Ein Kletterer mit Helm und Kletterausrüstung klettert an einer steilen Felswand, gesichert mit mehreren Seilen.
Eine Erstbegehung ist immer ein kleines Abenteuer, selbst mit Bohrmaschine. Foto: Andreas Dick
Neutouren und die „Ressource Fels“

Genug Fels für alle?

Für Hans Dülfer war’s einfach: Wo Wille auf Fels traf, war ein Weg zu finden. Heute nehmen wir die „Ressource Fels“ als begrenzt wahr. Damit stellen sich für Alpinkletter*innen, die das Abenteuer „Erstbegehung“ erleben möchten, vielerlei Fragen – nicht auf alle sind die Antworten vorgegeben.

„Climbers go home!“ stand geschrieben neben dem Routennamen am Einstieg der Plaisirroute „Mamma li Turchi“ (5b+, 165 m) im Etschtal. Einheimische Aktivist*innen hatten die Bohrhaken der ersten beiden Seillängen entfernt, um gegen den Overtourismus zu demonstrieren: Die Orte Canale und Tessari unter den beliebten Kletterwänden werden an schönen Wochenenden hoffnungslos zugeparkt – und das nicht einmal von Menschen aus München, sondern aus Verona.

„Wer Straßen baut, erntet Verkehr“ – und wer Kletterrouten einrichtet, erzeugt Zulauf. Sachbeschädigung ist keine konstruktive Problemlösung. Aber wer die Ressource Fels nutzt, sollte sich mehr Gedanken machen als nur um die Rechtslage.

Keine Wegehalterhaftung

Diese scheint halbwegs klar: In den meisten Alpenländern ist die „freie Betretung der Natur“ gesetzlich erlaubt. Und dazu gehört auch Sport, also Alpinklettern und auch das Einrichten neuer Routen, inklusive Absicherung durch Bohrhaken. Dieses Recht kann aus Naturschutzgründen eingeschränkt werden, wie etwa in den Nationalparks Berchtesgaden oder Écrins (Dauphiné). Wie es auf Privatgrund aussieht, ist gelegentlich ein Thema für Gerichte. Am Rande angemerkt: Wer eine Neutour anlegt, übernimmt damit keine „Wegehalterhaftung“ – die Beurteilung der vorgefundenen Absicherung durch Haken oder ähnliches ist Eigenverantwortung der Menschen, die die Routen wiederholen.

Lässt sich da was lohnendes Neues finden? Wandstudium per Fernglas. Foto: Andreas Dick

Eine ethische Frage ist der „Respekt vor Bestehendem“. So recherchierte etwa Ralf Sussmann exakt den Verlauf des klassischen „Werner-Popien-Gedächtniswegs“ an der Plattenspitze im Karwendel, bevor er seine Neutour „Im Schatten der Sphinx“ hineinlegte. Eine Kreuzung der zweimal traversierenden Altroute war unvermeidbar, weshalb er darauf achtete, an diesen Stellen keine Bohrhaken zu setzen, die dem anspruchsvollen Klassiker das „Commitment“ rauben konnten.

Immer wieder kommt es vor, dass Neurouten Passagen oder Seillängen älterer Routen mitnutzen müssen, weil es keine vernünftige Alternative gibt. Und immer wieder kann man darüber diskutieren, ob das ok ist oder ob gar die Haken der bestehenden Route saniert werden dürfen – oder müssen?

Bohrhaken reduzieren das Abenteuer

Es gibt Menschen, die gerne Klassiker klettern und selbst absichern; Bohrhaken oder eine Abseilmöglichkeit reduzieren das Abenteuer. Eine Variante dieser Frage ist, ob in weitgehend bohrhakenfreien, legendären Wänden wie den Laliderern eine Bohrhakenroute Platz haben darf. Sussmanns „Magic Line“, viel gerühmt und ohne Kontakt zu Bestehendem, wurde einmal teilweise ausgenagelt – aber dann wiederhergestellt.

Routennamen und Veröffentlichungen haben eine touristische Perspektive: Was bekannt gemacht wird, wird besucht – und es stellt sich die Frage, wie viele Menschen dieses Stück Natur verträgt.

Eine andere Art von Respekt vor der Natur wird im türkischen Sportklettergebiet Geyikbayiri gepflegt: Die Routen sind zwar nach modernem Standard eingebohrt, aber es stehen keine Namen angeschrieben, wie sonst oft gebräuchlich. Dem Zulauf allerdings tut das keinen Abbruch, und man findet sich mit dem Führer zurecht.

Hinweise wie Routennamen, vor allem aber Veröffentlichungen, haben eher eine touristische Perspektive: Was bekannt gemacht wird, wird besucht – und es stellt sich die Frage, wie viele Menschen dieses Stück Natur verträgt. Oder andersherum: Ob alles gemacht werden muss, nur weil es (besonders dank Bohrhaken) möglich ist. Viele lokale Klettergärten werden „geheimgehalten“; eine Art feudale Nutzung. Verständlich, wenn Probleme mit Forst, Naturschutz oder Grundeigentümern drohen. Aber dann wird halt woanders noch mehr geklettert… Wer etwas veröffentlicht, sollte sich auf jeden Fall um Transparenz und Ehrlichkeit bemühen.

Erschließung für mich oder für andere?

Wo keine Nutzungskonflikte drohen, bleibt die zentrale Frage eine mit sportlicher Perspektive: Für wen nehme ich das Recht auf freie Nutzung der Ressource Fels in Anspruch? Für mich (Erstbegehung)? Oder für andere (Wiederholung)? Sprich: Arbeite ich mich „irgendwie“ rauf, um mein Abenteuer zu erleben? Oder versuche ich etwas zu hinterlassen, was auch andere Menschen freut? Eine schöne, logische Linie, gute Kletterei, möglichst frei von Bruch und Bewuchs, mit einer Absicherung, die zumindest ein Konzept hat: von sportkletterähnlich bis anspruchsvoll oder gar ernsthaft.

Neutouren mit dem Gedanken an Wiederholende im Kopf: Heinz Grill und sein Freundeskreis setzen in Arco oder den Dolomiten (hier im Rosengarten) neue Maßstäbe. Foto: Andreas Dick

Heinz Grill und sein Freundeskreis haben dazu in Arco und den Dolomiten einen Stil entwickelt, der über den bloßen Plaisirgedanken (Absicherung mit begrenzter Verletzungsgefahr) hinausgeht: Ihre Touren haben alpinen Anspruch (mehr oder weniger, passend zur Region), werden aber immer intensiv nachbearbeitet: ideale Linienführung, Ausputzen von brüchigem Fels und störendem Gras, bequeme Stände, Orientierungsschlingen. Wer dagegen mit „removable bolts“ arbeitet, die sich nach Gebrauch entfernen lassen, so dass nur ein Loch bleibt, muss sich vorwerfen lassen, dass man es Nachfolgenden schwerer macht als man selber es hatte: Diese müssen die Linie nachvollziehen und finden, die man selbst frei wählen konnte.

Das Abenteuer und Erlebnis einer Erstbegehung sollte auch unseren Kindern und Enkeln möglich bleiben.

Der Gedanke an andere Menschen kann auch zeitlich wirken: nutzen wir die Ressource Fels so, dass die jetzige Generation den maximalen Spaß hat (vergleichbar mit unserer Welt-Nutzung angesichts der Klimakatastrophe)? Erschließen also alles, was uns anlacht, im Zweifel auch mit Bohrhaken oder mal einem „verbesserten“ Griff? Oder lassen wir auch „künftigen Generationen“ etwas vom begrenzten Kuchen? Dabei muss es nicht immer um die freie Begehung eines „letzten Problems“ gehen, das spätere Topleute vielleicht ohne Bohrhaken „by fair means“ lösen könnten. Nein: Das Abenteuer und Erlebnis an sich, das eine Erstbegehung immer bietet, sollte auch unseren Kindern und Enkeln möglich bleiben – egal welchen Stil sie nutzen wollen, und auch in niedrigeren Graden.

Mit der Tirol Deklaration gibt es für die Klettercommunity einen Vorschlag, wie Verantwortung gegenüber der Ressource Fels in der Praxis aussehen könnte. In einigen Kletterregionen haben sich die Locals geeinigt, wie sie es mit Neutouren (und Sanierungen) halten möchten. Ausnahmsweise gelten auch Regulierungen aus Naturschutzgründen; es werden vielleicht nicht die einzigen bleiben.

Trotz allem – oder deswegen? – gibt es einen Pluralismus der Stile mit unterm Strich ganz vernünftigem Verhalten der Erstbegehenden. Und es gibt immer noch viel zu entdecken in „unseren“ Alpen. Zu diskutieren am Hüttentisch, im Hallenbistro oder am Lagerfeuer gibt es noch viel mehr. Ist wohl ganz gut so.

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