Wenn der Wein kommt, tut’s weh – diese Lektion lernt man auf Biketouren mit Start im Etschtal schnell: Während der flache Talboden größtenteils von endlosen Apfelplantagen eingenommen wird, ändert sich der Anbau, sobald man die Talflanken erreicht. In den Hanglagen machen sich dann die Weinberge der Weingüter breit und die Straßen dazwischen sind mit ihren Steigungswerten zum Biken oft mühsam. Dass hier das E-MTB weitverbreitet ist, verwundert nicht, aber wir sind „by fair means“, nur mit Muskelkraft unterwegs. Bei der Anfahrt vom Weinstädtchen Terlan zur Talstation der Mendelbahn mit 22 Prozent Steigung (Weinberge links und rechts!) verstummen die morgendlichen Gespräche schnell, zu schwer geht der Atem. Ein hübscher Kaltstart, das Rührei vom Frühstück macht sich bemerkbar.
So ganz stimmt das „nur mit Muskelkraft“ nicht, denn auf der heutigen „Königsetappe“ zum Hauptgipfel hoch über Tramin, dem Roen, nehmen wir die Mendelbahn gerne in Anspruch. Denn selbst mit der Unterstützung der Standseilbahn sind auf der Tour immer noch rund 1200 Höhenmeter zu bewältigen, nicht wenige davon auf reichlich steilen Schotterrampen.
Wer vom Tal rund um den Kalterer See nach Westen, in Richtung Mendelpass und Roen, oder nach Osten hoch Richtung Trudener Horn blickt, kann kaum glauben, dass es hier lohnende MTB-Möglichkeiten geben soll. Scheinbar zu steil ragen die Talflanken empor, die felsigen Gipfel lassen eher Klettersteige vermuten (die es hier tatsächlich auch gibt) als Singletrails. Radfahren ist hier bisher vor allem im Tal populär, der Etschtalradweg ist stark frequentiert, nicht wenige haben mit dem Rennrad den Gardasee zum Ziel, der von hier noch rund 85 Kilometer entfernt ist. Wer die „Lago- Tour“ als Tagesausflug mit dem Rad plant, sollte beachten, dass etwa ab Mittag der Wind in der Regel erbarmungslos von Süden bläst. Wohl denen, die dann die Tour so geplant haben, dass sie diesen als Rückenwind nützen können, denn wer ihn gegen sich hat, hat schnell das Gefühl, gar nicht mehr vom Fleck zu kommen.
Vom Mendelpass aus verläuft die Mountainbike- Tour zum Roen-Gipfel über schottrige Wege immer unweit einer markanten Hangkante. Links das Etschtal mit dem türkisen Auge des Kalterer Sees, rechts fällt der Blick in Richtung Val di Non.
Dann, auf dem Gipfel des Roen angekommen, wartet etwas, das für Trailfans kaum zu toppen ist: Die Abfahrt vom Roen auf 2116 Metern Höhe hinab nach Tramin ins Etschtal auf gerade einmal 276 Metern sucht ihresgleichen. Immer gut fahrbar, gespickt mit ein paar kniffligen Stellen (die aber im Zweifelsfall ganz leicht schiebend zu bewältigen sind), geht es durch endlose Wälder, die vor allem im Sommer gnädig Schatten spenden. Armin Pomella fährt in schlafwandlerischer Sicherheit vorneweg. Einen besseren Guide könnte man sich nicht wünschen. Armin ist Hotelier des Traminerhofs. Er hat sein Hotel über viele Jahre zum perfekten Basislager für Radtouren werden lassen: Alle, die hierher zum Mountainbiken, aber auch Rennradeln oder Gravelbiken kommen, werden mit Annehmlichkeiten wie Werkstatt im Radkeller, Wäscheservice für die Bikeklamotten und geführte Touren versorgt. Und, fast das Wichtigste, kompetente Beratung, welche Tour am nächsten Tag die richtige sein könnte. „Früher war ich ein Spinner, heute heißt’s Pionier“, sagt Armin.
Wenn sich der Blick hinab einmal lichtet, scheint der Talboden noch nicht wirklich näher gekommen zu sein, diese Traumabfahrt nimmt einfach kein Ende. Die Trailpassagen werden nur selten von kurzen Stücken auf Forststraßen unterbrochen, und wer bereit ist, noch einen kleinen Gegenanstieg einzubauen, kommt auf über zweitausend Tiefenmeter Traumabfahrt. Immer wieder bleibt Armin stehen und weist auf unscheinbare Details im Trail hin. Zusammen mit seinen Mitstreitern pflegt er den schmalen Weg und sorgt mit raffiniert angelegten Abflussrinnen dafür, dass er nicht von starken Regenfällen weggeschwemmt wird, „davon profitieren übrigens auch die Wanderer!“, sagt er. Konflikte mit selbigen gibt es hier keine, denn nur wenige nehmen diese wirklich anstrengende Tour auf sich. Nur rund um die flacheren Höhenwege am Roen gibt es Begegnungen, die alle gleich ablaufen: Es wird freundlich gegrüßt, man freut sich gemeinsam über den Ausblick und diesen wunderschönen Tag.
Auch auf der Talseite gegenüber warten beispielsweise rund um das Trudener Horn Touren für technisch und konditionell starke Biker*innen, für die Abfahrt lassen sich aber häufig auch leichtere Varianten finden. Familien- und kinderfreundlich lässt es sich hier auch unterwegs sein, rund um den Kalterer See zum Beispiel. Der See gilt als der wärmste der Alpen, also sind hier schon früh im Jahr Stopps in einem der Seebäder möglich. Wer nur eine kurze Tour einlegen möchte, ist auf dem Bergrücken rund um die Montiggler Seen gut aufgehoben. Wie ein schlafender Drache zieht sich diese Erhebung längs durchs Etschtal, hier lässt es sich wandern und klettern im auffällig roten Quarzporphyr. Aber auch technisch spannende Traumtrails lassen sich in Talnähe und mit konditionell überschaubarer Auffahrt erledigen, ideal für eine Abendrunde. Paradebeispiel: der „Powertrail“. Dieser Trail bekam seinen Namen, da er direkt in der Schneise einer Hochspannungsleitung verläuft, die Autobahn mit dem endlosen Strom gen Gardasee, dem berühmten Mountainbike-Revier, stets im Blick. Und die nächsten Meter perfekten Singletrail vor dem Lenker, kommt man nicht umhin zu denken, „wenn die wüssten …“