Drei Männer stehen an einem Berghang und hacken die Erde, um einen Bergweg in den Hang zu schlagen.
Wegearbeiten im Arbeitsgebiet vom DAV-Leutkirch. Foto: Stefan Wagegg
Alpine Infrastruktur pflegen und bewahren

„Der schönste Arbeitsplatz der Welt“

250 Hütten in den Alpen gehören den DAV-Sektionen, die 189 Arbeitsgebiete mit fast hundert Quadratkilometern Fläche in Bayern und im westlichen Österreich betreuen. Als Wegehalter kümmern sie sich damit um ein weit verzweigtes Netz aus Bergwegen und alpinen Steigen. Viele ehrenamtlich Engagierte sorgen dafür, dass wir alle sicher und naturverträglich in den Bergen unterwegs sein können.

Warum steht die Berliner Hütte eigentlich mitten in den Zillertaler Alpen? Wer das zum ersten Mal hört, fragt sich vielleicht: Was hat Berlin mit Tirol zu tun? Tatsächlich ziehen sich die Namen vieler deutscher Städte und Regionen durch die Ostalpen. Sie stehen für DAV-Sektionen und ihre Arbeitsgebiete, in denen Mitglieder Hütten und Wege pflegen. Jeder Steig erzählt seine eigene Geschichte von den Menschen, die hier ehrenamtlich aktiv sind.

Menschen wie Stefan Wagegg. Wenn er in den Bergen unterwegs ist, wandert sein Blick über die Wege: Steht das Schild richtig? Ist die Sicherung noch intakt? Während viele den Gipfel anvisieren, achtet er auf Markierungen, Stufen und Drahtseile. Seit Jahren ist er Geschäftsführender Vorstand Wege & Hütten bei der Sektion Leutkirch. Mit über vierzig weiteren Ehrenamtlichen pflegt er ein sechzig Kilometer umfassendes Wegenetz rund um die Leutkircher Hütte und das Kaiserjochhaus in den Lechtaler Alpen.

Insgesamt 446 solcher Arbeitsgebiete verteilen sich über den deutschen und österreichischen Alpenraum. 189 betreut der DAV, zu ihnen gehört ein Wegenetz von etwa 30.000 Kilometern. Ehrenamtliche markieren und beschildern Routen, reparieren Sturm- oder Lawinenschäden, kontrollieren Drahtseilsicherungen und renaturieren Abkürzungen. Der Einsatz ist notwendig, damit die Wege begehbar bleiben und um zu verhindern, dass Wander*innen in ungesichertes Gelände geraten. Mehr als 50.000 Stunden unentgeltlicher Arbeit fließen jedes Jahr in dieses Netz; zusätzlich investiert der DAV rund eine Million Euro in die Pflege und den Ausbau der Wege. Das Ergebnis: ein Wegenetz, das allen offensteht, gleichzeitig die Besucher*innen lenkt und die Sicherheit erhöht.

Für Stefan Wagegg beginnt die ehrenamtliche Arbeit oft lange bevor andere den ersten Schritt auf den Weg setzen. Im vergangenen Jahr verlegte er einen drei Kilometer langen Steig, nachdem wiederkehrende Hangrutsche einen Abschnitt zerstört hatten. Stundenlang prüfte Stefan mögliche Routen: unterhalb zu steil, oberhalb zunächst aussichtslos. Ganz oben wurde er schließlich fündig: „Da habe ich einen alten Weg entdeckt, mit hundert Jahre alten, intakten Steinstufen.“ Das war die ideale Grundlage, den neuen Abschnitt hierhin zu verlegen.

Wegewart*innen wie Stefan gibt es seit über 150 Jahren. Der 1869 gegründete DAV bot Bergbegeisterten die Möglichkeit, ihre Leidenschaft zu teilen. Schnell entstanden selbstständige Sektionen, die Hütten bauten und Wege anlegten, oft in Regionen, die ihnen bereits vertraut waren. Die meisten Sektionen trugen die Namen deutscher Städte – und benannten danach ihre Hütten. Ab 1879 gab es die erste Hüttenbauordnung, 1895 die erste Arbeitsgebietseinteilung. In dieser Pionierzeit arbeiteten die Alpenvereine eng mit der dankbaren, lokalen Bevölkerung zusammen; Hütten und Wege trugen entscheidend zur Erschließung der Alpen bei. Heute sorgt ein gemeinsames Wegekonzept von DAV und ÖAV für einheitliche Beschilderung.

Die Arbeitsgebiete der DAV-Sektionen in den Ostalpen, erstellt von der DAV-Kartographie. DAV-Kartographie

Bei der Sektion Leutkirch gibt es für jeden Weg Pat*innen, die ihre Abschnitte ein- bis zweimal jährlich kontrollieren. Entlang der Pfade stehen Schilder, die zeigen, wer sich hier engagiert. Stefan koordiniert die anstehenden Aufgaben: Treppen bauen, Entwässerungsrinnen anlegen, Markierungen erneuern oder Sicherungen setzen. Meist gibt es drei gemeinsame Arbeitseinsätze pro Jahr, bei denen er selbst immer dabei ist. Damit all diese Aufgaben reibungslos ablaufen, regelt die Arbeitsgebietsordnung, welche Verantwortung die Sektionen in ihren Gebieten tragen – von der Instandhaltung der Wege über den Schutz der Natur bis zur Abstimmung mit den Menschen vor Ort. Der DAV sieht die Erschließung der Alpen als grundsätzlich abgeschlossen. Hütten werden bei Bedarf saniert, die Sektionen konzentrieren sich damit auf die Pflege vorhandener Infrastruktur.

Stefan Wageggs Ehrenamt ist vielseitig, beansprucht aber auch viel Zeit. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er: „Seit Jahrzehnten bin ich in den Bergen unterwegs, das ist einfach meine Leidenschaft. Besonders schön ist, wenn Wandernde vorbeikommen, sehen, dass wir die Wege pflegen, und sich bedanken. Viele denken ja, das erledigt der Tourismusverband oder es bezahlt jemand dafür.“ Für Stefan ist dort oben „der allerschönste Arbeitsplatz der Welt“.

Ein bisschen Berlin in den Zillertaler Alpen, ein wenig Duisburg in den Hohen Tauern – die Arbeitsgebiete des DAV spiegeln jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit wider. Beim nächsten Aufstieg lohnt es sich, daran zu denken: Wege und Hütten sind keine Selbstverständlichkeit. Menschen investieren ihre Freizeit, damit die Berge zugänglich bleiben, Sicherheit gewährleistet ist und sensible Naturräume durch gezielte Lenkung bewahrt werden.

Der DAV erhält für den Unterhalt der alpinen Wege finanzielle Unterstützung vom Freistaat Bayern, von den österreichischen Bundesländern Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg sowie von der Versicherungskammer Bayern.