Auch Markus Wagner hatte eigentlich gar nicht vor, Wegereferent zu werden. Der Lehrer half sporadisch bei Wegebauprojekten um die Otto-Mayr-Hütte in den Tannheimer Bergen mit. Als es in der Sektion Augsburg hieß, die Stelle des Verantwortlichen müsse neu besetzt werden, „hielt ich erst einmal die Füße still, weil ich dachte, das können andere besser“. Aber dann hatte niemand Zeit dafür, „und ich habe gesagt, dann mache ich das eben!“. Anfangs war es richtig fordernd, da ihm ein handwerklicher Background fehlte. Und wie es dann halt so ist: Einiges ging schief. Als die Stufen, im Vorjahr angelegt, schon wieder verrutscht waren. Oder man auf dem Pfad im Matsch stand, weil sich der kleine Bach überraschend eine neue Richtung suchte. Aber Markus lernte schnell dazu und die Bauarbeiten wurden mit der Zeit immer professioneller.
An meinem Ehrenamt mag ich: die körperliche Arbeit im Freien, gemeinsam mit anderen in den Bergen zu sein und Pläne erfolgreich umzusetzen.
Manche bekommen schon in Kinderschuhen vermittelt, dass sich unentgeltliche Arbeit lohnt: „Meine Eltern waren beide bei der Freiwilligen Feuerwehr und haben mir vorgelebt, Verantwortung zu übernehmen und sich für andere einzusetzen“, erzählt Nicole Spindler. Nach einigen Jahren in den Bergen sagte ihr Kletterpartner, selbst Trainer beim DAV: „Nicole, du hast einen guten Blick dafür. Möchtest du nicht beim Alpenverein etwas anbieten? Die suchen doch immer Leute.“ Zunächst hieß es dann aus der Sektion Stuttgart, es gäbe gar keinen Bedarf. „Doch irgendwann hat jemand noch einmal genauer in die Liste geschaut und festgestellt: Im Trainerteam fürs Alpinklettern haben wir gar keine Frau.“ Und Nicole durfte die Ausbildung machen. So verbindet sie heute „das, was mir ohnehin Freude macht“ mit ihrem Ehrenamt.
Ich mache mein Ehrenamt … aus Leidenschaft, besonders weil es vielseitig und aufregend ist.
Kai-Uwe zog aufgrund einer neuen Stelle nach Dresden und suchte Anschluss in der noch fremden Stadt. „Ich wollte mich vernetzen, Leute mit ähnlichen Interessen kennenlernen – einfach mal gucken, wie die Menschen hier so ticken.“ DAV-Mitglied war er schon. Ob er sich nicht in der Sektion irgendwo nützlich machen könnte? Vielleicht als Kassenprüfer oder so? Als der Vor-tand von seinem Beruf erfuhr, war die Sache klar: Die unbesetzte Stelle des Naturschutzreferenten schien dem promovierten Biologen wie auf den Leib geschnitten.
So vielfältig ist die Motivation
Vielen ist das Gemeinschaftserlebnis, die Leidenschaft für die Berge mit anderen zu teilen, am allerwichtigsten. Aber auch, Lernfortschritte anderer zu beobachten, macht vielen Freude. Für Nicole ist das „einer der wichtigsten Punkte: Ich kann etwas weitergeben, das mir selbst sehr viel bedeutet. Es ist schön zu sehen, wenn jemand durch den Kurs selbstständiger wird, mehr Vertrauen gewinnt und am Ende Dinge kann, die er oder sie sich vorher vielleicht noch nicht zugetraut hat.“ Und wenn Jörg mit seiner Familiengruppe unterwegs ist, macht es ihm „wahnsinnig viel Spaß zu sehen, wie die Kinder besser und trittsicherer werden, wie sie ein Feeling für die Berge bekommen“. Für ihn ist klar: „Da kommt viel mehr zurück, als man an Organisation hineinsteckt.“
Sandra Schürmann betreut in der Sektion Duisburg neben einer Klettergruppe für Erwachsene auch das inklusive Projekt „4ALL“ – mit viel Herzblut: „Wenn du die Menschen siehst, die wir am Seil haben, wie sie lachen und schon strahlen, wenn sie zu uns kommen, kannst du das nur lieben.“
Zwischen Freud und Leid
Dass das Team trotz der unterschiedlichen Charaktere so gut zusammenarbeitet, schätzt Sandra besonders: „Wir sind als Team genauso vielfältig wie das, was wir machen. Das ist total bereichernd, weil wir ganz unterschiedliche Sichtweisen, Fähigkeiten und Interessen zusammenbringen. Wir sind gemeinsam an unseren Aufgaben gewachsen und haben uns dadurch gefunden.“ Dieses Team blieb auch stabil, als Sandra selbst harte Zeiten durchmachte: „Ich hatte 2019/20 eine schwere Erkrankung und überlegt, ob ich das Ganze jetzt ad acta legen und mich zumindest aus dem Organisatorischen rausziehen muss. Aber ich wollte nicht weg, habe nur pausiert. Und die anderen haben mich immer wieder aufgenommen. Das zeichnet ein Team aus. Es ist gut für den Austausch und die Qualität, aber auch für Ausfälle und Redundanzen.“
Mein Ehrenamt ist ... geprägt durch Liebe, Lachen und ganz viel Toleranz.
Auch Kai-Uwe hat sich ein eigenes Team aufgebaut. Er gründete eine Umweltgruppe – „damit Interessierte im Verein die Möglichkeit haben, sich bei Umweltthemen einzubringen, gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren, bei der CO2-Bilanzierung zu unterstützen.“ Letztere ist für ihn nicht immer eine Quelle der Freude, sein großer Einsatz bleibt oft unsichtbar. Und nicht zuletzt hält er ihn von draußen fern. „Natürlich bin ich deutlich lieber mit anderen in der Natur unterwegs, als am Schreibtisch zu sitzen.“ Auf seinen Touren gibt er gerne Wissen über Natur und Umwelt weiter. Und setzt sich in seiner Sektion mit Nachdruck für Anreisen mit den Öffis ein.
Man wächst an seinen Aufgaben
Was immer wieder deutlich wird: Mit einem Ehrenamt beim DAV übernimmt man viel Verantwortung. Und die kann auch mal schwer auf den Schultern lasten. „Das darf man nicht unterschätzen“, findet Nicole. „Wenn man mit Menschen unterwegs ist, die weniger Erfahrung haben, muss man besonders aufmerksam sein. Beim Wandern oder Bergsteigen gilt das schon – beim Alpinklettern wird das aber noch einmal intensiver.“ Auch wenn Markus mit seinem Wegebau- Team in die Berge zieht, ist er voll und ganz gefordert: „Ich kann nicht einfach sagen, heute machen wir dies und das und dann geht es los. Vielmehr bin ich der Kopf, der für zwanzig Leute mitdenken muss. Das ist immer wieder anstrengend und eine Herausforderung.“ Die gute Nachricht: In der Regel wird alles mit der Zeit leichter, routinierter. Am Anfang machte Jörg sich sehr viel Druck: „Ich dachte, ich hätte irgendwie eine Bringschuld. Und habe mir einen Kopf darüber gemacht, ob jetzt alles richtig organisiert ist. Was mache ich nur, wenn die Kinder sich langweilen? Mittlerweile fahren wir einfach auf die Hütte und haben gar keinen Plan. Und es funktioniert super. Man lässt die Orga auf das notwendige Minimum absinken.“
Mein Ehrenamt ist: gewinnbringend, manchmal anstrengend und es macht unglaublich viel Spaß.
Klar ist: Alle legen sich mächtig ins Zeug. Und viele wachsen in ihr Ehrenamt immer mehr hinein. Manche so sehr, dass sie sich schließlich weitere Aufgaben und Ämter zutrauen. Jörg ist über seine Gruppe hinaus Mitglied in der Kommission Familienbergsteigen. Kai-Uwe wurde in den Präsidialausschuss Natur und Umwelt aufgenommen und absolvierte noch Ausbildungen bis zum Übungsleiter B „Bergwandern in der Prävention“. Für Sonja Haug führte der Weg vom Mitglied über Trainerin bis zur Ersten Vorsitzenden. Das lief nicht immer glatt, sie hatte auch zu kämpfen, nicht zuletzt als Frau. Denn die Vereinsleitung übernehmen immer noch überwiegend Männer. „Frauen müssen sich trauen“, weiß sie aus Erfahrung. Das spürte sie in vielen Situationen: „Mein Mann wird gefragt, ob er in den Vorstand möchte. Ich sitze direkt daneben. Und mich fragt keiner?! Also sagte ich einfach: Ich mache das.“ Nun ist sie in der Sektion Mainz die erste Frau als Vorsitzende – seit 140 Jahren Vereinsgeschichte. „Da schwingt durchaus ein gewisser Stolz mit“, lächelt sie.
Mein Ehrenamt ist: cool, herausfordernd und ich weiß, dass ich es kann.
Work-Life-Ehrenamt-Balance
Bei so viel Engagement fragt man sich: Wird das nicht auch mal zu viel? „Ich höre schon öfter: Boah, wie machst du das alles?“, erzählt Jörg. „Das überrascht mich immer wieder. Also, vielleicht hat jemand wirklich einen sehr stressigen Job. Aber oft denke ich mir: In der Zeit, in der andere auf der Couch liegen, mache ich halt was anderes.“ Er hat außerdem Glück, seine Arbeitszeit recht frei einteilen zu können. „Ich bin im Deutschen Patent- und Markenamt. Das ist super vereinbar mit Beruf und Familie, weil wir reine Aktenarbeit haben. Und ob ich die jetzt gleich bearbeite oder samstagfrüh um sechs, das spielt keine Rolle.“ Auch bei Nicole funktioniert die Kombination von Ehrenamt und Beruf sehr gut. „Ich arbeite bei einer Krankenkasse im Politikbereich. Dort gibt es immer wieder Arbeitsspitzen, aber auch Phasen, in denen weniger los ist. Die DAV-Kurse werden meistens ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus geplant und ich kann frühzeitig schauen, welche Termine für mich passen.“ Manche kommen allerdings auf überraschend viele Stunden im Ehrenamt: Bei Markus sind es 320 im Jahr. „Aber ich muss nicht jede Woche irgendwohin und irgendwas machen. Es gibt immer wieder punktuell Momente, wo viel zu tun ist, die viel Energie und viel Zeit fordern. Aber dann passiert auch mal lange Zeit wenig.“ Außerdem, Arbeit hin oder her, er liebt es einfach, in den Bergen zu sein und empfindet dabei keine lästige Pflichterfüllung. Damit steht er nicht allein da.
Ehrenamt muss Spaß machen
Andererseits: Wenn es zu viel wird, muss man auch abgeben können. Wie schwer dies auch fallen mag. „Ich habe lange damit gerungen“, erzählt Sandra. „Letztlich bin ich von der Leitung der Klettergruppe zurückgetreten. Das war ein schwieriger Prozess, aber es ist wichtig, sich selbst richtig einzusortieren und zu lernen, wann man zurückstecken muss.“ Gut, wenn es dann Rückhalt vom Team gibt: „Was ich besonders schätze, sind Menschen, die mir nachsehen, wenn ich mal nicht gut drauf bin.“ Auch Sonja musste ihren Einsatz reduzieren: „Seit ich Erste Vorsitzende bin, sind die Kletterkurse ein bisschen seltener geworden. Da muss man irgendwann auch mal klare Kante zeigen und sagen, das ist mir too much.“ Sie kommt auf die hohe Summe von ungefähr zehn Stunden fürs Ehrenamt in der Woche. Glücklicherweise ist sie stressresistent: „Wenn ich merke, jetzt passt das alles nicht mehr, setze ich mich hin und tue nichts. Und habe dann auch nicht das Gefühl, die Arbeit wächst mir über den Kopf.“ Die vier Teilzeitkräfte in der Geschäftsstelle können ihr außerdem einiges abnehmen. „Also ohne das Hauptamt könnte man das nicht machen“, gibt sie zu bedenken. Aus Selbstschutz setzt sie klare Prioritäten: „Wenn der eigene Bergsport nicht mehr möglich ist, dann ist auch mit diesem Ehrenamt Schluss.“
An meinem Ehrenamt schätze ich … die Gemeinschaft und dass ich meine Neugier mit anderen teilen und Wissen vermitteln kann.
Was würden die Engagierten anderen raten, die mit einem Ehrenamt liebäugeln? „Ich würde es auf jeden Fall machen. Aber man sollte sich immer bewusst sein, dass es nur ein Ehrenamt ist. Ganz wichtig: Es darf nicht dominieren“, meint Markus. Ähnlich sieht es Nicole: „Im Alltag gibt es ohnehin genug Dinge, zu denen man sich aufraffen muss. Ein Ehrenamt sollte keine zusätzliche Pflicht sein.“ Man müsse die Arbeit im Team mögen, es schätzen, „sich gegenseitig zu unterstützen, anderen zu helfen. Dann ist eigentlich jeder willkommen“, wirft Kai-Uwe ein. Sandra schlägt vor, gleich gemeinsam mit Menschen zu starten, „mit denen man sehr gerne zusammen ist. Man muss nicht unbedingt eng befreundet sein, aber die Dinge, die man im Ehrenamt machen möchte, gerne miteinander teilen.“ Um ein Ehrenamt zu finden, das am Ende passt, sollte man klein anfangen und sich etwas Zeit nehmen. Auch wenn es bei Jörg von Anfang an super geklappt hat, „man muss ja nicht gleich eine Familiengruppe gründen“, findet er. „Vielleicht bei einer bestehenden Gruppe fragen, ob man mal mitgehen und sich das anschauen darf.“ Er wäre dafür sicherlich offen. Genauso wie Kai-Uwe: „Ich sage einfach: Kommt, schaut über die Schulter, stellt Fragen. Dann eröffnet sich vielleicht etwas ganz Neues, was ihr noch gar nicht auf dem Schirm hattet.“ Und ganz plötzlich ist man vielleicht auch schon „reingestolpert“.
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