In der frischen Luft durch die Natur ziehen, auf dem Gipfel stehen und das Panorama genießen: wie wichtig sind solche Erlebnisse für Körper und Geist, in jedem Alter. Das möchte auch die Wandergruppe Berge und Sport (BuS), ein Outdoor-Projekt der Sektion Kaufbeuren-Gablonz, vielen Senior*innen bieten. An einem Samstag im Monat gehen 40 bis 50 Senior*innen im Alter von 60 bis 90 Jahren auf Tour. Und das bei jedem Wetter. Elf Tagestouren im Jahr finden statt, der Dezember ist dem Weihnachtsgruppenabend vorbehalten. Der Clou: Es gibt pro Tour drei Varianten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Die Idee ging auf, die Resonanz war und ist groß. Mittlerweile besteht die Gruppe seit fast 40 Jahren, einige Teilnehmer*innen sind schon 30 Jahre dabei.
Beate Schak und Alexander Bartsch übernehmen ab 2027 die Leitung des Projekts. Sie geben Einblicke in das Projekt und erklären, worauf es dabei ankommt.
1. Etwas tun gegen die Einsamkeit
Wandern ist das eine, aber vielen Senior*innen ist die Gemeinschaft am allerwichtigsten. Ältere Menschen fühlen sich in unserer Gesellschaft oft einsam. Neben den sportlichen und gesundheitlichen Aspekten sollte die Seniorengruppe darauf ausgerichtet sein, soziale Kontakte zu fördern. „Bei uns sind viele verwitwete Personen dabei“, erzählt Alexander. „Auch ich fand es anfangs toll, einfach mit im Bus zu sitzen und das Zusammensein zu genießen“, sagt Beate. „Man wird gleich aufgenommen. Jeder redet mit einem, erzählt, wo er schon war. Man hat ja ein gemeinsames Hobby!“
Bei uns sind viele verwitwete Personen dabei.
Möglichkeiten, sich zu begegnen, gibt es nicht nur auf Tour und im Bus: „Für viele ist der Gruppenabend, der einmal im Monat stattfindet, das eigentliche Highlight“, berichtet Alexander. „Da gibt es nicht nur Getränke“, fügt Beate hinzu, „sondern auch ein extra Programm, Gedichte werden vorgetragen oder es wird gemeinsam gesungen.“ In Kaufbeuren hat sich ein eigenes Orgateam für das monatliche Event zusammengefunden und kümmert sich darum, dass jeder Abend ein Erfolg wird.
2. Für jedes Leistungsniveau ein Erlebnis bieten
Das Konzept von „BuS“ wurde im Laufe der Jahre immer weiter ausgereift. Die wichtigste Innovation: An jedem Wandertag werden drei Touren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden angeboten. Start und Ziel sind in der Regel identisch. Die Teilnehmenden können sich eine Tour aussuchen, die ihren Fähigkeiten und der Tagesform entspricht. „Gruppe eins ist die leistungsstärkste, in zwei sind die mittleren und in drei unsere ältesten Herrschaften“, erklärt Alexander. Die sportlichen absolvieren bis zu 700 Höhenmeter, in den Gruppen zwei und drei dann eher 3 bis 500. Bis zu vier Wanderleiter*innen begleiten die Teilnehmenden. Die größte Gruppe wird von zwei Führer*innen betreut, wobei eine*r davon am Ende läuft.
Das Programm wird vorab an den Gruppenabenden vorgestellt, damit sich jede*r einschätzen und einteilen kann. Allen Gruppen gerecht zu werden, ist eine große Herausforderung. „Am schwierigsten ist es für uns, etwas für die Gruppe drei zu finden. Denn auch denen möchten wir ein tolles Erlebnis bieten.“ Oftmals wählen sie Touren mit Seilbahnunterstützung aus. „Bei unserer letzten Tour hatten wir sogar 450 Höhenmeter und eine Strecke von fünf Kilometern. Das war viel, aber alle sind tapfer raufgelaufen, in vier bis fünf Stunden mit Pausen. Alle waren mordsstolz auf sich, haben oben die Einkehr genossen und sind zufrieden mit der Bahn heruntergefahren“, erzählt Beate. „Die Fitten haben in der Zeit zum Teil noch zwei Gipfel mitgenommen. Damit haben wir für alle ein gelungenes Erlebnis geschaffen.“
Die meisten können sich selbst gut einschätzen.
Ordnen sich denn alle immer der richtigen Gruppe zu? Überschätzt sich nicht mal jemand? „Dann nehmen wir die Person zur Seite, um sie nicht bloßzustellen, sprechen mit ihr auf Augenhöhe und empfehlen eine leichtere Tour.“ Die meisten aber können sich gut einschätzen. „Die gehen eher eine Stufe runter, weil sie sagen: Boah, ich habe heute Kopfweh oder schlecht geschlafen“, sagt Beate. „Das Besondere ist ja, sie können während der Busfahrt noch einmal entscheiden, in welcher Gruppe sie gehen möchten“, ergänzt Alexander.
3. Zeit und Herzblut in die Planung investieren
Um ein solch ausgeklügeltes Programm zu bieten, ist viel Vorbereitung notwendig. Pro Tour benötigt man dafür mindestens einen ganzen Tag, vielleicht auch zwei. „Also im Prinzip läufst du jede Tour zweimal“, erklärt Alexander. „Das ist schon ein hoher Zeitaufwand“, gibt er zu bedenken. „Wir wollen ja eine gewisse Qualität bieten.“
Wenn Beate privat durch die Berge geht, fragt sie sich immer: Kann ich aus dieser Tour vielleicht etwas für die Gruppe machen? Gibt es noch zwei einfachere Wege? Wo parkt der Bus, wo kehren wir ein? Gerade letzter Punkt ist oft schwierig. „Es gibt in den Dörfern meist bloß ein einziges Lokal. Und dann muss jemand fünfzig Leute auf einen Schlag bewirten, oft nachmittags zwischen zwei und drei, wo eigentlich geschlossen ist“, berichtet Beate. Auch deshalb startet die Planung bereits ein Jahr vorher. Hin und wieder nehmen die beiden dann „Testpersonen“ mit. „Da kriegt man dann Feedback, für welche Gruppe der Weg geeignet ist.“ Um dies zu überprüfen, fährt sie sogar zwei- oder dreimal hin. Kann man diesen Aufwand überhaupt leisten? „Das ist halt das, was ich gern mache“, betont sie. „Bei der Planungstour nimmt man auch mal einen Gipfel mit, den man mit den anderen nicht machen kann. Man hat sein eigenes Ding gemacht, aber gleichzeitig etwas für die Gruppe. Also: Es ist nicht so furchtbar.“ Um alle Touren des gesamten Jahresprogramms sicherzustellen, greifen Beate und Alexander auf einen Pool von sieben bis acht Wanderleiter*innen zurück.
Das ist halt das, was ich gern mache!
4. Highlights bieten: Wanderreise
Die Seniorengruppe BuS bietet nicht nur Tagestouren an. Einmal im Jahr gibt es eine mehrtägige Reise mit Wandertouren von einem festen Standort aus. Bisher ging es mal in den Bayerischen Wald, die Pfalz, ins Zittauer Gebirge, auf die Seiser Alm oder an den Gardasee. „Das ist natürlich ein noch höherer Aufwand an Orga. Du fährst in ein mögliches Gebiet, erkundest es, testest die Wanderwege“, erzählt Alexander. „Und da kommt dann noch ein bisschen Kultur dazu, Stadtführungen, Museumsbesuche, eine Dampflokfahrt oder so.“ Um eine solche Wanderreise zu planen, werden meistens fünf Tage bis eine ganze Woche benötigt. Denn auch hier müssen ja alle Strecken mit ihren Variationen abgelaufen werden.
5. Einen Bus chartern
Die Anfahrt mit dem extra gemieteten Reisebus ist ein fester Programmpunkt am Wandertag. „Wir haben den Bus für das ganze Jahr an festen Terminen gebucht. Kurzfristig kriegst du das nicht hin“, erklärt Beate. Die Anreise im Bus ist nicht nur das erste Gemeinschaftserlebnis der Tour, sie ist auch umweltfreundlicher als die Fahrt mit dem Auto. So unterstützt das Projekt die Sektion auf dem Weg zur Klimaneutralität. Ein Vorteil ist auch, dass die Finanzierung dann besser geplant werden kann und die Gebühren für die Teilnehmenden schon vorher feststehen.
Die Zahl der Teilnehmer*innen ist auf die fünfzig Sitzplätze im Bus begrenzt. Dieser kann die Teilnehmenden an einem Startpunkt absetzen und auch von anderen Zielpunkten abholen. So werden auch Überschreitungen möglich, wie zum Beispiel die kürzlich absolvierte Hörner-Panorama-Tour. Für Alexander ein klarer Vorteil: „Da muss man sich dann keine Sorgen machen, wie man wieder zum Ausgangspunkt zurückkommt.“
6. Flexibel bei der Durchführung bleiben
„Wir wandern bei jedem Wetter“, berichtet Alexander stolz. „In den vergangenen Jahrzehnten ist die Tour nur einmal wegen Corona und einmal wegen einer Schneekatastrophe ausgefallen, als die Autobahn nicht geräumt werden konnte. Die Busfahrerin war erleichtert: Gott sei Dank habt ihr abgesagt!“
Bei dickem Nebel jagen wir niemanden auf einen tollen Aussichtsberg.
Auch wenn es in Strömen regnet, lässt sich etwas unternehmen. „Dann macht man halt eine andere Tour“, sagt Beate. „Also bei dickem Nebel jagen wir niemanden auf einen tollen Aussichtsberg.“ Es empfiehlt sich also, immer einen Plan B in der Tasche zu haben. Und die eigentlich geplante Tour wird eben nachgeholt.
Nicht nur das Wetter kann die Pläne vermasseln. „Bei unserer nächsten Tour ist die Seilbahn jetzt wegen Wartung außer Betrieb. Das kann man ein Jahr vorher nicht wissen.“ Also wird kurzfristig umdisponiert. „Ob eine Tour genauso wie gedacht stattfindet, ist eben nie ganz sicher“, gibt Alexander zu bedenken.
7. Mut zum Unperfekten haben
Außerdem, muss immer alles perfekt sein? Beate erinnert sich: „Wir sind mal in einen dicken Regenschauer gekommen, der Bach ist über die Ufer getreten und ich dachte nur: Um Gottes willen, was tue ich den Leuten da an?! Aber im Nachhinein ist das eines der Highlights des Jahres gewesen, sowas hatte noch keiner erlebt.“ Auch ein Gewitter im Gebirge wurde zu einer eindrücklichen Erfahrung, die am Ende niemand missen wollte: „Es war zwar gruselig, wir waren nass bis auf die Unterhose, mussten die Schuhe ausschütten. Und trotzdem war es einfach toll.“ Denn viele hatten noch nie ein solches Gewitter im Gebirge erlebt. Einmal gab es am Rottach-See zwanzig Zentimeter Neuschnee, der Weg war zugeschneit und nicht mehr zu finden. „Wir mussten unter Stacheldraht hindurch krabbeln und der Bus konnte nicht zum geplanten Parkplatz fahren. Das war eigentlich alles furchtbar - aber irgendwie auch lustig.“ Das ist zum Credo der Gruppe geworden: Alle machen immer das Beste draus, egal was passiert.
8. Für den Notfall gewappnet sein
Klar: Die Tour ist dann gelungen, wenn alle gesund und munter wieder nach Hause fahren können. Es passiert zwar nur sehr selten etwas, das bleibt aber leider nicht aus. „Wir mussten mal einen Hubschrauber kommen lassen wegen einem Oberarmbruch. So etwas ist natürlich sehr fordernd“, berichtet Beate. Gut, wenn die Gruppe in solchen Momenten zusammensteht: „Alle versuchen zu helfen, bringen alles mit was sie dabeihaben. Und keiner nörgelt, weil man jetzt warten muss, sondern jeder hat Verständnis und macht halt Pause. Das ist wirklich ganz toll.“
Um solche Situationen zu vermindern, ist es wichtig darauf zu achten, dass sich alle richtig eingruppiert haben. „Wir müssen als Wanderleiter nicht nur die Berge, sondern auch die Leute richtig einschätzen“, erklärt Alexander. Für den Ernstfall braucht man eine Erste-Hilfe-Schulung, die zu den Voraussetzungen bei der Ausbildung zur Wanderleiter*in gehört. Besonders über internistische Notfälle muss man Bescheid wissen. „Knochenbrüche waren bei uns sehr selten. Viel häufiger sind Teilnehmende erschöpft, haben zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, die Tabletten nicht genommen. Oder es kommt raus, dass sie Diabetes haben.“ Ganz wichtig: Die Wanderleitung muss immer eine Fitnessreserve übrighaben. „Ich muss eine Tour so planen, dass ich immer noch eine Schippe Kondition drauflegen kann. Wenn die Tour für mich schon im roten Bereich ist, wird das bei einem Unfall zum Problem“, erklärt Alexander. Deshalb macht selbst die Gruppe eins auch keine Touren mit 1000 Höhenmetern.
Ich muss eine Tour so planen, dass ich immer noch eine Schippe Kondition drauflegen kann.
9. Durch Feedback dazulernen
Damit man sich immer verbessern kann, ist ein offenes Ohr für Kritik und Feedback wichtig. Natürlich tut Lob gut. „Bei einer meiner ersten Touren, die ich geführt habe, sagte auf dem Gipfel eine Teilnehmerin zu mir: Ich hätte nie geglaubt, dass ich das noch kann", erzählt Beate. "Vor genau einem Jahr war meine Chemotherapie zu Ende und ich dachte, ich kann nie wieder auf einen Berg gehen."
Wenn Beate und Alexander nach der Tour in den Bus einsteigen, spüren sie gleich die Vibes. „Man blickt dann in zufriedene Gesichter und hört einzelne Stimmen: Mensch toll, ich war in den Bergen, ich habe was körperlich gemacht, wir haben uns super unterhalten, leckeren Kaiserschmarrn auf der Alm gegessen und, und, und. Wir bieten ebenso ein Gesamtwohlfühlpaket.“ Dann bekommen sie nicht selten einen dicken Applaus. „Wie bei Künstlern auf der Bühne ist der Applaus für uns der Lohn des Tages“, findet Alexander.
Wenn die Tour zu schwer war, wünschen wir uns, dass uns das jemand auch sagt.
Aber auch unterwegs am Berg haben sie immer ein offenes Ohr, um die Stimmung einzufangen. Negative Rückmeldungen helfen dabei, das Programm beim nächsten Mal zu verbessern. Wenn zum Beispiel die Tour zu schwer war, „wünschen wir uns, dass uns das jemand auch sagt. Kritik nehmen wir immer an“, betont Alexander. Andererseits: Es ist ein Ehrenamt, das muss allen klar sein. „Natürlich gibt es auch so Menschentypen, die nörgeln an allem herum. Die muss man behutsam auf die Seite nehmen und ihnen mal ein bisschen die Leviten lesen. Aber dann ist schnell auch alles wieder gut.“
10. Ein Finanzierungskonzept entwickeln
Wie wird das Projekt finanziert? Alle Kosten zu beziffern ist nicht leicht. Besonders bei der Planung stecken viele private Ausgaben dahinter, die man nicht 1:1 einrechnen kann.
Bei BuS stehen ungefähr 100 Leute auf einer festen Liste. Nicht alle gehen bei allen Terminen mit, aber mit dieser Zahl ist es in der Regel möglich, den Reisebus am Wandertag voll zu kriegen. „Das Allerwichtigste ist, dass ich genug Leute habe. Der Bus kostet uns sechs- bis achthundert Euro pro Tag. Wenn dann nur zehn mitfahren würden, hätte ich ein Problem“, erklärt Beate. „Das Geld muss ich wieder reinkriegen und ich kann ja nicht fünfzig Euro für die Busfahrt verlangen.“ Momentan zahlen die Teilnehmer*innen 20 Euro. Ob man damit durchs nächste Jahr kommt? „Wir sind noch auf der Suche nach sonstigen Einnahmequellen.“ So wird auch an den Gruppenabenden etwas Geld über den Getränkeverkauf eingenommen. „Wir haben aber keine Kneipenpreise: Wasser oder Bier wird vergünstigt angeboten. Daran bereichern wir uns nicht, das kommt alles in die Kasse.“ Auch die Mehrtagestouren werden damit finanziell unterstützt. „Dann können wir zum Beispiel sagen, die Dampflokfahrt, die machen wir jetzt mit dem Überschuss.“
Lust, eine Wandergruppe für Senior*innen aufzubauen?
Dann nichts wie los. Und wenn noch weitere Fragen auftauchen: „Wir zwei stehen gern mit Rat und Tat zur Seite“, bieten Beate und Alexander an.
Kontakt: beate.schak@t-online.de, alexander.bartsch@alpenverein-kaufbeuren-gablonz.de
Geschichte der Gruppe „Berge und Sport (BuS)“
Die Anfänge der Seniorengruppe gehen zurück auf das Jahr 1991. Dankmar Hoffmann übernahm gemeinsam mit seiner Frau Karin und Erich Zenkner die Leitung der Wandergruppe der DAV-Sektion Gablonz von Hans Müller. Sie entwickelten das bis heute erfolgreiche Konzept, Touren in zwei bis drei Leistungsgruppen anzubieten. „Karin hat sogar selbst Kuchen gebacken und sie haben Kaffee in riesigen Thermoskannen mitgeschleppt. Damals war das gastronomische Angebot noch nicht so gut ausgebaut“, erzählt Alexander. Die Organisation der regelmäßigen Gruppenabende lag in Erich Zenkners Händen. Das Angebot war von Anfang an so attraktiv, dass sich über die Jahre hinweg rund einhundert Mitglieder anschlossen. Auch nach der Fusion der Sektionen Kaufbeuren und Gablonz im Jahr 2008 zur Sektion Kaufbeuren-Gablonz engagierten sich Dankmar und Karin Hoffmann bis 2019, organisierten und begleiteten unzählige Bergfahrten. „Die haben da sehr viel private Zeit reingesteckt“, sagt Alexander. „Und wenn jemand das mit Herzblut macht, dann schwappt das auch auf die Teilnehmer über und alle gehen gerne mit.“ Danach übernahmen Rudolf und Sonja Eiben die Leitung der Gruppe, die von Dankmar Hoffmann über die Jahre „angelernt“ wurden. Aufgrund ihres Alters ziehen sich beide nun etwas zurück und geben ab 2027 die Organisation an Beate Schak und Alexander Bartsch ab.