Klettersteige im Karwendel … sowohl spektakuläre Gratwanderungen als auch luftige Anstiege mit atemberaubender Aussicht … Kombination aus alpinem Flair, gut gesicherten Routen und der Möglichkeit, viele der Steige bequem mit Bergbahnen zu erreichen.“ (Quelle: karwendel-urlaub.de)
Klingt schön, die Realität kann härter sein. Etwa am Absamer Klettersteig (Schwierigkeit C, 600 Hm, gesamt 1000 Hm) zur Bettelwurfhütte:
„Alle vier Beteiligten mussten aus dem Klettersteig wegen Erschöpfung geborgen werden. Eine Beteiligte stürzte zuvor und verletzte sich am rechten Sprunggelenk.“
„Aufgrund ihres völlig erschöpften Zustands und Schneefall mit etwa 30 cm Neuschnee, waren sie nicht mehr in der Lage, den Abstieg selbstständig zu bewältigen bzw. den Steig zu finden.“
„Beide Kletterer gelangten an ihre körperliche Grenze, worauf sich Kreislaufprobleme einstellten.“
(Quelle: Unfalldatenbank des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit, kurz ÖKAS)
Klettersteige mögen viel versprechen: dosierter Nervenkitzel im Steilgelände für ambitionierte Bergwandernde. Eine sichere Alternative zum Felsklettern. Abenteuer ohne Gefahr. Doch wie groß ist das Risiko an Klettersteigen tatsächlich?
Unterschätzte Gefahren?
Klettersteige führen durch Felsgelände, Drahtseile erleichtern den Aufstieg und schützen vor Absturz. Dennoch ist ein Sturz tabu – das gestufte Gelände und die herausstehenden Eisenteile bedeuten hohe Verletzungsgefahr. Das Klettersteigset ist nicht vergleichbar mit dem Seil beim Sportklettern, wo Stürze zum Spiel gehören: Es ist eine Notfallausrüstung, die den kompletten Absturz verhindert, vergleichbar mit einem Airbag. Dies scheint sich einigermaßen herumgesprochen zu haben; dennoch machen Unfälle durch Stürze ungefähr ein Drittel der Meldungen aus – wobei ein Teil davon auch ungesichert, im oft „leichteren“ Gelände passiert. Deutlich über die Hälfte der Unfallzahlen aber wird durch „Blockierungen“ verursacht: Die Bergrettung wird alarmiert, wenn man nicht mehr vor oder zurück kommt – wegen Überforderung, Erschöpfung, Verirren oder schlechten Bedingungen, dabei bleiben Betroffene zumindest äußerlich meist unverletzt. Die drei Tourenplanungs-Elemente lassen grüßen: Mensch – Gelände – Verhältnisse (3x3-Schema).
Der Notruf wegen Blockierung kann vernünftig sein: Lieber rausholen lassen, als einen Sturz riskieren; Handy und Hubschrauber sind aber keine Garantie für eine schnelle Rettung und sollten nur die Notlösung sein. Andererseits sind Unfallberichte oft Beleg, dass einiges schiefgelaufen sein muss, bis es zu einer Blockierung kommt. Eine Verkettung von Ereignissen, mangelnde Selbsteinschätzung, Gruppendynamiken, fehlerhafte Routenwahl, Vorbereitung, Planung oder Umgang mit Entwicklungen.
Was so alles passiert
Um einen Überblick über das Unfallgeschehen an Klettersteigen zu bekommen, hat die DAV-Sicherheitsforschung einige Quellen aus dem Alpenraum ausgewertet: Die Bergunfallstatistik von DAV-Mitgliedern, die Datenbank des ÖKAS, die „Alpine Unfalldatenbank“ der Südtiroler Landesverwaltung und Einsatzzahlen der Bergwacht Bayern. Da jede Institution ihre Daten etwas unterschiedlich erhebt, einordnet und speichert, gibt es sicherlich Überschneidungen, Diskrepanzen und Lücken. DAV-Unfallzahlen etwa werden weltweit gesammelt und beinhalten nur Unfälle von DAV-Mitgliedern, die anderen Quellen erheben ihre Zahlen regional. Absolute Gesamtzahlen für den Alpenraum sind also nicht zu bekommen. Aber die Tendenzen sind vergleichbar. In der DAV-Unfallstatistik gab es im Zeitraum 2000 bis 2024 insgesamt 778 Klettersteigunfälle mit 1056 beteiligten DAV-Mitgliedern. Dabei gab es 31 Todesfälle – 73 % durch Stürze (praktisch immer ungesichert), 23 % durch körperliche Probleme und einmal durch Steinschlag. Unfälle bilden das gesamte Spektrum von Problemen beim Klettersteiggehen ab:
Ausrüstung: Dass ein veraltetes Klettersteigset oder gar nur eine Bandschlinge verwendet wird, sieht man gelegentlich noch, wenngleich seltener. Aber auch die modernste Ausrüstung muss man richtig anwenden. Wenn der Gurt falsch herum angezogen oder das Klettersteigset an der Materialschlaufe statt an der Anseilschlaufe befestigt wird, nützen sie wenig. Am Loser (Salzburger Land) gab es dadurch einen tödlichen Absturz.
Herz-Kreislauf- oder sonstige körperliche Probleme: Diese können entstehen, wenn Körper- und Trainingszustand nicht zu den Anforderungen der Tour passen. Ein Unterschätzen der Anforderungen führt nicht selten zu Überforderungen: „Kräfteverlust in den Armen, kein Weiterkommen aus eigener Kraft möglich“ steht dann etwa im Unfallbericht vom Tegelberg.
Zeitplan und Gehtempo: „Das Pärchen startete die Tour zu spät und kam über die Route nur sehr langsam voran, sodass es im Ausstiegsbereich des Steiges bereits dunkel war.“ (Rax)
Wetterbedingungen (Regen, Gewitter): Nässe macht die Fortbewegung schwierig und beschleunigt die Entkräftung. Ein Gewitter ist der GAU am Blitzableiter Drahtseil; es gab schon einige Rettungseinsätze deswegen. Dennoch sollte man besser im Drahtseil eingehängt bleiben, wie ein tödliches Unfallbeispiel von einem Blitzschlag zeigt, der den Betroffenen aus der Wand schleuderte.
Verhältnisse (Schnee, Nässe): Vor allem bei nordseitiger Exposition sind Menschen häufig überrascht, trotz guten Wetters anhaltenden Schnee oder Nässe anzutreffen. Besonders erdige, aber auch felsige Passagen werden dann unangenehm schmierig.
Versteigen: Ob man dem runtergefallenen Handy im Rofan ins Absturzgelände nachkraxelt oder den Abstieg von der Alpspitze nicht findet: Versteigen kostet Zeit oder bedeutet direkte Gefährdung.
Felsqualität: Neben Steinschlag (Menschen, Gämsen, Frostsprengung, Regen) kann auch mal ein Griff oder Tritt ausbrechen und zum Sturz führen.
Sturzfolgen (Anprall-Verletzung, Kollision mit anderen, Hängetrauma): Jeder Sturz bedeutet höchste Verletzungsgefahr, auch für Nachfolgende, die zu nahe aufrücken (in der Vertikalen mindestens ein ganzes Segment Abstand lassen!). Und Hängen im Gurt ist ungemütlich – Beispiel vom Tajakopf: „4 Meter gefallen … dabei den Knöchel gebrochen. Durch den Gurt sind meine Beine nach 5 Minuten abgeschnürt.“
Psyche: Der Kopf ist auch am Klettersteig der „wichtigste Muskel“ – und vor allem Kinder sind schneller an der Panik- Grenze. „…nach Abfahrt der letzten Bergbahn an der Alpspitz-Bergstation angekommen … der erste Klettersteig mit meiner Tochter (9 Jahre alt) … sie war entkräftet, Verzweiflung, Blasen…“ Kinder sollten besonders behutsam herangeführt werden, zusätzliche Seilsicherungskenntnisse sind ein Muss.
Es gibt auch Situationen, die schmunzeln lassen. So trauten sich am Hochjoch Klettersteig in Vorarlberg schon zweimal Gruppen nicht an Steinböcken vorbei. Und bei einer Winterbegehung froren einem Mann die Handschuhe am Drahtseil fest; Ersatzhandschuhe hatte er nicht dabei.
Zudem gibt es die bitteren Todesfälle durch Absturz – im scheinbar leichten Gelände, wie am Mindelheimer Klettersteig: „… nach Lösen des Klettergurts muss ihr ein Fehltritt oder Stolpern passiert sein …“
Zum Hauptthema des Geschehens werden aber zunehmend Blockierungen: Der Anteil an den Unfallzahlen ist tendenziell gestiegen und liegt bei 55 bis 65 %, je nach Datenquelle (Abb. 1). Selbst abschreckend schwierig gestaltete Einstiege helfen da nicht immer – Beispiel am Tajakopf: „Nach ca. 40 Höhenmetern wollte ich den Aufstieg abbrechen und umkehren. Es gelang mir nicht, wieder abzusteigen.“
Wem passiert es?
Ob Mann oder Frau spielt keine große Rolle bei Klettersteigunfällen. Laut der letzten Mitgliederbefragung (Panorama 2022) sind etwa 60 % der Männer und 40 % der Frauen im DAV auf Klettersteigen unterwegs; die Verteilung an den Unfällen liegt bei 68 gegenüber 32 %, die Tendenz geht Richtung Ausgleich. Auch das Alter wirkt sich nicht massiv aus: Die über 60-Jährigen sind etwas überrepräsentiert (13 % Aktive, 18 % Unfallanteil), die 30- bis 40-Jährigen geringer (20 zu 27 %).
Auf den ersten Blick scheinen Klettersteige wenig unfallträchtig: 37 % der DAV-Mitglieder gehen sie – die drittbeliebteste Bergsportdisziplin nach Wandern und Bergsteigen. Aber 2024 machten sie nur 4 % der Unfälle aus (Platz 7). Eine Diskrepanz, die man mit der geringen „Expositionsdauer“ (s.u.) erklären könnte: 4,4 Klettersteigtage à 4,7 Stunden kommen durchschnittlich zusammen; beim Wandern und Bergsteigen ist es deutlich mehr.
Wo passiert es?
Spielt vielleicht die Schwierigkeit eine Rolle? „Der Sprung von C auf D, das ist nochmal um einiges anspruchsvoller“, sagt Regina Poberschnigg von der Bergrettung Ehrwald. Und tatsächlich gibt es an Steigen mit einer Höchstschwierigkeit D (nach Schall-Skala, siehe Abb. 3) die meisten Verunfallten. Bei den noch schwierigeren E-Steigen sind es absolut deutlich weniger, aber 80 (statt 60) Prozent davon mit Blockierungen – die massiv gesteigerten Schwierigkeiten überraschen wohl viele. Es gibt aber auch deutlich weniger Steige mit diesem hohen Schwierigkeitsgrad (Abb. 2). Andersrum ist es bei den Steigen mit maximal B-Schwierigkeit: Hier dürften sehr viele Begehungen stattfinden, dennoch sind die absoluten Unfallzahlen geringer – die Blockierungsquote liegt aber auch schon bei 60 %. Es wäre interessant, herauszufinden, wie viele Begehungen es pro Schwierigkeitsklasse gibt und wann und mit welcher Motivation Menschen sich in die nächste Niveaustufe hineintrauen. Die reine Anzahl der Klettersteige in Österreich korreliert jedenfalls nicht mit den Unfallzahlen: Grad C macht den größten Anteil aus, die Zahlen dort sind aber auf mittlerem Niveau.
Wichtig
Die Maximalschwierigkeit entscheidet nicht allein. Es kommt auch auf die Häufigkeit und Lage der schwierigen Stellen an, auf die Gesamtlänge, den alpinen Anspruch, die Exponiertheit, Himmelsrichtung (Hitze/Kälte), Höhenlage und mehr. Gute Infoquellen (z.B. bergsteigen.com oder Führerliteratur) liefern dazu die wichtigen Daten – sie gilt es kompetent zu verarbeiten.
Die meisten Klettersteigunfälle von DAV-Mitgliedern im Zeitraum 2000-2024 ereigneten sich in Österreich (422 Fälle), in Deutschland sind es nur 195 – hier gibt es auch weniger Steige. Doch vier der „Top Ten“ mit den meisten Unfällen von DAV-Mitgliedern liegen in Deutschland. Hier dürften wieder die Begehungszahlen (die wir nicht kennen) eine Rolle spielen, angetrieben wohl durch eine Art „Bucket-List- Faktor“: Man „muss“ sie einfach gemacht haben (mag man denken): Eine Sonderrolle hat der Spitzenreiter, der Höllentalanstieg zur Zugspitze – der auch eher ein drahtseilgesicherter hochalpiner Anstieg ist und kein Sportklettersteig. Attraktiv und vielleicht auch deswegen unfallträchtig erscheinen der Tegelbergsteig in Sichtweite von Schloss Neuschwanstein, die Alpspitz-Ferrata und die Steige in Ehrwald (Seebensee und Tajakopf). Nicht verwechselt werden sollten diese Zahlen mit dem Gesamtunfallaufkommen unabhängig von einer DAV-Mitgliedschaft. Die Bergwacht Bayern zum Beispiel meldet allein am Höllentalsteig in den letzten drei Jahren jährlich über zwanzig blockierte Personen, gefolgt vom Tegelbergsteig mit rund zehn Blockierten jährlich. Soll man, um das persönliche Risiko zu senken, nun auf diese Steige verzichten? Oder auf die Monate Juli und August, wo es die meisten Unfälle gibt? Natürlich nicht – wenn viele Menschen unterwegs sind (im Sommer zur Ferienzeit), dann schlägt eben die Statistik häufiger zu. Aber dort, wo viele sein wollen, kommt wohl auch schnell Ehrgeiz bis Überforderung ins Spiel.
Risiko senken – nur wie?
Man könnte anmerken, dass das Risiko bei Klettersteigen statistisch ohnehin nicht sonderlich groß ist. Schließlich gibt es (ermittelt aus den DAV-Unfallzahlen und der Panorama-Leserbefragung) je nach Jahr nur ein bis drei Betroffene pro 100.000 Aktivitätstage. Das sind ähnliche Zahlen wie beim Bergwandern, deutlich geringer als beim Hochtourengehen oder Alpinklettern.
Nicht messbar ist, wie häufig und wie nah Klettersteiggehende an eine Notlage herankommen. Gut wäre es, wenn bei jedem Menschen vor der Entscheidung für einen Klettersteig die richtige Einstellung stünde. Eine Studie aus Tirol von 2015 (Faulhaber et al.) belegt immerhin, dass „nur“ bei 10 % der 332 Teilnehmenden die Ausrüstung mangelhaft gewesen sei, dass 76 % einen Partnercheck durchführten und 96 % Überholmanöver mit den anderen Menschen abstimmten. Sie diagnostiziert aber auch, dass viele anscheinend unzureichend über den Steig und seine Risiken informiert waren.
Klettersteige versprechen, die Wildnis der Berge zu zähmen und „userfreundlich“ aufzubereiten. Die Berge bleiben trotzdem wild – sei es beim alpinen Zu- oder Abstieg oder durch Sonne, Wind und Wetter. Klettersteige im Gebirge sollten nicht dafür da sein, körperliche oder mentale Grenzen auszutesten.
Gefahren zu sehen und zu respektieren, ihnen mit realistischer Selbsteinschätzung, Demut und Reserven zu begegnen, ist der Königsweg zu nachhaltig großartigen Bergerlebnissen. Die Hauptprobleme für Blockierungen an Klettersteigen lassen sich durch Vorbereitung, passende Tourenwahl und Aufmerksamkeit kontrollieren:
Unzureichende Ausdauer: Training zur Vorbereitung, nur fit einsteigen.
Zu wenig Kraft: Technik- und Muckitraining in der Kletterhalle und zum Umhängen des KS-Sets.
Überforderte Psyche: langsames „Hineinwachsen“ durch allmähliche Steigerung der Anforderungen. Nicht von anderen mitreißen lassen.
In die Dunkelheit kommen: früher Aufbruch, ständige Kontrolle des Zeitplans.
Problematische Verhältnisse: Informationsbeschaffung vorab, Bereitschaft für Plan B.
Wetterprobleme: Information und angemessener Zeitplan, Beobachtung, Plan B.
An welchen dieser Punkte es hapert, welche Faktoren bei Blockierungen tatsächlich eine Rolle spielen, und wie man rechtzeitig eingreifen kann, um Notlagen zu erkennen und zu verhindern, untersucht die DAV-Sicherheitsforschung in ihrer laufenden Verhaltensstudie.
Weiterführende Links
Tourenplanung für den Klettersteig
Seiltechnik am Klettersteig
Videoserie Klettersteig: So geht's