Skifahrer in roter Jacke fährt einen verschneiten Hang hinab, im Hintergrund schneebedeckte Berge und blauer Himmel.
Am Gipfelhang der Königsspitze warten Fernblicke XXL. Foto: Michael Pröttel
Unterwegs in der Ortlergruppe

Königin der Skihochtouren

Berühmte Namen wie Monte Cevedale oder Palòn de la Mare lassen das Herz ambitionierter Skibergsteiger*innen höherschlagen. Und wenn die Königsspitze dann auch noch auf der Liste steht, wird’s endgültig spannend!

Echt jetzt? Da wollen wir übermorgen wirklich rauf? Und dann auch noch durch diese Steilrinne runter?“ Jana ist nicht die Einzige von uns dreien, die sich nur schwer aufs Anfellen konzentrieren kann. Es gibt wohl keinen Ausgangspunkt einer mehrtägigen Skihochtour, der einen dermaßen beeindruckenden Blick auf das „Große Finale“ bietet, wie oberhalb der Schaubachhütte. Geradezu furchteinflößend baut sich dort der riesige, steile Gipfelhang der Königsspitze vor einem auf. Und rechts unterhalb davon grinst ihre sogar noch steilere Ostrinne direkt zu uns hinüber. Wohlan. Auf geht’s bei strahlendem Winterwetter in ein langersehntes Skiabenteuer. Schon vor vielen Jahren wollte ich mit einem Freund den zweithöchsten Gipfel der Ortlergruppe mit Ski besteigen. Damals waren wir im Februar unterwegs und wussten noch nicht, dass die Südtiroler Winterräume weder über Koch- noch Heizmöglichkeit verfügen. Das Netz Orangen hatten wir gleich am ersten Abend auf der Marteller Hütte aufgesaugt. Am nächsten Tag konnten wir an der Dachrinne der Casati-Hütte zwar Schmelzwasser auffangen, doch nach einer weiteren kalten Nacht, in der es in den Winterraum des Rifugio Pizzini aufgrund eines undichten Daches sogar hineinschneite, waren wir zu erschöpft, um den Traum von der Königsspitze in die Tat umzusetzen.

Glitzernder Schnee auf dem Weg zur Suldenspitze

Mitte März sind die Hütten in der Ortlergruppe freilich bewirtet. Eigentlich hatten wir eine viertägige Skitourenrunde geplant. Allerdings war im Gegensatz zu Rifugio Pizzini und Rifugio Branca im Rifugio Larcher kein Platz mehr frei. Not macht bekanntlich erfinderisch und brachte uns auf die Idee, am ersten Tag die Seilbahn zur Schaubachhütte zu benutzen und über die Suldenspitze erst einmal den Monte Cevedale zu besteigen. Von dort aus würden wir über den Vedretta di Cedec und das gleichnamige Tal direkt zur Branca-Hütte abfahren.

Nicht enden wollende, herrlich einsame Spurarbeit auf dem Weg zur Branca-Hütte. Foto: Michael Pröttel

Glitzernde Schneekristalle begleiten den gemütlichen Aufstieg auf Dreitausender Nummer eins. Dass wir in der gut ausgetretenen Spur zur beliebten Suldenspitze an diesem herrlichen März-Freitag nicht ganz allein unterwegs sein würden, war zu erwarten.

Nachdem wir das beeindruckende Panorama mit ein bisschen Bauchkribbeln genossen haben – die Gipfelflanke der Königsspitze schaut von der Suldenspitze noch mal etwas steiler aus –, stellen wir auf der weiten Gletscherquerung des Vedretta del Cevedale erstaunt fest, dass wir mutterseelenallein unterwegs sind. Starker Südwestwind kommt auf und treibt mehr und mehr Wolken in den kaum noch blauen Himmel. Sollen wir den Gipfel auslassen und gleich über den Vedretta di Cedec ins gleichnamige Tal abfahren? Ach was. Solange die Sicht passt, reicht Wind allein als Ausrede keinesfalls aus. Schließlich hatte der Wetterbericht für den Nachmittag eine Wolkenbasis um viertausend Meter ausgegeben.

Mit bestem Panorama: analoges Kartenstudium auf der Suldenspitze. Im Hintergrund die mächtige Ostflanke der Königsspitze. Foto: Michael Pröttel

Tatsächlich hüllen uns am 3769 Meter hohen Monte Cevedale dann doch die ersten Wolken ein. 360-Grad-Panorama? Pustekuchen. Also nichts wie Felle runter und Bindung arretiert, um auf der weiten Gletscherfläche nicht durch schlechte Sicht die Einfahrt in den steilen Vedretta di Cedec zu verpassen. Eine Tourengruppe hinter uns, die schon Richtung Rifugio Pizzini abfährt, macht die Orientierung für uns erfreulich leicht. Wir folgen einfach ihren Spuren. Trotz der schlechten Sicht ist die Abfahrt entlang der gewaltigen Gletscherbrüche ein tolles Tiefschnee-Erlebnis. Das übrigens keineswegs selbstverständlich ist. Als ich ein paar Jahre zuvor hier unterwegs war, war an eine Befahrung des wild zerrissenen Cedec-Gletschers nicht zu denken. Dieses Mal sind die Spaltenzonen aber zum Glück besonders gut eingeschneit.

Das schwer beladene Gipfelkreuz am Monte Cevedale. Foto: Michael Pröttel

Gut zwei Stunden und eine kraftraubende Spurarbeit später, die auf einer nicht enden wollenden Hangquerung unsere letzten Oberschenkel-Reserven fordert, bestätigt auch der nette Wirt der Branca-Hütte, dass in der Ortlergruppe diesen Winter außergewöhnlich viel Schnee gefallen ist. Vor dem Abendessen klart der Himmel wieder auf und gibt einen Blick frei, der jedes Skihochtouren-Herz in gefährlicher Frequenz schlagen lässt. Vor der Hüttenterrasse breitet sich ein gewaltiger, weißer Bergkessel aus, der mit Pizzo Tresero, Punta San Matteo, Punta Cadini und einigen weiteren Gipfeln für eine satte Tourenwoche ausreicht. Wir werden morgen den Palòn de la Mare in Angriff nehmen und sind uns einig, dass wir wieder herkommen müssen. Was auch daran liegt, dass das nette Hüttenteam die Vollbelegung voll im Griff hat. Ein gutgelauntes, internationales Kauderwelsch begleitet das vorzügliche Abendessen. Das Beste daran: Die Polenta wird uns für den morgigen, ebenfalls langen Tag ordentlich Kraft geben.

Auf der Branca-Hütte wird man mit feiner italienischer Küche verwöhnt. Foto: Michael Pröttel

Wind und Wolken am Palòn de la Mare

Maisgerichte können aber nichts am Bergwetter ändern, lautet die Erkenntnis beim Anstieg zum Palòn de la Mare. Nach einem sonnigen Beginn zieht einmal mehr dichter Nebel auf. Der starke Wind am Gipfelrücken macht die ganze Angelegenheit nicht gemütlicher. Und so wird unser dritter Dreitausender ohne geringste Aussicht abgehakt, was uns für die Abfahrt und den anschließenden Aufstieg durchs Valle Cedec zum Rifugio Pizzini nicht gerade motiviert.

Zu Beginn kaum vorstellbar: Am Gipfel des Palòn de la Mare stehen wir im tiefsten Nebel. Foto: Michael Pröttel

Wie am Vortag müssen wir uns das dortige Abendessen also hart erarbeiten. Aber es wird dann halb so schlimm wie befürchtet. Unsere Spur vom Vortag ist größtenteils noch vorhanden. Vor allem aber empfängt uns Hüttenwirt Claudio Compagnoni auf das Herzlichste. Bei ihm, so wissen wir, werden wir die aktuellen Verhältnisse an der Königsspitze bestimmt in Erfahrung bringen können. Schließlich gilt er als extrem erfahrener Hüttenwirt mit echter Alpinkompetenz, noch dazu spricht er Deutsch. Seine Einschätzung ist vielversprechend: Die Verhältnisse im riesigen Gipfelhang seien gut und morgen soll zumindest bis mittags auf der Königsspitze die Sonne scheinen. Ob die steile Ostrinne derzeit fahrbar sei, kann Claudio allerdings nicht sagen. Macht nichts. Ein bisschen Ehrfurcht vor dem morgigen Tag darf beim Einschlafen schon sein.

Königsspitze: Vornehmster Berg der Ostalpen

Königsetappe zur Königsspitze: Von der Pizzini-Hütte geht es zunächst sanft bergauf. Foto: Michael Pröttel

Die letzten Sterne verabschieden sich am Firmament, als wir zur Königsspitze aufbrechen. Im frühen Morgenlicht macht ihr beeindruckendes Felsdreieck auch von Süden aus betrachtet einiges her. Kein Wunder, dass Julius Meurer sie 1878 als „formvollendetsten, vornehmsten Berg im ganzen Bereiche der Ostalpen“ bezeichnete. Zuvor hatte er den Gipfel über den Suldengrat erstbestiegen. Sein italienischer Name Gran Zebrù leitet sich übrigens vom Val Zebrù ab und ist etymologisch unklaren Ursprungs. Vermutet wird eine Herkunft von dem vorrömischen Wort „Gimberu“ für Zirbelkiefer. Andere leiten den Namen aus dem Keltischen ab, wobei er aus „se“ (Geist) und „bru“ (Burg) zusammengesetzt sein soll. Was also eine „Geisterburg“ ergäbe. Um diese zu erklimmen, kommen auf 3300 Meter über Meereshöhe unsere Ski an die Rucksäcke. Jetzt ist etwas Kraxeln angesagt. Über eine südexponierte Steilrinne erreichen wir den Geländeabsatz, wo allen die Münder offen-stehen. Was für ein Anblick. Als riesiges weißes Laken baut sich die vierzig Grad steile Ostflanke direkt vor uns auf. Und Claudio behält in Sachen Tourenverhältnisse recht. Im gesetzten Schnee ist der Aufstieg, eine gute Spitzkehrentechnik vorausgesetzt, gar nicht mal so schwer. Den finalen Anstieg bewältigen wir ein zweites Mal zu Fuß und liegen uns am schmalen Gipfel-Firngrat überglücklich in den Armen.

So schauen Sieger aus: glückliche Gipfel-Ankömmlinge auf der Königsspitze. Foto: Michael Pröttel

Nachdem wir die grandiose Fernsicht ausgiebig genossen haben, rückt in der Nahaufnahme ein tragisches Gebäude ins Blickfeld, das erst seit 2015 wieder zu sehen ist. Direkt unterhalb des Gipfels der Königsspitze hatte die Gletscherschmelze eine alte Baracke aus dem Ersten Weltkrieg freigegeben. Die italienisch-österreichische Frontlinie verlief während des Gebirgskriegs von 1915 bis 1918 unter anderem durch das Ortlergebiet. Die Soldaten, die bei Temperaturen bis zu minus vierzig Grad die Stellung in Schnee und Eis halten mussten, starben meist nicht im Kugelhagel. Vielmehr sind die Männer durch Lawinen oder durch die eisige Kälte ums Leben gekommen. Nachdenklich steigen wir zum Skidepot zurück, dürfen uns aber kurze Zeit später über ziemlich perfekte Schneeverhältnisse an der riesigen Gipfelflanke freuen. Tatsächlich ist es mittlerweile wohl so, dass eine Besteigung der Königsspitze im Winter objektiv weniger gefährlich ist als im Sommer. Zumindest wenn sichere Lawinenverhältnisse herrschen. In heißen und trockenen Sommern – wie dem zurückliegenden 2026 – muss man an der Ostflanke Blankeis mit bis zu vierzig Grad Steilheit bewältigen. Stürzen ist dann absolut verboten. Oder man muss aufwendig mit Eisschrauben sichern, was bei vierhundert Höhenmetern endlos viel Zeit braucht. Im Gegensatz dazu kommen wir auf Ski der Schlüsselstelle und der damit verbundenen Frage zügig näher: „Wo ist sie genau, die Einfahrt in die berüchtigte Ostrinne?“

Eine der Schlüsselstellen der Königsspitze: die bis zu 45 Grad steile Ostrinne. Foto: Michael Pröttel

Claudio hatte uns noch in der Früh eindrücklich davor gewarnt, in eine südlich davon liegende Rinne einzufahren, die mit einem großen Felsabbruch endet. Zum Glück sind die mittlerweile aufgezogenen Wolken so weit oben, dass die Orientierung nicht getrübt wird. Dank Claudios Tipp queren wir, so weit es geht, nach (von oben gesehen) links und sehen dann den engen, steilen Schlund unter uns. Jetzt geht es ans Eingemachte. Je näher die Felswände zusammenrücken, desto steiler wird das Gelände. Laut diversen Tourenführern sind es an der engsten Stelle 45 Grad. Ich habe keine Muße, das zu überprüfen und meinen Neigungsmesser auszupacken. Ich konzentriere mich lieber auf meine Skikanten. Weicher Powder? Fehlanzeige! Wie so oft in engen Rinnen ist der Tiefschnee schnell abgefahren. Aber immerhin ist die harte Unterlage griffig. Niemand von uns muss die Ski gegen Pickel und Steigeisen eintauschen. Und auch auf dem entscheidenden Felsband, welches nach rechts zum gewaltigen Bergkessel südlich der Schaubachhütte herunterleitet, liegt ausreichend Schnee zum Skifahren. Was übrigens nicht immer der Fall ist. Als Belohnung verabschiedet uns der Suldenferner mit einer fluffigen Powder-Schneeauflage vom Allerfeinsten. Was soll ich sagen? Von dieser einzigartigen Skihochtour werde ich noch meinen Enkeln erzählen. Egal, ob es sie interessiert oder nicht.