Ohne Zweifel zählt die Lawine zu den prominentesten alpinen Gefahren, die uns beim Skibergsteigen in den Sinn kommen. Ausbildungskurse, Vorträge und Fachbeiträge zum Thema Lawinenrettung und Prävention erfreuen sich größter Beliebtheit. Ein Blick in die DAV-Bergunfallstatistik bestätigt die Relevanz: Die Hälfte aller tödlichen Unfälle beim Skibergsteigen sind auf ein Lawinenereignis zurückzuführen. Etwa ein Drittel der tödlichen Unfälle auf Skitour ist auf einen Sturz bzw. Absturz zurückzuführen.
Diesem Gefahrenkomplex schenken Wintersportler*innen verhältnismäßig wenig Beachtung, auch wenn sich das Bewusstsein hierfür in den letzten Jahren verbessert hat. Helme auf Skitour beobachtete man vor einigen Jahren nur vereinzelt, mittlerweile zählt das zum gewohnten Bild. Auch zuverlässigeres Material hilft, Stürze zu vermeiden. Und die Verwendung von Skitourenbindungen mit genormter Auslösung (Grip Walk Standard oder Fritschi Bindungen) können schweren Beinverletzungen in der Abfahrt entgegenwirken.
Um die Risikofaktoren zum Thema Sturz bzw. Absturz besser einordnen zu können, werfen wir einen Blick auf drei interessante, wenn auch sehr tragische Unfälle.
Sturz in den Bach
Der erste Unfall ereignete sich am 30. Dezember 2023 im Kleinwalsertal. Eine Zweiergruppe, bestehend aus einer erfahrenen und einer unerfahrenen Person, plante eine gemeinsame Skitour auf die Güntlesspitze. Die Schneeauflage war für die Jahreszeit unterdurchschnittlich und die Schneedecke aufgrund der vorangegangenen Warmphase hart gefroren. Die beiden starteten von Baad und folgten dem Forstweg bis zur Mittleren Spitalalpe. Ab dort steilt das Gelände deutlich auf, weshalb sie entschieden, die Harscheisen zu montieren. Für die unerfahrene Frau folgte eine kurze Einweisung zum Ausführen von Spitzkehren. Der weitere Routenverlauf führte über südseitiges, steiles Gelände in Richtung der Oberen Spitalalpe. Während zu Beginn noch die Frau vorne ging und Tipps durch ihren Begleiter bekam, beschlossen die beiden nach einigen Spitzkehren, dass der Mann vorging. Auf einer Höhe von etwa 1600 Metern ereignete sich dann der folgenschwere Unfall. Die Frau stürzte bei einer Spitzkehre und rutschte auf der harten Schneeoberfläche sofort ab. Nach einigen Metern drehte sie sich mit dem Kopf nach unten, mutmaßlich durch das Verhaken eines Harscheisens im harten Schnee. Nach rund hundert Metern stürzte die Frau acht Meter tief über eine Böschung und kam im Bachbett zum Liegen. Unglücklicherweise befand sich der Kopf unter Wasser. Der Mann fellte umgehend ab und eilte zu seiner Tourenpartnerin. Aufgrund des ungünstigen Geländes gelang es ihm nicht, die Frau vollständig aus dem Wasser zu befreien. Der Kopf konnte nach circa zehn Minuten freigelegt und die Reanimation gestartet werden. Eine nachkommende Tourengeherin half bei den Wiederbelebungsversuchen, die am Ende aber erfolglos blieben. Die Bergung erfolgte wenig später per Seilwinde des Notarzthubschraubers.
Bei genauerer Betrachtung beinhaltet der Unfall einige markante Details. Das Thema Absturz rückt häufig erst im Spätwinter bei klassischen Frühjahrsverhältnissen in den Fokus, wenn sich der Schneedeckenaufbau stabilisiert hat. Durch die nächtliche Abstrahlung gefriert die Schneeoberfläche und bildet einen tragfähigen Harschdeckel. Dieser Unfall ereignete sich allerdings während der Weihnachtsferien. Durch die immer häufiger auftretenden Warmphasen können wir davon ausgehen, dass uns diese Problematik also vermehrt auch im Hochwinter begegnet. Eine Abwägung des Risikos beinhaltet am Berg immer drei Variablen: Verhältnisse, Gelände und Mensch. Im konkreten Fall ereignete sich der Unfall in einem homogenen Geländeabschnitt knapp über 30 Grad. Die meisten würden das Gelände als leicht bis mittelschwer einstufen. Erst die Geländefalle am Ende, die harte Schneeauflage und vor allem das fehlende Eigenkönnen waren für den fatalen Ausgang ausschlaggebend.
Ein weiterer Blick in die Unfallstatistik – diesmal auf die Ursachen aller Notfälle auf Skitour – zeigt ein aufschlussreiches Bild: Etwa zwei Drittel der Verletzungen beim Skitourengehen sind auf das Thema Sturz und Absturz zurückzuführen. Während sich die Ausbildung bzw. die Tourenplanung oft auf das Thema Lawine fokussiert, liegt die Hauptursache der zum Teil schweren Verletzungen jedoch woanders. Fast alle Stürze beim Skifahren passieren bei der Abfahrt. Beinverletzungen machen dabei fast die Hälfte (48 Prozent) der Verletzungen aus. Fehlendes skifahrerisches Können, schlecht eingestellte Bindungen, mangelnde Fitness, die daraus resultierende Ermüdung und zu leichtes, instabiles Material dürften ursächlich sein.
Acht Prozent der Verletzungen betreffen den Kopf, was zunächst nach wenig klingt. Kopfverletzungen sind aber grundsätzlich kritisch zu betrachten, daher die klare Empfehlung zur Verwendung von Ski- bzw. Skitourenhelmen – vor allem bei geringer Schneeauflage und eisigen Verhältnissen.
Sturz mit Steigeisen
Das nächste Unfallbeispiel ereignete sich am 9. Juni 2025 am Großglockner. Zwei gleichwertig erfahrene Skibergsteiger waren im Aufstieg durch das Ködnitzkees unterwegs. Das südseitig ausgerichtete Kar führt anfangs durch flaches, ab 3250 Meter steiler werdendes Gelände bis zur ostseitigen Schulter des Großglockners hinauf. Die vorangegangene Wärmeperiode mit Plusgraden bis in hochalpine Lagen endete am Unfalltag. Die nahe gelegene Wetterstation Hochgasser (2850 m) verzeichnete während der Nacht bei sehr trockener Luft (Taupunkt: -15° C) eine Schneeoberflächentemperatur von -5° C. Die starke nächtliche Abstrahlung führte zu einer deutlichen Abkühlung und damit zur Verhärtung der Schneeoberfläche.
Als die beiden Alpinisten den extrem steilen, felsdurchsetzten Geländebereich erreichten, entschied sich einer der beiden (rot) für den Wechsel von Tourenski auf Steigeisen und Pickel. Der zweite Skibergsteiger (blau), der etwas dahinter unterwegs war, entschied sich hingegen für einen Aufstieg mit Ski und Harscheisen. Aus nicht eindeutig geklärten Gründen stürzte der erste Alpinist und rutschte über 250 Meter bis zum südseitigen Wandfuß des Großglockners, wo er schwerverletzt liegen blieb. Trotz schneller Betreuung durch nachkommende Personen und der sofortigen Aktivierung der Rettungskette überlebte der Mann den Unfall nicht.
Wenn man die hart gefrorenen Verhältnisse und die extreme Steilheit über 40 Grad in die objektive Betrachtung einbezieht, ist die Entscheidung mit Harscheisen weiterzugehen wesentlich kritischer zu bewerten als der Wechsel auf Pickel und Steigeisen. Die genaue Betrachtung der Unfallbilder erklärt, wieso die vernünftige Entscheidung für die Steigeisen im Nachgang fatale Auswirkungen hatte. Denn die beiden Steigeisen waren unterschiedlich eingestellt. Die Konstruktion dieser gewichtsoptimierten Steigeisen, die eine hohe Grundspannung auf die Dyneemaschnüre in der Mitte benötigt, ist grundsätzlich anfälliger für fehlerhafte Einstellungen, da der solide Mittelsteg fehlt. Wenn die Spannung nachlässt, kann der vordere Teil wegrutschen oder sich das Steigeisen gleich komplett vom Tourenschuh lösen. An diesem Punkt sei auch das immer wieder beobachtete, schlechte Verstauen der langen Steigeisenriemen zu erwähnen. Bei den eigenen Steigeisen können die Riemen einfach auf die passende Länge gekürzt werden. Bei Verleihmaterial sollten die Riemen entweder kompakt an der Schuhaußenseite befestigt oder noch besser, abgeknotet unter der Hose im Schneefang verstaut werden.
Wenn man im kompakten, hart gefrorenen Schnee aufsteigt, sind das richtige Material, dessen perfekte Einstellung und die erforderliche Erfahrung, die Bedingungen einschätzen zu können, entscheidend. Auch der erfolgreiche Einsatz von Harscheisen kann nur gelingen, wenn man dabei auf die Steighilfe entweder ganz verzichtet oder diese in der niedrigsten Stufe verwendet. Bereits die mittlere Steighilfe verringert die Eindringtiefe um 25 Prozent, die höchste Steighilfe um 40 Prozent.
Von der Lawine mitgerissen
Das letzte Unfallbeispiel adressiert das Thema Mitreißunfälle und ereignete sich am 24. März 2025 im Zuge einer Skidurchquerung der Ötztaler Alpen. Die geführte, sechsköpfige Gruppe startete von der Langtalereckhütte und wollte über das Schalfkogeljoch zur Martin-Busch-Hütte. Die Lawinensituation war günstig (Stufe 2) mit einigen kritischen Stellen im Bereich von Schattenhängen. Da die Route über eine ostseitige Flanke führt und die Verhältnisse vor Ort durch die lokalen Bergführer als sicher eingestuft wurden, entschied der Bergführer, dass die Etappe wie geplant möglich wäre. Bei Annäherung über den Gurglerferner konnte die Gruppe den geplanten Aufstieg gut einsehen und die geplante Aufstiegsspur gut beurteilen. Es waren keine Gefahren- oder Alarmzeichen erkennbar. Wegen der kompakten Schneeverhältnisse und des anspruchsvollen Geländes entschied der Bergführer, dass Harscheisen verwendet werden. Das Seil, das für die Querung des Gletschers verwendet wurde, verstaute der Bergführer im Rucksack. Wenig später machte sich die Gruppe in angeordneten Sicherheitsabständen von zwölf Metern auf den Weg. Nach einigen Spitzkehren und einer längeren Traverse erreichte der Bergführer einen markanten Felsblock. Von dort aus sollte der Weiterweg mit Steigeisen und am Rucksack fixierten Ski erfolgen, da das Gelände steiler wurde und die Schneeauflage geringer.
Als der Bergführer seinen Rucksack abnahm und sich zu seiner Gruppe umdrehte, vernahm er ein dumpfes Setzungsgeräusch und musste beobachten, dass drei seiner Gäste durch ein kleines Schneebrett (16 Meter breit) mitgerissen wurden. Die Sturzbahn führte über durch felsdurchsetztes Gelände, was den Bergführer sofort veranlasste, die Rettungskette in Gang zu setzen. Aufgrund des schlechten Mobilfunkempfangs wurde dafür ein inReach Satelliten-Messenger verwendet. Im Anschluss stieg der Bergführer sofort zu den mitgerissenen Personen ab und konnte im Ablagerungsbereich eine teilverschüttete, leicht verletzte Person erkennen. Er instruierte die beiden nicht von der Lawine erfassten Gruppenteilnehmer, sich um die verletzte Person zu kümmern und begann umgehend mit der LVS-Suche der beiden nicht sichtbaren Personen. Dabei war schnell klar, dass die Signale aus einem angrenzenden Loch einer Randspalte kamen. Der Bergführer kletterte drei Meter in das Loch ab und konnte dort die beiden Personen mittels Sonde lokalisieren. Beide waren nicht sichtbar ganz verschüttet und mehr als einen Meter unter dem angehäuften Schnee begraben. Sie wurden über die Felsen gespült und stürzten dann in die kaum sichtbare Randspalte. Beide Personen konnten trotz erfolgreicher Kameradenrettung nur noch tot geborgen werden.
Diese Unfallanalyse soll auf die unterschätzte Thematik der Konsequenzen aufmerksam machen. Auf Skitour passieren wir häufig Geländefallen, die bei guten Verhältnissen und entsprechendem Können kein Problem darstellen. Ein kleiner Rutsch, der uns die Füße wegzieht, ein Sturz im Aufstieg oder der Abfahrt kann dann aber schwerwiegende Folgen haben. Der Absturz über Felsen, die Kollision mit Hindernissen wie Bäumen oder Felsblöcken oder eben auch der Sturz in Senken, Spalten oder Bäche können tückische Gefahren darstellen.
Fazit
Absolute Sicherheit wird es am Berg nie geben. Auch bei größtmöglicher Sorgfalt und mit viel Erfahrung können Unfälle passieren, die auch im Nachgang betrachtet kaum vermeidbar gewesen wären. Dieser Artikel soll dafür sensibilisieren, die komplexe Gefahrenlage auf Skitour ganzheitlich im Blick zu behalten und die Beurteilung nicht allein auf die Lawinengefahr zu beschränken, sondern auch Absturzrisiken und weitere Gefahren sorgfältig einzubeziehen.