Illustration eines Paares beim Notbiwak am Berg
Ungewollt am Berg in die Nacht zu kommen ist kein Todesurteil. Wenn man mit Gelände und Ausrüstung kompetent und kreativ umgeht, kann ein Notbiwak sogar ganz erträglich werden. Illustration: Georg Sojer
Notbiwak im Sommer

Gut durch die Nacht

Im Gebirge in die Nacht kommen: Man will und sollte es nicht, aber es ist auch kein Todesurteil. Man braucht nur ein paar Verhaltensprinzipien, etwas Improvisationsgeschick – und je nach Ausrüstung mehr oder weniger Härte …

Oft kommt es anders und häufig als man denkt: Der Tag neigt sich dem Ende zu, doch die Tour noch lange nicht. Fehler in der Touren- und Zeitplanung, falsche Selbsteinschätzung, Orientierungsprobleme oder sonstige Un- oder Zwischenfälle können jeden Zeitplan durcheinanderwirbeln. Ist der Rückweg im Dunklen nicht möglich oder zu gefährlich, bleibt das Notbiwak als letzte Option. Das wichtigste Ziel dabei ist: starken Wärmeverlust vermeiden und die Nacht unversehrt überstehen! Die Entscheidung zum Biwak sollte rechtzeitig und unter Abwägung aller anderen Optionen getroffen werden. Wenn eines oder mehrere Gruppenmitglieder verletzt oder stark erschöpft sind oder wenn man mit der Orientierung oder den Schwierigkeiten des Geländes heillos überfordert ist, dann ist es besser, rechtzeitig die professionelle Bergrettung zu alarmieren – sofern möglich. Entscheidet man sich für das Notbiwak oder hat man keine andere Wahl, sollte man es noch bei Helligkeit vorbereiten.

Übrigens: Ein Notbiwak ist ein Not-Biwak, keine geplante Übernachtung, wenn Hütten ausgebucht sind.

Besonders wichtig dabei ist die Wahl des Biwakplatzes – auch wenn man häufig eher die Qual als die Wahl hat. Gesucht ist ein Platzl, das sicher ist vor objektiven Gefahren (Steinschlag, Absturz, …), windgeschützt (nicht am Grat oder Gipfel) und nicht auf feuchtem Boden, idealerweise sogar vor Regen geschützt. Gute Optionen sind: unter Bäumen, auf Geländeterrassen oder an Felsbrocken/-wänden. Eventuell kann man mit Steinen eine kleine Windschutzmauer errichten und den Schlafplatz "pflastern". Prinzipiell nutzt man alle nicht benötigte Ausrüstung (Seil, Rucksack inkl. Isoliermatte im Rückenteil) und Material aus der Umwelt (Zweige, trockenes Moos oder Gras, …), um das Biwak zu optimieren und sich vor der Bodenkälte zu schützen. Je länger man bastelt, umso kürzer die Nacht. Dabei nicht ins Schwitzen geraten und sich nicht verausgaben! Je mehr Reserven dem Körper bleiben, umso leichter lässt sich Unterkühlung vermeiden.

Zentrales Ziel: Wärmeerhalt

Bei jedem Biwak ist Wärmeerhalt das zentrale Ziel, um lebensbedrohliche Unterkühlung unbedingt zu vermeiden. Wärme verliert der menschliche Körper durch Kälte, Nässe und Wind und vor allem durch die Kombination dieser Faktoren. Zum Schutz vor Wind und Nässe von außen ist der Biwaksack konkurrenzlos. Ein stabiler (Nylon-)Zweimannbiwaksack kann den entscheidenden Unterschied ausmachen, denn selbst eine leichte Brise kühlt ruckzuck aus. Am besten schlüpft man komplett in den Biwaksack, zieht die Öffnungen gut zu und lässt nur einen kleinen Luftschlitz übrig. Da jedes Modell unterschiedlich ist, sollte man seinen Biwaksack bereits vorher mal ausgepackt und inspiziert oder "probegelegen" haben. Bevor man in den Biwaksack schlüpft, zieht man rechtzeitig (und auf jeden Fall bevor man friert!) alles an Kleidung an, was verfügbar ist. Besonders wichtig ist eine trockene Bekleidungsschicht auf der Haut (Wechselwäsche) und eine Bedeckung des Kopfes (Mütze, Halstuch, Jackenkapuze). Im Vorteil ist, wer den Light-Stil nicht bis zum Äußersten ausgereizt und geschickt gepackt hat. Dünne Daunenjacken haben mehr Wärmewirkung als Softshells; Handschuhe und Mütze sind Gold wert.

Geheimtipp für kalte Nächte ist die "Rettungsdecken-Ganzkörperwindel" zwischen Unter- und Oberbekleidung. Illustration: Georg Sojer

Eine Rettungsfolie wiegt nicht viel und bewährt sich als Super-Wärmetrick: Als Zwischenschicht über der untersten oder unter der obersten Kleidungsschicht schützt sie den Rumpf vor Kälte, Wind und Nässe. Der Länge nach vom Kopf über den Rücken nach unten und zwischen den Beinen wieder zurück führen und im Hosenbund befestigen (vgl. bergundsteigen #106); dabei kann man sich gegenseitig helfen. Ist man einmal fürs Biwak eingekleidet, sollte man danach nicht mehr ins Schwitzen kommen. Zuletzt darf man dann essen und trinken; das schmeckt, vertreibt die Zeit und liefert Energie, aus der dann auch Wärme wird. Die Nacht durchstehen. Um allen Alpinromantiker*innen jegliche Illusion zu rauben: Ein Zuckerschlecken wird eine Nacht im Notbiwak nicht! Doch mit diesen Tipps lassen sich Biwaks auch unter widrigsten Umständen durchstehen – man kann also die Nacht ohne Panik antreten. Dabei kümmert man sich umeinander: immer mal wieder was reden, spüren, wie’s der anderen Person geht, Kuscheln in Löffelstellung. Körperliche Nähe spendet Wärme, schafft Vertrauen und vertreibt Ängste. Neben den hier beschriebenen Methoden gibt es weitere Möglichkeiten, Nächte am Berg zu (üb)erleben: vom Winterbiwak (Iglu, Schneehöhle) bis zum geplanten Testbiwak, wenn keine Naturschutz- und Eigentumsbedenken dagegenstehen. Die Grundprinzipien sind immer gleich: Schutz vor Wind, Kälte und Nässe; Optimierung der Schlafqualität; Erhalt der Reserven durch Trinken und Essen.

Tipps

  • Notbiwak ja/nein? Rechtzeitig klären! Notruf?

  • Vorbereitungen bei Helligkeit beginnen.

  • Alles anziehen, bevor man friert.

  • Rettungsdecke und Biwaksack vorher ausprobieren.

  • Biwakplatz sicher, windgeschützt, trocken, eben (in dieser Reihenfolge).

  • Miteinander durch die Nacht (Wärme und Zuspruch).

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