Eine Person sitzt im Schnee, hält eine Mullbinde und ein geöffnetes Erste-Hilfe-Set mit Tabletten; daneben liegen ein roter Thermosbehälter und zwei Rucksäcke.
Bis am Berg professionelle Rettung eintrifft, kann es dauern. Um selbst Erste Hilfe leisten zu können, sollte man einen kühlen Kopf bewahren. Foto: AdobeStock/Aleksey
Notfallmanagement und Erste Hilfe am Berg

Nicht nichts tun!

Notfallsituationen und Unfälle passieren am Berg plötzlich und unerwartet. Von einer auf die nächste Sekunde soll dann in einer fordernden und belastenden Situation bestmöglich Hilfe geleistet werden. Kühler Kopf und ein klarer Ablaufplan helfen dabei immens.

Der Algorithmus der alpinen Ersten Hilfe leitet Schritt für Schritt durch jedes Notfallszenario: Zuerst sind Durchatmen und ein 360°-Blick angesagt – trotz Stress und Zeitdruck hilft blinder Aktionismus wenig und führt zu Zeit- und Reibungsverlusten. Ein paar Mal durchatmen, Sachlage checken, analysieren und Maßnahmen koordinieren spart später Zeit in der Durchführung. Es ist zu beurteilen, ob Gefährdung für Patient*in und Helfer*innen besteht. Ist der Unfallbereich zu gefährlich oder technisch unmöglich zu erreichen, geht Selbst- und Gruppenschutz vor und als einzige Maßnahme bleibt der Notruf. Ist der Unfallbereich teilsicher, aber für einen langen Aufenthalt ungeeignet und gefährdet: notwendige Versorgung und schneller Abtransport in sichere Zone. Besteht keine Gefährdung an der Unfallstelle, kann die gesamte Versorgung dort erfolgen. Sonderfall: Stark blutende (pulsierende) Wunden, etwa tiefe Schnittverletzungen durch Skikanten, können schnell zu einem lebensbedrohlichen Volumenmangelschock führen. Das sofortige Eindämmen der Blutung mittels Druckverband hat oberste Priorität.

Erste-Hilfe-Algorithmus

Ansonsten folgt die Bewusstseinsprüfung: Anschauen, Ansprechen, Anfassen – in dieser Reihenfolge. Erfolgt darauf keine Reaktion (rechter Zweig Algorithmus), ist auf jeden Fall der Notruf abzusetzen. Es folgt die Prüfung der Atmung: Ohr und Wange über Nase und Mund des*der Patient*in halten, Hand auf die Bauchdecke. Mindestens 30 Sekunden schauen, hören, fühlen, ob normale Atmung vorhanden ist. Wenn ja, möglichst schnell in stabile Seitenlage bringen – wichtigstes Kriterium ist, dass der Kopf leicht überstreckt ist und tiefer liegt als der Oberkörper! Für Wärmeerhalt sorgen, Atmung regelmäßig kontrollieren, betreuen und auf Eintreffen der Rettungskräfte warten. Keine Atmung: Zügig mit der Reanimation 30:2 (30 x Herzdruck mit Frequenz 100-120/Minute, dann 2 x Beatmung und stets so fortfahren) beginnen, bis professionelle Hilfe eintrifft. Die Herzdruckmassage hat gegenüber der Beatmung den höheren Stellenwert. Wer sich also vor einer Mundzu- Mund-Beatmung ekelt und diese nicht durchführen möchte, führt stattdessen ausschließlich eine Herzdruckmassage durch, das ist immer noch besser, als gar keine Maßnahmen zu ergreifen.

Algorithmus der alpinen Ersten Hilfe Quelle: Ortvovox Safety Academy

Wichtig

  • Jede*r ist zur Ersten Hilfe verpflichtet, aber nicht zu perfekter Diagnose und dementsprechenden Maßnahmen → keine Angst vor Fehlern, nicht nichts tun.

  • Professionelle Rettung braucht zum Einsatzort manchmal lang, alternative Helfer*innen sind selten → Eigeninitiative durch schnelle Erste Hilfe ist deshalb eine wichtige Maßnahme.

  • Wärmeerhalt, wunschgemäße Lagerung und psychische Betreuung sind auch für Laien gut machbar. Diese Dinge kann jede*r tun.

Tipps Wärmeerhalt

  • So früh wie möglich damit anfangen.

  • Rettungsdecke mittels Wickel- oder Windeltechnik auf die unterste Kleidungsschicht bringen.

  • Biwaksack und Kleidung sorgen für Kälteschutz, Rucksäcke als Unterlage nutzen.

Notruf absetzen

  • Wenn Netz vorhanden: EU-Notrufnummer 112 oder Nummer der nationalen Bergrettung (z. B. 140 in Österreich).

  • Mit der App SOS-EU-ALP (kostenlos) kann schnell ein Notruf abgesetzt werden, der Standortdaten (GPS-Koordinaten) und Kontaktdaten (z. B. Telefonnummer) an die Rettungsleitstelle übermittelt.

  • Falls kein Netz vorhanden: über Notruf-Taste am Sperrbildschirm Notruf aktivieren (stärkste Verbindung wird gesucht, GPS-Notruf bei modernen Handys).

  • Falls weiterhin kein Netz vorhanden: Standortdaten speichern und Netz suchen, entweder zu bekanntem Empfangsort oder in Richtung Tal, idealerweise mit zwei Personen.

Schlüsselinfo Standort

  • Wichtig: Wo bin ich? Wo sind wir losgegangen? Wo wollten wir hin?

  • Notruf-Apps übermitteln Standortdaten i.d.R. automatisch.

  • Standort-Koordinaten können in Navigations-Apps ermittelt werden.

  • Koordinaten werden bei alpenvereinaktiv oder what3words-App in drei Worte (w3w) übersetzt, das ist weniger fehleranfällig.

Von der Locke bis zur Socke

Ist Patient*in ansprechbar (linker Zweig Algorithmus), abfragen, was geschehen ist (sofern dies nicht beobachtet wurde). In diesem Fall wird Patient*in von Kopf bis Fuß auf Verletzungen untersucht. Beachte: Patient*in informieren und Rückmeldung einholen, wenn vorhanden sterile Einmalhandschuhe verwenden, besonderes Augenmerk darauf legen, ob Gliedmaßen nicht mehr bewegt oder gefühlt werden. Es folgt die Entscheidung, ob der Notruf abgesetzt werden muss – ist man sich nicht hundertprozentig sicher, dass die Situation allein gelöst werden kann, ist das rechtzeitige Hinzuziehen professioneller Rettung die bessere Entscheidung: kein übertriebener „Zähne-zusammenbeißen-du- packst-das- schon“-Ehrgeiz. Je nach Verletzung werden Wunden steril abgedeckt und verbunden, Patient*in nach Wunsch gelagert, Wärmeerhalt sichergestellt und lückenlos betreut. War kein Sturz ursächlich, handelt es sich um einen internistischen Notfall und eine genaue Diagnose ist für Laien sehr schwierig: Patient*in fragen, ob die Beschwerden schon bekannt sind, eine Vorerkrankung besteht und Medikamente genommen werden und eventuell dabei sind. Die Einnahme der bekannten Medikamente kann patientenbestimmt durchgeführt werden, bei Kreislaufbeschwerden kann Wasserzufuhr oder essen helfen. Bleiben die Beschwerden bestehen, gilt auch hier: Rechtzeitig den Notruf absetzen und an die Profis übergeben.

Notruf: im Gespräch immer auf Rückfragen warten, Telefon angeschaltet lassen und erreichbar bleiben. Gruppe zusammenhalten, gegebenenfalls psychologische Betreuung durch das Kriseninterventionsteam (KIT) erfragen.

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