Koch mit Bart vor einer Hütte
Christoph Erd ist Hüttenwirt des Prinz-Luitpold-Hauses der Sektion Allgäu-Immenstadt auf 1.846 Metern. Foto: Martin Erd
Interview mit Christoph Erd

Hüttenwirt und Bergwacht - direkt am Einsatzort

Wenn in den Bergen ein Unfall passiert, leisten DAV-Hüttenwirtsleute bei der Rettung oft wichtige Arbeit – besonders dann, wenn sie selbst Teil der Bergwacht sind. So eine wertvolle Schnittstelle verkörpert Christoph Erd, Hüttenwirt des Prinz-Luitpold-Hauses der Sektion Allgäu-Immenstadt auf 1.846 Metern. Hier erzählt er, wie sich seine Aufgaben auf der Hütte in den Allgäuer Hochalpen und seine Einsätze in der Bergwacht ergänzen.

Deutscher Alpenverein. DAV

Christoph, wie bist du Hüttenwirt vom Prinz-Luitpold-Haus geworden?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Ich bin mittlerweile seit 21 Jahren Hüttenwirt, zuvor waren wir 14 Jahre auf dem Staufner Haus tätig, dass durch eine nahe Seilbahn leichter zu erreichen war. Vor sieben Jahren wechselten wir zum Prinz-Luitpold-Haus, das nur zu Fuß erreichbar ist und insgesamt etwas alpiner liegt. Als gelernter Koch und Zimmerer passt die Kombination aus Gastronomie und handwerklicher Ausbildung perfekt. Meine Frau, als ausgebildete Erzieherin, hat ein gutes Gespür für Menschen, sie kümmert sich um den gesamten Gästebereich. So ergänzen wir uns in der Aufgabenverteilung sehr gut.

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Außerdem bist du Mitglied der Bergwacht, wie hat sich das ergeben?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Ich bin in Nesselwang aufgewachsen und durch Freunde aus meiner Heimatgemeinde zur Bergwacht gekommen. Anfangs war es schwierig, die Ausbildung abzuschließen, weil ich als Koch unregelmäßige Arbeitszeiten hatte und oft den Wohnort gewechselt habe. Während meiner Zimmermannsausbildung war ich wieder häufiger in der Heimat und konnte mich regelmäßig engagieren. Als Anwärter wechselte ich nach Oberstaufen, wo ich meine Ausbildung abschließen konnte. Bis heute bin ich dort aktiv und engagiere mich aktuell in zwei Bereitschaften: im Winter in Oberstaufen und im Sommer in Hinterstein, wo unsere Hütte liegt.

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Wie gehst du im Hüttenalltag mit der Sicherheit deiner Gäste um?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Wir haben 160 Schlafplätze, die meisten Gäste sind sehr selbstständig unterwegs. Wer nach Sicherheitshinweisen fragt, zum Beispiel zu Schneefeldern im Frühsommer oder zu Wetterbedingungen, bekommt von mir Auskunft. Für alle Gäste kann ich jedoch keine Verantwortung übernehmen.

Prinz Luitpold Haus Foto: Martin Erd
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Und was passiert, wenn Gäste vor Einbruch der Dunkelheit nicht erscheinen?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Häufig kommt es vor, dass Gäste ohne Abmeldung nicht auftauchen. Würde ich mich um jeden Einzelnen sorgen, könnte ich nachts nicht mehr schlafen. Im Normalfall mache ich also gar nichts. Anders ist es, wenn ein Gast bereits eingecheckt war und zum Abend nicht zurückkommt, dann forsche ich aktiv nach.

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Welche Rolle spielt das Hüttenbuch heute noch, wenn vermutlich fast alle Bergsteiger*innen ein Mobiltelefon dabeihaben?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Das Hüttenbuch liegt aus und wird genutzt. Nicht alle Gäste tragen sich ein, doch gerade für Alleinwandernde ist das oft hilfreich. Früher half das Buch, Touren festzuhalten und nachvollziehen zu können, lange vor der Zeit der Handys. Heute ist das Mobilfunknetz in den Bergen relativ gut ausgebaut. Die Notruffunktion funktioniert netzunabhängig, sodass an vielen Stellen um Hilfe gerufen und die Position geortet werden kann. Insofern verliert das Hütten- oder Gipfelbuch für viele Gäste an Bedeutung, der DAV empfiehlt aber weiterhin jedem Hüttengast, das Ziel der Bergtour und die Handynummer im Hüttenbuch anzugeben. Vor allem auf unbewirtschafteten Hütten kann das Buch der letzte Ort sein, um Hinweise auf eine vermisste Person zu finden.

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Du bist im Sommer ständig auf der Hütte und hast keinen klassischen Bereitschaftsdienst. Welche Rolle übernimmst du als Bergwachtmitglied, und wie wirkt sich deine Anwesenheit auf Einsätze rund um die Hütte aus?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Meine Rolle ist etwas anders als bei Kameradinnen und Kameraden, die regelmäßige Wochenendbereitschaften machen. Dafür bin ich den ganzen Sommer Tag und Nacht auf dem Berg. Wenn ein Notruf eingeht, wird die Person lokalisiert und die zuständige Bereitschaft alarmiert. Als Mitglied der Bergwacht bekomme ich die Alarmierung per Handy direkt mit. Ich schalte das Funkgerät ein, höre die Details und melde mich, wenn ich in der Nähe bin und helfen kann. Das ist besonders wertvoll bei Einsätzen rund um die Hütte, weil ich sofort reagieren kann und vor Ort bin.

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Wie gehst du vor, wenn sich Wandernde verletzten, und welche medizinische Ausstattung steht dir dafür zur Verfügung?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Wenn die Blessuren weniger dramatisch sind, gelangen die Betroffenen meist noch selbst zur Hütte. Ich leiste dann Erste Hilfe und versorgen die verletzte Person. Dann liegt es an mir einzuschätzen, ob der Patient ins Krankenhaus, meist per Hubschrauber, transportiert werden muss. Ich kann oft direkt vor Ort reagieren, ohne dass Kameradinnen oder Kameraden aus dem Tal aufsteigen müssen. Ich habe eine Erste-Hilfe- Ausrüstung, Vakuum Fußschiene und eine komplett ausgestattet Gebirgstrage vor Ort. Wenn notwendig zusätzlich Sauerstoff oder einen Notarztrucksack falls zufällig ein Arzt unter den Hüttengästen ist.

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Kannst du uns von einer Rettungsaktion erzählen, bei der es ein Vorteil war, dass du die Situation direkt vor Ort einschätzen konntest?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Ein Einsatz ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Etwa hundert Meter unterhalb der Hütte war ein Wanderer in einem Bachbett gestürzt. Ich konnte zu ihm hinunterlaufen und ihn erstversorgen. Sein Ellenbogen war vermutlich gebrochen, also habe ich ihn ruhiggestellt und geschient. An diesem Tag lag im Tal dichter Nebel, während auf der Hütte strahlender Sonnenschein herrschte. Unten in Hinterstein, wo der Einsatzleiter saß, war ein Hubschrauberstart zunächst unmöglich. Da ich selbst vor Ort war, konnte ich jedoch einschätzen, dass in höheren Lagen gute Sicht herrschte. Über die Leitstelle organisierten wir einen Hubschrauber aus Österreich, der von einem höheren Ausgangspunkt starten konnte. So gelang die Rettung trotz der schwierigen Bedingungen im Tal schnell und reibungslos.

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Wie wird es bei dir im Umkreis der Hütte gehandhabt, wenn der Helikopter nicht landen kann, weil es das Wetter nicht zulässt?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

In einem solchen Fall wird die Rettung deutlich aufwendiger. Es muss eine Gebirgstrage eingesetzt werden, und es werden mehrere Bergwachtler benötigt, die den Abtransport zu Fuß übernehmen. Solche Einsätze sind sehr beschwerlich und langwierig, zum Glück kommt das nur selten vor. In den letzten sieben Jahren hatte ich diesen Fall nur einmal.

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Hast du persönlich das Gefühl das Bergunfälle in deiner Umgebung zunehmen?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Natürlich sind heute mehr Menschen in den Bergen unterwegs, und dadurch kommt es auch zu mehr Vorfällen. Auffällig ist für mich, dass viele Unfälle darauf zurückzuführen sind, dass die Leute nicht ausreichend vorbereitet sind – es wird dunkel, sie tragen nicht die passende Ausrüstung oder geraten in ein Gewitter, weil sie den Wetterbericht nicht geprüft haben. Oft drehen sich Notrufe um eher harmlose Fälle, man könnte scherzhaft sagen: „Der kleine Willi sitzt da und möchte abgeholt werden.“ Von außen mag das dann harmlos oder übertrieben wirken, für die betroffenen Personen ist die Situation jedoch ernst und belastend.

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Welche Sicherheitshinweise gibst du Gästen mit auf den Weg, damit sie gut vorbereitet in die Berge starten?

bsk_christoph-erd-0151_96dpi.jpg Christoph

Vorbereitung ist das A und O: die Route planen, das richtige Schuhwerk wählen und das Wetter vorher prüfen. Auch Notfallausrüstung wie Verbandszeug, Rettungsdecke oder ein Biwaksack kann in bestimmten Situationen wirklich wichtig sein. Besonders im Früh- oder Spätsommer unterschätzen viele die Bedingungen, etwa Schneefelder oder plötzliche Wetterumschwünge. Diesen Sommer habe ich zum Beispiel gesehen, dass Gäste spontan Zaunpfähle als Wanderstöcke benutzen, die eigentlich von den Hirt*/innen auf kleinen Haufen gesammelt wurden, um Weiden einzuzäunen. Die Wanderer denken, sie seien extra für sie bereitgestellt, weil sie selbst nicht das passende Equipment dabeihaben. Solche Situationen verdeutlichen, wie wichtig es ist, sich vorher Gedanken über die eigene Ausrüstung zu machen und gut vorbereitet auf die Bergtour zu starten.

Prinz Luitpold-Haus Foto: Martin Erd

Das Interview wurde ursprünglich für den Jahresbericht 2025 der Bergwacht Bayern verfasst und dort im Dezember 2025 erstmals in gekürzter Form veröffentlicht.