Schritt für Schritt zur Traumtour
Ob unterwegs auf Tour, oder auf dem Weg zur Traumtour: Es geht immer nur in kleinen Schritten voran. Foto: Klaus Listl
Taktik: Bergträume erfüllen

Schritt für Schritt zur Traumtour

Traumberge – sie prangen uns aus den Reportagen von DAV Panorama entgegen oder stechen uns ins Auge, wenn der Gipfelblick in die Ferne schweift. Es umgeben sie Mythen und Geschichten, oft sind sie gleichermaßen verlockend wie respekteinflößend. Ob anspruchsvolle Schneeschuhtour, hochalpine Skidurchquerung, Eiger-Nordwand oder Achttausender, abhängig von individuellen Ambitionen träumt wohl jede*r Bergsteiger*in von einer besonderen Tour, einem Gipfel oder einer speziellen Unternehmung.

Egal, wie groß man seine Bergbrötchen backen möchte, am Anfang steht immer die Frage: Welche Anforderungen an die persönlichen Fertigkeiten stellt der Traumberg? Was bringt man davon bereits mit?

Was kann ich, was brauche ich noch?

Für die Ist-/Soll-Analyse dereigenen Traumtour hilft es, in unterschiedlichen Kategorien zu denken: Welche Anforderungen werden im konditionellen Bereich gestellt: Wie lang ist die Tour, wie viel Höhenmeter müssen bewältigt werden und auf welcher Höhe? Ist es eine Ein- oder Mehrtagestour mit entsprechend schwerem Gepäck? Wie sind die eigenen konditionellen Fähigkeiten im Vergleichzum Anspruch der Tour? Dann sind da die koordinativen/technischen Anforderungen: Welche technischen Schwierigkeiten sind zu erwartenund wie ist der eigene Stand? Vom schwarzen Bergweg bis zum oberen Klettergrad, vom steilen Schneehang bis zum ausgesetzten Firngrat, vom Aufstieg mit Schneeschuhen bis zur Skiabfahrt im vergletscherten Hochgebirge – die Palette an technischen Anforderungen kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Das ganz große "Bergbrötchen" backen – dazu braucht es einiges an Vorbereitung. Und viele (schöne) Touren. Illustration: Georg Sojer

Die Ansprüche sind vielfältig

Häufig stehen diese Aspekte auch im direkten Zusammenhang mit den psychischen Anforderungen: Sind ausgesetzte oder gar gefährliche Passagen zu bewältigen? Wie ist da seigene Nervenkostüm diesbezüglich gestrickt? Und nicht zu vergessen: Welches alpines Wissen hat man und was braucht es? Welche Sicherungstechniken müssen beherrscht werden? Wie gut können Wetter und aktuelle Verhältnisse beurteilt werden? Was auf einer Wanderung noch relativ einfach erscheint, ist im winterlichen Hochgebirge eine komplexe Herausforderung. Wie schaut es mit Orientierungsfähigkeit aus? Sind Wegzeichen vorhanden oder muss die richtige Route durch wegloses Gelände oder gar eine 1000-Meter-Wand gefunden werden? Je größer die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, umso länger und aufwendiger der Weg. Lässt sich der eine Bergtraum im Rahmen eines knappen Jahres und ein paar Trainingseinheiten verwirklichen, ist die Realisierung des anderen nur durch die Kumulation der Erfahrungen und des Könnens eines halben Bergsteigerlebens möglich. Unabhängig davon, wie lang der Weg zum individuellen Traum wird, man tut gut daran, Schritt für Schritt Erfahrung, Können und Wissen zu sammeln und keine Stufen zu überspringen. Das Schöne: Der Weg zur Traumtour bietet bereits großartige Erlebnisse und Erfahrungen in den Bergen. Und – ungleich anderen Lebensträumen wie Traumjob, Traumfrau/-mann, Lottogewinn o.Ä. – das Erreichen des eigenen Ziels ist zum allergrößten Teil von eigenem Engagement und eigener Motivation abhängig, und nicht vom Zufall oder dem Wohlwollen anderer. Träumen lohnt sich beim Bergsteigen! Wer sich seinen Bergtraum erfüllen will, muss einerseits konsequent das Ziel im Auge behalten und darf andererseits nichts überstürzen. Essenziell ist dabei, die eigenen Lücken in Kondition, Koordination, Psyche oder Wissen ehrlich zu analysieren, und insbesondere die Bereiche anzugehen, in denen am meisten Nachholbedarf besteht.

Bergtraum: Welche Anforderungen birgt er?

  • Kondition/Technik/Psyche/Wissen

  • Was brauch ich, was kann ich?

  • Schritt für Schritt vorbereiten

  • Traum realisieren aber dabei auf die Verhältnisse achten

Gemeinsam statt einsam

Wissen und technische Fertigkeiten lassen sich gut in Kursen oder im Austausch mit anderen aneignen. Auch „langweiliges“ Konditionstraining und Übungstouren machen in der Gruppe mehr Spaß. Gemeinsam sind wir stark – ungeachtet anderweitiger zeitgenössischer Tendenzen in der Gesellschaft sollte diese Erkenntnis an sich im menschheitsgeschichtlichen Bewusstsein eingebrannt sein. Miteinander können wir mehr erreichen, das gilt fürs Bergsteigen umso mehr. Solo-Bergsteigen außen vor, wird man für seine Traumtour ohnehin in einer Gruppe oder Seilschaft unterwegs sein. Gruppensynergien sind beim Bergsteigen ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Was der eine an technischem Können oder Wissen nicht hat, macht die andere wett und andersherum. Gemeinsam auf eine Traumtour hinzuarbeiten ist deutlich effizienter.

Träume realisieren

Wer den Atlantik überqueren will, muss irgendwann die Segel setzen und aufs Meer rausschippern. Gleiches gilt fürs Bergsteigen, irgendwann muss man (entsprechend vorbereitet) den Schritt wagen und die Tour, den Berg, die Wand, die Expedition in Angriff nehmen. Dabei gilt jedoch wie immer: Die Verhältnisse am Berg sind stets der entscheidende Faktor in der alpinen Gleichung. Nur wenn Verhältnisse am Berg, Anforderungen der Tour und eigenes Können zusammenpassen, wird die Traumtour auch zum Traumerlebnis und nicht zum Albtraum.

Dabei sollte man sich nicht von äußeren Faktoren unter Druck setzen lassen – nicht immer ganz leicht, wenn in Zeiten des Klimawandels so manche Traumroute dahinschmilzt oder wegbricht. Wer sich seinen Bergtraum erfüllt, sich auf den im Morgenlicht leuchtenden Firnflanken seines Traumberges wiederfindet oder vom Stand seiner Traumroute in die Tiefe blickt, wird die süchtig machende Wirkung des Bergsteigens aus voller Kraft erfahren. Nur gut, dass die Bergträume selten ausgehen.

Der Weg exemplarisch dargestellt

Schauen wir uns die Taktik zur Traumtour anhand zweier Kandidat*innen an: Simon ist Mitte Vierzig, wohnt im alpenfernen Niedersachsen und ist passionierter Wanderer. So oft es geht verbringt er seine Urlaube in den Alpen, dabei sind mittelschwere Bergwege und Touren bis 900Hm kein Problem für ihn. Schon lange träumt Simon davon auch im Winter auf Schneeschuhen im Gebirge unterwegs zu sein. Seine Sektionskameraden waren diesen Winter zum Schneeschuhwandern im Passeier Tal, für nächsten Winter planen sie lange Touren rund um die Heidelberger Hütte – Simon möchte da unbedingt dabei sein.

Lucia ist Ende zwanzig und wohnt im Süden Münchens, nahe der Berge. Vor drei Jahren hat die passionierte Skifahrerin mit dem Skitourengehen ihre neue Leidenschaft entdeckt. Seit einem Bericht in Bergauf Bergab träumt sie von der hochalpinen Skidurchquerung „Tour de Ciel“ im Wallis. Lucia hat zwar eine gute Kondition (Touren bis 1800 Höhenmeter Aufstieg) und ist eine exzellente Skifahrerin, allerdings war sie noch nie mit Steigeisen und im vergletscherten Hochgebirge unterwegs.

 

Ist/Soll-Analyse

Für die geplanten Schneeschuhtouren in der Silvretta von bis zu 1200 Höhenmeter sind Simons konditionellen Fähigkeiten noch zu gering. Die technischen Anforderungen auf den Touren sind zwar vergleichsweise gering, jedoch hat Simon keinerlei Erfahrung im Schneeschuhgehen. Ihm fehlt auch jegliches Wissen zu Lawinenkunde, LVS-Suche und Orientierung abseits markierter Wege – Simon möchte sich auf den Touren nicht blind auf seine Kameraden verlassen.

Lucias Ausdauer sollte für die geplanten Tagesetappen von 1500Hm genügen. Aber wird dem auch so sein, wenn die Etappen auf 3000 bis 4000 Meter mit schwerem Mehrtagesrucksack zu absolvieren sind? Die teilweise steilen Abfahrten auf spaltenreichen Gletschern sollten für die ehemalige Skirennläuferin keine Hürde darstellen. Ganz anders schaut es mit einigen Übergängen und Firngraten aus, die zu Fuß und mit Steigeisen bewältigt werden müssen. Lucia hat keinerlei Kenntnisse über Gletscher und die unterschiedlichen Sicherungstechniken – von der ganzen dafür nötigen Ausrüstung abgesehen.

 

Der Weg

Simons Weg ist zeitlich durch den Tourentermin seiner Kameraden auf ein knappes Jahr begrenzt. Neben Arbeit und Familie trainiert Simon so gut es geht an seiner Grundlagenausdauer mit Laufen und Fahrradfahren, auf seinem Bergurlaub steigert er bewusst die Länge der Wanderungen – 1500 Höhenmeter in gemächlichem Tempo sind nun für Simon machbar und ganz nebenbei gelingen ihm einige traumhafte Alpengipfel. Im Herbst eignet er sich theoretisches Wissen zur Lawinenkunde an und übt die LVS-Suche auf der grünen Wiese. Mit einem Sektionskameraden sammelt er in um die Jahreswende erste Schneeschuherfahrungen auf einfachen Touren rund um die Schwarzwasserhütte. Mit den Schneeschuhen kommt er recht gut zurecht, allerdings strengen ihn steiler Passagen sehr an und mehr als 1000 Höhenmeter erscheinen illusorisch. Bis zur geplanten Tour kann Simon nur noch zuhause an seiner Ausdauer arbeiten.

Die Schwarzwasserhütte im Kleinwalsertal ist im Winter gerade wegen ihrer leichteren Möglichkeiten für Schneeschuh- und Skitouren beliebt. Foto: DAV/Daniel Hug

Lucia hat keinen Zeitdruck und plant frühestens in zwei Jahren auf die anspruchsvolle Skidurchquerung zu gehen, zwei Freundinnen konnte sie bereits von dem Plan begeistern. Gemeinsam buchen sie im Sommer einen Hochtourenkurs, hier lernen sie das Gehen mit Steigeisen und die nötigen Sicherungs- und Seiltechniken. Die Gletscherwelt fasziniert Lucia auch im Sommer und erste einfache Hochtouren kann sie mit ihren Freundinnen bereits selbstständig unternehmen. Im Winter verbringt Lucia so viel Zeit wie möglich auf Skitour. Auf einer Sektionstour durch die Tuxer Alpen sammelt sie im Februar erste Erfahrungen mit Gebietsdurchquerungen. Einige Wochen später folgt eine Tour durch die Silvretta, nun sind Gepäck, Länge der Tour und der Tagesetappen durchaus vergleichbar mit ihrem Traumziel, jedoch sind die technischen Anforderungen deutlich leichter als auf der Tour de Ciel.

Konditionell und skifahrerisch kommt Lucia bestens zurecht, jedoch zehren ausgesetzte Passagen ziemlich an ihren Nerven und mit den Steigeisen fühlt sie sich nicht sehr wohl. Im folgenden Sommer verbessert sie daher auf einem Fortgeschrittenen-Kurs ihre Fertigkeiten auf steilen Firnflanken, ausgesetzten Graten und kombinierten Gelände. Den Gipfel des Piz Palü meistern sie und ihre Tourenpartnerinnen im Anschluss selbstständig. Die steile, eisige Gipfelflanke und der anschließende Grat bereitet ihr nur noch geringes Unwohlsein. Dadurch bestärkt planen die drei für den kommenden Spätwinter mit der Tour de Ciel. Als weitere Vorbereitung und Akklimatisierung ist ein verlängertes Tourenwochenende um die Franz Senn Hütte geplant.

Die Realisierung

Motiviert durch seine Sektionskameraden schließt sich Simon dem Ausflug auf die Heidelberger Hütte an, er plant gegebenenfalls einen Tag auszusetzen, wenn er merkt, dass seine Kondition für geplante Gipfel nicht reicht. Dank idealen Verhältnissen und festem Schnee, kommt Simon recht gut zurecht und kann einige schöne Gipfel besteigen. Nur beim krönenden Abschluss auf die Breite Krone muss er passen – Dauer, Strecke und Höhenmeter sind zu viel für ihn.

Rund um die Heidelberg Hüttet in der Silvretta tut sich ein hervorragendes Tourengelände auf. Foto: DAV

Lucias Vorbereitungswochenende auf der Franz Senn Hütte läuft hervorragend: mit ihren Freundinnen sammelt sie fleißig Höhenmeter, bewältigt einige anspruchsvolle Übergänge, genießen eine Pulverabfahrt über den Berglas Ferner und verbessern ihre Seiltechniken an einigen heiklen Übergängen. Die Tour du Ciel müssen die drei trotzdem absagen: die Verhältnisse vor Ort sind desaströs, auf Grund geringer Schneelage sind viele Spaltenbereiche gefährlich offen und einige Übergänge besonders heikel, zudem sind für die geplanten Tourentage die Wetterprognosen alles andere als rosig. Ein Jahr später – und um weitere Tourentage und Erfahrung reicher – erwischen die drei eine perfekte Woche mit klaren Nächten und sonnigen Tagen. Die Tour klappt ohne große Probleme, die Schneebedingungen sind zwar sicher, aber nicht immer einfach zu fahren, kein Problem für Lucia. Die meisten Übergänge sind gut mit Firn bedeckt und relativ einfach zu bewältigen. Lucia kann die Tour aus vollen Zügen genießen und träumt bereits von einigen anderen Gipfeln, die ihr auf der Tour entgegengeleuchtet haben.

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