Zwei Wanderer steigen eine grüne, steinige Bergwiese hinauf, im Hintergrund hohe, felsige Berge unter blauem Himmel.
Unbekannte Dreitausender, endlose Weiten: im Felderkar auf dem Weg zur Hauerseehütte. Foto: Stefan Herbke
Hüttentour in den Ötztaler Alpen

Über den Geigenkamm

Kaum bekannte Dreitausender, malerische Seen und Gletscherreste bilden die Kulisse der Mehrtagestour über den Geigenkamm. Wer genug Erfahrung im Bergwandern und eine große Portion Fitness mitbringt, darf sich auf eine spannende Durchquerung hoch über Pitz- und Ötztal freuen.

Aller Anfang ist schwer. Oder zumindest mühsam und anstrengend. So wie der mehrstündige Anstieg zur Erlanger Hütte im nördlichen Bereich des Geigenkamms, der Ötz- und Pitztal trennt. Die Alpenvereinshütte thront aussichtsreich auf einem Felsabsatz hoch über dem Tal und ist ein beliebter Rastplatz auf der langen Tour zum Wildgrat – und ein wichtiger Stützpunkt einer mehrtägigen Durchquerung des Geigenkamms bis zur Rüsselsheimer Hütte. Eine abwechslungsreiche, aufgrund der teils langen Etappen aber konditio­nell recht sportliche Tour, die alpin Erfahrene mit dem anspruchsvollen Mainzer Höhenweg sogar noch ver­längern können.

Im Jahr 1929 begannen die Ar­beiten an der Erlanger Hütte. Da­mals musste das ganze Material mehr als 1500 Höhenmeter herauf­getragen werden. Am 23. August 1931 wurde der stattliche Steinbau mit den rot-weiß-roten Fensterläden eingeweiht – und seit dem Jahr 2023 steht die Alpenver­einshütte unter Denkmalschutz. „Wir haben im­mer geschaut, dass die Hütte so erhalten bleibt, wie sie gebaut worden ist“, erzählt Christian Rimml, der seit 2008 zusammen mit seiner Frau Anita die Erlanger Hütte bewirtschaftet. „Die Stühle im Gastraum haben wir getauscht, aber ansonsten sind die Lager, Zimmer und die zir­bengetäfelte Stube noch im Originalzustand.“ Die einst vorhandene Dunkelkammer zur Ent­wicklung von Fotografien (ja, schon damals woll­ten die Menschen ihre Aufnahmen „instant“, also sofort, haben) hat man aber längst in ein kleines Lager umfunktioniert.

Von der Erlanger Hütte am Wettersee geht es hinauf Richtung Wildgrat. Foto: Stefan Herbke

Früher war Christian Chefkoch in Vier-Ster­ne-Häusern, ehe er eine neue Herausforderung mit Siebzehn-Stunden-Tagen als Hüttenwirt annahm. „Das war immer schon mein Traum“, erinnert er sich. Trotz der Lage hoch oben in den Bergen achtet er darauf, regionale und fri­sche Produkte zu verarbeiten. Damit erfüllt er die Kriterien der Initiative der Alpenvereine „So schmecken die Berge“ und der Vereinigung „Ge­nussplatzlen.“ Dort haben sich einige Ötztaler Almen und Hütten zusam­mengetan, die Regionalität mit Herz und Seele leben. „Das Lammfleisch etwa kommt aus der Landwirtschaft von meinem Schwager“, erklärt Christian, „manchmal gibt es auch Wildgerichte wie Ragout vom Stein­bock – nur Pommes haben wir nie.“

Aber die vermisst auch keiner der vielen Gäs­te, die bei schönem Wetter gern im Liegestuhl auf einer der beiden Terrassen relaxen oder zum idyllischen Wettersee spazieren, der die Hütte, die auch das Umweltgütesiegel der Al­penvereine trägt, zuverlässig mit Strom und Trinkwasser versorgt. Abends wechseln dann alle in die gemütliche Stube.

Nicht zu überhören sind die Murmeltiere im Leierstal. Foto: Stefan Herbke

Die meisten Übernachtungsgäste sind unter­wegs über den Geigenkamm. Die Etappe zur benachbarten Frischmannhütte ist ein schöner Einstieg in diese einsame Bergwelt. Im Auf und Ab quert man Kar für Kar, entdeckt malerische Seen, an deren Ufer man stundenlang sitzen könnte, hört das Pfeifen der Murmeltiere und kommt beim Anstieg zum Fundusfeiler gehörig ins Schwitzen. Der Dreitausender ist neben dem Wildgrat eine der lohnenden Gipfeloptio­nen auf diesem Abschnitt. Der steile Abstieg durch das Funduskar erfordert Trittsicherheit, dann hat man es geschafft und wechselt auf der Sonnenterrasse der Frischmannhütte in den Erholungsmodus.

Die Hütte des Österreichischen Touristen­klubs wurde bereits im Jahr 1891 fertiggestellt. Im Corona-Jahr 2021 übernahm Selina Klotz aus Sölden die Bewirtschaftung. „Ich wollte einfach mein eigener Chef sein“, erklärt sie. Im Alter von zwanzig Jahren hat sie sich beworben – und als Antwort gleich den Pachtvertrag zugeschickt be­kommen. Seitdem kommen jeden Sommer mehr Gäste, was auch an der guten Erreichbarkeit liegt. Zur Hütte führt ein Fahrweg, auf dem viele für einen Tagesausflug bequem mit dem E-Bike hinaufradeln. Wer auf dem Geigenkamm unter­wegs ist, steht bei der nächsten Etappe vor einem Problem. „Die Hauerseehütte ist eine Selbstver­sorgerhütte und hat nur fünfzehn Schlafplätze“, erzählt Selina. „Daher musst du dort rechtzeitig reservieren, weichst auf die unterhalb gelege­ne Innerbergalm aus oder gehst direkt weiter auf die Rüsselsheimer – dann hast du aber eine Gehzeit von zehn bis zwölf Stunden.“

Wer einen Schlafplatz hat, darf sich auf der eher kurzen Etappe zur Hauerseehütte gerne Zeit lassen. Schritt für Schritt geht es gleichmä­ßig ansteigend hinauf in die einst vom Gletscher bedeckten Böden des Fernerkars und weiter ins Felderjöchl. Hier öffnet sich ein faszinierender Blick auf viele nur selten bestiegene Gipfel um die dreitausend Meter Höhe, deren Namen man noch nie gehört hat, auf einsame Kare und mächtige Schuttströme. Im Hintergrund zeigt sich sogar die Wildspitze, doch noch beeindruckender ist der Tiefblick. Kühn führt der schmale Steig durch eine steile Flanke hinunter zum Weißen See, dessen Name sich nicht ganz erschließt – das klare Wasser leuchtet eher in einem verlockenden Grünton. Weiter geht es hi­nüber zum Unteren Spitzigsee und zur Hauer­seehütte. Die wurde im Jahr 1928 erbaut und zählte damals zu den modernsten Hütten im Alpenraum. Mit fließendem Wasser, Bier vom Fass, elektrischer Heizung dank eines Wasser­kraftwerks und auch einer Dunkelkammer un­ter dem Dach. Doch im Jahr 1946 wurde das Haus von einer Lawine zerstört. Erst Anfang der 1960er Jahre hat man unter dem Schutt einen Keller ausgegraben und eine Notunterkunft hergerichtet. Später wurde noch etwas dazuge­baut, damit mehr Personen übernachten kön­nen, doch das war es. „Mehr darf man nicht bau­en, weil sonst ganz andere Vorschriften greifen würden“, erzählt Helmut Klotz, einer der vielen Hüttenwart*innen, die sich ehrenamtlich und im wöchentlichen Wechsel um das Haus küm­mern. 1999 übernahm Helmut das erste Mal diese Aufgabe. „Damals waren wir gefühlt ganz weit weg vom Alltag“, erinnert er sich. „Da hat­ten wir nur ein Funkgerät als Verbindung zur Außenwelt, doch seit ein paar Jahren haben wir hier oben sogar Handyempfang.“

Nicht alle Gäste wissen, dass es sich um eine reine Selbstversorgerhütte handelt. „Einige kommen und schreien von Weitem ‚vier Wei­zenbier‘“, erzählt Helmut und grinst: „Wenn sie erfahren, dass es nur Tee gibt, entgleiten ihnen die Gesichtszüge.“ Ein paar Päckchen Suppe gibt es als Notreserve, doch eigentlich müssen die Gäste alles, was sie essen und trinken wol­len, selbst mitbringen. Und auch für die ehrenamtlichen Hüttenwarte ist das Leben hart, weiß Helmut. „Am Anfang der Saison wird eine über­schaubare Menge Bier raufgetragen. Das sind dann pro Hüttenaufsicht drei Bier – es ist wirk­lich ein Ehrenamt.“

Kurze Drahtseilpassage: Mit Blick auf die Reste des Hauerferners geht es Richtung Luibisscharte. Foto: Stefan Herbke

Die einfache Hütte ist etwas Besonderes – und der gleichnamige See mit seinem milchigen Wasser, in dem sich die umliegenden Gipfel spiegeln, einmalig. Vorbei an dem je nach Sonnenstand in unterschiedlichen Blautönen schimmernden Wasser führt der Steig zu den Resten des Hauerferners und ohne Eisberüh­rung weiter Richtung Luibisscharte. Den be­nachbarten Dreitausender Luibiskogel nehmen allerdings nur konditionell ganz Starke mit, denn die Etappe zur Rüsselsheimer Hütte zieht sich. Laut Wegweiser beträgt allein die Gehzeit von der Hauerseehütte zum Breitlehnjöchl drei Stunden, in der Realität läuft man allerdings deutlich länger. Auch, weil nach dem steilen Ab­stieg von der Luibisscharte durch eine düstere Rinne ein mühsames Labyrinth aus Blockfel­dern ausbremst. Und der Weiterweg über Sand­joch, Breitlehnjöchl und Kapuziner Joch ist ein ewiges Auf und Ab, dicht vorbei an mächtigen Blockgletschern und mit Blick auf die schwin­denden Eisriesen der Ötztaler Alpen. Nach ei­nem letzten Anstieg zur Aussichtsloge Gahwin­den wechselt man in das Reich der Steinböcke – und die Heimat von Tabea Kirschner. Die Drei­ßigjährige übernahm vor fünf Jahren die Be­wirtschaftung der Rüsselsheimer Hütte, die in atemberaubender Lage hoch über dem Pitztal thront – mit einem Traumblick auf die Watze­spitze und ihren Hängegletscher vis-à-vis.

Die Rüsselsheimer Hütte. Foto: Stefan Herbke

Ein Ausblick, den die Pitztalerin von klein auf kennt. „Ich bin hier oben aufgewachsen“, er­zählt sie. „Schon meine Großeltern haben die Hütte vierzehn Jahre bewirtschaftet und im An­schluss hat’s mein Papa dreißig Jahre lang ge­macht.“ Daher weiß sie auch, warum die von der Hauerseehütte kommenden Wander*innen in der Regel keinen Steinbock sehen. „Tagsüber machen sie Siesta“, erklärt Tabea, „am ehesten siehst du sie in der Früh oder abends.“ Entspre­chend enttäuscht sind daher auch viele Ta­gesgäste, die mittags zum Essen auf die Hütte kommen und im Anschluss noch ein paar von den Tieren sehen wollen. Die Steinböcke, die gute Küche, aber auch das familiäre Klima auf der Hütte sind Grund genug, hier oben noch ein­mal zu übernachten. Beim gemütlichen Aus­klang der Überschreitung des Geigenkamms versteht man schnell, warum Tabea von ihrem Arbeitsplatz schwärmt: „Ich bin so gerne auf der Hütte, da geht mir das Herz auf.“

Was sonst noch geht

  • Waalweg: Wanderung vom Weiler Köfels über das Köfler Schartle und einen Waalweg zur Frischmannhütte.

  • Aufwärmen: Als perfektes Schlechtwetterprogramm bietet sich der Besuch der Bade- und Wellnesslandschaft im Aqua Dome in Längenfeld an.

  • Steinbock: Das Tiroler Steinbockzentrum mit Museum und Gehege in St. Leonhard widmet sich der wechselhaften Beziehungsgeschichte zwischen Mensch, Natur und Kultur im Pitztal.