Person in winter gear and helmet examining a snow profile in a dug-out snow pit, surrounded by snowy mountains.
Ein Mitarbeiter des Lawinenwarndienstes untersucht den Aufbau der Schneedecke. Foto: Bert Willer
Lawinenwarndienst Bayern informiert

FAQs: Was steckt hinter dem Lawinenlagebericht?

Von der Entstehung über die Aussagekraft bis zu aktuellen Problemen: Was du schon immer über den Lawinenlagebericht (LLB) wissen wolltest. Hier beantwortet unter anderen Dr. Thomas Feistl, Leiter des Lawinenwarndienst Bayern, die wichtigsten Fragen.

FAQs: Was steckt hinter dem Lawinenlagebericht?

Was ist der Lawinenlagebericht?

Der Lawinenlagebericht fasst alle wichtigen Informationen zusammen, die einen Einfluss auf die Auslösung von Lawinen haben, und gibt eine Gefahrenstufe von 1 (gering) bis 5 (sehr groß) an. Er bietet Wintersportler*innen auf Ski- und Schneeschuhtouren, beim Freeriden oder Winterwandern eine Informationsgrundlage für die Tourenplanung, um Risiken zu minimieren.

Wann erscheint der Lawinenlagebericht?

Der Lawinenlagebericht erscheint im Winter täglich um 17 Uhr. Die Veröffentlichung startet, sobald ausreichend Schnee liegt, normalerweise Ende November oder Anfang Dezember. Die Saison geht meist bis April oder sogar Anfang Mai.

An wen richtet sich der Lawinenlagebericht?

„Das ursprüngliche Ziel des Lawinenwarndienstes war, Menschen auf den geöffneten Pisten und Straßen vor Lawinen zu schützen. Das heißt, wir haben einen Auftrag im Zivilschutz. In den letzten Jahren ist das Skitourengehen zum großen Trendsport geworden und unser Produkt, der Lawinenlagebericht, richtet sich jetzt vor allem an Freizeitsportler*innen“, erklärt Thomas Feistl.

Wie entsteht der Lawinenlagebericht?

In den Lawinenlagebericht fließen sehr viele verschiedene Daten. Diese kommen zu einem Teil aus dem automatischen Messnetz des Lawinenwarndienstes, zum anderen direkt von Beobachter*innen. „Unsere Leute vor Ort liefern uns ganz viele Informationen zum Schneedeckenaufbau und zur aktuellen Wettersituation“, erzählt Thomas Feistl. Außerdem besteht ein sehr enger Kontakt zum Deutschen Wetterdienst. Bis zum Nachmittag werden alle diese Informationen zusammengetragen, gesichtet und ausgewertet. Eine der großen Herausforderung ist, aus den punktuellen Informationen Schlüsse für eine ganze Region zu ziehen. „Je mehr Daten wir haben, desto besser gelingt das“, so Thomas Feistl. „Manche der beobachteten Prozesse, die in der Schneedecke stattfinden, sind recht leicht auf die Breite zu übertragen. Wenn mehrere Beobachter*innen Oberflächenreif finden, kann ich davon ausgehen, dass dieser wahrscheinlich überall zu finden ist.“ Alle diese Infos und Überlegungen fließen in den Lawinenlagebericht ein und bilden die Basis für die Festlegung der Gefahrenstufe.

Wie wird die Gefahrenstufe festgelegt?

Die Lawinengefahrenstufe stützt sich auf drei Faktoren: Zum einen auf die Stabilität der Schneedecke. Das heißt, wie stabil deren Aufbau ist, wie leicht eine Lawine durch eine Person ausgelöst werden kann oder ob sie von selbst abgehen kann. Zum anderen ist die Anzahl der Gefahrenstellen im Gelände entscheidend. Bei viel Neuschnee gibt es oft sehr viele Gefahrenstellen. In anderen Situationen können auch nur einzelne Hänge betroffen sein. Zuletzt ist entscheidend, wie groß Lawinen werden können. Diese drei Faktoren werden anhand einer europaweit einheitlichen Matrix bewertet. Und daraus ergibt sich dann die Gefahrenstufe: von 1 (gering), 2 (mäßig), 3 (erheblich), 4 (groß) bis 5 (sehr groß).

Warum reicht es nicht, nur die Gefahrenstufe zu nennen?

„Die Gefahrenstufe ist wichtig, um sich bei der Planung zu überlegen, ob am nächsten Tag überhaupt ein Berg - zum Beispiel bei einem Dreier - machbar ist, oder ob man es lieber gleich bleiben lässt“, erklärt Thomas Feistl. Die zusätzlichen Informationen geben die Lawinenprobleme und die Gefahrenstellen genauer an. „Diese sind wichtig, um am Einzelhang noch einmal zu überlegen: Gibt es eine Schwachschicht in der Schneedecke oder muss ich auf Triebschnee achten?“

Welche Missverständnisse passieren oft bei der Gefahrenstufe?

„Oft denkt man, bei Gefahrenstufe 1 besteht keine Gefahr. Das ist aber nicht so. Gefahrenstufe 1 ist immer noch eine geringe Lawinengefahr. Es gibt auch bei Gefahrenstufe 1 noch Hänge und Situationen, wo es Lawinen geben kann“, betont Thomas Feistl. „Das heißt, man ist beim Einser nicht 100-prozentig sicher unterwegs.“ Die Gefahr steigt von Stufe zu Stufe sehr steil an, das ist vielen nicht klar. Bei Gefahrenstufe 2 ist es schon deutlich gefährlicher als bei Stufe 1. Und bei Gefahrenstufe 3 gibt es bereits viermal so viele Gefahrenstellen wie bei Gefahrenstufe 2. Bei 3 besteht eine erhebliche Gefahr, die man sehr ernst nehmen sollte. Die Gefahrenstufe 5 ist als Katastrophenfall zu verstehen, bei dem man auf jegliche Touren im Gelände unbedingt verzichten muss.

Steht alles, was ich wissen muss, im Lawinenlagebericht?

Die Arbeit des Lawinenwarndienstes ist enorm wichtig und die Verantwortung, die auf den Schultern der Mitarbeitenden lastet, ist groß. Aber draußen am Berg ist man für seine Entscheidungen letztlich selbst verantwortlich. Der Lawinenlagebericht ist eine wichtige Quelle dafür, aber nicht die einzige. Wichtig ist, selbständig Informationen über das Wetter, das Tourengebiet und das Gelände einzuholen, zum Beispiel über Tourenportale (alpenvereinaktiv.com, skitourenguru.com) und Webcams. Der Lawinenlagebericht bezieht sich immer auf eine Region. An einzelnen Hängen kann die Situation vom Bericht abweichen. Auch das Können und die Fitness der Tourenpartner*innen muss in die Planung einfließen. Lawinenunfälle sind meist ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren. „Da spielen auch psychologische Faktoren rein, wie großer Ehrgeiz oder vermindertes Risikobewusstsein“, so Thomas Feistl.

Wie genau ist der Lawinenlagebericht?

Trotz der minutiösen Arbeit des Lawinenwarndienstes liegt dieser auch mal falsch. „Das passiert an ca. zehn Prozent der Tage“, räumt Thomas Feistl ein. Die Lawinengefahr kann nie zu hundert Prozent richtig eingeschätzt werden. Es bleibt also immer ein Restrisiko, wenn man unterwegs ist. „Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen nicht hundertprozentig auf das verlassen, was wir tun. Wir tun unser Bestes. Wir versuchen immer richtig zu liegen, aber wir liegen nicht immer richtig.“

Wer macht den Lawinenlagebericht?

In der Lawinenwarnzentrale im Landesamt für Umwelt in München arbeiten sechs Mitarbeiter. Darüber hinaus gibt es fast 400 ehrenamtliche Expert*innen vor Ort, die die Gemeinden in Lawinenfragen unterstützen. Sie geben zum Beispiel Empfehlungen, ob eine Straße oder eine Skipiste gesperrt werden muss oder ob man eine Lawine absprengen sollte. Dazu kommen noch fünfzig Beobachter*innen, die wichtige Daten vor Ort, zum Beispiel den Aufbau der Schneedecke, an die Warnzentrale übermitteln.

Seit wann gibt es den Bayerischen Lawinenwarndienst und warum wurde er gegründet?

Wie das bei Katastrophenschutzbehörden oft so ist, beginnt alles mit einer Katastrophe: Im Jahr 1965 traf eine Lawine an der Zugspitze das Schneefernerhaus, damals ein Hotel. Viele Gäste, die sich auf der Terrasse sonnten, wurden verschüttet, zehn Menschen starben. Danach war klar: Man braucht einen Warndienst, der solche Unfälle verhindert. Der Lawinenwarndienst Bayern wurde 1967 gegründet.

Wo sitzt der Lawinenwarndienst Bayern?

Momentan befindet sich die Lawinenwarnzentrale in München beim Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU). Ende 2026 ist ein Umzug ins Bayerische Zentrum für alpine Sicherheit nach Bad Tölz geplant, in dem die Bergwacht Bayern ihren Sitz hat. „Wir hoffen, dass wir uns dann besser vernetzen und uns auch in der Ausbildung ergänzen können“, freut sich Thomas Feistl.

Was macht der Lawinenwarndienst im Sommer?

Die Lawinenwarnzentrale ist auch für alle Lawinen-Schutzmaßnahmen in Bayern zuständig. Immer, wenn irgendwo ein Gebäude gebaut wird oder eine Straße geschützt werden muss, wird der Warndienst um Stellungnahme und Gutachten gefragt. Außerdem werden im Sommer die Messstationen gewartet, damit sie einwandfrei für die nächste Saison funktionieren. Daneben gibt es viele Besprechungen mit Gemeinden und Lawinen-Kommissionen, um die Arbeit des Warndienstes zu optimieren.

Sind die verschiedenen Lawinenlageberichte in den Alpenländern vergleichbar?

In der Vereinigung der europäischen Lawinenwarndienste (EAWS) haben sich 33 Lawinenwarndienste aus zwanzig Ländern zusammengeschlossen. Alle zwei Jahre einigen sie sich in einer Versammlung über die wichtigsten Standards. Die Standards der EAWS müssen von allen eingehalten werden. Das betrifft zum Beispiel die Gefahrenstufe, die anhand einer europaweit einheitlichen Matrix bestimmt wird. Aber auch die Definitionen der speziellen Lawinenprobleme wie bei Altschnee oder Triebschnee.

In der Schweiz wurden trotz dieser einheitlichen Regeln Zwischenstufen eingeführt. „Wir in Bayern möchten unser Produkt aber so gestalten, dass es so aussieht wie bei den Nachbarn, damit man die Nutzer nicht verwirrt“, sagt Thomas Feistl.

Wie ist der Klimawandel beim Lawinenlagebericht zu spüren?

Der Klimawandel hat einen Einfluss auf die Schneedecke und auf die Lawinengefahr. „Wir sehen, dass sich die Lawinenprobleme verschieben. Wir haben es jetzt auch im Hochwinter, im Januar, nachts mit Schneeproblemen zu tun. Das gab es früher sehr selten. Auch das Thema Gleitschnee betrifft uns öfter als früher.“ Die Tage mit wenig Schnee und niedriger Gefahrenstufe in den Voralpen werden außerdem mehr. Nach wie vor führen aber Starkschneeereignisse immer wieder zu sehr gefährlichen Situationen.