Wer seine Eindrücke nicht nur im Kopf bewahren, sondern greifbar festhalten möchte, findet im Schreiben ein mächtiges Werkzeug. Damit ganz und gar sofort, noch in den Bergen, zu beginnen, ließe sich dabei als echter Glücksgriff bezeichnen. „In der Natur können wir das Hintergrundrauschen, vor allem auch das digitale, hinter uns lassen und uns auf das Wesentliche konzentrieren“, erklärt Schreibcoach Daniela Esch. Hinzu kommt: Was im geschlossenen Raum oft erst durch Entspannungsübungen gelingt – das Loslassen des Alltags – ist im Aufstieg bereits geschehen, auch das körperliche Workout am Berg hat man schon hinter sich. Bewegung, vor allem in der Natur, beflügelt die Ideenfindung – das ist längst bewiesen. Und ein Gedanke wird klarer, wenn wir ihn schriftlich ausformulieren, besonders das Schreiben per Hand fördert dabei die kognitiven Prozesse.
Anhalten, nachdenken, schreiben
Mehr noch: Im Schreiben kommt der Mensch zu sich. Das Schreiben fördert das Denken, das Reflektieren, das eigenständige Urteilen. – In den Niederungen des Alltags genauso wie am Berg:
Dabei lässt sich draußen in der Natur nicht nur das Erlebte reflektieren, sondern auch Neues entdecken und lernen, wenn wir uns plötzlich beispielsweise fragen: Kenne ich eigentlich den genauen Begriff für das, was ich beschreiben möchte (beispielsweise „Nebelkrähe“ oder „Alpendohle“; „Kuhschellen“ statt „Bergblumen“)? Oder was weiß ich über die Geschichte einer Hütte oder die Legenden rund um einen Gipfel? – Und selbstverständlich lassen sich Erlebnisse und Begegnungen am Berg jederzeit auch verfremden und in fiktive Geschichten einbetten.
Wer schreibt, stärkt durch die kreative Arbeit mit den Worten sein Selbstbewusstsein – also das Bewusstsein für sich selbst. Die dabei größte Hürde? Der Schritt von „Ich möchte schreiben“ zu „Ich traue mich zu schreiben“. „Oft sind schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit der Grund“, weiß die Schreibtrainerin aus ihren Beobachtungen. „Weil wir stark reglementiert werden beim Schreiben, etwa in der Schule oder im Job. Starre Vorgaben ersticken oft unsere Kreativität. Und im „Land der Dichter und Denker“ scheint die Hemmschwelle mitunter doppelt so hoch.“
Druck rausnehmen und Themen finden
Damit der Start gelingt, hilft ein wichtiger Grundsatz: Druck rausnehmen. „Du hast ja keinen Vertrag unterschrieben, dass du genau jetzt etwas zu Papier bringen musst“, ermutigt Esch. „Genauso wenig muss es ein perfekter Text sein.“ – Wer unsicher ist, lässt den Berg einfach länger auf sich wirken. Und: selbst geübte Schreiber*innen kennen Blockaden.
Wichtig ist: für sich selbst herausfinden, was man als besonders und beschreibenswert erachtet. Möchte ich beschreiben, wie ich gestresst loslief und immer entspannter wurde? Oder soll der Berg Inspirationsquelle für eine fiktive Geschichte werden? Dann stellen sich Fragen wie: Soll es möglicherweise mystisch sein? Amüsant oder nachdenklich?
„Selbst wenn man im ersten Moment denkt, dass die eigenen Themen niemanden interessieren – oft verbirgt sich dahinter eine spannende Geschichte“, erläutert Schreibtrainerin Daniela Esch. „Vielleicht ist es für jemanden auch einfach besonders, ein Murmeltier zu sehen, dann kann auch das wert sein, aufgeschrieben zu werden.“
Den Berg spüren
Entscheide ich mich fürs Schreiben am und über den Berg, prägt er mein Schreiben – unmittelbar. Der Berg verändert mich – und auch meine Worte: Habe ich eine heikle Situation erlebt, dann wird das Adrenalin auch im Text rüberkommen, der Text wird temporeicher. Auch ein mystischer, nebelverhangener Bergtag findet seinen Weg in die Worte. – „Menschen, die keine Schreiberfahrung haben, werden mitunter überrascht sein, wie sehr sich ihre eigenen Texte voneinander unterscheiden können“, so die Schreibexpertin.
Lust bekommen auf ein Schreibabenteuer? – Dann: an die Stifte, fertig, los! Deine Geschichte wartet!
Die Kraft, die aus dem Schreiben kommt
Im Gespräch mit Schreibexpertin Daniela Esch
Daniela Esch (1981) lebt und arbeitet als Schreibexpertin sowie Mental-Health-Coach in München. Ihr persönlicher Kreativitäts-Boost Nummer Eins: frische Luft in Verbindung mit einer schönen Naturumgebung. Oder eine Stunde Unkrautrupfen im Gemeinschaftsbeet. Wenn sie in der Natur schreibt, dann sehr gerne am Wasser oder auf einer Wiese; daheim am liebsten in der Stille der Nacht.
Kann jede*r schreiben?
Ja! Viele denken zwar – vielleicht in einem konkreten Moment oder auch ganz generell – sie könnten nicht schreiben. Bis sie merken: Doch, ich kann das, ich habe eine gute Idee und finde auch Worte dafür!
… Themen am Berg gibt es ja viele …
Genau: von der größten Anstrengung, vielleicht sogar Gefahr, bis hin zur Erkenntnis, dass etwas einfach nur schön ist … wer das in Worte fassen möchte: nur zu! Am besten klärt man für sich: Was ist mir gerade wichtig? Vielleicht ist das ein Gefühl, eine schöne Aussicht, ein Erlebnis, das beeindruckend war. Vielleicht fange ich einfach an zu schreiben, vielleicht habe ich mir aber auch schon vorher ein Thema überlegt, auf das ich mich gerne fokussieren möchte. – Die Ansätze können da ganz verschieden sein.
Gibt es für das Schreiben (am Berg) ein ideales Setting?
Ich würde dies beschreiben als eine Stelle, an der ich mich fallenlassen kann. – Natürlich bitte nur im übertragenen Sinne!
Im Nature Writing, das in den vergangenen Jahren ja einen enormen Zuspruch erlebt hat, kennt man den „Sit spot“, also einen persönlichen eigenen Schreibplatz in der Natur. Letztlich brauche ich einen Platz, an dem ich innerlich zur Ruhe komme. Bei dem einen gelingt das vielleicht hervorragend auf einer Alm oder in der Hütte. Die eine braucht einen Stein oder eine Bank. Man probiert am besten etwas herum. Wichtig ist: sich nicht sofort entmutigen lassen, wenn der erste Versuch nicht gleich gelingen will.
Was brauche ich sonst noch?
Die Frage ist ja im Grunde: schreibe ich von Hand oder nutze ich technische Hilfsmittel? Unterwegs zum Beispiel ist mir persönlich das Tippen auf dem Handy zu anstrengend, aber die Sprachnotiz funktioniert perfekt für das Festhalten von Gedanken, die mir am Berg kommen. Ansonsten habe ich einfach gerne mein Notizheft und schreibe händisch. Auch hier gilt: ausprobieren …
Was, wenn ich mir hin und wieder unterwegs am Berg Notizen mache, die sich später aber ziemlich nichtssagend anfühlen. Ganz zu schweigen davon, das Geschriebene herzeigen zu können?
Ein Punkt ist besonders wichtig: Wenn jemand der Meinung ist, ein nur für ihn selbst relevantes Erlebnis aufzuschreiben – nur zu! Nur, weil es niemand anderen interessiert, heißt es ja nicht, dass es nicht wert sei, aufgeschrieben zu werden. Egal, ob das ein intimer Moment oder ein großes Naturschauspiel ist.
Das andere ist, die eigenen Sinne zu schärfen. Das ist letztlich eine Dauerübung, die nach einem bewussten Blick verlangt. Ganz gleich, wo ich bin – ich kann für ein paar Minuten alles abklopfen: Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche, schmecke ich und was kann ich spüren? Wenn man diese kleine Übung regelmäßig in den Alltag einbaut, merkt man schnell Veränderungen. Aktiv mit den Sinnen zu aktiv wird mir mit der Zeit auch in den Bergen einfach fallen. Sitze ich beispielsweise auf der Berghütte und will über den Tag schreiben, dann gehe ich idealerweise auch da in alle Sinne hinein … und werde überrascht sein, was da an Eindrücken alles zusammenkommt. Eine intensivere Wahrnehmung kann auch zu mehr Selbsterkenntnis und letztlich Kraft führen.