Acht Menschen stehen vor dem Gipfelkreuz im Schneesturm.
Auf dem Gipfel: Trotz schlechten Wetters ist die Stimmung bestens. Foto: DAV / Clara Willmann
Grundausbildung in der JuBi

Gemeinsam durch den Schneesturm

Vierzehn Menschen, sieben Tage im Schnee und ein gemeinsames Ziel: Jugendleiter*in werden. Zwischen Schneeschuhtour, selbst gebackener Pizza und einem riesigen Iglu erlebe ich in der Jugendbildungsstätte Bad Hindelang, wie aus Fremden eine Gruppe wird, die sich gegenseitig motiviert und zusammenhält.

Ich steige aus dem Bus und höre es sofort: das vertraute Knirschen unter meinen Füßen. Anfang April auf 890 Metern noch Schnee? Damit hatte ich nicht gerechnet. Von der Bushaltestelle sind es wenige Meter zur Jugendbildungsstätte (JuBi). Sie liegt am Hang mit Blick auf die verschneiten Allgäuer Alpen. Ein paar Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolken, der Schnee schluckt jedes Geräusch. Ich betrete das Gebäude. Als die Tür hinter mir zufällt, bleibt die winterliche Stille draußen. Drinnen ist es laut und lebendig, viele Stimmen reden durcheinander. „Herzlich willkommen bei eurer Jugendleiter*innen-Grundausbildung.“ Ein Plakat mit vielen bunten Namen fällt mir ins Auge. Ulli und Johannes haben es gestaltet. Seit vielen Jahren gehören sie zum JDAV-Lehrteam.

Anreise in die Jugendbildungsstätte in den Allgäuer Alpen. Foto: DAV / Clara Willmann

Zeit zum Ankommen ist nicht. Wir treffen uns in der sogenannten Dreckschleuse. Dort werden Schneeschuhe verteilt, Gamaschen, LVS-Geräte – für den Winter ist die JuBi bestens ausgerüstet. Schulklassen, Jugendgruppen und Familien können hier vieles ausleihen – vom Schlafsack bis zum E-Bike. Egal ob Sommer oder Winter. Ich nutze die Gelegenheit, die 17- bis 36-jährigen Teilnehmer*innen kennenzulernen.

Die Schüler*innen, Studierenden und Berufstätigen trennen im Alltag viele Kilometer und unterschiedliche Lebenswelten. Hier spielt das alles keine Rolle. Nebeneinander in der Dreckschleuse diskutieren sie über Outdoor-Ausrüstung und aktuelle Dönerpreise. „Ich wollte meine Kinder beim Bambini-Klettern anmelden und sah die lange Warteliste“, erzählt Julia (36). In ihrer Sektion fehlten Trainer*innen. Also übernahm sie selbst eine Gruppe. Auch Patrick (27) kam erst als Erwachsener über eine Klettergruppe zum DAV. Für sein Doktoratsstudium zog er nach Erlangen und gründete dort im vergangenen Jahr gleich selbst eine Jugendgruppe – die Muskeltiger. „Bei mir gab es früher ja auch einen Fußballtrainer.“ Heute möchte er Kindern die gleichen Erfahrungen ermöglichen.

Für die Schneeschuhtour teilt sich die Gruppe in zwei Teams. Ich begleite eines davon auf den Ornach. Rund fünfhundert Höhenmeter liegen vor uns. Route und Anreise haben die Teilnehmenden am Vorabend selbst geplant. Johanna (17) und Leni (17) übernehmen die Führung. Nach dem LVS-Check geht es los. Die ersten Meter sind holprig, die Gruppe muss ihren Rhythmus finden. Wer geht voran? Wann wird gewartet? Eine Teilnehmerin kämpft mit Asthma, die anderen passen ihr Tempo an und wechseln sich beim Spuren ab. Niemand bleibt zurück.

Schneeschuhwanderung auf den Ornach. Noch ist das Wetter in Ordnung und die Gruppe findet langsam ihren Rhythmus. Foto: DAV / Clara

Für Johannes ist genau das ein wichtiger Teil der Ausbildung. Als Teamer vermittelt er gemeinsam mit Ulli nicht nur Technik. Sie müssen auch einschätzen, ob jemand später eine Gruppe verantwortungsvoll führen kann. Eine offizielle Prüfung gibt es nicht. Im Zweifel wird die Ausbildung verlängert oder ein anderer Weg empfohlen. Je höher wir steigen, desto dichter fällt der Schnee. Aus einzelnen Flocken wird ein Schneesturm, Himmel und Boden verschmelzen im Weiß. Durch den Wind wird es kalt. „Kennt ihr den Pinguin?“, ruft Patrick. Arme anlegen, die Hände stehen seitlich ab, die Schultern hoch und runter, bis die Hände wieder warm werden. Am Gipfelkreuz ist kaum etwas zu erkennen. Trotzdem will niemand sofort umkehren. Ein Gipfelfoto muss sein. Kurz darauf grinsen acht Gesichter in meine Kamera.

Am zweiten Tag geht es zunächst um rechtliche Grundlagen: Aufsichtspflicht, Risiken und Verantwortung. Danach wechseln wir in den Garten. Unser Plan: ein Iglu bauen. Stundenlang heißt es: Schnee holen, aufschichten, verdichten. In der Outdoorküche backt ein Teil Pizza, während die anderen schaufeln. Nach zehn Stunden ist das Iglu fertig – groß genug, dass die ganze Gruppe darin schlafen kann. Ich treffe sie erst am nächsten Morgen verschlafen am Frühstückstisch. „Clara, du hast echt etwas verpasst“, sagt Johanna und grinst.

Im Iglu: Die vierzehnköpfige Gruppe rückt für die Nacht zusammen und macht es sich gemütlich. Foto: Johannes Schmidt

Meine Zeit in der JuBi ist nach zwei Tagen vorbei. Im Gedächtnis bleibt mir besonders diese Leichtigkeit: Niemand beschwert sich, wenn etwas länger dauert. Niemand bleibt allein zurück. Beim Spuren wird gewechselt, beim Iglubau angepackt und wenn die Hände kalt sind, gibt es den Pinguin. Eine gute Gruppe kann einen mitziehen, Energie geben und weitermachen lassen, wenn die eigenen Kräfte langsam nachlassen. Ich fahre zurück nach München und nehme mehr mit als ein paar neue Namen. Vor allem bleibt mir die Begeisterung dieser Menschen in Erinnerung. Sie investieren ihre Zeit, übernehmen Verantwortung und geben etwas weiter, das ihnen selbst Freude macht. Das steckt an.

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