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Heimspiel: Trekking im Südschwarzwald

Zwischen Hochkopf und Belchen

Im Hinterland des Schwarzwälder Großen Wiesentals, zwischen Hochkopf und Belchen wartet eine Mehrtagestour mit vielen Überraschungen.

Text und Fotos von Iris Kürschner

 

Piemont oder Schwarzwald?

Mitunter braucht es Anstöße, nicht selten gar drastische, die zu Erkenntnissen führen. Zum Beispiel, welchen Irrsinn Globalisierung treibt und dass die schönsten Landschaften vor unserer Haustüre liegen. Und manchmal erinnern sie auch an das Piemont: So fand Autorin Iris Kürschner auf ihrem selbst kreierten Südschwarzwald-Trek im eigenen Landkreis sogar Slow Food- und Antipasti-Oasen.

 

Verkannte Schönheit

Hügelwellen bis zum Horizont. Gäbe es klare Sicht, könnte man die Alpen erkennen. Dazwischen liegt keine Poebene, sondern der Rhein. Und wir stehen nicht in der Langhe, sondern auf einer freien Kuppe im Südschwarzwald. Auf dem Urwaldpfad waren wir heraufgekommen. Das klingt wildromantisch, und ist es auch. Wie oft bin ich im Familienauto durch Schönau getuckert, mit dem Mainstream zum Feldberg oder Belchen, habe gemeinsam mit den Eltern über den Verkehr geschimpft… und das Landstädtchen im oberen Wiesental als eher fade Durchgangspassage empfunden. Dabei hätte man einfach mit dem Bus nach Schönau kommen können und es wäre aufgefallen, dass Schönau eben nur beim Durchfahren fade wirkt. Alemannisches Flair beim Dorftratsch am Freitag, dem Markttag im Banne der stattlichen Dorfkirche, gerne „Münster“ des Wiesentals genannt. Ihr Glockenturm sticht 90 Meter in die Höhe und gilt als höchster im Landkreis Lörrach. Nur ein paar Schritte von der Durchgangsstraße entfernt kann man überraschend beschaulich durch die Ledergasse bummeln, wo sich Handwerker im 13. Jahrhundert niedergelassen hatten, als der Bergbau in der „schönen Au“ aufzublühen begann. Vor sechs Jahrzehnten hätte man sogar mit dem Zug nach Schönau anreisen können. Das Todtnauerli nannte man diese Schmalspurbahn damals: eine gemütliche Dampflok, die von Zell bis Todtnau fuhr. 1968 stillgelegt, weil eben immer mehr Menschen mit dem Auto unterwegs waren.

 

 

Vom Urwald auf die freien Höhen

Kaum fünf Minuten später zweigt der Urwaldpfad ab in den Bannwald Flüh, seit 1970 sich selbst überlassen. Also ein verhältnismäßig junger Wald, in dem man aber wunderbar beobachten kann, wie sich die Natur ehemalige Wirtschaftsflächen zurück erobert. Kahl kam der Schwarzwald lange Zeit daher, weil man viel zu viel abholzte: der Bergbau benötigte den Rohstoff, aber auch die 40 Kilometer entfernte Stadt Basel fraß Feuerholz und zahlte dazu die besten Preise. Immer noch gibt es unzählige Freiflächen, die besonders den Südschwarzwald, darunter das Kleine und Große Wiesental, auszeichnen. Bereits am Holzerkreuz, der freien Kuppe über Schönau, startet lustvolles Panoramawandern. Eine Himmelsliege lädt ein, in entspannter waagrechter Lage seinen Blick vom Feldberg über den Belchen, den zwei höchsten Schwarzwaldgipfeln, bis zum Alpenkamm schweifen zu lassen.

 

Schöne Grüße aus der Küche

Vielleicht würden sich ehrgeizig sportliche Naturen die erste Etappe bis zum Gisiboden vornehmen. Für Dieter und mich aber, als Genussmenschen, käme das Auslassen einer Übernachtung in Herrenschwand auf halber Strecke partout nicht in Frage. Weltabgeschieden wirkt das sich in ein Hochplateau bettende Dörfchen, wie ein Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber nicht etwa, dass man hier den Fortschritt verschlafen hätte. Eher genau das Gegenteil: eine gelungene Fusion aus Retro und Moderne, die sich im Hotel Waldfrieden trifft. Antipasti wie im Piemont verraten unsere Blicke unisono, zu dem was als „Grüße aus der Küche“ serviert wird und uns mit Geschmacksexplosionen verzückt. Etwa „Schwarzwälder Sushi“ – Sushireis mit Forelle und Schwarzwälder Schinken; Saibling in hauchdünnen Crêpes mit Kürbisconfit; Pastinakensüppchen im Espressotässchen, Vitello tonnato...

 

Feine Küche zum fairen Preis

Juniorchef Volker Hupfer gibt seinen Großmutter-Rezepten einen modernen, gerne exotischen Touch. Der 35-Jährige führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Seine Kreationen beeindruckten auch Slow-Food – eine Bewegung, die im Piemont ihren Ursprung hat – und sie nahmen den „Waldfrieden“ in ihrem Gastro-Führer auf. Eine große Ehre, so Hupfer. Weitere Auszeichnungen folgten, wie der grüne Michelinstern Bib Gourmand, der für regionale, frische Küche zu fairen Preisen steht. Ehrliche Küche eben, viel vegetarisch, auch veganes, und das so gut, dass man Fleisch gar nicht vermisst. Zuvor hatten wir im neben dem Stammhaus liegenden Spa-Haus relaxt. Der an die traditionelle Architektur angepasste und doch moderne Bau aus Glas und Holz wurde 2016 mit dem Architekturpreis „Baukultur Schwarzwald“ ausgezeichnet, weil er sich sehr harmonisch in die Landschaft einfügt.

 

Schnapshäuschen und Gletscherkessel

Bei einem Bummel durch’s Dorf entdecken wir nicht nur den Kneipp-Gang am Bach, sondern auch den Rummel-Sepp-Platz am Waldrand. Renate Rummel hebt dort gerade eine Kiste Bier in den Brunnen, gießt dann die Blumen am Schnapshäuschen. Regelmäßig schaut sie nach dem Rechten. Der Schwiegervater habe diesen Platz geliebt: der weite Blick über die Landschaft, die Stille, nur vom Wassergeplätscher und Vogelgesang untermalt. Nach seinem Tod sei die Idee aufgekommen, dies für ihn fortzuführen, erzählt die Floristin. Eine Holzbank lädt nun Wandernde zur Muse ein, auf ein Schwarzwaldbier oder einen heimischen Schnaps. 

Anderntags marschieren wir durch den Präger Gletscherkessel. Der Weidlehrpfad hatte uns vom stillen Herrenschwand hingeführt und nun stehen wir direkt über Präg, mit seinen mächtigen Schwarzwaldhöfen ein Bilderbuchdorf, dem jedoch an Wochenenden arg zugesetzt wird. Dann heulen die Motorräder durch und verwandeln den idyllischen Gletscherkessel „buchstäblich in ein Motodrom“ klagen seit langem die Einheimischen. Verkehrte Welt, ein Naturschutzgebiet und dann auch noch im Biosphärengebiet und Naturpark Südschwarzwald gelegen. Wir lassen uns auf einer weichen Grasmatte nieder zur Betrachtung. Gerade im Frühling ein Gedicht, wenn das Vieh noch nicht auf die Weiden getrieben wurde und die artenreichen Wiesen in blumiger Fülle strotzen. Wir googeln den Präger Gletscherkessel und erfahren: „Zuletzt während der Würm-Kaltzeit (vor 115.000 bis 10.000 Jahren) stießen hier – für deutsche Mittelgebirge einmalig – sechs Gletscher aufeinander. Im Hochglazial erreichte das Eis eine Mächtigkeit von stellenweise über 500 Metern, dem würmzeitlichen Maximalwert für den Schwarzwald.“

 

Weltabgeschiedene Hochebene

Ein eiszeitlicher Formenschatz, Rundhöcker und Moränenwälle gliedern den Kessel. Unsere Route zieht unter den Blockfeldern des Blößlings wildromantisch zum Prägbach, steigt daraufhin wieder heftig an. Nach vielen engen Kehren entlässt uns der Wald auf die Hochebene der Gisibodenalm. Wieder so ein weltabgeschiedener Winkel, der nach länger bleiben ruft. Mittendrin eine einsame Herberge. Zuvor etwas verwahrlost, fanden sich 2021 neue Pächter.

 

Alpenblick vom Tödi bis zum Mont Blanc

Für einmal könnte man sagen, Corona sei Dank, denn das Krankenhaus in St.Blasien, wo die Pächter arbeiteten, musste schließen (verkehrte Welt?). Diana, Mirjam und Bertram erfüllen die Gisibodenalm mit frischem Elan. Knuspriger Flammenkuchen, im Original und in veganer Variante, begleiten den Begrüßungsdrink. Man plaudert angeregt, fühlt sich wie zu Hause. Als kleiner Stöpsel war Bertram mit dem Vater auf dem Gisiboden unterwegs zum Pilze sammeln, verkaufte sie, man hatte nicht viel zum leben. Hier droben zu wirtschaften, ein unerreichbarer Traum, den er sich nun mit seiner Frau Mirjam und zwei Töchtern erfüllte. Diana, für die Küche zuständig, verwöhnt uns mit warmem Ziegenkäse an Linsensalat, Spinatknödeln... Plötzlich sind alle abgelenkt. Ein feuerroter Sonnenballen geht hinter dem Belchen unter.

Freude macht auch das üppige Bauernfrühstück an der warmen „Chunscht“ (Kunst), wie die Einheimischen zur Schwarzwälder Ofenbank sagen, bevor uns der Panoramaweg durch die mit Raureif überzogene Wiesenlandschaft zum Hasenhorn leitet. Ein Turm krönt seinen Gipfel. Nach Süden schenkt er Alpenblick vom Tödi bis zum Mont Blanc. Gewaltig. Im Rücken liegen die höchsten Schwarzwälder Gipfel und Todtnau im Talgrund. Wir erreichen den schmucken Luftkurort über „heiliges“ Skisportgelände. An der Nordflanke des Hasenhorns fanden 1968 erstmals in Deutschland alpine Meisterschaften außerhalb der Alpen statt.

 

Italienisches Flair in Todtnau

Todtnau kann auch mit dem ältesten 1891 gegründeten Skiclub Deutschlands aufwarten. In der Friedrichstraße finden wir fast schon mediterranes Flair. Dort, wo die Kirche am mächtigsten wirkt, reihen sich Cafés und Eisdiele italienischer Auswanderer. Die Kühle des Morgens ist einer Mittagshitze gewichen und im Schatten mächtiger Kastanien schätzen Dieter und ich einen „echten“ Cappuccino. Als ausgesprochene Piemont-Fans, spezialisiert auf Bücher und Reportagen in den Westalpen, wurden unsere Gaumen längst sensibilisiert – nicht nur auf die richtige Handhabung der Kaffeebohne. Die nächste Kuppe wird erklommen. Wieder ein paradiesischer Winkel. Auf dem Knöpflesbrunnen umfängt eine Parklandschaft, beweidet von den Hinterwäldern: Kleine, genügsame Rinder, die die Weiden wie einen Golfrasen zurücklassen, weil sie – nur halb so schwer wie Fleckvieh – kaum Trittschäden verursachen.

 

Unterwegs in einer Fantasiewelt

Zum 6300 Hektar großen Biosphärengebiet gehören auch die Weidbuchen. Der Verbiss des Viehs prägt ihre Gestalt. Durch das Anknabbern entwickeln sie unzählige Triebe, die sich im Laufe ihres Lebens zu Charakterbäumen verwachsen, als majestätische, breitkronige Solitäre oder windgefegte, bizarre Gestalten, mit bemoosten Fratzen, die in die Fantasiewelt der Geister und Gnome versetzen. Mittendrin liegt ein einsames Schwarzwaldhaus. Alexandra und Sebastian, beide Physiotherapeuten aus Todtnau, fingen hier mit Töchterchen Nellie ein neues Leben als Gastwirte an. Der ganze Berg sei durchlöchert, erfahren wir. Stollen, in denen man bis 1974 Fluss- und Schwerspat abbaute, ein Rohstoff in der Eisenverhüttung und Aluminiumerzeugung. Die Grube Finstergrund am Nordfuß vom Knöpflesbrunnen ist das einzige Besucherbergwerk im Schwarzwald mit Grubenfahrt. Ein gewisser Knöpfle, ein durch den Bergbau reich gewordener, gab dem Berg seinen Namen, hatte Sebastian in der Gemeindechronik herausgefunden: „Einer, der sich Knöpfe leisten konnte.“

 

Highlight am Schluss: der Belchen

Die nächste Etappe macht zwar Strecke, doch ohne gröbere Höhendifferenzen. Durch duftenden Wald, der immer wieder schöne Blicke preisgibt, wandeln wir im Bogen über das Wiedener Eck nach Multen, ein Nest das nur aus ein paar prächtigen Schwarzwaldhöfen besteht, zwei davon einladende Gasthäuser. Vor der Nase liegt das Schlusshighlight unseres Treks: der Belchen.

 

Hier reger Betrieb, dort pure Stille

Ein mystischer Gipfel, um den die Belchengeister tanzen – in den Beizen, wie wir Alemannen die Kneipen nennen, symbolisch als flambierter Schnaps serviert. Den Kelten soll der Berg heilig gewesen sein, sie tauften ihn nach ihrem Sonnengott Belenos. Forschende fanden heraus, dass er mit den Jura- und den Vogesen-Belchen ein gleichschenkliges Dreieck bildet, und unseren Vorfahren als Kalender gedient haben könnte. Rund um die Seilbahn, die den Gipfelbereich seit 2001 vom motorisierten Verkehr befreit, herrscht mitunter reger Betrieb. Einen Katzensprung weiter pure Stille und man darf wieder in eine Fantasiewelt eintauchen, die dem Kultberg der Kelten entspricht. Bizarre Weidbuchen, in denen Gestalten und Gesichter lauern, begleiten die Panoramaroute über den Südostkamm des Belchens bis Schönau. Besonders wilde Gesellen lauern auf der Stuhlsebene. Ihre von Blitzen gemarterten Arme staken in alle Richtungen, als wollten sie das zu Füßen liegende Land umarmen. In der Ferne leuchtet der Alpenkamm. Das Piemont vermissen wir nicht mehr ganz so stark.

 

Infos: Südschwarzwald-Trek

An- und Abreise: Per Bahn nach Zell, dann im Bus nach Schönau. Ab einer Übernachtung bekommt man die Gästekarte Konus, die die freie Nutzung der ÖV einschließt und eine gratis Rückreise ermöglicht.

 

Unterkünfte:

Informationen:

 

Route

  1. Schönau – Holzer Kreuz – Dornwasen-Panoramaweg – Herrenschwand, 10 km, 3 Std.
  2. Herrenschwand – Weidlehrpfad – Präg – Ellenbogen – Gisiboden, 7,7 km, 2.45 Std., mit Gipfelabstecher Blößling 1 Std. zusätzlich.
  3. Gisiboden – Hasenhorn – Todtnau – Knöpflesbrunnen: 9,2 km, 3 Std.
  4. Knöpflesbrunnen – Wiedener Eck – Multen: 15,3 km, 4.30 Std.
  5. Multen – Belchen – Obere Stuhlsebene – Philosophenweg – Schönau: 13 km, 4 Std.
 

Themenwege

Broschüren mit interessantem Hintergrundwissen zu den Themenpfaden sind für 1,50 Euro plus Porto auf www.schwarzwaldregion-belchen.de erhältlich oder direkt in den Tourist Informationen Schönau und Wieden

 

Karte und Literatur

  • Das fantastische Wandergebiet rund um Schönau, Wieden und Todtnau wird mit der Wanderkarte „Wandern am Belchen“ im Maßstab 1:30.000 abgedeckt, erhältlich für 3,50 Euro in der Touristinformation Schönau oder unter www.schwarzwaldregion-belchen.de. Auf der Rückseite der Wanderkarte befinden sich 25 Wandervorschläge mit Wegbeschreibung.
  • Der etwas andere Reiseführer, für Stille-Winkel-Suchende: Südschwarzwald von Wolfgang Abel, Oase Verlag.
  • Wer geheimnisvolle Plätze sucht und ihre Geschichte erfahren möchte, dem empfiehlt sich das auch ansprechend fotografierte: Kraftorte im südlichen Schwarzwald von Birgit-Cathrin Duval, Oertel+Spörer Verlag.
 

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