Drei Menschen im Klettersteig in felsiger Gebirgslandschaft
Unterwegs im Klettersteig sind kluge Taktik und gute Technik essenziell. Foto: DAV/Julian Rohn
Technik und Taktik - Klettersteiggehen

Sicher und ökonomisch durch den Klettersteig

Klettersteiggehen erfreut sich großer Beliebtheit. Vom drahtseilversicherten, alpinen „Wanderweg“ bis hin zum talnahen Sportklettersteig inklusive Flyingfox, Seilbrücke oder vergleichbaren „Attraktionen“ reicht die Palette. Entsprechend unterschiedlich sind die Anforderungen. Neben gründlicher und defensiver Planung ist kluge Taktik und gute Technik für die Stahlseilturnerei unerlässlich.

Technik

Wie fast immer im Bergsport gilt: möglichst viel Gewicht und Hubarbeit auf die Beine und weg von Armen und Händen bringen. Leichter gesagt als getan, denn das Stahlseil bietet verführerisch Halt, dass nur allzu gern mit Leibeskräften daran gezogen und unnötig viel Kraft verschleudert wird. Entscheidend ist es, den Blick auf die Füße zu fokussieren – nur so lassen sich Trittmöglichkeiten erkennen und die Füße platzieren. Offensichtliche Trittmöglichkeiten wie Stahlbügel, -platten und künstliche Stufen bieten selten Probleme. Das Ausnutzen natürlicher Tritte wie Felskanten und -absätze oder Reibungstritte hingegen erfordert einiges an Übung. Gelegentliches Klettertraining in leichten Felsrouten ist eine sinnvolle Vorbereitung, insbesondere für sportliche und steile Klettersteige. Die Tritte im Fels werden bevorzugt mit den Vorder-, oder (je nach Situation) Innen- oder Außenkanten der Schuhe belastet. Auf maximale Ausnützung des Trittes und eine waagrechte Fußposition achten. Reibungstritte werden mit dem Fußballen und leicht hängender Ferse „getreten“. Dann ist das Belasten des Trittes und der Hub aus dem Bein entscheidend. Durch Gewichtsverlagerung auf den jeweiligen Tritt wird der Fuß belastet und durch Streckung des Beins „Höhe“ gewonnen. Je kleiner horizontaler und vertikaler Abstand zwischen den Tritten ist, umso leichter kann die Gewichtverlagerung aus der Hüfte und ohne Krafteinsatz der Arme erfolgen. Kleine Schritte machen und alle Trittmöglichkeiten nützen! Im Idealfall dienen Arme, Hände und Stahlseil nur der Balance. Je größer die Trittabstände sind, umso mehr muss mit den Armen gezogen werden – vergleichbar mit einer Leiter, bei der man immer drei Sprossen auslässt.

Sauber treten, auch auf Felstritten, die Klettersteigkarabiner über der Hand laufen lassen, viel am „langen Arm“ klettern – mit der richtigen Technik ist man sicher und effizient unterwegs. Illustration: Georg Sojer

Technik für entspannte Arme

Auch mit versierter Fuß- und Tritttechnik ist in steileren Passagen Armbelastung nicht komplett vermeidbar. Um diese gering zu halten, ist das Klettern am „langen Arm“ eine wirkungsvolle Methode. Dabei ist wichtig, dass die Arme möglichst lange in gestreckter Position sind. Dafür müssen die Beine gebeugt sein. Erst wenn der Hub aus dem Bein erfolgt, wird der Arm gebeugt – Arme und Hände unterstützen nur die Arbeit der Beine.

Abwechslung tut gut: alle unterschiedlichen Griffmöglichkeiten des Klettersteigs nützen. Neben Stahlseil bieten Befestigungsstangen, Stahlbügel, Leitersprosse und natürliche Griffe im Felsen oder an Wurzeln und Bäumen eine erwünschte Abwechslung zur monotonen Stahlseilzieherei. Auch das Stützen mit den Händen (z.B. zum Hochsetzen des Fußes) bietet eine willkommene Variation. Überlegte Taktik trägt dazu bei, um auch in fordernden Klettersteigpassagen einen kühlen Kopf zu bewahren, sicherer unterwegs zu sein und damit mehr genießen zu können.

Rastpunkte nutzen: Wer rastet, der rostet nicht fest am Stahl, sondern gibt sich die Möglichkeit, Körper und Geist zu erholen und Folgepassagen vorzuplanen. Um solche Rastpunkte zu erkennen und zu nutzen, braucht es etwas Erfahrung und Übung. Experimentierfreudigkeit und Kreativität ist erlaubt. Natürliche Rastpunkte sind Absätze und Bänder oder Spreizpositionen in Verschneidungen oder Kaminen. Rasten ist aber auch mit der sogenannten Rastschlinge direkt am Stahlseil möglich – moderne Klettersteigset haben diese bereits integriert. So geht’s: Rastschlinge oberhalb eines Befestigungspunktes einhängen und belasten, anders als die „Einhängarme“ des Sets dehnt sich die Rastschlinge nicht und man bleibt nahe am Seil. Das Vertrauen in das Material muss unbedingt geübt werden – z. B. an bodennahen Stellen oder Übungsklettersteigen. Insbesondere in sehr langen athletischen Passagen ist die Verwendung der Rastschlinge eine gute Hilfe. Vorsicht: Wer eine Bandschlinge als Rastschlingen benutzt, muss diese unbedingt vor dem Weiterklettern wieder aushängen. Vor allem vor und nach ausgesetzten oder furchteinflößenden Passagen sollte man Rastpunkte und leichtere Passagen nutzen, auch zum Vorausplanen von Schlüsselpassagen, um diese möglichst zügig und effizient zu bewältigen.

Taktik Sichern

Das Umhängen des Sets in vertikalen Passagen ist sicherungstechnisch der heikelste Moment, hier besteht das höchste Sturzpotenzial und die größte Verletzungsgefahr. Dies kann insbesondere in steilen Passagen nervenaufreibend und kraftraubend sein. Die Bedienung der Klettersteigkarabiner muss man unbedingt beherrschen, das Umhängen muss zügig erfolgen. Laufen die Klettersteigkarabiner über der Hand entlang des Stahlseils, sind die Karabiner jederzeit griffbereit und man vergisst im Eifer des Gefechts das Umhängen nicht. Zum Umhängen stabile und kraftsparende Positionen wählen: Spreizposition, guter Stand oder zumindest am langen Arm. In brenzligen Situationen gegebenenfalls erst nur einen Karabiner umhängen, um schon mal sicher zu sein. Dann in gewechselter Position den zweiten. Geht die Kraft zur Neige, hilft es, den ganzen Arm und oder Bein hinter Befestigungsstange und Stahlseil einzuhängen und dann umzuhängen – in solchen Situationen unbedingt erst die Rastschlinge verwenden, bevor man weiter klettert. Quergänge sind oft gefürchtet, doch sicherungstechnisch sind sie deutlich harmloser, denn das Sturzpotenzial ist gering und das Verwenden der Rastschlinge fast überall möglich. In steilen Quergängen hilft die Rastschlinge, so bleibt man eng am Quergangsseil und kann fast nicht fallen. Auch hier hilf das Vertrauen ins Material. Technik und Taktik bedingen sich gegenseitig – wem die Tritttechnik fehlt, wird sich schwer tun, Rastpositionen zu finden. Wer planlos in Steilpassagen startet und Rastpositionen ungenützt lässt, wird sich auch mit Technik nicht dauerhaft „retten“ können. Es lohnt sich daher auf jeden Fall, in beide Aspekte gleichermaßen zu investieren.

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