Spätestens, seitdem Kameras nicht mehr ganze Monatsgehälter kosten, gehören "Gipfel" und "Foto" für uns fest zusammen. Denn das Gipfelfoto zeigt das „Ich“ und das „Hier“. Das „Ich war hier“. Mal liegt die Betonung mehr auf dem "Ich", mal mehr auf dem "Hier". Wir zeigen, dass wir wirklich dort waren, oben auf dem Gipfel. Glücklich. Geschafft. Bei strahlendem Sonnenschein. Im feinsten Pulverschnee. Mit Kletterausrüstung. Oder ohne. Für uns bedeutet das für einen Moment vielleicht alles. Für den Rest der Welt ist unser Gipfelselfie indes ziemlich unerheblich.
Unerheblich? Nicht ganz. Zumindest, wenn wir der Logik sozialer Medien folgen, in denen wir mit dem Smartphone möglichst jetzt, gleich und sofort von unseren Erlebnissen berichten sollen. Was wir, nahezu reflexartig, oft genug auch tun. Und wo wir schon mal dabei sind, schauen wir auch noch fix in Statusmeldungen, Nachrichten und E-Mails. So weit, so beschäftigt oft die Realität am Gipfel oder spätestens auf der Hütte.
Dabei ist für Viele eine der Hauptmotivationen für das Wandern und überhaupt für das In-den-Bergen-Sein die kleine, erholsame Flucht aus dem Alltag. Weg von unseren Sorgen. Weg aber auch immer öfter von dem Gefühl, gewissermaßen fremdbestimmt von einem kleinen technischen Gerät zu sein, das uns allzeit aufmerksam und allzeit verfügbar sein lässt.
Im Hochgehen runterkommen
Fangen wir noch mal von vorne an: Die Berge sind per se ein ziemlich idealer Ort, um auch digital einfach mal abgemeldet zu sein. In vielen Regionen verflüchtigen sich die Empfangsbalken auf dem Smartphone eh schneller, als uns gemeinhin lieb ist. Allein schon, um den Akku zu schonen, ist es daher ratsam, direkt zum Tourstart in den Flugmodus zu schalten.
Wenn so jegliche Anrufe geblockt sind und Nachrichten nicht mal mehr in der Hosentasche vibrieren, kann sich die ganze Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Hier und Jetzt richten. Mit jedem Tritt gelangt unser Körper ein Stückchen höher, so wie unser Geist mit jedem Schritt ein Stückchen weiter runterkommt. Bis, so seltsam das zunächst erscheinen mag, Körper, Geist und Seele gemeinsam durch die Berge ziehen.
Digitaler Entzug
Es werden sogar extra Wanderwege vermarktet, auf denen man bewusst offline wandern kann. Solch eine Digital-Detox-Wanderung soll helfen, radikal und kurzzeitig über einen gewissen Zeitraum das Smartphone zur Seite zu legen und somit Stress abzubauen.
Für den Beginn der persönlichen Smartphone-Askese mag solch ein angeleitetes Angebot hilfreich und ein wichtiger Impuls sein. Zum Schluss jedoch geht es um mehr. Darum, die innere Einstellung zu ändern, eine eigene Haltung zu finden. Eine Haltung zur Frage, was uns in jedem einzelnen Moment gerade wichtig ist. Darum, das Drumherum, ob nun digital oder analog, auch mal auszublenden.
Ganz im Flow
Gelingt uns das, sind wir also glücklich konzentriert in dem, was wir gerade tun – sei es wandern oder biken, klettern oder skitourengehen – dann sind wir in etwas, das gemeinhin als Flow bekannt ist.
Besonders einprägsam beschreibt diesen Flow, dieses im Hier-und-Jetzt-Sein, das japanische Konzept des Ikigai. Der Ikigai-Ethos ist tief in der japanischen Kultur verwurzelt und erklärt nicht weniger als die Freude und den Sinn des Lebens. Der Flow ist dabei eines der grundlegenden Elemente, um selbstbestimmt ein solch aktives und erfülltes Leben führen zu können. Laut Ikigai haben wir im Flow nicht einmal ein Publikum nötig.
Weniger Bildschirm, mehr Zeit
Diesem Gedanken konsequent gefolgt, können wir also auch später getrost das Smartphone ausgeschaltet lassen und das Gipfelfoto, so wir es überhaupt machen, einzig zu unserem ganz eigenen Erinnerungsanker werden lassen. Wir können unsere Aufmerksamkeit voll und ganz den Menschen zuwenden, mit denen wir unterwegs sind oder die wir am Berg kennengelernt haben; wir können mit ihnen kleine und große Geschichten austauschen, gemeinsame Erlebnisse teilen.
Forschungsergebnisse zu Naturkontakt und Erholung
Mit Unterstützung des DAV haben Forschende der Universitäten Münster und Wuppertal untersucht, wie sich Zeit in der Natur auf Erholung und Wohlbefinden auswirkt. Dafür begleiteten sie über zweihundert Personen in mehreren Studien und befragten sie an Wochenenden bis zu zehnmal täglich zu ihrem Befinden und ihrer Freizeitgestaltung.
Das Ergebnis: Wer sich in der Natur aufhielt, fühlte sich im Moment oft energiegeladener, weniger gestresst und konnte besser von der Arbeit abschalten. Ein wichtiger Grund dafür scheint zu sein, dass Menschen ihre Umgebung dort als besonders schön wahrnehmen – und dieses Empfinden steigert wiederum das Wohlbefinden1.
In einer weiteren Studie zeigte sich, dass die positiven Effekte teilweise noch Stunden später anhalten – vor allem die Entspannung und der geringere Stress. Das Gefühl von mehr Energie ließ dagegen schneller nach2.
Schließlich testeten die Forschenden, ob sich dieser Effekt gezielt nutzen lässt: Eine Gruppe nahm sich eine Woche lang täglich etwa zehn Minuten Zeit für eine kleine „Genussübung“ in der Natur – etwa, indem sie bewusst Farben, Geräusche oder Oberflächen wahrnahm, wie die raue Rinde eines Baumes. Eine Vergleichsgruppe lebte wie gewohnt weiter. Am Ende berichteten die Teilnehmenden der Natur-Gruppe von mehr Gelassenheit und Energie1.
Fazit: Zeit in der Natur tut gut – und schon kurze, bewusste Pausen im Grünen können helfen, den Alltag entspannter zu erleben.
_____________________________________________________________
1 Hilbert, M., Finke, M., Küpper, K., Binnewies, C., Berkemeyer, L., & Maunz, L. A. (2025). Look how beautiful! The role of natural environments for employees’ recovery and affective well-being. Journal of Occupational Health Psychology, 30(1), 47.
2 Hilbert, M., Binnewies, C., Glaser, J., Berkemeyer, L., & Maunz, L. A. (2025). Nature’s peace: a daily diary study on nature exposure as antecedent of employees’ recovery experiences and affective well-being. European Journal of Work and Organizational Psychology, 1-16.
Draußen vor dem Fenster
Wir brauchen die sozialen Medien und überhaupt das Digitale nicht zu verteufeln. Weder im Tal, noch am Berg. Letztlich obliegt der verantwortungsvolle Umgang damit uns selbst.
Gut, manchmal helfen die Hüttenwirtsleute bei der Entscheidung etwas nach, den Kontakt zur Talwelt auf ein Minimum zu reduzieren, indem sie das inzwischen meist vorhandene und für die Organisation ihres Alltags hilfreiche Hütten-W-LAN für Gäste nicht freigeben. Auf die Frage, ob nicht doch irgendwo Empfang sei, wissen sie meist allemal eine Antwort: Draußen vor dem Küchenfenster oder am Helikopterlandeplatz, an der Materialseilbahn oder auf der anderen Seite des Baches und etwas den Berg hinauf. Doch wenn’s drin grad gemütlich ist, drehen wir diese extra Runde dann nicht ganz so oft.
In diesem Sinne: auf einen entspannten Bergsommer!
Der DAV und Bergader – aktive Partnerschaft seit 2020
Als Partner des DAV im Bereich gesundheitsorientierter Bergsport unterstützt Bergader die Kampagne „Spüre dich selbst“ zum Beispiel mit Rezeptvorschlägen für das nächste Bergabenteuer, Podcastfolgen rund um achtsamen Bergsport und vielen weiteren Themen und Inhalten.