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Ansprechen oder wegschauen?

(Panorama 5 2018, Text: Martin Schwiersch, Julia Janotte) Das Klettern in Hallen ist wenig unfallträchtig, das belegt die Statistik. Doch es wird nicht immer sorgfältig genug gesichert, um auch einen unerwarteten Sturz gut halten zu können. Was sollen Kletterer tun, wenn sie bei anderen Fehler beobachten? Wir plädieren für Eigenaktivität, geben Entscheidungshilfen und schlagen ein Vorgehen vor.

Fehler anzusprechen wird schon lange empfohlen: Walter Britschgi hat sich diesem Thema schon vor zehn Jahren zugewandt. Beobachtungsstudien der DAV-Sicherheitsforschung zeigen, dass in Hallen tendenziell besser gesichert wird, wenn die Nutzer davon ausgehen, dass ihr Sicherungsverhalten von anderen wahrgenommen wird. Deshalb erarbeitete der DAV für Kletterhallenbetreiber und -angestellte eine Handreichung zu Fehlerrückmeldungen und Intervention im Hallenbetrieb. Doch sollen auch „einfache Kletterhallennutzer“ Rückmeldungen geben, wenn sie Sicherungsfehler sehen? Immerhin ist man ja nicht zuständig. Und in die Autonomie anderer einzugreifen, obendrein auch noch kritisierend, ist unangenehm. Schließlich ist mit Verhaltensänderung oder gar Dank nicht unbedingt zu rechnen.

Wir wollen trotzdem dafür werben und ein mögliches Vorgehen vorschlagen. Auch der „Vieraugencheck“ (Partnercheck) galt zunächst als Eingriff in die Hoheit des Einzelnen – mittlerweile ist er selbstverständlich. Rückmeldungen an andere Seilschaften sollen keine Überwachungskultur etablieren, sondern die Kultur stärken, dass Kletterer eine „Community“ sind und sich gegenseitig unterstützen.

 

Wie schwer ist der Fehler?

Nicht alle Sicherungsfehler wiegen gleich schwer. Als Sicherer zwei Meter von der Wand entfernt zu stehen ist weniger problematisch als zu viel Schlappseil auf den ersten Metern. Ein routinierter Sicherer kann es sich angewöhnt haben, beim Sichern das Grigri locker mit der linken Hand umschlossen zu halten, kann aber trotzdem unerwartete Stürze halten. Hat sich dagegen ein Kletterer unvollständig eingebunden und ist gerade am Losklettern, sind Wegschauen oder Warten auf die Hallenaufsicht keine Option: Die Seilschaft muss gestoppt werden.
Wir unterscheiden daher zwischen Fehlern, bei denen ein Eingreifen von außen notwendig ist („MUSS“); solchen, wo eine Rückmeldung gegeben werden sollte („SOLL“); und schließlich solchen, wo es sinnvoll ist, eine Rückmeldung zu geben, ohne dass Handlungsdruck besteht („KANN“). In diesem Beitrag konzentrieren wir uns auf die ersten beiden Fälle. Bei den Fehler-Beispielen sind die Übergänge natürlich fließend und unterliegen der Einschätzung des Beobachters.

 

Wann MUSS eine Intervention sein?

Entweder besteht durch den Fehler eine unmittelbare Gefahr, oder sie entsteht durch einen weiteren Faktor (meist Sturz).

Beispiele für Fehler, die unmittelbare Gefahr bedeuten:

  • Kletterer ist nicht vollständig eingebunden – spätestens beim Ablassen kommt es zum Unfall.
  • Ein Toprope-Kletterer macht Anstalten, die Umlenkung auszuhängen.
  • Ein Ablassvorgang gerät außer Kontrolle.

Bei solchen Fehlern ist sofortige Intervention notwendig! Beim außer Kontrolle geratenen Ablassvorgang wird man versuchen, das Restseil zu erwischen. Oft kann der Fehler von außen aber nicht abgestellt werden: Man steht zu weit entfernt oder kann nicht schnell genug reagieren. Dann muss die Seilschaft durch Zuruf gestoppt werden. Beim Einbindefehler genügt auf den ersten Klettermetern eine Unterbrechung mit dem Hinweis: „Stopp. Du bist nicht richtig eingebunden.“ Hat der Toprope-Kletterer die Umlenkung noch nicht ausgehängt, genügt ebenfalls ein Stoppruf. Wenn aber akute Gefahr besteht (die Umlenkung ist bereits ausgehängt, der nicht eingebundene Kletterer in größerer Höhe), sollte die Intervention die Situation nicht weiter verschlimmern. Der nicht eingebundene Kletterer wird zuerst orientierungslos sein: Warum wird hier gerufen? Er wird zu Tode erschrecken: Ich bin ja gar nicht eingebunden! Panik hilft ihm hier nicht. Die Untenstehenden sollten daher „Ruhe bewahren“. Der Kletterer braucht kurze, klare und ruhige Anweisungen, etwa: „Stopp. Du kannst nicht weiterklettern. Klipp die Expressschlinge vor deinem Bauch in deinen Anseilpunkt.“ Es genügt, wenn der Kletterer versteht, was er tun muss und kann.

 

Beispiele für Fehler, die bei einem Sturz absehbar zum Unfall führen:

  • Längeres Loslassen des Bremsseils bei dynamischen Sicherungsgeräten.
  • Eindeutig zu viel Schlappseil beim Sichern in Bodennähe mit Bodensturzgefahr.
  • Kleinkinder in der Sturzbahn von Kletterern.

Die Entscheidung, einzugreifen, steht und fällt damit, ob der Unfall absehbar ist. Ein momentanes Loslassen der Bremshand, die griffbereit und nah am Bremsseil bleibt, oder auch ein gelegentliches oder sogar routinemäßiges Führen der Bremshand nach oben beim Tube-Sichern fallen nicht in diese Kategorie, denn in beiden Fällen kann der Fehler im Sturzmoment korrigiert werden. Die innere Erstreaktion gibt eine Hilfe: Erschrecken und Gedanken wie „Auweia; das geht schief!“ machen die Entscheidung klar – am besten direkt ansprechen: „Nimm deine Hand ans Bremsseil. Wenn dein Partner fällt, erwischst du es sonst nicht mehr.“

 

Wann SOLL eine Intervention sein?

„Muss“-Interventionen sind in Kletterhallen selten und fallen nicht unbedingt schwer, da die Unfallgefahr drastisch vor Augen steht. Schwieriger handzuhaben sind Fehler, bei denen die innere Erstreaktion des Beobachters heißt: „Das geht irgendwann schief.“

 

Beispiele für Fehler, die bei Sturz im ungünstigen Moment wahrscheinlich oder auf lange Sicht zum Unfall führen:

  • Wiederholtes Führen der Bremshand nach oben beim Tube-Sichern.
  • Wiederholtes übermäßiges Schlappseil mit der Gefahr eines Bodensturzes.
  • Ungünstige Wahl des Sicherungsstandorts.

Werden solche Fehler im ungünstigen Moment gemacht, ist ein Unfall möglich; er ist sogar wahrscheinlich, wenn sie regelmäßig begangen werden. Typischerweise führten diese Fehler bisher auch nicht zu Problemen. Es muss nicht unmittelbar eingegriffen werden, allerdings sollten diese Fehler auf lange Sicht nicht unkommentiert bleiben.

 

Wie gebe ich die Rückmeldung?

Entscheidet sich ein Außenstehender für eine Rückmeldung, schlagen wir folgendes Vorgehen vor:
Wann?
Eine Rückmeldung wird am besten zügig nach dem Fehler gegeben, aber erst wenn beide Kletterpartner am Boden stehen und der Klettervorgang abgeschlossen ist.
Wie vorbereiten?
Hier kommt es auf Fingerspitzengefühl und Courage an, um Gesichtsverlust und Bloßstellung zu vermeiden. Man sollte gezielt auf die Seilschaft zugehen – sie sollte aus den Augenwinkeln erkennen können, dass sie gemeint ist –, in respektvollem Abstand innehalten und einen Moment warten. Hat die Seilschaft bemerkt, dass jemand was von ihr will, wird ein Seilschaftsmitglied Augenkontakt herstellen. Dieser Moment sollte abgewartet werden, da dann die Kontaktaufnahme auch in den Händen der Seilschaft liegt. Nun kann man beginnen, möglichst gelassen, freundlich und ernsthaft: „Ich möchte euch was sagen … / Ich möchte euch einen Tipp geben … / Ich habe dir beim Sichern zugesehen und da ist mir aufgefallen …“
Wie formulieren?
Wie im Kasten „So funktioniert die Rückmeldung“ gezeigt, ist es sinnvoll, mit der eigenen Wahrnehmung/Beobachtung einzusteigen. Dann beschreibt man das empfohlene, „korrekte“ Verhalten – und gibt die Begründung dazu. Manchmal kann die Situation eine andere Abfolge nahelegen. Damit ist die Rückmeldung im Kern abgeschlossen. Die Reaktionen der Seilschaft können von: „Danke, das wusste ich gar nicht“ bis zu offener Ablehnung reichen. Gerade bei absehbarer Ablehnung halten wir ein klares Ziel und eine gute innere Haltung für wichtig, um den psychischen Aufwand einer Rückmeldung auf sich zu nehmen.

 

Was will ich mit der Rückmeldung?

Hierzu kann es helfen, sich als Ziel zu vergegenwärtigen, dass man überhaupt die Rückmeldung gibt – nicht dass der Adressat sofort sein Verhalten ändert. Schließlich bin ich nicht die Hallenaufsicht, sondern nur ein Mitmensch in der Kletterhalle. Für eine gute innere Haltung sind uns folgende Aspekte wichtig:

  • Niemand will schlecht sichern: Wir müssen davon ausgehen, dass eine Person im Moment des Fehlers nicht davon ausgeht, dass dieser Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. Walter Britschgi hat hierfür den Begriff „Unschuldsform“ gewählt. Mutwillige Selbst- oder Fremdgefährdung ist sicher die absolute Ausnahme.
  • Kletterhallen sind kein Ort der Selbst- und Fremdgefährdung: Bodenstürze aus größerer Höhe oder Zusammenstöße von Personen durch schlechtes Sichern sind beim Klettern in Hallen nicht hinnehmbar. Verhalten, das hierzu führt, ist kein Kavaliersdelikt und unerwünscht. Eine Rückmeldekultur dokumentiert diesen Anspruch nach außen.
  • Fehlertoleranz: Abweichungen von sicherungsbezogenen Verhaltensstandards sind oft nicht klar unfallträchtig. Sie sind also kein zwingender Auslöser für eine Rückmeldung. Rückmeldende dürfen fehlerfreundlich denken. Aber: Sie müssen sich sehr gut auskennen.
 

  • Ein Kletterer ist frei, eine Rückmeldung zu geben: Kletterer in Hallen klettern und sichern eigenverantwortlich, die Halle stellt ihnen dazu einen Raum bereit. Kletterhallenbetreiber sollen ein Auge auf das Kletter- und Sicherungsgeschehen in der Halle haben, aber nicht überwachen; dies würde die Eigenverantwortlichkeit in diesem Raum beenden. Also soll auch ein Hallenbesucher nicht den „Sheriff“ spielen. Er ist frei, eine Rückmeldung zu geben oder sie zu unterlassen. Diese Entscheidungshoheit hat ihre Grenze bei absehbaren Unfallgefährdungen.
  • Sender und Empfänger einer Rückmeldung begegnen sich auf Augenhöhe (s. Abb.): Der Sender unterstellt dem Empfänger Kompetenz oder Lernwillen und die Motivation, seine Sache gut zu machen. Er geht von einem gemeinsamen Interesse aus: gut zu sichern als Basis für gutes Klettern. Der Sender beginnt seine Rückmeldung mit der Bereitschaft zum Dialog auf mitmenschlicher Ebene.
 

Die Rückmeldung wird abgelehnt...

Falls dies passiert, halten wir es für das Beste, wenn der Sender sich zügig aus dem Gespräch zurückzieht. Gerade Kletterer, die sich für erfahren halten, können Rückmeldungen als unnötig oder übertrieben zurückweisen. Ein Sender wird eine Diskussion, bei der es zum Schluss nur um Rechthaben geht, nicht gewinnen, er darf aber bei seiner Einschätzung des Fehlers bleiben. Bei Wiederholungen grober Fehler bleibt ohnehin nur der Weg zur Hallenaufsicht. Besonders schwierig kann es mit Rückmeldungen im „Nahbereich“ werden, also bei Kletterkumpels. Hier ist man nicht nur auf verbale Rückmeldungen angewiesen, man kann auch indirekte Hinweise geben: So kann es vielleicht helfen, beim Kumpel, der gern zu viel Schlappseil gibt, auf dessen Schlappseil zu blicken und dort einen Moment zu verweilen. Oder auf Dritte hinzuweisen, die gerade mit Schlappseil sichern. Direkt ansprechen kann man das Problem dann immer noch.

 

Lasst es uns versuchen!

Natürlich wünscht sich ein Kletterer, der bei anderen eingreift, Einsicht und Verhaltensänderung. Dies jedoch liegt nicht in seiner Hand. Auch wenn der Rückmeldende sich erfolglos aus dem Gespräch zurückziehen muss, eines hat er erreicht: Er hat die Rückmeldung gegeben. Und nur die gegebene Rückmeldung kann sich auswirken, nicht die unterlassene.