Der Aufstieg zieht sich in die Länge. 1050 Höhenmeter wären eigentlich überschaubar, doch der starke Wind kühlt uns nicht nur aus, es kostet auch Kraft, sich bei jedem Schritt gegen ihn zu stemmen und nicht bei einer der vielen Spitzkehren im Gemschtobel das Gleichgewicht zu verlieren. Morgens sah es noch so aus, als würde die Wolkendecke auflockern und die Sonne heraus kommen. Doch kurz nachdem wir – die Ski an den Rucksack geschnallt – die Steilstufe am Fuß des Tobels überwunden hatten, setzte der Wind ein, steigerte sich allmählich zu einem Sturm und blies immer wieder neue Wolken heran.
Im Gegenwind zum Gipfel
Der Aufstieg über die von Felswänden begrenzte Rampe des Gemschtobels ist landschaftlich eindrucksvoll. Schon hier haben wir das riesige Gipfelkreuz auf der Sulzfluh im Blick. Eine Stunde später „hören“ wir es auch: Der Sturm zerrt derart am Kreuz und an den Drahtseilen, mit denen es verankert ist, dass ein ununterbrochenes tiefes Pfeifen ertönt.
Zwei Tage zuvor hat uns ein gut gefülltes Postauto an unseren Ausgangspunkt in St. Antönien Rüti gebracht. Zu unserem ersten Ziel, dem 950 Höhenmeter höher gelegenen Hasenflüeli, führt eine ausgetretene Skispur. Der Berg ist beliebt als Tagestour, die Spur leitet unschwierig an den Beginn des felsigen Gipfelaufbaus, der zu Fuß erstiegen wird. Vom höchsten Punkt blickt man auf die Felsgipfel des Rätikons und den Fast-Dreitausender Schesaplana. Nach einer staubenden Tiefschneeabfahrt nach Litzistafel fallen uns die nochmals fünfhundert Höhenmeter Aufstieg zum Spitzenbüel nicht mehr ganz so leicht. Die gerade richtig aufgefirnte nordseitige Abfahrt bringt uns dann hinunter nach Partnun, wo wir für zwei Nächte im Berghaus Sulzfluh Quartier beziehen.
Ein Dorf, viele Gipfel
St. Antönien bietet eine große Auswahl an Skitouren unterschiedlicher Schwierigkeit, von der einfachen Halbtagestour auf den Eggberg bis zum anspruchsvollen Aufstieg auf die Sulzfluh. Für die nördlicher gelegenen Routen ist eine Unterkunft in Partnun von Vorteil. Die Carschinahütte ist im Winter geschlossen und besitzt seit der Sanierung im Jahr 2025 keinen Winterraum mehr.
St. Antönien ist kein Geheimtipp mehr – vielleicht wegen seines Rufs als schneesicheres Winterziel?
Nach einer tagesfüllenden Runde über den Riedchopf und den Skigipfel des Schollbergs ziehen wir am dritten Tag weiter nach Norden, eben auf die Sulzfluh. Die Zeiten, als man auf den Bergen um St. Antönien, wenn der Schnee sonst überall schon verfahren war, nordseitig noch unverspurten Pulver fand, sind wohl endgültig vorbei. Das sympathische Dorf ist kein Geheimtipp mehr. Vielleicht auch wegen der großen Tourenauswahl von einfach bis ambitioniert, zwei Gipfeln, die auch bei den schlechtesten Verhältnissen noch machbar sind und seinem Ruf als schneesicheres Wintersportziel. Auch sonst stimmt hier einfach sehr viel. Angefangen bei der Anreise – St. Antönien ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar –, bekommt man im kleinen Dorfkern und angesichts der verstreuten Höfe rasch das Gefühl, dass im Tourismus wie in der Landwirtschaft sorgfältig und respektvoll mit der Natur umgegangen wird und Traditionen gelebt und gepflegt werden. Große Investoren von außen haben hier keinen Platz; man will lieber eine bescheidenere Wertschöpfung – dafür aber für die Region. So läuft bis heute in St. Antönien nur ein kurzer Skilift, ideal für Familien und für die Dorfkinder. Der am Bergsport orientierte Tourismus führte dazu, dass es 2021 das erste Schweizer Dorf war, das in die alpenweite Initiative der Bergsteigerdörfer aufgenommen wurde.
Heute leben 219 Menschen in der Walsersiedlung St. Antönien. Um 1330 wanderten die ersten Walser von Davos und Klosters ein und verdrängten Rätoromanen, die ursprünglich das Land nutzten. In der Folge entstand die typisch walserische Streusiedlung aus inzwischen von der Sonne dunkelbraun gebrannten Holzhäusern. Die freien Wiesenhänge rund um das Dorf sind das Ergebnis jahrhundertelanger Bergbauernarbeit. Zeugnisse davon sieht man bis heute: Trockensteinmauern, die ohne Bindemittel aus den in den Wiesen gesammelten Steinen aufgeschichtet wurden, hölzerne Schrägzäune oder auf den Wiesen verteilte Heinzen, hölzerne Pfähle mit drei Quersprossen, die in den Boden eingeschlagen werden, um das Gras zum Trocknen darüber zu hängen. Im Jahr 2010 waren die Heinzen sogar das Thema einer Land-Art-Ausstellung, dem „Heinzensommer“. Zur Walserkultur gehört auch das Walserdeutsch, das im Tal gesprochen wird – hier wird nicht gepicknickt, sondern „gspiislät“, und man wünscht sich keinen schönen, sondern „ä hübschä Tag“.
Vom Lawinental zum Skitourenziel
Dass das Tal bei Skitourenfans so beliebt ist, verwundert, wenn man sich dessen Geschichte vergegenwärtigt. Einst war es als „Lawinental“ verschrien, in den vergangenen dreihundert Jahren forderten Lawinenunglücke mehr als sechzig Menschenleben und töteten jede Menge Nutztiere, ganz abgesehen von den regelmäßig auftretenden Gebäudeschäden. Dass der Schnee, wenn er zu mächtig wurde, auf den großen, steilen Grashängen rund ums Dorf abrutschte, lag nicht zuletzt daran, dass bei der Besiedelung durch die Walser großflächige Rodungen vorgenommen wurden, um Holz und Weideflächen zu gewinnen. Das wurde dem Tal später zum Verhängnis, als Schutzwälder fehlten, um die Lawinen aufzuhalten.
Einst als „Lawinental“ verschrien, ist St. Antönien heute bei Wintersportfans beliebt.
Bereits bei der Anfahrt nach St. Antönien fal-len die großflächigen Lawinenverbauungen am Hang oberhalb des Dorfes auf. Sie zeugen eben-so von der Gefahr wie die „Ebenhöchs“, die keilförmig hinter den Häusern aufgemauert wurden, um Lawinen beidseitig am Gebäude vorbeizuleiten. Der Lawinenwinter 1951 war dann der Auslöser dafür, dass man, zusätzlich u Aufforstungen, an den Südhängen von Chüenihorn und Tschatschuggen eine der größten Lawinenverbauungen der Schweiz baute. Ab 1993 wurden die ursprünglichen Betonelemente durch Stahlkonstruktionen er-setzt, die sich heute in langen, parallelen Reihen auf einer Gesamtlänge von mehr als sechzehn Kilometern die Hänge entlangziehen, auch am gegenüberliegenden Eggberg.
Durch den Rachen ins Tal
Doch zurück auf die Sulzfluh. Angesichts des ungemütlichen Windes halten wir uns nicht lange auf dem 2817 Meter hohen Gipfel auf. Während die anderen, die mit uns aufgestiegen sind, den Rückweg durch das Gemschtobel antreten, wenden wir uns in die entgegengesetzte Richtung, nach Norden: Vor uns liegt die Einfahrt in den Rachen, ein von hohen Felswänden eingerahmtes Steilkar, das endlos nach unten zu führen scheint – und in dem keine einzige Abfahrtsspur zu erkennen ist. Voller Vorfreude fahren wir in die anfangs breite Rinne ein, die nach unten hin schmäler wird und uns erst wieder oberhalb der Lindauer Hütte entlässt. Nur die eingeschränkten Sichtverhältnisse trüben das Abfahrtsvergnügen ein wenig. Dann lassen wir die Ski das Tal hinaus ins österreichische Latschau laufen, von wo uns ein Bus nach Schruns und anschließend die Bahn zurück in die Schweiz bringt.
Bergnatur in St. Antönien
Der helle Rätikonkalk ist bei Kletternden weit über die Schweiz hinaus beliebt. Weniger bekannt ist, dass die Wände von Sulzfluh und Schijenflue weitläufige Höhlensysteme beherbergen; allein im Abstieg von der Sulzfluh kommt man unweit der Eingänge von vier Karsthöhlen vorbei (und sieht mit großer Wahrscheinlichkeit Steinböcke). Die geologischen Verhältnisse – an der Grenze zu Österreich treffen die dunkle, kristalline Silvrettadecke und das Kalkband des Rätikons aufeinander – führen zu einer vielfältigen Flora: In den artenreichen Bergwiesen des Gafiatals etwa findet man unter anderem Edelweiß. Es gibt noch mehr geologische Besonderheiten: Unter der imposanten Wand der Schijenflue ragt die schlanke Felsnadel des Schijenzahns empor. Mehrere Drei-Seillängen-Routen, wahlweise im Grad 5a, 6a+ oder 7b+, führen zum Gipfel. Und unterhalb des Plasseggenpasses trifft man auf ein schweizweit einmaliges Phänomen von sich kreuzenden Moränen: Eine ältere Mittelmoräne in Ost-West-Richtung wird von einer jüngeren, kleineren Stirnmoräne, die von Norden nach Süden ausgerichtet ist, überlagert.
Bergkultur in St. Antönien
Das Museum Laubänähus – Haus der Lawinen – zeigt einen typischen Lawinenwinter, erzählt von den zahlreichen Opfern der St. Antönier Lawinen und dokumentiert die Bemühungen um den Lawinenschutz. Seit 2018 steht der Umgang mit der Lawinengefahr auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes.
Ebenfalls im Laubänähus ausgestellt sind lokale Sehenswürdigkeiten: Knochen von Höhlenbären und andere Fundstücke aus den Sulzfluhhöhlen. Stammbäume von St. Antönier Familien, die demonstrieren, wie viele Menschen im 19. Jahrhundert aufgrund ihrer Armut in die USA auswanderten.
Eine umfangreiche Sammlung von Lötscher-Keramik: In Ascharina befand sich im 19. Jahrhundert eine über fünf Generationen von der Familie Lötscher betriebene Hafnerwerkstatt; hinsichtlich Qualität und Funktionalität der Keramik war sie seinerzeit die bedeutendste in Graubünden.