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„Wenn man drinsteckt, muss man durch.“

Wie bist du zum Bergsteigen gekommen?

Meine Eltern haben mich schon immer zum Wandern mitgenommen. Als Kind habe ich das geliebt: Es gab Schokolade, Geschichten wurden erzählt… Als Jugendliche habe ich es dann gehasst. Nach dem Abi bin ich für ein halbes Jahr nach Neuseeland gefahren, habe viele Trails gemacht – und Leute getroffen, die geklettert sind und mich mitgenommen haben. Das hat mich total begeistert.

Zuhause wollte ich dann weitermachen, kannte aber niemanden und es hat eine Weile gedauert, bis ich mir ein Netz aufgebaut hatte. Die ersten Ansprechpartner fand ich bei meiner Arbeit in der Erlebnispädagogik, hauptsächlich für Schulklassen, mit Kanu-, Kletter- und Survivalaktionen. Später habe ich an der Uni weitere Kletterpartner kennengelernt. Ich habe den Bachelor in Sportwissenschaft fertig und schreibe gerade an meiner Master-Arbeit, nebenher bin ich schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

 

Was hat dich am Klettern fasziniert?

Naja, der Nervenkitzel war eben größer als beim Wandern. Außerdem sind die Bewegungen kraftvoller und komplexer. Im Sportstudium lernt man ja, obwohl die letzten Semester eher theorielastig sind, viele verschiedene Sportarten kennen; das Klettern gehört zu den interessantesten.

Am meisten fasziniert mich am Bergsteigen aber das Beißen, das haben sowieso nur Outdoorsportarten. In vielen Sportarten werden die Schwierigkeiten irgendwie „gekünstelt“ erzeugt durch das Regelwerk. Der Berg dagegen gibt die Aufgabe vor: Wenn man drinsteckt, muss man meistens durch und kann nicht jederzeit aufhören, wenn es unangenehm wird.

 

Welche Bergsport-Disziplin ist dir am liebsten?

Am meisten fasziniert mich das Höhenbergsteigen, weil man da an seine körperlichen Grenzen kommt. Natürlich meine ich damit nicht nur Schneelatscher und Normalwege, sondern einigermaßen anspruchsvolles Gelände in der Höhe. Eine 70-Grad-Eisflanke, die in den Alpen nichts Außergewöhnliches sein mag, wird auf 6000 Metern zur Herausforderung, für die man alles geben muss – vielleicht mehr als man für möglich hielt. Im Flachland kann man noch so fit sein, da oben ist es ganz anders. Das „Wühlen“ und Kämpfen in Schnee und Eis ist mein Ding. Und es gibt einem die Möglichkeit, Weltregionen kennenzulernen, wo nicht ganz so viele Menschen vorher waren.

Natürlich liebe ich auch das Sportklettern und Bouldern. Aber am Wochenende ins Frankenjura zu fahren ist Spaß, ist mein Freizeitsport, mein Ausgleich. Klar möchte ich auch dabei besser werden, mich steigern, aber mein wesentliches Interesse liegt darin, mein Können auch in größeren und großen Höhen auszuspielen.

 

Was macht für dich einen guten Bergtag aus?

Gute Kollegen, mit denen die Chemie stimmt. Oben stehen und sagen können: Ich hab mir was vorgenommen und hab’s geschafft. Extrem wichtig ist, dass alles gut gegangen ist, dass es keine Verluste gegeben hat. Und die Unterarme und Waden dürfen auch ein bisschen brennen. J

 

Wie suchst du deine Touren aus?

Zuerst mal braucht man einen guten Partner. Sportkletterer gibt’s hier im „hohen Norden“ (?) relativ viele, da findet man leicht jemanden; fürs Alpine ist das schon etwas schwerer. Welche Tourenziele mich anmachen? Manchmal sehe ich einen Berg und sage: Der sieht unendlich schön aus, da möchte ich hoch. Oder wenn jemand erzählt, dass er das und das gemacht hat oder irgendwo gewesen ist und dass das gut war, dann möchte man das auch ausprobieren.

 

Wie wichtig sind dir Leistung und Schinderei?

Leistung und Plackerei sind wichtig und gehören dazu; es ist gut, wenn man auch mal beißen muss. Aber es soll nicht in Wettkampf ausarten. Das ist einer der Gründe, warum ich bergsteige. Ein guter Wettkämpfer war ich eh nie, aber ich konnte schon immer gut beißen.

Ich denke, man sollte sich am Berg immer nur so weit fordern, dass man für den Notfall noch eine kleine Reserve hat. Aber in diesem Rahmen darf man sich schon auslasten. Ich persönlich fange lieber tiefstapelnd an, mit Touren, von denen ich sicher bin, sie souverän zu schaffen. Wenn das passt, kann ich einen draufsetzen und mich dann langsam steigern, bis ich in die Nähe meiner Grenze komme.

Aber auch Genuss gehört immer dazu; die Mischung muss stimmen. Nach einem Beißertag muss man auch mal in der Sonne Sportklettern dürfen – und danach wieder beißen. So ähnlich läuft das ja schließlich auch bei Expeditionen ab: Nach dem Anmarsch und nach jeder Etappe am Berg hat man wieder Ruhetage im Basislager.

 

Welche Rolle spielen für dich Abenteuer und Risiko?

Abenteuer finde ich toll – ich würde fast sagen: Abenteuer ist für mich überlebenswichtig! J. Das Risiko sollte man vorher versuchen, einzuschätzen, so gut es geht. Dann kann man verantwortlich entscheiden, ob man das Abenteuer eingeht.

Wenn ich vorher wüsste, von dieser Aktion oder von diesem Berg komme ich mit erfrorenen Fingern oder einem Arm weniger zurück, würde ich nicht losgehen. Viel schwieriger ist es, in der realen Situation am Berg, mit dem Gipfel fast in Reichweite, sich dann einzugestehen, dass man mit der Aufgabe nicht zurechtkommt, und einen Rückzieher zu machen. Das ist eine große Kunst, den Mumm zum Umdrehen aufzubringen. Wenn man eine große Aktion lange geplant hat und eigentlich unbedingt rauf will – dann kurz vor dem Ziel aus Sicherheitsgründen umdrehen: Da ziehe ich den Hut, wenn das jemand schafft.

 

Deine sonstigen Favoriten-Sportarten Freeriden und Kitesurfen sind auch mit etwas erhöhtem Risiko verbunden. Ist Dir das wichtig? Oder warum machst du die?

Naja, zeitlich betrachtet, gehe ich hauptsächlich klettern und bergsteigen und nebenher Mountainbiken, Rennradfahren oder auch mal Laufen, weil in der Höhe aerobe Leistungsfähigkeit einfach essenziell ist. Aber das Kitesurfen, das ich vor zwei, drei Jahren angefangen habe, ist etwas Großartiges. Es ist auch ein Natursport, und man hat auch mit einer Urgewalt zu tun, mit dem Wind und Sturm, mit dem man kämpft. Natürlich ist das Kiten auch Fun, und wenn man durch die Luft springen kann, gibt es einen coolen Adrenalinschub. Aber es wäre für mich kein Ersatz für den Moment am Gipfel.

Wahrscheinlich lasse ich mich schon auch ein bisschen durch Risiko motivieren, aber es mischen sich verschiedene Empfindungen und Motivationen. Freeriden zum Beispiel, mit Geschwindigkeit und Powder im Gesicht die Hänge runterschweben: Das ist eine Mischung aus Adrenalin und meditativer Daueranspannung. Und auch beim Klettern und Bergsport ist das Erleben meistens vom Flow geprägt, vielleicht mit Adrenalin-Spitzen – etwa beim Klettern in kniffligen Situationen, wo es funktionieren muss.

 

Mirjam Limmer. DAV-Expeditionskader Was waren bergsportliche Highlights in jüngerer Zeit?

In den letzten Wochen leider gar nichts, weil ich mich bei einer unglücklichen Landung beim Bouldern am Sprunggelenk verletzt habe.

Total prägend war für mich mein erster höherer Gipfel, die Ama Dablam. Wir waren zu dritt selbstständig unterwegs, nur mit einem Koch im Basislager. Und wir sind fast alles selbstständig gegangen, nur an zwei kniffligen Passagen haben wir Fixseile von anderen Gruppen verwendet (und denen ein paar Dollar dafür gegeben); dort hängt auch so viel altes und neues Material, dass man kaum dran vorbei kommt.

Die Erlebnisse begeistern mich noch heute. Vorab die Ungewissheit, ob man es überhaupt schafft. Dann auf 6500 Metern noch anspruchsvolles Eisklettern. Und zuletzt das Gefühl, es geschafft zu haben, oben auf diesem Gipfel zu stehen. Früher habe ich das Schlagwort vom „Dach der Welt“ als Kitsch empfunden, jetzt konnte ich es nachvollziehen: so weit oben, auf einem total spitzen Gipfel, der Everest zum Greifen nah – es war ein unglaubliches Gefühl.

Mit einem der Partner von damals fahre ich dieses Jahr wieder nach Westnepal. Wir haben Bilder von einer Berggruppe gefunden, wo nur ein Gipfel bestiegen ist, und denken, dass an einem der Nachbargipfel die Erstbesteigung klappen könnte – ein ganz neues Abenteuer. Wir hätten uns gerne an einem Sieben- oder Achttausender versucht, aber die Permitgebühren kann ich mir als Studentin nicht leisten. Aber es gibt auf der Welt Gebiete, die quasi noch jungfräulich sind, sogar in Nepal, wo man denkt, alles ist abgegrast. Man muss sich einfach mal vor eine Landkarte setzen und aufmerksam das Alpine Journal lesen, dann findet man schon was.

 

Was bedeutet es Dir, im Expedkader zu sein?

Ich habe mich sehr gefreut, in diese Nachwuchsförderung reinzurutschen; ich bin sicher nicht die stärkste im Team, aber immerhin war ich wohl gut genug, um ausgewählt zu werden. Das eröffnet einem großartige Möglichkeiten, dazuzulernen: Wenn Ines Papert oder unsere Trainerin Dörte Pietron Tipps und Erfahrungen weitergeben über ihre Taktik oder den Umgang mit Sponsoren – so was findet man in keinem Lehrbuch.

Etwas schwierig finde ich die Erwartungen, die manchmal von außen an den Kader gestellt werden. Da heißt es: „Mach mal das und das, die High-End-Touren; als Kaderfrau musst du das ja können.“ Aber man ist ja nicht von heute auf gleich in allen Disziplinen zwei Grade besser, nur weil man in diesem Förderteam ist. Der DAV und unsere Trainer erwarten das auch nicht – ihnen und uns ist klar: Wir heißen zwar Kader, aber wir lernen noch.

 

Wie gefällt es Dir im Team?

Wir sind keine ganz homogene Gruppe, einzelne stechen in manchen Disziplinen raus. Auch mit so vielen Frauen unterwegs zu sein, ist ungewohnt für mich. Oft gibt es aufwändige Diskussionen zur Konsensfindung. Und als eine der ältesten im Team, die das Studium schon weitgehend hinter sich hat und fast im Beruf steht, ist meine Lebenssituation eine andere, was ein bisschen irritierend wirkt. Aber insgesamt ist es ein Riesengewinn für mich – es ist unglaublich, was ich von unseren Trainern schon lernen konnte.

 

Beim Einstieg im Kader hast du noch von Sieben- und Achttausendern geträumt. Ist das immer noch ein Ziel für dich? Oder hat dir der Kader neue Perspektiven gebracht?

Sobald ich das nötige Kleingeld habe, möchte ich das immer noch machen: Mich an einem ganz hohen Berg versuchen. Aber unter 10.000 Euro geht da ja kaum was. Der Reiz daran ist: Man weiß nicht, wie man in der Höhe zurecht kommt und wie weit man dort noch sein technisches Können umsetzen kann. Deshalb würde ich lieber mit einem leichteren Achttausender anfangen, um zu sehen, wie ich dort zurecht komme. Und wenn ich mich dabei gut fühle, kann ich versuchen, die Schwierigkeit nach oben zu schrauben.

Denn durch den Kader hat sich meine Motivation schon ein bisschen verschoben. Durch die diversen Trainingscamps hat sich meine Leistungsfähigkeit in einigen Disziplinen deutlich gesteigert, das möchte ich jetzt nutzen. Früher war ich beispielsweise im Winter nicht so oft Eisklettern, eher Freeriden – seit letztem Jahr ist Eisklettern einer meiner Favoriten. Deshalb möchte ich nicht einfach nur auf einem Achttausender stehen, sondern möchte schon technische Schwierigkeiten dabei bewältigen.

 

Wie hast du dich mit deinem Schwerpunkt Höhenbergsteigen im eher sportkletterisch geprägten Kader integriert?

Das ist kein Problem. Denn die hohen Gipfel sind ja kein unmittelbares Ziel für mich. Wenn wir uns im Kaderteam treffen, stehen eben andere Schwerpunkte im Vordergrund und ich bin voll motiviert dabei.

 

Spielt es für dich eine Rolle, dass es ein reines Frauenteam ist?

Ich finde das reine Frauenteam genial, weil wir von der rein physiologischen Leistung her meistens immer noch schlechter sind als die Jungs und nie in so eine Förderung gekommen wären, wenn wir uns direkt mit ihnen hätten messen müssen.

Im Frauenteam gibt es vielleicht intensivere Diskussionen, die teilweise anstrengend sein können, aber ein „Zickenkrieg“ ist es auf keinen Fall. Unter Frauen läuft es eben anders als mit Männern. Frauen haben meistens die Idealvorstellung von Konsens und Harmonie, aber das lässt sich nicht immer realisieren – manchmal muss man auch Kompromisse akzeptieren.

 

Bist du lieber mit Frauen oder Männern unterwegs?

Der Sport, vor allem das anspruchsvollere Bergsteigen, hat einen höheren Männeranteil. Von daher bin ich häufiger mit Männern unterwegs. Aber ich finde es nicht unangenehm mit Frauen. Wenn die Leistung passt und die Harmonie stimmt, komme ich mit Männern genauso gut zurecht wie mit Frauen.

 

Deine Bergleidenschaft und dein Sportstudium haben ja Überschneidungen. Siehst du darin eine mögliche Berufsperspektive?

Hier am Lehrstuhl für Sportmedizin arbeite ich schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschung zum Thema Hypoxie – es wäre schön, wenn ich das auch künftig beruflich verbinden könnte. Es gibt da nicht nur für Mediziner, sondern auch für uns Sportwissenschaftler etliche Themen: etwa Höhenanpassungseffekte, Höhentraining oder körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit in der Höhe. Forschen über Bergsteigen ist interessant, und Forschen beim Bergsteigen erst recht. In zwei Wochen fahre ich beispielsweise mit Studenten und Probanden für eine Untersuchung zum Kilimandscharo, da lässt sich das schon verbinden.

In leisen Stunden habe ich mir schon auch mal überlegt, ob ich mit einer halben festen Stelle und der anderen Hälfte freiberuflicher Arbeit in den Bergen durchkommen könnte… – aber das lasse ich mal auf mich zukommen.



 

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