Vorweg: Bremsassistenten an sich sind nicht unsicher, sondern eine begrüßenswerte Entwicklung im Klettersport! Bremsassistenten dienen dazu, Risiken durch Gewichtsunterschiede in einer Seilschaft beim Klettern zu mindern.
Wichtig: Bis eine Norm mit konkretisierten Anforderungen für diese neue Produktfamilie vorliegt, sollte man die Sicherheitsstufe von Verschlüssen von Bremsassistenten niedriger einschätzen als bei Sicherungsgeräten.
Wie auch für andere sicherheitsrelevante Ausrüstung im Bergsport: Um gute Entscheidungen treffen zu können, ist es wichtig, Gefahren zu kennen und Risiken zu verstehen.
Sicherheitshinweis von Edelrid zum OHMEGA
Der DAV-Sicherheitsforschung (SiFo) wurden Vorfälle zugetragen, in denen sich der Bremsassistent OHMEGA der Firma Edelrid unbeabsichtigt geöffnet hat.
Edelrid hat als Reaktion auf die Vorfälle eine aktualisierte Gebrauchsanleitung für das OHMEGA herausgegeben. In Piktogrammen und Text wird auf die Möglichkeit eines unbeabsichtigten Aushängens des Kletterseiles aus dem Bremsassistenten hingewiesen:
Untersuchung der DAV-SiFo
In Versuchsaufbauten konnten unter Kombination ungünstiger Einflüsse verschiedene Aushängevorgänge beim OHMEGA reproduziert werden. Wie bei anderen Beispielen von Bergsportausrüstung - auch für Bremsassistenten konnten Vorgänge gefunden werden, unter denen sich Geräte ohne manuelle Betätigung des Verschlusses öffnen.
Nach vorläufiger Einschätzung sind die Wahrscheinlichkeiten solcher Vorgänge klein. Für manche Auslöser eines unbeabsichtigten Öffnens wie etwa Anprall/ Andruck an Strukturen müssen mehrere ungünstige Umstände zusammenwirken, damit sich das Gerät vollständig öffnet.
Anderen Fehlerquellen wie nicht vollständig geschlossenen Verschlüssen (begünstigt durch Verschleiß, Verschmutzung) oder auch Fehleinlegen des Seiles kann durch gewissenhafte Checks in der Seilschaft und des Materials begegnet werden.
Die DAV-SiFo sieht bei dieser neuen Produktfamilie allerdings eine Diskrepanz zwischen Erwartung der Anwender*innen an Verschlussmechanismen gegenüber dem tatsächlichen Sicherheitsniveau. Die DAV-SiFo nimmt dies als Anlass zu Aufklärung von Anwender*innen und Aufruf an Hersteller zu konstruktiven Verbesserungen - in der üblichen Herausforderung, leichte Bedienbarkeit mit hoher Verschlusssicherheitsstufe zu vereinen.
Eine Untersuchung zu weiteren auf dem Markt befindlichen Bremsassistenten ist im Gange. Empfehlung zum gegenwärtigem Stand:
Bis zu einer entsprechenden Normanforderung an die neue Produktgruppe Bremsassistenten sind diese hinsichtlich Verschlussmechanismen defensiv unter "niedrige Verschlusssicherheitsstufe" einzuordnen. Für die Verschlusssicherheit kann nicht vom Sicherheitsniveau von Sicherungsgeräten ausgegangen werden.
Verschlussmechanismen können sich bei Wandanprall bzw. Andruck öffnen. Die gemeldeten Vorfälle und Versuchsaufbauten der DAV-SiFo haben gezeigt, dass auch Verschlusssysteme, deren Betätigung durch mehrere aufeinanderfolgende Bewegungen beschrieben wird, sich bei Wandanprall oder unter schiebendem Andruck des Gerätes mit dem Körper an der Wand unter ungünstigen Umständen kombiniert in einer Bewegung auslösen lassen.
Das OHMEGA sollte aus unserer Sicht deshalb bis auf weiteres stets in Kombination mit einer Expresse als Backup (Hintersicherung) verwendet werden.
Die DAV-SiFo empfiehlt ergänzend zur von Edelrid publizierten Variante eine Backup-Methode für Fälle, in denen nur ein Karabiner im Sicherungspunkt eingehängt werden kann (wenn Einhängen mehrerer Karabiner nicht oder nur so ungünstig möglich ist, dass Gefahr ungünstiger Karabinerbelastung droht). Dabei wird nur der Karabiner, der das OHMEGA hält, im Sicherungspunkt eingehängt; in diesem Karabiner hängt auch bereits vorbereitet die Backup-Expresse - ideal mit einem kleinen Verschlusskarabiner, damit sich nichts ungewollt aus- oder einhängt. Diese Methode ist auch bei engen Ringösen anwendbar. Sie ist vorteilhaft, wenn zwei Karabiner ungünstig aufeinander zum Liegen kommen könnten, erfordert aber aufeinander abgestimmtes Material.
Wichtig ist für beide Backup-Methoden die Wahl einer ausreichend langen Expressschlinge, um die Funktion des Bremsassistenten nicht einzuschränken. Eine typische, etwas steifere Expressschlinge hat weniger Tendenz als eine Bandschlinge, ein schwingendes Seil zu umschlingen.
Kontext Kletterhalle
Für Bremsassistenten sind künstliche Kletteranlagen ein naheliegendes Anwendungsfeld. Im Vergleich zum Fels gibt es hier meist deutlich weniger "natürliche" Reibung im Seilverlauf. Üblicherweise gibt es in Kletteranlagen Sicherungspunkte mit fix installierten Expressen. Bremsassistenten müssen dort eingehängt werden (wenn nicht spezielle zusätzliche Einhängemöglichkeiten für Bremsassistenten durch den Hallenbetreiber nachgerüstet worden sind). In Kletterhallen wird aus Sicherheitsgründen der Einstieg von Routen sinnvoller Weise relativ leicht gestaltet. Das mindert das Risiko kritischer Situationen auch im Bezug auf das Einhängen von Bremsassistenten und Stürzen in den ersten Haken. Zudem ist auch der zweite Haken sinnvoller Weise leicht einzuhängen und nahe am ersten - sobald dieser eingehängt ist, ist das Seil redundant gesichert.
Problematisch: Anprall und Andruck von Verschlüssen an Strukturen
Wo kommen ungünstige Bewegungen direkt am Bremsassistenten in der Praxis vor? Beim Felsklettern zum Beispiel beim Griffe putzen oder Ausbouldern an einer schweren Stelle direkt am Sicherungspunkt - und schwer kann es beim Felsklettern auch mal direkt am ersten Haken sein. Wenn es beim "Sitzen im Haken" Zug gibt von der sichernden Person und Zug nach oben bei Bewegung der kletternden Person entsteht, kann Druck durch den Körper gegen Gerät und Wand aufgebaut werden. Ob Bremsassistent oder nur Expresse - bei "Andruck und Schub" direkt am Gerät ist unbeabsichtigtes Öffnen möglich. Schaffen von Redundanz ist sinnvoll.
Weitere Sicherheitsmaßnahmen
Gefahren durch unbeabsichtigtes Öffnen bei Bremsassistenten betreffen neben der Seilfreigabe aus dem Gerät auch die Befestigung im Sicherungspunkt. Seilzug an Bremsassistenten kann die Lage des hakenseitigen Karabiners ändern - ein unbeabsichtigtes Aushängen ist möglich.
Risikosenkend wirken Maßnahmen, die für den Fall von Karabinern/ Expressschlingen im Klettersport bereits etabliert sind:
Geräte grundsätzlich so einhängen, dass Verschlüsse möglichst nicht an Wand/ Strukturen gedrückt werden können
Gegebenenfalls höhere Verschlusssicherheitsstufe wählen oder auch Redundanz schaffen
Folgendes Vorgehen kann zur Risikominimierung für alle Bremsassistenten im Bedarfsfall angewendet werden: Bremsassistenten samt Seil vorab installieren und zusätzlich den folgenden Haken vorclippen (ggf. clip-stick oder über Nachbarroute).
Neue Geräte, neue Herausforderungen
Abhängigkeiten von weiteren Faktoren jenseits des Gewichtsunterschiedes berücksichtigen:
Seildurchmesser und Beschaffenheit
Unterschiedliche Reibung aufgrund Routenverlauf/ Wandgeometrie - je mehr Knicke im Seilverlauf, desto höher die Grundstufe der Reibung! Bäuche oder Geländeübergange um Kanten bedeuten hohe Reibung, Geradlinigkeit des Seilverlauf mindert diese
Position der sichernden Person je nach Wandneigung des Einstiegs zur Herstellung des gerätespezifischen Seileinlaufwinkel in den Bremsassistenten
Vor Einsatz unter Absturzgefahr empfehlen sich "Trockenübungen" zum Vertrautmachen mit neuem Gerät - insbesondere Methoden zum sicheren Abbau und Ablassen unter Vermeidung/ Lösung von Blockierungen. Das Abschleifen eines Sicherungsgerätes kann unter Umständen erforderlich sein und gehört zu den wichtigen Sicherungskompetenzen beim Sportklettern.
Erste Falltests und Sturzversuche in sturzfreundlich überhängendem Gelände machen- nicht direkt in Gelände mit mit Wandanprallgefahr. Anwenderberichte erwähnen überraschend von der Erfahrung/ Erwartung abweichend harte Anprallszenarien, insbesondere bei viel Reibung im System - besser langsam herantasten und Abhängigkeiten ausloten im Steilen!
Gut sichern lernen - das sollte Teil unseres Selbstverständnisses sein. Bei Bremsassistenten darf der Erwerb eines Gerätes also mit dem Wunsch nach Kompetenzerwerb einhergehen, z.B. ein Training zu Sicherungstechniken. Denn auch "leichte" Menschen müssen eventuell beim dynamischen Sichern dazulernen, um das Risiko von Wandanprallverletzungen zu senken. Techniken wie die "Sensorhand", die in manchen Produkthinweisen erwähnt werden, sind für mindestens fortgeschrittene Sichernde gedacht - sie müssen nicht nur verstanden, sondern durch Training verankert werden.
Check des Team-Setup und Partnercheck beherzigen
Wichtig: Gewissenhaftigkeit
Beobachtungen zu neuen Produkten auf dem Markt für Kletterausrüstung geben immer wieder Anlass zu Weiterentwicklungen und Sicherheitshinweisen. Hersteller von Bremsassistenten sind aufgerufen, Verschlussmechanismen weiterzuentwickeln und Anwender*innen gut zu informieren.
Anwender*innen sind aufgerufen, sich mit Schutzausrüstung gewissenhaft auseinanderzusetzen. Auch Bremsassistenten sind keine "einfache Lösung" aller Probleme. Eine methodische Auseinandersetzung mit diesen Geräten und mit ihrer Bedienung ist mitentscheidend für die Sicherheit.
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