Sechs Bergretter mit Helmen und Rucksäcken tragen eine verletzte Person auf einer Trage über felsiges Gelände bei Nebel.
Bergwacht Grainau; Foto: C. Vogg
Bergsportunfälle: die unsichtbaren Folgen

Wenn Sekunden lange nachhallen

Der Bergsport boomt, immer mehr Menschen zieht es in die Berge – damit nimmt auch die Zahl der Unfälle zu. Knochenbrüche sind sichtbar, Angst, Panik und Schuldgefühle nicht. Im Ernstfall zählt neben der Versorgung von körperlichen Verletzungen auch sofortige psychologische Hilfe.

Trigger-Warnung

Der Text beschäftigt sich mit teils folgenschweren Unfällen am Berg. Speziell geschulte Menschen helfen bei der TelefonSeelsorge unter der Nummer 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.

Die TelefonSeelsorge steht kostenlos und anonym 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Sie ersetzt jedoch keine Behandlung von traumatischen Erlebnissen und daraus resultierenden Reaktionen und Symptomen.

Es riecht nach nassem Laub und feuchter Erde. Ein Bergpfad zieht sich durch den Wald, matschig vom Regen der letzten Nacht. Rechts fällt der Hang steil ab. Tief unten schimmert ein Bergsee zwischen Bäumen und Büschen hervor. Türkis, blau und ruhig.  

Lena Weber folgt dem schmalen Pfad schon seit einer guten Stunde. Ein weiterer Schritt, und der lockere Untergrund bricht unter ihren Füßen weg. Sie greift ins Leere, sucht Halt an Ästen, Büschen, irgendwas – doch da ist nichts. Ihre Hände krallen sich tief in die Erde. Aber der Boden ist zu porös und nass. „Ich erinnere mich, wie ich plötzlich falle und mich in der Luft überschlage“, sagt Lena. 

Wenige Sekunden fühlen sich ewig an. Viele Gedanken rasen ihr während des Sturzes durch den Kopf. Passiert das gerade wirklich? Träume ich? „Ich will nicht sterben.“ 

Wie häufig passieren Bergunfälle?

Lena ist in die Berge gefahren, um ein entspanntes Wochenende in der Natur zu verbringen und wandern zu gehen. Ihr Unfall zeigt, wie schnell ein Unglück in den Bergen passieren kann. Solche Ereignisse sind keine Einzelfälle. 2022 verunglückten 1243 Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den Bergen – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig erreichte der DAV einen Rekordstand bei den Mitgliederzahlen. Die Unfallquote lag daher nicht außergewöhnlich hoch, sondern bewegte sich etwa auf dem Niveau von 2019 (vor der Pandemie). 

Unfälle treffen Menschen völlig unvorbereitet. Körperliche Verletzungen wie Knochenbrüche fallen sofort auf, Schock, Verwirrung oder Überforderung bleiben oft verborgen. Heiner Brunner ist der Leiter des DAV-Kriseninterventionsteams. Er sagt, dass solche Extremereignisse eine akute Belastungsreaktion auslösen können. Wie diese ausfällt, ist von Mensch zu Mensch verschieden: Manche reagieren mit Angst, Panik oder Verzweiflung, andere mit körperlichen Symptomen wie Zittern, Schwitzen oder Herzrasen. Ob ein Ereignis als extrem erlebt wird, hängt dabei immer von der individuellen Wahrnehmung ab. 

Betreuung nach traumatischen Erlebnissen

Bei Lena zählt zunächst die körperliche Heilung. Mit einer Schädelfraktur liegt sie mehrere Tage auf der Intensivstation. Ein Psychologe besucht sie dort jeden Tag, spricht mit ihr über den Vorfall, ihre Sorgen und Gedanken. Nach ihrer Entlassung bleibt sie weitgehend allein mit dem, was passiert ist. Wochen und Monate später wirkt das Erlebnis noch nach. Sie hat um ihr Leben gekämpft – die körperlichen Verletzungen heilen, doch die Erinnerungen und Ängste lassen sich nicht so leicht abschütteln. 

Extremereignisse können eine akute Belastungsreaktion auslösen.
- Heiner Brunner

Wenn Menschen in den Bergen verunglücken, reicht medizinische Versorgung allein oft nicht aus. Für die Versorgung seelischer Wunden spielen Kriseninterventionsteams (KIT) eine wichtige Rolle. Bei schweren Bergunfällen entscheidet die Einsatzleitung, ob ein KIT hinzugezogen wird. Das Team bietet psychosoziale Akuthilfe (PSAH). Heiner Brunner arbeitet seit Jahren in der psychosozialen Notfallversorgung: „Wir schaffen Sicherheit, Stabilität und Struktur, damit Betroffene wieder möglichst handlungsfähig werden.“ 

Folgen für Begleitpersonen und Angehörige

Oft betrifft es nicht nur die Verunfallten selbst, sondern auch Begleitpersonen. Die Reaktionen unterscheiden sich stark: Manche bleiben ruhig, andere wirken abwesend, desorientiert oder weinen. Heiner hilft den Betroffenen praktisch, damit sie die ersten Stunden und Tage nach dem Vorfall strukturieren können. Oft tauchen klassische Fragen auf: Wie soll ich mit den Angehörigen umgehen, mit ihnen sprechen? Viele empfinden Schuldgefühle. Wie rede ich mit der Polizei? Solche Dinge müssen schnell geklärt werden. 

Auch Anne Klenge lebt mit den Folgen eines Bergunfalls. Sie war dabei, als ihr Kletterpartner aus sieben Metern abstürzte und mit schweren Verletzungen in die Intensivstation eingeliefert wird. „Ich dachte sofort: Scheiße, ist er gerade vor meinen Augen gestorben.“ In den ersten Wochen sind Freund*innen für Anne da. Außerdem lenkt sie sich mit viel Arbeit ab. „Je mehr ich zu tun hatte, desto weniger spürte ich die Hilflosigkeit“, sagt Anne später. Unterbewusst quälen sie Schuldgefühle – die Nachfragen aus ihrem Umfeld jedoch klingen ab, bis sich niemand mehr danach erkundigt, wie sie sich fühlt. 

Bergsport bringt ein messbares Risiko mit sich: Im Sommer 2025 rückte die Bergwacht Bayern zu 3504 Einsätzen aus, mehr als die Hälfte betraf Menschen, die zu Fuß im alpinen Gelände unterwegs waren. Die Zahlen zeigen, dass Bergsport immer auch ein gewisses Risiko birgt.  

„Noch ist mir das Klettern wichtig genug, um das Trauma zu überwinden“, sagt Anne, obwohl sie seit dem Unfall ohne den ständigen Begleiter Angst nicht mehr am Fels klettern kann. Ihr Vertrauen in Ausrüstung und Kletterpartner ist gesunken, ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle stark gestiegen. 

Sportklettern am Fels. Foto: Lukasz Walda

Heiner betont: Rettungen in den Bergen sind komplexer als städtische Unfälle. Betroffene bleiben länger auf sich gestellt, soziale Netzwerke fehlen, Rettungseinsätze können mehrere Stunden, im Extremfall mehrere Tage andauern. Besonders belastend ist es, wenn unklar bleibt, ob ein Mensch überlebt oder nicht. Bei Bergunfällen werden Betroffene im Schnitt sechs bis acht Stunden betreut, bei städtischen Unfällen nur zwei. Das verdeutlicht, wie sehr die Teams beim Bergsport gefordert sind und gebraucht werden. Sie leisten in den ersten Stunden Akuthilfe, therapeutische Begleitung im Anschluss übernehmen sie jedoch nicht. Nach vier Wochen folgt ein erneutes Gespräch oder ein Fragebogen, da sich erst dann aus einer akuten Belastungsreaktion eine Traumafolgestörung entwickeln kann. Falls benötigt, wird langfristige therapeutische Hilfe vermittelt. 

Die Erinnerungen bleiben

„Ich weiß jetzt, was eine Panikattacke ist“, sagt Lena. Monate später stößt sie sich in der Küche den Kopf. Der Schmerz holt die Erinnerung an die Kopfverletzung zurück, Panik steigt auf. „Ich habe keine Luft bekommen, musste mich setzen und meine Atmung wieder beruhigen.“ Körperlich hat sie sich erholt, sie spürt aber weiterhin Angst vor Höhe, ein schwächeres Selbstvertrauen und ein stärkeres Bedürfnis nach Sicherheit. Seit einem halben Jahr ist sie nicht in den Bergen gewesen, aber das möchte sie bald wieder ändern. 

Die Bergwacht Bayern bei einem Rettungseinsatz mit einem Helikopter der Bundespolizei. Foto: Markus Leitner

Viele Bergsportler*innen planen jede Tour selbst, wägen Risiken ab und glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Dieses starke Selbstbild erschwert es, eigene Grenzen zu erkennen und um Hilfe zu bitten. Psychische Belastungen bleiben dadurch oft zu lange verborgen, wie Heiner Brunner immer wieder beobachtet. 

Anne kennt diesen langen Weg. „Hilfe zu suchen, klingt einfach, ist es aber nicht“, sagt sie. Ihr Rat: Freund*innen bitten, weiterhin nachzufragen. So lässt sich das Schweigen durchbrechen. Obwohl bereits einige Monate vergangen sind, will sie sich nun professionelle Hilfe holen, um die traumatische Erfahrung zu verarbeiten. 

„Es ist vermessen zu glauben, man müsse mit allem allein fertigwerden“, sagt Heiner. „Hilfe anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge. Im Bergsport gehören Unfälle zur Realität – für die Verunfallten und für die, die dabei sind.“