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Rückkehr zum Jubigrat

Mit 75 Jahren unterwegs auf dem spektakulärsten Ostalpen-Grat

Wie ist es, als „alter Mann“ nochmals Lust auf eine außergewöhnliche Tour zu bekommen, die schon Jahrzehnte zuvor begeistert hat? Uli Ziermann aus dem mittelfränkischen Schwabach hat’s ausprobiert:

Der Jubiläumsgrat, zum Ersten

Jung und bergsportbegeistert, als Gebirgsjäger in Mittenwald stationiert, nahm ich den Jubiläumsgrat im Sommer 1961 ins Visier. Übernachtung auf dem Münchner Haus … und los ging’s: herrliche Ausblicke in die Täler, zu den Bergketten des Wettersteins, des Karwendels, zur Mieminger Kette, hinunter nach Garmisch, hinaus zum Starnberger See Richtung München. Ich war begeistert und habe diese Tour gut gemeistert. Damals gab es noch keinen Abstieg über die Alpspitz-Ferrata und ich glaube mich zu erinnern, dass ich auf der Hochalm übernachtet habe, ehe ich mich an den Abstieg nach Garmisch machte. Diese Tour blieb mir immer in Erinnerung.

 

Noch mal?

Im Alter von 75 Jahren wollte ich diese Tour noch einmal machen. Die Familie streikte zunächst: „Denk‘ an Dein Alter!“, „Das ist purer Leichtsinn.“ … Zwar sah ich das nicht ganz ein, fügte mich aber.

 

Dann kam mein 75. Geburtstag. Meine Familie hatte ein tolles Überraschungs-Geschenk: Einen Gutschein für einer geführte Bergtour auf dem Jubigrat! Sofort begann ich die Planung und nahm Kontakt auf mit einer Berg- und Skischule in Garmisch. Ja, sie könnten mir einen Bergführer stellen! Wir vereinbarten einige Termine aus als das Wetter passte, fuhr ich nach Garmisch.

 

Da meine Ausrüstung samt Helm älter als zehn Jahre und damit veraltet war, wurde sie nicht mehr akzeptiert. Ich holte mir also Leihmaterial in der Bergschule ab und fuhr im Anschluss mit der Zugspitzbahn zum Münchner Haus, einer DAV-Hütte am Zugspitzgipfel, zum Übernachten. Ich war ziemlich aufgeregt, konnte aber auch wegen des Baustellen-Lärms nicht schlafen – auf der Zugspitze wurde zu dieser Zeit Tag und Nacht an der neuen Zugspitz-Seilbahn gearbeitet.

 

Der Jubiläumsgrat, zum Zweiten

Am Morgen um 5:30 Uhr begann mit Bergführer Michi Brackenhofer die Tour. Wie sich im Laufe des Tages herausstellen sollte, hätte ich keinen besseren Führer bekommen können: Ich glaube, er hat in mir seinen Vater gesehen, den er gut und sicher über die vielen Kletter-Passagen bringen muss. Und beiden von uns war anzumerken, dass wir die Berge, die Natur, die Aussichten liebten und uns freuten, dieses Erlebnis miteinander teilen zu können.

 

Gegen 14 Uhr – wir hatten etwa zwei Drittel der T(ort)our geschafft, kündigte sich ein aufziehendes Gewitter an. Gott sei Dank waren wir da in der Nähe der neuen Biwakschachtel, Gratthüttl genannt, auf ca. 2700 m Höhe. Wir beschlossen abzuwarten, wie sich das Wetter entwickelte. Eine halbe Stunde später waren wir in einem heftigen Gewitter. Die Stahlseile der Hüttenbefestigung hatten kleine Flämmchen und summten. Ging man vor die Unterkunft, standen die Haare zu Berge! Wir waren froh, rechtzeitig hier Unterschlupf gefunden zu haben. Ein holländischer Bergkamerad kam noch kurz vor dem großen Regen zu uns herein.

 

Michi traf dann die Entscheidung, hier zu übernachten. Mir war das sehr recht. Denn – ich gebe es zu: ich war zu diesem Zeitpunkt, schon ziemlich fertig. Da es in dieser Notunterkunft nichts zu Essen und zu Trinken gab, fingen wir das Regenwasser mit unseren leeren Flaschen auf und konnten so für unseren Wasserhaushalt – auch für den nächsten Tag – vorsorgen. Magnesium-Tabletten im Regenwasser sorgten für gute Trinkbarkeit.

 

Nach rund zwei Stunden war das Gewitter vorbei, aber der Fels war jetzt glatt, nass und rutschig. Hubschrauber flogen über das Oberreintal zum Grat, um Verletzte bzw. Bergsteiger in Not zu retten. Wir schliefen sehr gut und erholten uns vom ersten Tag.

 

Am Morgen, nach kurzem Frühstück mit Riegel, Brot und Apfel ging es gegen 7 Uhr erneut los. Inzwischen war der Fels wieder trocken und das Wetter klar. Wir kamen gut voran. Vor uns lagen noch die Äußere Höllentalspitze (2720 m), die Volkarspitze (2618 m), die Grieskarscharte (2618 m), der Hochblassen (2707 m) und die Alpspitze (2628 m). Kletterstellen teilweise bis zum Schwierigkeitsgrad 3-. Allerdings jetzt etwas besser an manchen Stellen mit Drahtseilen gesichert. Gegen 12 Uhr waren wir an der Alpspitz-Ferrata angelangt und mussten diese noch absteigen. Das war – im Vergleich zu den vorangegangenen Kletterpartien – ein Kinderspiel. Aber: hier hatte uns auch der Tourismus wieder. Unglaublich, welche Menschenmassen diesen Klettersteig gehen. Manchmal sehr grenzwertig, wenn zum Beispiel ein Erwachsener mit 15 (!) Kindern im Alter von zehn, zwölf Jahren diesen Klettersteig macht. Überhaupt habe ich auch bei der Jubigrat-Tour junge Männer ohne Helm, ohne Klettersteigset, nur mit Turnschuhen erlebt. Dass sie schneller als Michi und ich unterwegs waren, ist klar. – Aber muss man ein solches Risiko eingehen? Wenigstens gute Ausrüstung für eine solche Kletterei sollte ein Muss sein! Doch zurück zu uns:

 

Um ca. 13:15 Uhr kamen wir an der Station der Osterfelder-Alpspitzbahn an. Ich war geschafft. Ich war ausgepowert. Ich war bereit zuzugeben, dass der Jubigrat auch für einen doch relativ gut trainierten 75-jährigen „alten Mann“ nicht mehr unbedingt empfehlenswert ist. Michi (mein Sicherheitsengel) und ich aber waren glücklich, dass diese Tour uns zusammengebracht hatte und wir zwei Tage mit einmaligen Ausblicken und einem Naturerlebnis pur miteinander erleben durften – dank des Verständnisses auch meiner Familie.

 

Über die Tour

Jetzt noch schnell ein Originalauszug der Beschreibung des Jubigrats: „Der Jubiläumsgrat gehört zu den spektakulärsten Gratüberschreitungen der Ostalpen – ist aber, und das sei gleich vorweggenommen, kein Klettersteig. Die über 5 km lange Gratüberschreitung (Luftlinie), aber ca. 8 km Klettermeter, die sich vom Gipfel der Zugspitze bis zum Gipfel der Alpspitze zieht, ist eine anspruchsvolle Tour! Ein ständiges Auf und Ab prägt diese Tour (500 Höhenmeter im Aufstieg und 1400 Höhenmeter im Abstieg). Steht man auf einem der Gratgipfel, tut sich schon das nächste zackige Hindernis auf. Nur bei guten Verhältnissen und sicherem Wetter sollte man sich auf diese „Gratwanderung“ einlassen, an der auch Bergsteiger mit sehr guter Kondition und alpiner Erfahrung ganz schön ins Schwitzen kommen. Kletterzeit ca. 9 bis 10 Stunden. Dazu kommt noch der Abstieg (ca. 1 Stunde) von der Alpspitze über die sogenannte Alpspitz-Ferrata (ein reiner Klettersteig) zur Station der Osterfelder-Seilbahn und von dort hinunter zur Talstation Alpspitzbahn (zwischen Hammersbach und Garmisch-Partenkirchen).“

 

(ergänzender Hinweis der Redaktion: weitere ausführlichere und verlässliche Planungsinformationen zum Jubiläumsgrat für alle, die am liebsten gleich selbst los wollen.)

 

Über den Autor

Uli Ziermann stammt aus einer bergsportbegeisterten Familie. Als Kind erlebte er die Wiedergründung der DAV-Sektion Schwabach, das war 1947. Später war er bei den Gebirgsjägern in Mittenwald. Immer wieder zog es ihn in die Berge. Mit den Erinnerungen an seine Jubigrat-Überschreitung vor einigen Jahren möchte er alle, die die Berge lieben und im Alter noch fit sind, anspornen und ermutigen.