Roland, viele kennen die Bergwacht nur aus Film und Fernsehen. Was macht die Bergwacht eigentlich – und wofür ist sie zuständig?
In Bayern – und auch in den Mittelgebirgen Deutschlands – ist die Bergwacht zuständig für die Rettung aus unwegsamem und alpinem Gelände, in Bayern zusätzlich auch aus Höhlen. Das ist ein klarer gesetzlicher Auftrag nach dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz.
Historisch kommt die organisierte Bergrettung aus dem Alpenverein. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es Rettungsausschüsse des damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Der Begriff „Bergwacht“ selbst entstand 1920 – zunächst als Natur- und Sittenwacht. Sehr schnell rückte jedoch die Erste Hilfe am Berg in den Mittelpunkt. Nach 1945 wurde die Bergwacht organisatorisch ins Bayerische Rote Kreuz integriert – bis heute ist sie dort eine eigenständige Gemeinschaft.
Wie ist die Bergwacht organisiert?
Entstanden ist die Bergwacht überall dort, wo Bergrettung gebraucht wurde. Heute gibt es in Bayern 107 Bereitschaften, die rund um die Uhr alarmierbar sind – mit Schwerpunkten am Alpenrand, aber auch im Fichtelgebirge, Frankenjura oder Bayerischen Wald.
Insgesamt zählt die Bergwacht Bayern rund 5000 Mitglieder, davon etwa 3800 aktive Einsatzkräfte und jährlich rund 8500 bis 9000 Einsätze.
Die Besonderheit in Bayern: Die Bergwacht übernimmt auch die Pistenrettung in Skigebieten – das ist in anderen Ländern oft anders geregelt.
Der Frauenanteil liegt bei etwa 18 bis 20 Prozent. Mitmachen kann man ab 16 Jahren – nach oben gibt es keine feste Altersgrenze.
Ist das alles ehrenamtlich?
Überwiegend ja. Von den 5000 Mitgliedern sind nur etwas mehr als fünfzig hauptamtlich beschäftigt – vor allem in Organisation, Ausbildung, Funk und Material. Der eigentliche Einsatzdienst wird ehrenamtlich geleistet.
Das ist im Rettungswesen in diesem Umfang eine echte Besonderheit.
Wie läuft ein typischer Einsatz ab?
Heute beginnt fast alles mit der 112. Dank Mobiltelefon werden Standortdaten direkt an die Leitstelle übermittelt. Dort entscheidet der Disponent, welche Bergwacht zuständig ist.
Die diensthabende Einsatzleitung klärt dann innerhalb kürzester Zeit:
- Wo liegt der oder die Verunglückte?
- Welche Verletzung liegt vor?
- Wie sind Wetter- und Geländebedingungen?
- Ist ein Hubschrauber möglich oder nicht?
Manchmal laufen mehrere Optionen parallel: Während ein Hubschrauber angefordert wird, rücken Teams mit Geländefahrzeugen oder zu Fuß aus. Entscheidungen müssen schnell, aber mit Erfahrung getroffen werden.
Der häufigste Einsatzgrund sind Stürze mit Verletzungen. Ob daraus ein kurzer Einsatz oder eine stundenlange Rettungsaktion wird, hängt stark von Gelände, Wetter und Tageszeit ab.
Technik hat sich stark entwickelt. Wie verändert das eure Arbeit?
Handys, GPS-Ortung, Drohnen – all das hilft enorm. Die große Revolution war das Mobiltelefon; eine weitere die Luftrettung ab den 1950er- und 60er-Jahren.
Neu sind Transportdrohnen, die Material in schwer zugängliche Gebiete bringen können – etwa Seile oder medizinische Ausrüstung, wenn ein Hubschrauber nicht fliegen kann. Auch digitale Lagebilder und Drohnenerkundungen erleichtern Einsätze.
Aber: Die Grundtechniken der Bergrettung – etwa der Einsatz von Gebirgstragen – sind seit Jahrzehnten bewährt.
Es gehen immer mehr Menschen in die Berge. Spürt ihr das?
Ja. Die Menge ist deutlich gestiegen – das sieht man allein an Parkplätzen oder Verkaufszahlen. Die Bayerischen Alpen gehören zu den am stärksten frequentierten Regionen der Alpen.
Bergrettung war früher organisierte Kameradenhilfe. Heute ist sie Teil der Daseinsvorsorge. Viele erwarten selbstverständlich, dass Hilfe funktioniert – egal wo.
Doch: Rettung im Gebirge hat Grenzen. Es gibt keine festen Hilfsfristen wie im städtischen Rettungsdienst. Wetter, Lawinengefahr oder Absturzrisiko können Einsätze verzögern oder sogar verhindern. Eigengefährdung der Einsatzkräfte ist ein entscheidender Faktor.
Welche Einstellung wünscht ihr euch von Bergsportlerinnen und Bergsportlern?
Vor allem realistische Selbsteinschätzung. Viele organisieren ihr gesamtes Leben per Smartphone – aber am Berg zählen Fähigkeiten, Erfahrung und Reserven.
Man sollte immer wissen:
- Wo ist meine Grenze?
- Wie komme ich zurück?
- Was mache ich, wenn sich Bedingungen ändern?
Der Winter ist nicht „Sommer in Weiß“. Erfahrung wächst langsam – und sollte auch so erworben werden.
Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Im Hochgebirge sind Gletscherrückgang und auftauender Permafrost spürbar. In den Bayerischen Alpen betrifft das nur einzelne Bereiche direkt.
Wichtiger sind veränderte Wetterlagen: Starkregen, längere Schönwetterphasen mit dauerhaft hohem Besucheraufkommen. Direkte Zusammenhänge zwischen Klimawandel und steigenden Unfallzahlen sehen wir bisher nicht eindeutig – aber die Rahmenbedingungen verändern sich.
Und welche Rolle spielt die Medizin in der Ausbildung der Bergwacht?
Notfallmedizin ist eine zentrale Säule. Bergretterinnen und Bergretter lernen, Verletzungen einzuschätzen, Verdachtsdiagnosen zu stellen und Patientinnen und Patienten eigenständig zu versorgen – bis hin zum Transport.
Trainiert wird unter anderem im Zentrum für Sicherheit und Ausbildung (ZSA) in Bad Tölz – einer Simulationshalle für Luftrettung, Seiltechnik und medizinische Szenarien. Hier trainieren auch Feuerwehr, Polizei und Hubschrauberbesatzungen gemeinsam.
Wie finanziert sich die Bergwacht?
Die Finanzierung basiert auf mehreren Säulen:
- Zuschüsse des Freistaats Bayern (z. B. für Fahrzeuge)
- Pauschalen der Krankenkassen pro Einsatz
- Eigenmittel und Spenden
- Unterstützung durch die Stiftung Bergwacht
Wichtig zu wissen: Die Einsatzpauschalen decken nicht die tatsächlichen Kosten. Spenden sind ein zentraler Baustein, um die Infrastruktur in der Fläche zu erhalten.
Wie wird man Bergretterin oder Bergretter?
Voraussetzungen sind solide alpinistische Fähigkeiten, sicheres Klettern (bis Schwierigkeitsgrad IV im Eingangstest), Skifahren und Skitourenerfahrung und natürlich körperliche Fitness. Nach bestandenen Eingangstests folgt eine zwei- bis dreijährige Ausbildung in fünf Bereichen (Sommer-, Winter-, Luftrettung, Naturschutz, Notfallmedizin). Wichtig sind außerdem Teamgeist und Verlässlichkeit – denn Einsätze können jederzeit kommen.
Und noch eine abschließende Frage: Was wünschst für die Zukunft?
Für das Bergsteigen: mehr Respekt. Respekt vor der Natur. Respekt voreinander. Und Demut. Nicht jede Tour ist für jeden und zu jeder Zeit geeignet. Schön wäre eine Kultur, in der das gemeinsame Unterwegssein wichtiger ist als das egozentrierte Gipfelbild. Bergsteigen als Gemeinschaftserlebnis – das passt zum Wesen der Berge.
Vielen Dank für das Gespräch, Roland.
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