Sabina Haslinger atmet tief ein. Dann entlädt sich der Luftstrom in einem kräftigen „Jodilö“. Von der gegenüberliegenden Uferseite, wo die Felswände steil in die Höhe ragen, schallt es zurück: „Odiiiilööö“. Wir stehen am Echo-Platzerl, oberhalb des Almsees, dem smaragdgrünen Auge im Bergsteigerdorf Grünau. Sabina hat viele Talente. Jodellehrerin ist sie, Märchenerzählerin, Wanderführerin und Kräuterexpertin. Und eine begeisterte Berggeherin.
Bergsteigerdorf von Anfang an
Ein paar Nebelschwaden tanzen über den Almsee. Die Berge dahinter sind in Wolken gehüllt. „Die Alm“, sagt Sabina, „ist unser Lebensnerv. Sie entspringt hier am See und begleitet uns durchs gesamte Tal bis zur Traun.“ Der Name Almsee hat übrigens nicht viel mit den zahlreichen Almen an den Hängen des Toten Gebirges zu tun. „Er kommt von den Alben, von den Elfen“, erzählt meine Begleiterin und lacht. „Hier wohnen Naturgeister. Wenn’s ganz still und neblig ist, siehst und hörst du sie.“ Das oberösterreichische Grünau im Almtal ist seit 2008 Teil der von den Alpenvereinen ins Leben gerufenen Initiative der Bergsteigerdörfer. Ein Gründungsmitglied jener Vereinigung von ursprünglichen Orten, die für einen sanften Tourismus und gelebte Nachhaltigkeit stehen. Keine riesigen Hotels und Clubanlagen, keine lauten Après-Ski-Tempel. Dafür kleine gemütliche Gasthäuser, urige Schutzhütten, viel Natur und stille Wege. Bürgermeister Klaus Kramesberger sagt: „Tourismus ist bei uns ein sensibles Thema. Wir versuchen, Besucherströme so gut es geht zu lenken.” Gerade mit Blick auf den Almsee oder die Almtaler Sonnenuhr. Letztere ist eine Reihe imposanter „Kogel“ im nördlichen Toten Gebirge. Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer und Einser. Alle zwischen 1900 und 2100 Meter hoch.
Den Bauern dient der Verlauf der Sonne entlang der Gipfel als natürliches Uhrwerk. Zur Mittagsstunde steht die Sonne genau über dem Zwölferkogel.
Und Stefan Schimpl, der Geschäftsführer des Tourismusverbands Salzkammergut Traunsee-Almtal, ergänzt: „Wer auf die Gipfel will, sollte Orientierungssinn haben, eine gute Kondition und alpine Erfahrung.“
Die Tour auf den Zwölferkogel etwa gilt als anspruchsvoll und schweißtreibend. Leichte Kletterei am Grieskarsteig (Seilsicherungen) im weglosen Gelände inklusive. Wer will, kann vom Gipfel zur Pühringerhütte und zum Elmsee absteigen, oder über den Großen Rabenstein zum Ausgangspunkt zurückmarschieren. Sechseinhalb Stunden dauert diese Variante mit rund 1700 Höhenmetern. Start und Ziel ist der Parkplatz am Almsee. Genau dort stehen Sabina Haslinger und ich. In der Nacht hat es geschneit. Die Bäume in der Röll – so heißt der Talkessel – tragen ein weißes Kleid. Für eine lange Kraxeltour taugen die Verhältnisse nicht, für eine Skitour gibt es noch nicht genügend Schnee. Obwohl das Tote Gebirge für die vielen Möglichkeiten auf den Brettern bekannt ist. Zum Beispiel die Tour auf den Schermberg. Etwa acht Stunden lang und einsam. Heute geht sich das nicht aus. „Lass uns auf den Schneiderberg gehen“, schlägt Sabina vor. „Auf dem Steig haben wir alles im Blick. Almsee, Fäustling, Rotgschirr, Sonnenuhr, den Großen Woising und noch viel mehr vom Toten Gebirge.“
Bergsteigerdorf aus gutem Grund
Eingebettet zwischen den Kalkwänden des Toten Gebirges und dem glasklaren Almsee bleibt das Tal weitgehend unverbaut. Dank der vielen Kleinwasserkraftwerke kann die gesamte Gemeinde – bei guter Wasserführung – vom Almfluss mit grünem Strom versorgt werden. Anreise mit der Almtalbahn, kleine, familiengeführte Betriebe und der Fokus auf Naturerlebnis statt Eventtourismus machen Grünau einzigartig nachhaltig.
Bergsport
Was sportliche Betätigung angeht, bleiben in Grünau und im Toten Gebirge generell wenig Wünsche offen.
Wer eher eine gemütliche Wanderung im Sinn hat, macht sich zum Beispiel auf zu den Ödseen, die sich bei Rücksichtnahme auf das dortige Landschaftsschutzgebiet auch für ein erfrischendes Bad anbieten. Hier lohnt sich auch ein Abstecher zum nahegelegenen Almtalerhaus (714 m).
Wer ambitionierter unterwegs ist, wählt einen der zahlreichen Klettersteige (Schwierigkeiten meist ab C), die Rotgschirr-Überschreitung (Klettereien bis II) oder Klettereien am Temlberg (II - IV).
Auf Tourenski kann man im Winter den höchsten Gipfel des Bergsteigerdorfs unter die Bretter nehmen – empfohlen wird die 1800-Höhenmeter-Tour auf den Großen Priel nur bei sicheren Verhältnissen. Drei Langlaufloipen garantieren, dass man auch im Tal ins Schwitzen kommt.
Bergnatur
Eines der Wahrzeichen des Bergsteigerdorfs ist die Almtaler Sonnenuhr, bestehend aus Neunerkogel (1900 m), Zehnerkogel (1929 m), Elferkogel (2040 m), Zwölferkogel (2099 m) und Einserkogel (1945 m).
Ein weiteres ist das Gebiet um den Almsee, das nicht nur aufgrund seiner Idylle zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Hier gibt es optimale Brut- und Nahrungsgebiete für eine artenreiche Vogelwelt. Und auch die Flora ist vielfältig. Eine Besonderheit ist der Rundblättrige Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze.
Bergkultur
Das waldreiche Almtal wird klassisch forstwirtschaftlich genutzt. Dank der vielen Bäume konnten sich aber auch eine Waldschule und Waldness einen Namen machen, die verschiedene Aktivitäten rund um Wandern und Wald(-baden) anbieten.
Besonders klimafreundlich: Der Almfluss wird schon seit langer Zeit als Energiequelle genutzt, früher zum Schmieden, heute zur Produktion von elektrischem Strom.
Bemerkenswert ist die Anzahl der unterschiedlichen Vereine, die sich in der Gemeinde engagieren, von Sportvereinen über Musik- und Schützenvereine bis zum Fotoclub. Ein Highlight für den Bergurlaub ist auch das Echoblasen am Almsee: Von Mitte Juni bis Anfang September (mittwochs, 19.30 Uhr, bei Schönwetter) entlockt ein Bläserquartett den Bergen vor imposanter Kulisse ein Echo.
Gratwanderungen
Das Areal gilt flächenmäßig als das größte Kalkkarstgebiet Mitteleuropas. Der Große Priel ist mit seinen 2515 Metern der höchste Punkt der gesamten Region. Schon Erzherzog Johann schwärmte Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Tagebuch von dem weithin sichtbaren Steinklotz. Der Weg dorthin führt über das Almtalerhaus und die Welser Hütte.
„Ein lohnenswerter Hatscher“, findet Sabina. Vom Almtalerhaus dauert er rund neun Stunden. Im vergangenen Sommer hat sie die Tour mit ihrer Familie absolviert. „Mein Mann und die Kinder waren begeistert, ich natürlich auch.“ Grünaus Bürgermeister Klaus Kramesberger sieht es ähnlich, „obwohl luftige Grate und Kletterei gar nicht so meine Welt sind.“ Mit Gratwanderungen kennt er sich dennoch aus. Zum Beispiel mit denen, die zwischen Naturerlebnis und Erschließung verlaufen. „Mit dem Tassilo-Klettersteig – Schwierigkeit D – am Schermberg ist uns das gelungen“, freut sich Kramesberger. „Seit 2009 entlastet er die Hauptwege und zieht sportliche Gäste an, die schwierige Eisenwege mögen.“ Aber auch ohne Metallstifte und Drahtseile kann man hier kraxeln.
Alpines Klettern und klassische Mehrseillängenrouten gibt es zum Beispiel an der Schermberg-Nordwand und am Hohen Kreuz. Zum Bouldern gibt es in den Hetzaukögelschluchten viele Möglichkeiten.
Der Bürgermeister ist inzwischen eine andere große Sorge los. Denn im Kampf um den Erhalt des Liftbetriebs am Kasberg hat die Gemeinde Grünau einen Erfolg erzielt. Auch weiterhin sollen Kinder hier das Skifahren lernen, so wie Generationen vor ihnen. Oberösterreichs Regierung will den Liftbetrieb in die Seilbahn-Holding des Landes aufnehmen. „Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt Klaus Kramesberger. Er verweist auf die Anstrengungen, die das Bergsteigerdorf in dieser Angelegenheit unternommen hat. Es wurde ein Konzept erarbeitet und ausprobiert, wie sich der Lift betriebswirtschaftlich rechnen könnte. „Das hat das Land offenbar überzeugt“, so Stefan Schimpl vom TVB erleichtert. Und Bürgermeister Kramesberger ergänzt: „Jetzt finden weitere Gespräche statt, um Details zu klären. Ein Aus wäre für die gesamte Region ein schwerer Schlag gewesen.“ Ein weiteres jähes Ende konnte die Gemeinde Grünau ebenfalls abwenden. Die Zukunft der Almtalbahn stand lange in den Sternen. Die Züge gelten als verkehrstechnische Lebensader für das Bergsteigerdorf. Für Einheimische und Gäste. Proteste und Einwände von engagierten Bürger*innen zeigten Wirkung bei den Österreichischen Bundesbahnen, sie lenkten ein. „Inzwischen wird sogar über einen Ausbau nachgedacht“, fügt Bürgermeister Kramesberger hinzu.
Sternenpark und Du-Stein
Bis noch mehr Züge fahren als bislang, arbeiten die Menschen im Almtal an neuen Ideen. Grünau will sich zum Sternenpark zertifizieren lassen. „Die sogenannte Lichtverschmutzung wie in großen Städten wirst du bei uns nicht finden“, sagt Stefan Schimpl. „Stattdessen dunkle und sternenklare Nächte.“ Wie im Bergsteigerdorf Steinbach am Attersee. Dort haben die Verantwortlichen mit ihrem Sternenpark jedenfalls gute Erfahrungen gemacht. „Auf jeden Fall wäre das mehr als nur ein Marketinggag wie der Du-Stein“, findet Schimpl. Obwohl dieser besondere Felsbrocken ziemlich einzigartig ist. Der Du-Stein befindet sich auf dem Weg zum Hochberghaus am Kasberg, genau auf tausend Metern Seehöhe. Ab dieser Marke sprechen sich alle Menschen seit jeher mit Du an. „Der Stein erinnert an dieses ungeschriebene Gesetz“, schmunzelt Märchenerzählerin Sabina Haslinger.
Die Wolken werden dichter, es beginnt zu tröpfeln. Ich frage Sabina, was ich bei Schlechtwetter machen könnte. Sie überlegt kurz. „Den Wildpark Cumberland und die Konrad Lorenz Forschungsstation kennst du schon, oder?“ Ich nicke. „Warst du schon mal am Zuckerhut?“ „Nein, in Rio de Janeiro war ich noch nie“, entgegne ich etwas ahnungslos. Sabina lacht. „Weißt du, dass der Zuckerhut von Grünau mit rund neunhundert Metern gut doppelt so hoch ist wie der in Brasilien? Bewaldet, wanderbar und aussichtsreich, auch bei leichtem Regen. Und garantiert ohne Seilbahn und Souvenirshop.“
Grünau im Almtal
Grünau liegt auf 528 Metern im nordöstlichen Salzkammergut im Bezirk Gmunden und zeichnet sich durch die beiden Naturschutzgebiete am Almsee und an den beiden Ödseen aus. Bergsportlich kommen hier alle auf ihre Kosten – ob beim Wandern, Klettern, Skitourengehen oder auch Langlaufen.
Fakten & Tipps
Lage: Oberösterreich, am Rand des Toten Gebirges
Einwohner*innen: ca. 2100
Fläche: 230 km² (größte Gemeinde Oberösterreichs)
Bergsteigerdorf seit: 2008
Anreise: Mit der Bahn bis Wels, weiter mit der Almtalbahn direkt nach Grünau (Endstation). Oder mit dem Bus von Gmunden. Von Grünau Busverbindungen zum Almsee.
Übernachten:
Ferienwohnung Mittermayr (Bergsteigerdörfer-Partnerbetrieb)
Pension Wanderruh (Bergsteigerdörfer-Partnerbetrieb)
Sportlerhof (Bergsteigerdörfer-Partnerbetrieb)
Einkehrmöglichkeiten:
Tourentipps:
Tassilo-Klettersteig (Schermberg), 5-6 Std., schwer (C-D), Infos auf alpenvereinaktiv.com
Großer Priel (2515 m), 10 Std., anspruchsvoll, Infos auf alpenvereinaktiv.com
Welser Hütte über Almtalerhaus, 4 ½ Std., mittel, Infos auf alpenvereinaktiv.com
Zuckerhut (901 m), 2 Std., leicht, Infos auf alpenvereinaktiv.com
Rundwanderung Almsee, 1 ½ -2 Std., leicht, Infos auf alpenvereinaktiv.com
Berg- und Skiführer:
Helmut Mittermayr, Tel.: +43/664/383 18 02 (s. FeWo Mittermayr)
Herbert Hackl, Tel.: +43/699/10 97 48 56
Wandern & Waldpädagogik:
Sabina Haslinger, Tel.: +43/699/11 23 45 34
Waldness, Tel.: +43/7616/82 68
Weitere Infos gibt's auf der Seite der Bergsteigerdörfer.
Tipps für den Bergurlaub
Cumberland Wildpark: ganzjährig geöffnet (70 Tierarten, u.a. Ur-Wildpferde)
Konrad Lorenz Forschungsstelle für Verhaltens- und Kognitionsbiologie: z.B. Science Holidays für Kinder oder verschiedene Angebote im Rahmen des Naturschauspiels
Kids for Kids Kletterwald: Niederseilgarten mit vielen Ideen von Kindern für Kinder