„Ich klettere halt schon wirklich sehr gern sehr schwer“, sagt Lara Neumeier und lacht dabei leise. Mittlerweile ist sie in einen elitären Kreis der Alpinsportler*innen aufgestiegen: Als erst elfter Mensch überhaupt konnte sie im Juni die Alpine Trilogie, drei schwere Mehrseillängentouren in den Alpen, vollenden, als erste Frau innerhalb eines Jahres. Doch wer mit ihr spricht, bemerkt nichts von elitären Anwandlungen. Im Umgang mit Menschen gibt es für Lara keine Fallhöhe. Wenn sie von einer schweren Route oder einem Filmprojekt erzählt, klingt das auch nicht aufgeregter, ja eigentlich auch nicht wichtiger als ein Familienfest oder ein Treffen im Freundeskreis in ihrer alten Heimat im Allgäu.
Schwere Route, Filmprojekt? Für Lara Neumeier nicht wichtiger als ein Familienfest.
Lara Neumeier ist als Kind bergbegeisterter Eltern bei Steingaden aufgewachsen, als Schülerin am Gymnasium Hohenschwangau begann sie mit dem Wettkampfklettern. Beim DAV in Füssen gehörte sie zu der Klettergruppe, die damals von Christoph Gotschke, ehemaliger Trainer des DAV-Männer-Expedkaders, geleitet wurde. „Ich erinnere mich noch total gut daran, wie ich bei meinem allerersten richtigen Wettkampf direkt die Qualifikation der bayerischen Meisterschaft gewonnen habe“, schildert sie und lacht dabei wieder.
Schnelle Erfolge und neue Erfahrungen
Doch trotz schneller Erfolge blieb sie nicht beim Wettkampfklettern, machte lieber draußen am Fels auf sich aufmerksam und unterschrieb nach dem Abitur ihren ersten großen Sponsoringvertrag. Nach Abschluss ihres Studiums (Master in Marketing) ergriff sie die Chance, sich dem Klettern in Vollzeit zu widmen. Mittlerweile ist Neumeier weltweit bekannt für schwierige Tradrouten und Bigwalls. Darunter finden sich Routen wie „Psychogramm“ (8b+) und „El Niño – Pineapple Express“ (800 m, 5.13c) im Yosemite. „Ich hatte das Glück, mit Babsi Zangerl, die momentan mit Abstand die beste Frau in dieser Disziplin ist, einen eleganten Einstieg ins Bigwall-Klettern zu schaffen“, verrät Neumeier. Als erste reine Frauenseilschaft ist sie mit ihr 2023 „Muir Blast into El Corazon“ (1000 m, 5.13b) geklettert. Und machte dabei eine neue Erfahrung: Angst. Die, so sagt sie, habe sie beim Klettern vorher nie wirklich gehabt. In „El Corazon“ aber hatten sie an einem Tag um fünf Uhr morgens begonnen und sind bis Mitternacht geklettert. „Die letzte Seillänge war ein schwieriger Riss. Er war so eng, dass ich den Helm ausziehen musste, um nicht stecken zu bleiben. Ich war körperlich am Limit und es war stockdunkel. Bei einem Sturz wäre ich weit gefallen“, berichtet sie. Nach den sechs Tagen in der Wand inklusive eines 23-stündigen Schlusssprints, um dem nahenden Sturm zu entkommen, rief Neumeier damals ihre Eltern an und sagte: „Das kann ich nie mehr machen.“
Ein Jahr später war sie zurück und beging mit Nemuel Feurle „El Niño“. Im Frühjahr 2025 gelang ihr dann mit „Psychogramm“ eine legendäre Trad-Route an der Bürser Platte in Vorarlberg. Weithin bekannt ist diese glatte Felsplatte bei Bludenz für „Prinzip Hoffnung“ (8b+). Neumeiers Blick aber blieb daneben hängen, an einer schönen Linie. Das ist wichtig für sie. Und: „Es hieß immer, als kleiner Mensch hast du da keine Chance.“ Es reizte sie, das zu widerlegen.
„Am Fels spielt der Kopf oft eine größere Rolle als der Körper“, findet Neumeier. Mentale Stärke habe ihr den Erfolg an der Bürser Platte gebracht: „Ich war selbst überrascht, wie schnell es ging“, verrät sie. Gesichert nur mit so genannten Mikrokeilen, gelang ihr schon nach sieben Tagen Projektierung der Durchstieg. „Dabei war ich im Flow, ganz klar im Kopf und erstaunt, als ich dann schon oben stand“, schildert die Kletterin. Wer Lara beim Klettern beobachtet, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Route oder der Boulder sei weniger schwer als bewertet, ihre Bewegungen wirken wie selbstverständlich. Geschenkt bekommt die 28-Jährige allerdings nichts. Sie ist fleißig und konsequent. „Meinen Trainingsplan bekomme ich von Maxi Klaus vom DAV Allgäu-Kempten“, verrät sie. Er unterstützt auch ihre siebzehnjährige Schwester Pia, die bereits neben der Schule auf europäischem Niveau Wettkämpfe bestreitet.
Außerhalb des Machbaren?
Für ihr Studium zog Lara Neumeier nach Franken – die Klettermöglichkeiten am Fels und in den Hallen waren dafür ausschlaggebend. Mit ihrem Lebensgefährten wohnt sie nun in Fürth. Auch er ist Allgäuer, aber kein ambitionierter Kletterer. Lara Neumeier gefällt das. Wenn Zeit dafür bleibt, sind sie beim Radeln, beim Kitesurfen oder einfach in den Bergen. Das bedeutet ihr viel, genauso wie Zeit mit ihrer Familie und im Freundeskreis.
Und doch ist sie fokussiert, weiß, wohin die Reise gehen soll, und arbeitet hart dafür. „2025 war mein erstes Jahr als professionelle Vollzeit-Athletin und da fühlte ich mich bereit für ein großes Ziel, das meine Stärke, mein Können und meine Erfahrung auf die Probe stellt“, schildert Neumeier. Schon oft sei ihr die Trilogie im Kopf herumgegangen, lange erschienen ihr die drei Routen jedoch außerhalb des Machbaren. Bewusst hatte sie sich dafür entschieden, das Projekt ohne festen Partner anzugehen. „So musste ich eben immer schauen, wer gerade Zeit und Lust hat, mitzukommen“, erzählt sie. Dabei sei es ihr wichtig gewesen, dass ihre Kletterpartner*innen nicht nur sichern, sondern auch selbst die Route klettern wollen und sie menschlich gut miteinander auskommen.
Was es heißt, Profi zu sein
Im Juni vergangenen Jahres gelang Neumeier die Route „Silbergeier“ (8b+) im legendären Kalkfels des Rätikon. Schon im August hatte sie dann Erfolg in Berchtesgaden mit „End of Silence“ (8b+). Also ging sie die letzte der drei Touren im Wilden Kaiser an. Es war schon November, und als es anfing, ausgiebig zu schneien, stellte sie die Versuche ein. Im Mai 2026 kam sie ausgeruht zurück. „Da ich wusste, wie nah ich im Vorjahr schon dran war, wollte ich mir drei Tage lang nochmals alles anschauen und dann direkt durchsteigen“, schildert Neumeier. Dies stellte sich als zu optimistisch heraus. Das Wetter wurde immer schlechter, bis zum kompletten Whiteout. Auch eine Woche später lief es nicht rund. Sie kletterte vom Boden weg, kam weit, stürzte aber in der letzten Seillänge: „Ich war einfach komplett im Eimer.“ Dann regnete es wieder mehrere Tage. Neumeier fühlte sich unter Druck. Die Zeit wurde knapp, um ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen: die Trilogie innerhalb eines Jahres zu vollenden. Zudem wartete ein Filmteam, um den Durchstieg zu begleiten. „Ich versuchte, alles auszublenden“, erzählt sie.
Letztendlich gelang ihr der Durchstieg und sie konnte sich wenige Tage vor ihrem 28. Geburtstag mit dem Erfolg beschenken. Dabei erwähnt sie immer, dass dies ohne die Hilfe ihrer Familie und Freunde, ihrer Kletterpartner*innen und Sponsoren niemals möglich gewesen wäre. „Es war das größte, längste und härteste Projekt meiner bisherigen Kletterkarriere“, sagt Neumeier stolz und das habe ihr auch gezeigt, was es heiße, Profi zu sein: So lerne sie mit Druck umzugehen und der Erfolg gebe ihr das Selbstvertrauen, größer zu denken. Die nächsten Ziele stehen schon fest: Europas vermeintlich härteste Trad-Mehrseillängentour „Disco 2000“ (5.13+) am Gipfel des Blåmannen auf der norwegischen Insel Kvaløya und „Rhapsody“ (E11/8c+) am Dumbarton Rock in Schottland [Anm. der Red.: Am 7. Oktober 2026 durchsteigt Lara Neumeier „Rhapsody“ als erste Frau]. Aber Lara Neumeier will auch immer mal wieder machen, worauf sie abseits vom Klettern Lust hat. Es passt zu ihr, was sie dazu sagt: „Ich versuche, eine Balance zu finden.“
Silbergeier
(Rätikon, Schweiz)
Erstbegehung: Beat Kammerlander
Schwierigkeitsgrad: 8b+
Länge: ca. 160 m, 6 Seillängen
End of Silence
(Berchtesgadener Alpen, Deutschland)
Erstbegehung: Thomas Huber
Schwierigkeitsgrad: 8b+
Länge: ca. 360 m, 11 Seillängen
Des Kaisers neue Kleider
(Wilder Kaiser, Österreich)
Erstbegehung: Stefan Glowacz
Schwierigkeitsgrad: 8b+
Länge: ca. 250 m, 9 Seillängen
Erfolg in Schottland
Route: Rhapsody
Grad: E11 7a (8c+ trad / 5.14c trad)
Ort: Dumbarton Rock, Scotland
Erstbegehung: Dave MacLeod, 2006
Erste Frau: Lara Neumeier, 7. Oktober 2026