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So geht das: Lawinenlagebericht richtig lesen!

Die Informationen (zur) Lawine

Grundlegende Sicherheitspflicht vor jeder Ski- oder Schneeschuhtour abseits von Pisten und Wegen ist, den aktuellen Lawinenlagebericht (LLB) abzurufen und aufzuarbeiten. Denn: Lesen allein reicht nicht! Man muss die wichtigen Informationen rausfiltern, um sie in die Planung zuhause und in die Entscheidungen im Gelände mit einzubeziehen.

 

Der Lawinenlagebericht fasst Wetterentwicklung und Schneedeckenaufbau zu einer differenzierten Gefahreneinschätzung der aktuellen Lawinen- und Schneesituation zusammen. Alle Lawinenlageberichte alpenweit sind vergleichbar aufgebaut, lassen sich also einheitlich systematisch filtern und nutzen. Piktogramme im Kopfteil helfen zum schnellen Erfassen aller elementaren Informationen ohne Fremdsprachenkenntnisse.

 

WIE groß ist die Gefahrenstufe?

Für viele Nutzerinnen und Nutzer endet das „Lesen“ des LLB bereits mit der Gefahrenstufe. Sie quantifiziert die allgemeine Gefahrenlage in einer Region auf einer Skala von gering (1) bis sehr groß (5). Durch probabilistische Verfahren wie mit der Snowcard kann man damit relativ einfach zu einer Risikoabwägung kommen. Doch auch wer nur auf die Gefahrenstufe schaut, sollte beachten, dass diese fast überall regional angepasst wird. So kann etwa die Bayerische Lawinenwarnzentrale für die Allgäuer Alpen Stufe 4, für die Berchtesgadener aber nur Stufe 2 melden – oder umgekehrt. Was wo gilt, wird auf einer Karte oder durch Nennung der Gebiete differenziert. Häufig findet man auch eine höhenabhängige Abstufung – etwa bis 2000 Meter Stufe 2, darüber Stufe 3 – oder eine Differenzierung der Gefahrenstufe von Vormittag zu Nachmittag. Man muss also einen zweiten und dritten Blick investieren, um die Gefahrenstufe präzise einzuschätzen.

 

WO sind die Gefahrenstellen?

Der LLB bietet weitere wertvolle Hinweise zur Planung und Entscheidung im Gelände: Besonders gefährdete Hangexpositionen werden mit einer schwarz eingefärbten Windrose symbolisiert, brisante Geländeformen und Höhenlagen durch Text oder Piktogramme. Diese Informationen bringen dem Anwender aber nur dann etwas, wenn er diese Stellen auch in natura erkennt und meidet. Zur Rubrik „Wo“ zählt auch ein Hinweis zu der für eine Lawinenauslösung nötigen Zusatzbelastung: von im schlechtesten Fall „spontan“ über „gering“ (einzelner Schneesportler) bis „groß“ (Gruppe ohne Abstände). So lässt sich schon vorab einschätzen, wie wirkungsvoll Vorsichtsmaßnahmen wie „Einzelfahren“ oder „mit Abständen gehen“ sind.

 

WAS (sind die) Gefahrenmuster?

Zudem beschreibt der LLB die momentan vorherrschende Hauptgefahr: Triebschnee, Neuschnee, Altschnee, Nassschnee oder Gleitschnee. Diese „Gefahrenmuster“ werden durch Piktogramme und Schlagwörter grafisch dargestellt und im Zusatztext beschrieben. Der Könner kann dank dieser Informationen das entsprechende Gefahrenmuster draußen im Gelände wiederfinden und beurteilen. Dazu braucht es aber viel Wissen und Verständnis, und manches Gefahrenmuster – beispielsweise Altschnee – ist auch für Profis extrem schwer zu beurteilen.

 

All diese Informationen werden mittlerweile komplett durch Zahlen, Zeichen, Karten und Piktogramme im Kopfteil des LLB dargestellt. Auf diesen „grafischen“ Teil folgt der Zusatztext. Er gibt noch detailliertere Informationen zur Beurteilung der Lawinensituation. Das Wie, Wo und Was wird differenziert in Worten beschrieben, der aufmerksamen Leserin ergibt sich dadurch ein noch deutlicheres Bild der Lawinensituation. Hier finden sich genaue Beschreibungen zu Gefahrenstellen, Auslösewahrscheinlichkeit und nötiger Zusatzlast.

 

Weitere wertvolle Informationen

In einem weiteren Absatz geht der Bericht auf den Schneedeckenaufbau ein, erklärt den Aufbau der Schneedecke in der Tiefe und insbesondere vorhandene Schwachschichten. Wer sich mit Schnee und seinen Eigenschaften gut auskennt, kann daraus weitere wertvolle Informationen ziehen. Für Einsteiger ist es allemal interessant, einen Einblick in die Zusammenhänge zwischen Wetterentwicklung und Schneedeckenaufbau zu erhalten. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit der zu erwartenden Tendenz für Wetter und Lawinengefahr der kommenden Tage. Wer sehr früh auf seine Tour startet oder keinen aktuellen LLB abrufen kann, wird für diese Info sehr dankbar sein. Natürlich sollte der verwendete LLB immer möglichst aktuell sein – ein Blick aufs Erstellungsdatum lohnt sich.

 

Zusammenfassend sei empfohlen: Den LLB komplett zu lesen, hilft Verständnis für Vorgänge in der Schneedecke zu entwickeln. Jedoch sollte man zur Risikoabwägung im Gelände nur relevante Informationen zu Rate ziehen und die, mit denen man wirklich „arbeiten“ kann.

 

Tipps:

  • Gefahrenstufe nach Region, Höhenlage und Tageszeit differenzieren
  • Hinweise auf Gefahrenstellen beachten
  • Gefahrenmuster = momentane Hauptgefahr!
  • Informationen filtern: Für mich relevant?
  • LLB regelmäßig lesen! Aktualität beachten!
 

Text: Max Bolland (Dipl.-Sportwissenschaftler, Staatl. gepr. Berg- und Skiführer, Mitglied der DAV-Lehrteams Bergsteigen und Sportklettern, Leiter der Bergschule erlebnis-berg.com)

 

Illustration: Georg Sojer

 

Zuerst erschienen in DAV panorama 01/18, aktualisiert von Andreas Dick 09/20

 

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