Nur ein paar Minuten sind es, bis nach einem kurzen Spaziergang vom Bahnhof des Bergsteigerdorfes St. Jodok bei einem Wegweiser ein gut angelegter Steig abzweigt, der einen an den Fuß der Stafflacher Wand bringt. Und damit zum Einstieg in ein kurzweiliges Klettersteigabenteuer in einem Seitental des Tiroler Wipptals, direkt über der viel befahrenen Bahnlinie über den Brenner. Beim Zustieg kann man sich ruhig etwas Zeit nehmen, um die senkrechten Wandabbrüche auf der Suche nach anderen Leuten im Klettersteig zu scannen: Deutlich sichtbar sind auf jeden Fall die Kletternden, für die es einige Mehrseillängenrouten und Klettergärten gibt. Und die beiden Kreuze oberhalb der breiten Felswand. Das linke markiert den Ausstieg der Kletterrouten, das rechte den Endpunkt des Klettersteigs.
Die Idee zum Bau einer Ferrata hatte Thomas Senfter, der mit seiner Familie am Fuß des breiten, von der Sonne verwöhnten Felsriegels der Stafflacher Wand wohnt. Der Bergführer träumte schon lange von einem Kletterparadies direkt vor seiner Haustüre. Den Anfang sollte ein Klettersteig machen, der schließlich im Jahr 2012 eröffnet wurde. Damit der ein Publikumsmagnet wird, hat sich Thomas akribisch vorbereitet. „Für den Erfolg einer Ferrata gibt es viele Faktoren“, hat er auf einer Recherchetour durch das Klettersteigangebot Tirols beobachtet. „Gut besucht sind abwechslungsreiche Steige im Schwierigkeitsgrad C, die nicht zu lang sind, wenige Gehpassagen haben, mit einem kurzen Zustieg punkten und zudem südseitig ausgerichtet sind.“ Wichtig für coole Fotos sind zudem Elemente wie eine Seilbrücke. Nachdem die Stafflacher Wand mehr breit als hoch ist, lag es auf der Hand, dass die Route die Abbrüche eher quert – nur so erreicht man eine ausreichende Länge. Die grobe Linie im oberen Bereich der Abbrüche hatte Thomas Senfter schnell im Kopf, „doch nachdem ich mich beim Bau ein paarmal verlaufen hatte, haben wir ein Bild gemacht mit einem Raster – mein Vater hat mir dann von unten mit einem Funkgerät immer gesagt, wo ich bin“.
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Von der Sonne verwöhnt
Dank der Unterstützung durch Bergrettung, Freunde, Gemeinde und den Tourismusverband Wipptal konnte das Projekt nach rund einem halben Jahr Bauzeit vollendet werden. „Wir haben etwa 650 Meter Drahtseile verwendet, dazu kommen rund zweihundert Zwischenanker“, zählt Thomas Senfter das verwendete Material auf. „Auch einige künstliche Trittstufen wurden verbaut, aber in erster Linie haben wir, wo es erforderlich war, Tritte geschremmt, also in den Felsen gehauen“. Das zeigt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Klettersteigs, während es im Mittelteil bei der zweiten steilen Felsstufe ausreichend natürliche Tritte und Griffe gibt. Die Einstiegswand ist absichtlich etwas anspruchsvoller und kostet reichlich Kraft – die C-Passage gleich zu Beginn der Tour ist die Schlüsselstelle. Ursprünglich sollte der Klettersteig den Namen „Stafflacher Wand“ tragen, doch dann verunglückte bei einem Bergunfall Peter Kofler, der Bergrettungschef im Nachbarort Gries am Brenner, der den Bau der Ferrata immer aktiv unterstützt hatte. Ihm zu Ehren und zur Erinnerung trägt der Klettersteig jetzt seinen Namen.
Sonnenverwöhnt sind auch die beiden Klettersteige Ibex und Ölberg auf der Südseite des Brenners, die von Sterzing aus schnell zu erreichen sind. „In Südtirol gibt es zwar viele Klettersteige, aber das Angebot in Talnähe ist eher überschaubar“, meint Hubert Eisendle. Im Auftrag des Tourismusverbandes Sterzing suchte der Bergführer aus Gossensass ursprünglich im Pfitscher Tal nach einem passenden Ort für den Bau eines Klettersteigs. Fündig wurde er am Taleingang, wo im Bereich einer steinschlaggefährdeten Zone extra ein Straßentunnel gebaut wurde. „Beim Ölberg handelt es sich um eine sehr große Wand aus vergleichsweise weichem Schiefergestein“, erzählt Hubert Eisendle. „In der zentralen Wand ist der Fels daher recht schlecht, da habe ich mich gar nicht hingetraut.“ Doch am rechten Rand fand er zusammen mit einem Geologen besseres Gestein und damit eine sichere Möglichkeit, einen interessanten, zwischendurch auch sehr luftigen Klettersteig zu bauen.
Die Handschrift des Erbauers
Bei dem im Jahr 2023 eröffneten Klettersteig bemerken Profis schnell die Handschrift von Hubert Eisendle. „Beim Bau achte ich darauf, dass der Kletterfluss nicht gebremst wird oder dass man beim Umhängen gut stehen kann“, erklärt der Bergführer. „Für mich ist wichtig, dass man nach der Tour gleich Lust hat auf den nächsten Klettersteig.“ Außerdem setzt Hubert gerne Seilbrücken ein. „Die verwende ich immer, um Zonen mit Gras, Schrofen oder schlechtem Gestein zu überbrücken“, erklärt er. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn der Klettersteig etwas oberhalb auf einer Wiesenterrasse und damit auf einer Art „Gipfel“ aufhören würde, doch das funktionierte aufgrund des Gesteins nicht. So endet der Steig jetzt deutlich tiefer und unspektakulär im Wald, durch den auch der Abstieg führt.
Ein kleiner Makel, der aber nicht stört. Denn der Ölberg-Klettersteig ist von Beginn an eine spannende Ferrata mit fotogenen Passagen wie luftigen Quergängen, exponierten Felskanten und langen Seilleitern. Immer dabei: Tiefblicke ins grüne Tal und auf die Gipfel vis-a-vis, die im Frühjahr noch tief verschneit sind, während in der Felswand längst Saunafeeling angesagt ist.
Aller guten Dinge sind drei
Ähnlich ist es beim Klettersteig Ibex in Ratschings. Während dort im April nordseitig noch problemlos Skiabfahrten bis ins Tal möglich sind, klettert man sonnseitig längst mit kurzer Hose und T-Shirt. Vom Parkplatz sind es nur wenige Schritte und schon steht man beim Einstieg des kurzen Klettersteigs für Kinder. Ein paar Schritte mehr sind es bis zum Start des Ibex, der anfangs einem im Wald versteckten Felsgrat folgt. Mit zunehmender Höhe lässt man die Bäume unter sich, ehe das Drahtseil im Auf und Ab die Felswand quert – fotogene Ausblicke ins Tal und auf die umliegenden Gipfel sind hier garantiert.
Der Ibex wurde im Jahr 2024 eröffnet und komplettiert das Wipptaler Klettersteigtrio, das sich für einen mehrtägigen Aufenthalt geradezu anbietet. Alle drei Klettersteige punkten mit kurzen Zustiegen, sprechen mit dem Schwierigkeitsgrad C ein breites Publikum an, sind mit jeweils rund drei Stunden Gehzeit konditionell gut zu bewältigen – und südseitig ausgerichtet. Entsprechend startet hier die Saison je nach Schneelage oft schon im März, spätestens im April; sie endet mit den ersten großen Schneefällen im Frühwinter.
Das Angebot kommt gut an, auch bei den Einheimischen. „Anfangs sind sie den alle gegangen, teilweise sogar jede Woche“, erinnert sich Thomas Senfter. „Auch abends, statt zum Joggen ging es zum Klettersteig und als nächstes gab es persönliche Wettkämpfe, wer schneller ist.“ Ein Grund für die Beliebtheit des Peter-Kofler-Klettersteigs ist sicher auch der schöne Rastplatz beim Ausstieg. Neben dem Gipfelkreuz gibt es ein paar Holzbänke und Tische – und eine Holzbox mit Getränken. Da kann die Pause schon mal länger als ein paar Minuten dauern ...