Klar: In den Bergen wollen wir uns erholen, Sport machen, die frische Luft und das Panorama genießen. Manche fliehen vor dem grauen Alltag, suchen Herausforderungen oder einfach nur Spaß, andere nach Antworten auf wichtige Fragen des Lebens. Oder alles zugleich. Wie Menschen die Berge sehen, warum sie auf Gipfel steigen, was sie sich dort versprechen, wandelte sich über die Jahrhunderte. Wir können nicht von dem einen Verhältnis zwischen Mensch und Berg sprechen. Eher von einer Vielzahl an Motiven, die im Lauf der Zeit aufkamen, sich überschnitten, nebeneinander bestanden – und auch heute noch existieren.
Heimat der Götter
Zweifelsohne fühlen wir uns heute den Bergen verbunden. Noch vor drei Jahrhunderten wurden sie als ferne, hässliche Riesen verschmäht. Unwirtlich, lebensfeindlich, ein Hindernis. Und das über Tausende von Jahren. Die Menschen besiedelten zuerst die Täler der Alpen, nach und nach auch die höheren Lagen, wie der Fund des Ötzi zeigt – denn unten lauerten viele Gefahren und der Platz war begrenzt. Die Berge wurden zur Heimat, behielten aber eine geheimnisvolle Aura. Vielen Völkern und Religionen weltweit galten sie als spirituelle Orte. War man dort oben den Göttern näher? Wie es der Innsbrucker Bischof und Bergsteiger Reinhold Stecher einmal formulierte: „Viele Wege führen zu Gott, einer führt über die Berge.“ Auf allen Kontinenten gibt es heilige Berge, beispielsweise der Kailash in Tibet, in Japan der Fujiyama, in Australien der Uluru, der Machu Picchu in Peru, der Olymp in Griechenland. Auch der Machapucharé in Nepal gehört heute noch den Göttern: Seit den 1960er Jahren gilt ein Besteigungsverbot. Heilige Berge sollen unantastbar sein. Das sind die anderen bei Weitem nicht geblieben.
Berge werden schön
Spätestens ab dem 18. Jahrhundert gewannen die Alpen an Attraktivität. Mit der Entstehung der Industriegesellschaft suchte man sie auf, „um eine nicht von Menschen beherrschte Natur erleben und bewundern zu können“, wie es der Alpenforscher Werner Bätzing ausdrückt. Die Bergwelt mutierte zum „schönen“ Gegenentwurf des städtischen Lebens der frühen Industrialisierung. So interpretiert es auch der britische Schriftsteller Robert Macfarlane: „Im Verlauf von drei Jahrhunderten hat sich […] in der westlichen Welt ein tiefgreifender Wandel in der Wahrnehmung der Berge vollzogen. Jene Eigenschaften, derentwegen die Berge einst gemieden wurden – Steilheit, Einsamkeit, Gefährlichkeit – wurden nun als ihre größten Attraktionen gepriesen.“
Die Bergwelt mutierte zum „schönen“ Gegenentwurf des städtischen Lebens.
Das Erhabene spüren
Damit einher ging eine neue ästhetische Erfahrung, in der sich Schauer und Bewunderung gegenüber den Bergen mischte. Während der Romantik entdeckte man in ihnen das „Erhabene“: eine Kraft, die größer ist als der Mensch, in der er sich selbst spüren und erkennen kann. Die überwältigende Natur wird zum Spiegel – festgehalten in berühmten Gemälden, wie dem bekannten „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich. Die halb verborgene Berglandschaft steht in vielen Interpretationen für die Tiefe der menschlichen Seele und die Suche nach Sinn. Sicherlich ein Motiv, das unsere Sehnsucht nach den Bergen bis heute prägt.
Berge machen Menschen
Raus aus der Stadt zu ziehen, Natur zu erfahren, sollte aus dem Blick des aufstrebenden Bürgertums etwas Gutes mit dem Menschen machen, gar zur Bildung der Persönlichkeit beitragen. Gleichzeitig versprach man sich einen Effekt auf die Gesellschaft: „Die Idee war, dass Individuen durch das Bergsteigen zu besseren Menschen werden und nach ihrer Rückkehr positiv auf die gesellschaftliche Entwicklung einwirken sollten. Das Selbstverständnis des Alpenvereins als kultureller Verein mit Sendungsbewusstsein spiegelt dies wider“, erklärt Max Wagner, Historiker am Alpinen Museum in München.
Die Idee: Individuen sollten durch das Bergsteigen zu besseren Menschen werden.
Die Berge wurden zum Kontrast der modernen Zivilisation, die als technisiert und einengend empfunden wurde – „Auf den Bergen ist Freiheit“, lautet ein berühmtes Zitat. Andererseits sind sie bei Weitem keine Spielwiese und bergen viele Gefahren. Wer sich diesen stellte, tat das auch im Streben nach höheren Idealen – und konnte viel Bewunderung ernten, wenn er sie „überwand“. Ein solches kämpferisches Motiv erhielt immer stärkere Bedeutung.
Gipfel erobern
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurden neue Helden gesucht – und der Alpenverein brachte das Bergsteigen ins Spiel. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus hatte er viel gemein. Die Erstbegeher der gewaltigen Nordwände von Matterhorn, Eiger und Grandes Jorasses – damals die „letzten Probleme der Alpen“ genannt – stammten aus den nationalsozialistisch bzw. faschistisch geprägten Ländern Deutschland und Österreich. Nicht verwunderlich, können doch Parallelen gezogen werden zwischen der Kampfideologie und dem damaligen Ethos des Alpinismus. Kühne Männer, heroische Taten, Vorbilder für die Jugend: Das war es, was der Zeitgeist – und der Alpenverein – forderte. Der Berg wurde von der Propaganda ausgeschlachtet. Heinrich Harrer, einer der vier Erstbegeher der Eiger-Nordwand, ab 1933 Mitglied der SA und ab 1938 der SS, schrieb: „Wir haben die Wand durchklettert, über den Gipfel hinaus bis zu unserem Führer.“
Berge für alle?
Reisen in die Alpen wurden populärer. Kein Wunder, konnten sie nicht nur immer leichter erreicht, sondern auch begangen werden. Das Hütten- und Wegenetz wurde dichter. Der Alpenverein beförderte dabei nicht nur die touristische Infrastruktur in den Bergen, sondern auch in den Tälern. Und das, obwohl frühzeitig vor dem Ansturm auf die Alpen und einer Verwässerung bergsteigerischer Ideale gewarnt wurde. So kommentierte Hans Gottfried im Jahr 1927 den Abstieg vom Gipfel der Marmolata über den von der Sektion Nürnberg angelegten Klettersteig: „Von Bergsteigen ist da natürlich keine Rede mehr. Ich kam mir vor wie ein Schornsteinfeger […]. Jammerschade ist es um diesen Grat, den man da in Eisen gelegt hat.“ In den Tölzer Richtlinien hatte man sich bereits 1923 zur Zurückhaltung beim Wege- und Hüttenbau verpflichtet. Doch der Zug war ins Rollen geraten und die Diskussionen darüber dauern bis heute an.
Profit machen und Spaß haben
Wer hätte damals geahnt, wie stark sich ab den 1960er Jahren die alpine Landschaft verändern würde? Nirgends zeigt sich das Besitzstreben deutlicher als in der Umgestaltung in Freizeitparks und im Expansionswillen der Skigebiete – „der Berg gehört mir“ scheinen die Liftmasten und Drahtseile quer über die Hänge zu schreiben.
Respekt vor den Bergen erscheint jetzt als überholt und unzeitgemäß.
Mit dem Skitourismus wurden die Alpen zum Urlaubsziel für die Massen. Verschwunden ist die Angst vor den Naturgewalten. An deren Stelle tritt das Vergnügen, für das die Berge zur Kulisse werden. „So wird das einstige Naturerlebnis zu Action- und Funaktivitäten aufgepeppt, weil die Natur allein aus Sicht der Touristiker eben längst nicht mehr genügt“, schreibt der Journalist Georg Bayerle in seinem Buch „Der Alpen-Appell“. Wer für seinen Spaß bezahlt, denkt, es gebe ein Recht darauf – und letztlich die Erlaubnis, Natur zu zerstören. Der Hedonismus regiert und „so etwas wie Respekt vor den Bergen erscheint jetzt als überholt und unzeitgemäß“, lautet Werner Bätzings bitteres Resümee. Die touristisch geprägte Landschaft würde vielmehr in den Augen vieler Menschen zum „New Normal“, beklagt Georg Bayerle. Stille und Naturschönheit, das war eigentlich mal etwas anderes.
Berge erfahren
Leiden wir wirklich unter einem solchen Realitätsverlust? Welcher Zugang zu den Bergen ist der richtige, wie viele Zugänge darf es geben? Zumindest abseits touristischer Zentren sind die Berge weiterhin ein Kontrast zur modernen Zivilisation. Sie öffnen einen Erfahrungsraum mit beeindruckender Topografie und einer vielfältigen Flora und Fauna. Diese zu schützen und eine Balance zwischen Bergsport und Naturschutz zu finden, machen sich viele Alpenvereinsmitglieder und -aktive zur Aufgabe. Die Frage „Wie viel Berg gehört mir?“ ist nicht nur kulturhistorisch, sondern auch rechtlich und moralisch beantwortbar. Denn es ist nicht nur wichtig zu wissen, was ich tun darf, sondern auch zu fragen, was ich tun soll – oder eben gerade nicht.
Wir sind „zu Gast“ in einem hochsensiblen Ökosystem.
Was darf ich?
Rechtlich gesehen gehört uns ganz schön viel vom Berg: Wir dürfen die freie Natur betreten. In Deutschland ist das Betretungsrecht verankert im Bundesnaturschutzgesetz und im Bundeswaldgesetz mit seinen Regelungen in den Ländern: „Das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung ist gestattet“, wie es in § 14 (1) heißt. Und auch die Bayerische Verfassung (Art. 141) und das Bayerische Waldgesetz (§ 13) erlauben das Betreten des Waldes zur Erholung – unentgeltlich und auf eigene Gefahr. In ganz Österreich gilt im Wald gemäß § 33 des Österreichischen Forstgesetzes die Wegefreiheit. Im Waldbereich dürfen sich Wandernde überall, also auch abseits der Wege aufhalten, mit Einschränkungen wie zum Beispiel in Jungwuchsflächen bis drei Meter Höhe. Das ist kein „Jedermannsrecht“ wie in Skandinavien, wo auch Zelten und Feuermachen (mit Einschränkungen) erlaubt sind. Eine vergleichbare Handhabung wie in Europas wildem Norden würde zu chaotischen Zuständen führen – schließlich sind in den Alpen mehr Menschen unterwegs. Viele folgen dem Ruf, tief in die Natur einzutauchen, einsame Abenteuer in ursprünglicher Bergwelt zu erleben und bewegen sich abseits der Wege.
Tourenplanung mit Verantwortung
Rücksicht auf Schutzgebiete: Tourenportale wie alpenvereinaktiv.com und skitourenguru.com bieten Layer mit Schutzzonen wie Wald-Wild-Schongebiete, die bei der Planung berücksichtigt werden müssen.
Natürlich auf Tour: Die Kampagne bietet 500 Ski- und 250 Schneeschuhrouten für naturverträglichen Wintersport.
DAV-Felsinfo: Über 3000 Kletterfelsen mit örtlichen Regeln und Infos über zeitliche Sperrungen wegen Vogelbrut.
Natürlich Biken: Regeln und Infos zur naturverträglichen Tourenplanung beim Mountainbiken.
Doch wir müssen wissen, dass wir „zu Gast“ in einem hochsensiblen Ökosystem sind. Und dort nicht allein: Empfindliche Pflanzengesellschaften verlangen unsere Aufmerksamkeit und Rücksicht. In Felswänden nisten seltene Vogelarten, deshalb müssen die Sperrzeiten fürs Klettern beachtet werden. Unser Freiraum ist gleichzeitig Lebensraum für zahlreiche Tiere, der Bergwald deren Rückzugsort. Wald-Wild-Schongebiete sollen deshalb im Winter beim Wandern oder auf Skitour nicht betreten werden.
Ein Biwak im Notfall ist in allen Alpenländern erlaubt. Für andere Fälle gibt es eine Reihe von lokalen Regelungen, die man kennen muss. So viel ist zumindest eindeutig: Eine romantische Zeltnacht auf einer Almwiese unterhalb der Baumgrenze ist überall verboten. Wem andererseits das Lager in einer Alpenvereinshütte zu viel Zivilisationsnähe ist, kann sein Abenteuer vielleicht in einer Selbstversorgerhütte oder einer Biwakschachtel erleben.
Was soll ich?
Wie viel Berg gehört uns nun? Offensichtlich eine ganze Menge. Aus dem Recht, die Natur zu betreten, erwächst aber gleichzeitig der Imperativ, sie respektvoll zu behandeln, Verantwortung zu übernehmen. Verstehen wir „Besitz“ einmal immateriell: Unser Wissen über die Berge lässt uns mit offeneren Augen durch die Natur gehen und sie viel intensiver erleben. Wer neue Erfahrungen sucht, sollte nicht vorgefertigten Schemata folgen, sondern bereit sein, immer wieder Neues zu entdecken. Nach Robert Macfarlane liege der wahre Segen der Berge darin, dass sie uns staunen lassen: „Sie fördern unsere Bereitschaft, Wunder anzuerkennen.“ Darin könnte eine Antwort liegen: Im Staunen über diese überwältigende Landschaft und Natur treten wir ein paar Schritte zurück und nehmen respektvollen Abstand zu dem ein, was wir uns einmal genommen haben. Uns gehört der Platz, auf dem wir stehen. Nicht mehr und nicht weniger.
Was macht der DAV?
Schutz unerschlossener Räume: Der DAV setzt sich ein für den Schutz unerschlossener Naturräume und Ökosysteme vor touristischen und energiewirtschaftlichen Erschließungen, aktuell unter anderem im Kauner- und Platzertal.
EU-Wiederherstellungsverordnung: Der DAV unterstützt diese Verordnung, die geschädigte Ökosysteme wieder fit machen soll. Bis 2030 müssen auf zwanzig Prozent der Land- und Meeresfläche, die in einem schlechten Zustand sind, Maßnahmen ergriffen werden.
Besucherlenkung: Der DAV entwickelt Maßnahmen zur Besucherlenkung, wie z. B. durch Wald-Wild-Schongebiete.
Landschaftspflege: Der DAV unterstützt die Pflege von Biotopen wie Moore und Almen sowie die Sanierung von Schutzwäldern durch Aktionen mit Freiwilligen.
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