Was motiviert beim (Freizeit-)Sport, wann wird Leistung zur Last, warum können wir uns dem Leistungsgedanken nicht widersetzen, selbst wenn wir nur in die Arbeit radeln, oder zum Spaß joggen gehen? Psychotherapeutin und Leistungssportlerin Eva-Maria Sperger gibt im Interview Auskunft zu diesen Themen.
Wenn du “Leistung” definieren müsstest: Woran merken Menschen innerlich, dass sie “leisten” – unabhängig von Zahlen, Zeiten, Watt?
Leistung hat für mich fast immer mit einem Referenzpunkt zu tun. Wir vergleichen oder gleichen innerlich ab – manchmal mit Zahlen, oft einfach mit einem Gefühl. Etwa bei einem Lauf oder einem Kletterzug: Wie schwer oder leicht hat sich das angefühlt? Daraus entsteht häufig ein sehr persönliches Erfolgserleben.
Gleichzeitig wird „Leisten“ gerade in Deutschland oft sehr kritisch oder negativ gesehen. Dabei ist Leistungswille nichts Pathologisches. Der Wunsch, besser zu werden, sich zu entwickeln und an Herausforderungen zu wachsen, gehört zutiefst zu uns. Leistungsmotivation kann eine enorme Kraftquelle sein – für Entwicklung, Selbstwirksamkeit und Stolz.
Auch der Vergleich ist zunächst nichts Problematisches. Unser Gehirn vergleicht ohnehin permanent. Das ist keine Charakterschwäche, sondern Biologie. Vergleich kann Orientierung geben, Motivation erzeugen und Entwicklung sichtbar machen.
Schwierig wird es erst, wenn Vergleich oder Leistung mit persönlichem Wert verwechselt werden.
Deshalb halte ich es für wenig realistisch, Vergleich komplett vermeiden zu wollen, beispielsweise im Sportunterricht an Schulen. Im Gegenteil: Mögliche Nachteile können sogar sein, dass wir weniger Orientierung haben wo wir stehen, weniger differenziertes Feedback bekommen, weniger Frustrationstoleranz lernen und der Vergleich verschwindet nicht wirklich – er wird nur diffuser.
Unser „Professor Brain“ kann dem „Monkey Brain“ nicht einfach verbieten, was es seit Jahrtausenden tut. Wenn wir versuchen, rein rational über unsere Gefühle zu urteilen oder sie zu kontrollieren, arbeiten wir oft gegen unser eigenes inneres Erleben. Das sehe ich in meiner Arbeit als Psychotherapeutin täglich.
Hilfreicher ist meist, wahrzunehmen, was da ist: Vergleich, Ehrgeiz, vielleicht auch Druck. Das anzuerkennen und gleichzeitig bewusst zu wählen, was ein kluges, stimmiges Handeln ist.
Vergleich ist normal. Wir dürfen milder mit uns sein, wenn wir darunter leiden.
Was sind bei dir (und bei vielen Athlet*innen, die du kennst) die stärksten Motive: Freude/Flow, Sinn, Selbstbild, Anerkennung, Kontrolle, Stressabbau? Hat sich das im Laufe der Zeit bei dir geändert?
Die Motive sind sehr verschieden und es ist immer eine gute und wichtige Frage, was einen ganz persönlich am meisten motiviert. Was ist mein Wind in den Segen?
Für mich persönlich ist Sport vor allem Abenteuer, lernen, Stressabbau und Ausgleich zur Arbeit. Der Kontakt zur Natur ist dabei zentral. Beim Laufen sortieren sich Gedanken, vieles wird klarer. Bewegung schafft bei mir Kopf-Ordnung. Und ich lerne vor allem nie aus.
Dazu kommen Freude und Flow – besonders beim Downhill-Laufen. Dieses Gefühl von Leichtigkeit und Dynamik ist ein starker Antrieb.
Und ja, auch Anerkennung spielt eine Rolle. Interessant finde ich, dass Anerkennung für mich anfangs weniger wichtig war. Sie bekam mehr Gewicht, als Erfolge sichtbar wurden und ich gemerkt habe, dass ich damit auch meine Klient:innen und Patient:innen motivieren konnte weiter über ihre Grenzen hinauszugehen und über sich hinauszuwachsen.
Meine Motive haben sich also nicht grundlegend verändert, sondern eher verschoben.
Ich trainiere selbst gerade für einen Marathon - warum hängen sich Hobby-Sportler an Zielen wie "Ich will das unter 3 h 30 min schaffen" auf - obwohl der "Sieg" ja objektiv keine Rolle spielt?
Vergleich und Einordnung sind menschlich. Wenn der Vergleich mit Sieger*innen unrealistisch ist, vergleichen wir uns oft mit uns selbst. Daraus entstehen Ziele wie „unter 3:30“.
Solche Ziele können sehr motivierend sein. Sie geben Richtung und machen Fortschritt greifbar.
Vergleich kann wie ein Trainingspartner sein.
Er fordert heraus, motiviert und zieht uns manchmal über Grenzen hinaus.
Ungesund wird es, wenn aus dem Trainingspartner ein Richter wird.
Vergleich ist normal, aber das Leiden daran nicht zwingend.
Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft stark leistungsgeprägt. Zeiten und Zahlen sind emotional aufgeladen. Das kann motivieren – aber auch Druck erzeugen. Zeiten ohne Vergleich, ohne Leistungsdruck und ohne Leistungsmodus sind deshalb wichtig.
Welche Missverständnisse über Leistung siehst du am häufigsten (im Sport und in deiner Praxis)? Kannst du sagen, was am meisten Schaden anrichtet?
Ein typisches Missverständnis ist die Idee, man müsse sich immer gut fühlen, selbstsicher oder angstfrei sein, um gut leisten zu können. Viele wollen Druck, Zweifel, Scham oder Vergleich komplett loswerden.
Dabei produziert unser Gehirn genau das automatisch – besonders bei schwierigen Zielen. Zweifel und Nervosität sind oft Teil des Prozesses.
Hilfreicher als „wegmachen wollen“ ist meist das Anerkennen: Das gehört dazu. Entscheidend ist der Umgang damit.
Gute Leistung braucht nicht perfekte Gedanken und ausschließlich positive Gefühle.
Warum bekommt Leistung so viel moralisches Gewicht (“fleißig”, “hart”, “verdient”)?
Leistung ist stark mit Moral verknüpft: fleißig, diszipliniert, verdient. Ein Teil davon ist biologisch nachvollziehbar – Stärke und Durchhaltevermögen beeindrucken uns.
Ich habe aber genauso oft schon das Gegenteil erlebt: „warum bist du so kompetitiv?“ Wurde ich grade als Frau schon öfter gefragt. Leistung führt oft auch dazu, dass man angegriffen wird.
Hinter echter Leistung steckt in aller Regel enorm viel Arbeit und Ausdauer und letztendlich kann es zur wichtigen Charakterstärke werden. Erst wenn wir selbst versuchen Leistungen anderer nachzueifern, wird oft sichtbar, wie viel dazugehört oder wie unerreichbar es bleibt. Das lehrt uns Demut und bringt unsere Selbstüberschätzung auf den kalten Boden der Tatsachen.
Pendeln mit dem Rad ist objektiv gesehen Transport. Und trotzdem: Wenn ich überholt werde, erwische ich mich oft dabei, wie ich direkt überprüfe, wodurch ich da überholt wurde - war es ein Ebike oder ein "echtes Überholen". Obwohl hier also eigentlich kein Leistungsgedanke im Spiel ist - warum werden viele von uns trotzdem nicht gerne überholt? Warum fühlt es sich manchmal wie ein Mini-Wettkampf an?
Diese Dynamik kenne ich gut vom Radpendeln. Man steht an der Ampel – und der Blick geht sofort aufs Rad: E-Bike oder nicht?
Das zeigt, wie automatisch unser Gehirn vergleicht und einordnet. In der Meditation merkt man erst, wie viel der Geist bewertet, abgleicht und überprüft.
Dieser innere Vergleich läuft ständig. Und manchmal kann genau das sogar spielerisch genutzt werden – wie kleine Ampelsprints am Morgen, die einen den Tag mit einem Lächeln beginnen lassen.
Gibt es Strategien, um aus diesem Automatismus rauszukommen – ohne sich die Freude am “schnell sein” zu verbieten?
Ein erster Schritt ist das bewusste Wahrnehmen: „Ah, da ist wieder der Vergleich.“ Das ist kein Fehler, sondern menschlich.
Dann entsteht Wahlfreiheit: Steige ich ein, nutze ich den Impuls – oder trete ich bewusst einen Schritt zurück?
Ebenso wichtig sind Zeiten ohne Leistungsmodus. Dauerhafter Vergleich und Wettbewerb können psychisch erschöpfen. Solche Räume bewusst zu schaffen, wirkt oft entlastend.
Wann wird "leistungsorientiert" zu "leistungsfixiert", bzw. wann kann Leistungsorientierung ungesund oder sogar krankhaft werden?
Wenn Leistung beginnt zu schaden – körperlich, psychisch oder sozial. Etwa bei Essstörungen, chronischer Überlastung und damit körperlichen Schäden oder wenn aufgrund von Leistungsmotiven alles andere im Leben fallengelassen wird, wie z. B. Beziehungen.
Auch wenn das gesamte Selbstwertgefühl nur noch an Erfolg und Misserfolg hängt, wird es kritisch. Dann wird aus Orientierung eine Fixierung.
Leistung ist kein Dauerzustand.
Hilfreich ist, den Wellengang von Erfolg und Misserfolg mitgehen zu können, ohne dass der eigene Selbstwert untergeht.
Gute Tage pushen, schlechte Tage sind oft die besten Lehrmeister.
Welche Rolle spielt Social Media / Tracking: Wann hilft es, wann macht es kaputt?
Beides kann motivieren und inspirieren. Gleichzeitig lohnt es sich, sensibel zu bleiben: Tut mir das gerade gut?
Gerade in schwierigen Phasen kann der ständige Vergleich stark belasten. Eine einfache Leitfrage ist: Wie geht es mir nach der Nutzung?
Wenn es mehr Energie raubt als gibt, kann Abstand hilfreich sein.
Nicht alles, was messbar ist, ist hilfreich.
Und als Gegenpol: Was wäre ein Satz, den du dir wünschst, dass junge Bergsportler*innen über Leistung mitnehmen: “Leistung ist gut, wenn …”?
Vergleich ist wie ein Höhenmesser.
Er bewertet nicht – er liefert Orientierung.
Problematisch wird es erst, wenn man glaubt, die Zahl sei der eigene Wert.
Oder: Leistung ist wie eine Bergtour: Gipfel und Täler gehören zusammen. Entscheidend ist ein respektvoller, mitfühlender Umgang mit sich selbst – gerade an schwierigen Tagen.
Leistung darf antreiben. Sie sollte dich nicht definieren.
Eva-Maria Sperger
Eva-Maria Sperger ist Leistungssportlerin, macht Trail- und Ultraläufe und arbeitet als Diplom-Psychotherapeutin in München und Garmisch-Partenkirchen. psychotherapie-sperger.de