Mehr als 36.000 Ehrenamtliche sind im DAV aktiv. Diese bringen in fast drei Millionen Arbeitsstunden ihr Wissen und ihre Leidenschaft für den Bergsport und den Naturschutz ein. Der Löwenanteil fließt in Kurse, Touren, Jugend- und Familienarbeit (1,8 Mio. Stunden). Nicht überraschend ist also, dass Trainer* innen und Gruppenleiter*innen mit knapp 29.000 den größten Anteil der Ehrenamtlichen ausmachen. Andere kümmern sich um die Finanzen, die Öffentlichkeitsarbeit, die Mitgliederverwaltung. Auch Naturschutzreferent*innen, Hütten- und Wegewart*innen sind in den Sektionen aktiv, unzählige Helfer*innen unterstützen bei Arbeitseinsätzen, zum Beispiel beim Wegebau oder der Waldpflege und auf Veranstaltungen. Die Vorstandsarbeit liegt ebenfalls so gut wie immer in ehrenamtlichen Händen. Gute Rahmenbedingungen für die Engagierten zu schaffen, ist vielen Vorsitzenden besonders wichtig. In manchen Sektionen kümmern sich Ehrenamtsbeauftragte darum, Freiwillige zu gewinnen und zu binden.
Wissen die Mitglieder eigentlich, wie viel Ehrenamt in ihrem Verein steckt? Als der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Ehrentag 2026 gemeinsam mit dem DAV in den Chiemgauer Alpen Wege saniert, gibt er zu: „Mir ist auch nicht bei jeder Bergwanderung bewusst gewesen, dass die Wege von Freiwilligen gepflegt, dass Markierungen jedes Jahr von Ehrenamtlichen erneuert werden.“
Alles umsonst?
27 Millionen Menschen in Deutschland knien sich richtig rein – ohne dafür bezahlt zu werden. Ihre Arbeit kommt fast ausschließlich anderen zugute. Man denke an die Freiwillige Feuerwehr, Katastrophenschutz und Rettungsdienste, an das soziale Sicherungsnetz: Tafeln, Bahnhofsmission, Telefonseelsorge und Beratungsstellen. Das Ehrenamt ist mehr als ein Nice-to-Have, es ist systemrelevant. Und es schreit nach schillernden Kollektivsymbolen: sei es das „Rückgrat der Demokratie“, der „Kitt der Gesellschaft“ oder das „soziale Gewebe“. Wir im DAV legen gern noch eine Schippe Pathetik drauf: „Das Ehrenamt – Unser Herz, unsere Seele“, wie es in der Kampagne heißt. Aber mal im Ernst: Das ist alles andere als zu hoch gegriffen. Denn ohne Ehrenamt gäbe es ihn gar nicht, den größten Bergsportverband der Welt. Und wenn man den Engagierten zuhört, merkt man, wie viel Herzblut sie in ihre Arbeit stecken, wie sehr sie die Seele des Vereins leben und weitergeben.
Also – ist der DAV auch systemrelevant? Ja, in mancher Hinsicht schon. Er fördert Bewegung an der frischen Luft und hilft Menschen, gesund zu bleiben. Er macht es möglich, sich zu begegnen, zusammen anzupacken und gemeinsam Verantwortung für Mensch und Natur zu übernehmen. Damit stützt auch er unser „Rückgrat der Demokratie“. Und folgt Werten, die wir nicht nur leben, sondern, so steht es in seinem Leitbild, auch verteidigen wollen. Sich dafür einzusetzen, wird niemals umsonst sein – ganz im Gegenteil.
Von der Mithilfe zum festen Posten
Wie kommen Menschen zum Ehrenamt beim DAV? „Wir setzen auf persönlichen Kontakt und sind vor Ort immer ansprechbar“, erzählt Britta Sparr, Ehrenamtskoordinatorin der Sektion Hamburg. „Besonders auf Veranstaltungen: Da sehen die Menschen, wie unsere ehrenamtlich Helfenden in den speziellen T-Shirts sich engagieren – und möchten dann auch mal mitten im Geschehen sein.“ Sie probieren es aus, wachsen schließlich in ihre Aufgaben hinein. Oder es beginnt schon in der Jugendgruppe. Später folgt vielleicht eine Ausbildung zur Wanderleitung, man übernimmt eine Familiengruppe und wenn die Kinder aus dem Haus sind, vielleicht einen Vorstandsposten. Solche und ähnliche „Ehrenamtskarrieren“ gibt es viele im DAV.
Auch die Zahl der Frauen im Ehrenamt ist gestiegen. Allerdings nicht auf allen Ebenen: Lange lautete die Devise „Vorstandsarbeit ist Männersache“. Bis auch vermehrt Frauen in den erweiterten Vorstand aufgenommen wurden, füllten sie bei manchen Sektionen lange Zeit nur die Rolle als „dekoratives Element bei Tanzabenden“ aus, wie Stefan Ritter, Archivar im Alpinen Museum, berichtet. Heute sind rund zwölf Prozent der Ersten Vorsitzenden Frauen – Tendenz steigend. Um auch hier Zahlen wie zum Beispiel in der Familien- und Jugendarbeit (etwa 47 Prozent Frauenanteil) zu erreichen, setzen manche Sektionen auf geteilte Ämter oder bieten andere innovative Formen des Engagements an. Die Motive, ein Ehrenamt zu übernehmen, sind vielfältig. „Weil es mir Spaß macht“, sagen fast alle Engagierten. Da schwingt die Freude mit, etwas für andere zu tun, Menschen kennenzulernen, gemeinsam anzupacken. Das Ehrenamt birgt darüber hinaus die Chance, persönliche Stärken zu entwickeln – und vielleicht auch einfach häufiger mit anderen in die Berge zu kommen.
Mehr Beteiligung gewünscht
Trotz aller intrinsischer Motivation, das Ehrenamt braucht Anerkennung. Da reicht die Aufwandsentschädigung sicherlich nicht aus. Sektionen veranstalten Feste und finanzieren Fortbildungen, der DAV-Bundesverband ehrt jährlich auf der Hauptversammlung herausragende Persönlichkeiten und Projekte mit dem Ehrenamtspreis. Und dennoch: Es bleiben immer wieder Stellen unbesetzt. In Pfaffenhofen, sicherlich kein Einzelfall, pflegt man bei Kursen und Touren deshalb Wartelisten, berichtet der Ausbildungsreferent Christoph Klaus: „In der Kletterhalle gibt es genügend Leute. Aber im Outdoor-Bereich ist es schwierig.“ Ob die „jungen Leute von heute“ keine Verantwortung mehr übernehmen wollen? Oder sind wir zu stark belastet, ist das Leben zu kompliziert geworden? „Ein Ehrenamt kriegt man schon unter“, kontert Theresa Baumann, Erste Vorsitzende der Sektion Landau. Eines ihrer Rezepte ist, Aufgaben auf viele Schultern zu verteilen. In Landau, wie auch anderswo, hat man die Amtszeiten verkürzt, um den Einstieg zu erleichtern. Und man setzt verstärkt auf Team-Modelle, was den Ehrenamtlichen mehr Beteiligung ermöglicht.
Das ist schließlich ein Credo des DAV: Entscheidungen werden seit jeher direkt durch die Delegierten der 355 Sektionen auf der Hauptversammlung getroffen. Diese wählen auch das ehrenamtliche Präsidium und den Verbandsrat. Dass der DAV bereits bei seiner Gründung auf Basisdemokratie setzt, verstehe „sich mit Blick auf die politischen Bestrebungen der 1860er Jahre von selbst“, erklärt Martin Achrainer, Archivar des Österreichischen Alpenvereins. Denn in den Jahren nach der Revolution 1848/49 engagierte sich vornehmlich das städtische Bürgertum, in erster Linie Männer mit Wahlrecht – und viel Gestaltungswillen. Heute sind die Aufgaben vor allem für das Präsidium zunehmend schwieriger zu stemmen. In dem im Februar verabschiedeten Strukturkonzept wurde neben einer Geschlechterregelung für Gremien beschlossen, das operative Geschäft und die Verantwortung dafür noch stärker in hauptberufliche Hände zu legen. Das gibt dem Ehrenamt mehr Zeit und Raum für strategische Verbandsentscheidungen, das Konzept muss nun auf der ordentlichen Hauptversammlung am 20./21. November in die Satzung überführt werden.
Zu wenig Ehrenamtliche?
Oft wird geklagt über zu wenig Engagement - und das zurecht, denn in vielen Sektionen wächst die Zahl der Ehrenamtlichen nicht in der Geschwindigkeit wie die der Mitglieder. Die Geschichte zeigt jedoch, dass der DAV sich gern im Kreis dreht. „Das Ideale wird schon immer in der Vergangenheit gesucht“, erklärt der DAV-Historiker Max Wagner. „Nach dem Motto: Früher war alles besser – auch die Unzufriedenheit“, pointiert Stefan Ritter. So nörgelte man schon vor über hundert Jahren über so genannte „Sommerfrischler“ auf den Hütten (Tölzer Richtlinien 1923). Die Motive für den Eintritt in den DAV sind und waren eben vielfältig. Wer sich darüber hinaus engagiert, bindet sich enger an den Verein – und bekommt auch mehr zurück. Wer weiß, vielleicht wartet im Ehrenamt wirklich ein „pralles Leben“?
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