und beachte deine Kompetenzen und Grenzen! Wie gut sind deine Kenntnisse in Tourenplanung und Orientierung, deine Trittsicherheit im alpinen (Steil-)Gelände? Wie schwer war deine schwerste, wie lang die längste Tour, die du noch mit Reserven souverän beendet hast? Bleibe zumindest bei den ersten Unternehmungen deutlich unterhalb dieser Grenzen.   

Umgang mit Equipment in Zeiten von COVID-19

Tipps zur Hygiene

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Mit der Ausbreitung des Virus COVID-19 stellt sich für viele Ausrüstungsverleihe und auch für Privatpersonen die Frage: Wie sollte man zukünftig mit Ausrüstung umgehen, die mehrfach im Einsatz ist und von verschiedenen Personen genutzt wird? Welche Hygienemaßnahmen kann man ergreifen, gibt es spezielle Desinfektionsmöglichkeiten? 

Bodennah sichern und klettern

DAV-Sicherheitsforschung informiert

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Fast die Hälfte der Kletterhallenunfälle der letzten zwei Jahre geschahen im „bodennahen“ Bereich – bis zur siebten Exe traten Kollisionen und Bodenstürze auf. Jörg Helfrich gibt Tipps, wie man in dieser gefährlichen Zone gut sichern kann. Wer hat nicht schon einmal „Nahbodenerfahrungen“ beim Seilklettern gemacht? Also mit einem Sturz, der erst kurz vor dem Boden (oder auf Gesichtshöhe des Sicherungspartners) endete? Oft liegt es gar nicht an heroisch hohen ersten oder zweiten Haken, wenn der Kletternde auf den Boden fällt. Denn wenn die Gefahr offensichtlich ist, sind wir meist hochkonzentriert, und der Kletternde überlegt sich genau, was er riskieren will. 

Sportklettern: Sichern mit Gewichtsunterschied

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Mit Halbautomaten ist das reine Halten eines Sturzes beim Klettern ohne zu viel Seildurchlauf im Gerät kein Problem mehr, auch für leichte Menschen mit wenig Handkraft. Ein großer Gewichtsunterschied kann dennoch zu Problemen führen. Jörg Helfrich, Julia Janotte und Florian Hellberg haben untersucht, wann welche Gegenmaßnahmen sinnvoll sind. Eine typische Situation beim Klettern: Ein Pärchen bildet eine Seilschaft. Er 80 Kilo, sie 60. Den (Kletter-)Partner sucht man sich eben nicht nach dem Gewicht aus. Deshalb erschweren Gewichtsunterschiede vielen Seilschaften die Aufgabe, „gut“ zu sichern.