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Werner Bätzing: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

Sachbuch

04.03.2019, 11:53 Uhr

Der "Alpenprofessor" Werner Bätzing als Fotograf - diese Kombination hatte man bisher kaum auf dem Schirm. Doch mit diesem Bildband zeigt er in detailreichen Abbildungen, dass wissenschaftliche Dokumentation anschaulich und spannend sein kann. Dreifaches Alphorntrööt!

Die Berge bezwingen? Das machen nicht nur Alpinisten, das ist auch ein Trend in der Hochalpinismus-Architektur. Hütten und hochgelegene Seilbahnstationen wurden über Jahrzehnte mit Natursteinen gebaut oder wenigstens verblendet. Neuerdings werden alpine Bauten als Fremdkörper ins Gebirge gepflanzt. Werner Bätzing dokumentiert diese Entwicklung. Er belegt sie mit zurückhaltenden Fotografien. Er beobachtet die Veränderung in den Alpen seit langem aufmerksam, er ist der kluge Kenner der Kulturlandschaft, erläutert detailliert in ausführlichen Bildlegenden, aber immer so verständlich wie möglich.

 

Bildunterschrift als Schlüssel zu den Abbildungen

Ein Beispiel: Seine vom erhöhten Standort gewonnene Ansicht des Dorfes Neraissa inferiore in den Cottischen Alpen wäre auf den ersten Blick für den Tourismus-Flyer geeignet. Doch Werner Bätzing zählt die 110 Bewohner des Jahres 1890 auf und beziffert exakt deren Abwanderung während mehr als 100 Jahren. Und er lenkt bedenklich den Blick auf die Flur, deren sattes Grün eben keine Äcker, sondern nur noch Wiesen zeigt und die nur vermeintlich intakt wirkt. Er verweist auf die kleinen, aber bedeutenden dunklen Flecke der Wildschweinschäden. Tja, Idylle ist eben nur, wenn man nicht so genau hinschaut. Auf diese Weise ist der Bildband ein grünes Fachbuch, ohne Fenchelteeallüren, klug und gut. Egal, ob seine Analyse schmeckt oder ob sie kritisiert wird – an diesem Band kommt man in der Fachdiskussion nicht vorbei.

 

Nicht zu verwechseln ist der Titel übrigens mit "Die Alpen", vom gleichen Autor in überarbeiteter Auflage aus 2015: dort arbeitet er das Thema textlastiger und im zeitlichen Längsschnitt ab. Vorgänger, hier aber durchgehend überarbeiteter Band war der "Bildatlas Alpen" aus dem Jahr 2005.

 

Kurzcheck

Fundiertheit
Fotos

Info

Besonders geeignet für ... Alpinisten, die über das eigene Lenkrad, über ihre Skispitzen und über die Normalweg-Beschreibung hinausblicken wollen. Und denen Interesse für die Kulturlandschaft eines ausgesprochen besonderen Gebirges innewohnt.

 

Link zum Verlag

 

Werner Bätzing: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft. WBG Theiss-Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2018, 216 S., 38,00 €

 

ISBN: 978-3-8062-3779-5

Gerald Aichner: Die TuXa

Monographie

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Die Hommage eines Bergfreundes und Alpensvereinsmenschen an seine Heimatberge zeigt in überbordender Vielfalt, wie viele Facetten diese Leidenschaft haben kann. Ein illustrer Kreis von Grußwortgebern eröffnet dieses Buch: Dr. Andreas Ermacora, Präsident des ÖAV; Robert Renzler, sein Ex-Generalsekretär; Dr. Franz Fischer, ehemaliger österreichischer Landwirtschaftsminister. Sie belegen die Bedeutung des Autors und seines Anliegens. Gerald Aichner ist Journalist, Bergsteiger und leitete lange die ÖAV-Sektion Hall in Tirol, der die Lizumer und die Glungezer Hütten in den Tuxer Alpen gehören. Jahrzehntelang war er in diesem Gebirgsstock über seiner Haustür unterwegs, hat den Inntaler Höhenweg, die „seven Tuxer summits“ oder die „Via Venezia Alpina“ mit entwickelt – und widmet diesen Bergen, deren Schutz ihm am Herzen liegt, nun ein 384 Seiten starkes Porträt.   Die fast voralpin wirkenden Tuxer Alpen enthalten die größte und wichtigste Almregion von Tirol (neben den Kitzbühelern), sind jenseits der Almen aber weitgehend unerschlossen und eignen sich so als Rollenmodell für sanften Tourismus. Von den Innsbrucker Olympia-Skistätten einmal über den nächsten Grat geschaut: Schon ist man in nahezu ursprünglichen Naturlandschaften, wo die „Glockenblume vom Mont Cenis“ ihr östlichstes alpines Vorkommen hat und die „Anemone vom Monte Baldo“ ein nördliches. In 32 Kapitel ist das Buch unterteilt; jedes davon ist seinerseits ein Sammelsurium von Erlebnissen, Wissenwertem, Amüsantem – und alle zusammen zeichnen sie ein umfassendes Bild dieser alpinen Landschaft wie das eines Menschen, der von ihr begeistert ist. 

Werner Bätzing: Das Landleben und „Bibliographie Alm- und Alpwirtschaft“

Sachbuch

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„Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“, so untertitelt der renommierte Alpenforscher sein neuestes Buch – und entwirft ein vitales Zukunftsbild für das Leben außerhalb der Städte. Das Land – die Klischees sind schnell zur Hand: abgehängte Peripherie, übernutzte Agrarindustriefläche oder romantischer Sehnsuchtsort. Werner Bätzing, Geograph und Alpenforscher, stellt dem seine Forderung entgegen: „Für mich sind Stadt und Land zwei unterschiedliche, jedoch gleichwertige Lebens- und Wirtschaftsräume, die jeweils unterschiedliche Vor- und Nachteile besitzen, die voneinander abhängig sind und sich wechelseitig ergänzen und die nur gemeinsam ein „gutes Leben“ ermöglichen.“ Das Land solle nicht verstädtern und nicht auf die Funktionen Naturschutz und Erholung reduziert werden, sondern langfristig ein lebenswerter Lebens- und Wirtschaftsraum mit dezentralen Strukturen bleiben.   Um diese Ideen abseits von Vorurteilen und Verklärung auszubreiten, skizziert er zunächst die Geschichte des „Landlebens“: beginnend mit dem Wandel von der Jäger- und Sammlerkultur hin zu Sesshaftigkeit und Ackerbau. Die anschließende Entstehung von Städten und Hochkulturen habe dann das Land grundsätzlich entwertet, „obwohl es die Grundlage allen städtischen Lebens darstellt“. Da das Buch eine hauptsächlich europäische Perspektive einnimmt, untersucht er dann die hier gegebene Sonderentwicklung im Mittelalter, die das Landleben aufwertete – bis die Industrielle Revolution ein „Ende der Fläche“ brachte: Kohlebeheizte Dampfmaschinen konnten auf relativ kleinem Raum extrem viel Arbeit leisten und Wertschöpfung erzeugen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konstatiert Bätzing für die BRD eine „forcierte Modernisierung (Verstädterung)“ des ländlichen Raumes – gefolgt von einem „großen Trendbruch“ der 1980er Jahre, bei dem noch offen sei, ob die Veränderungen „das Landleben wirklich aufwerten oder ob sie lediglich ein Idyll auf dem Land inszenieren“. 

Arved Fuchs: Das Eis schmilzt

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Einer der bekanntesten Polarreisenden schildert eindringlich die Folgen des Klimawandels – und zeigt, wie wir noch etwas dagegen tun können. „Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um einen ökologischen und ökonomischen Neuanfang.“ Das ist das Fazit, das Arved Fuchs am Ende seines Buches zieht – und auch die Lehre aus seiner Lebenserfahrung. Als Reisender immer neugierig, lernte er von den kanadischen Inuit das Gespür für Schnee und Eis und bereiste Jahrzehnte lang die Polarregionen der Erde mit seinem Segelschiff Dagmar Aaen. „Das Eis schmilzt“, so lassen sich seine Wahrnehmungen zusammenfassen; es ist der Titel des Buchs. Eklatantes Beispiel aus erster Hand: Die Nordwest- und Nordostpassage, die er als Pionier ohne Eisbrecherbegleitung durchschiffte, sind heute planbare Ziele für Luxuskreuzfahrten.   Dass diese Eisschmelze aber nur das vielleicht deutlichste Symptom der Klimakatastrophe ist, und dass diese die Lebensgrundlagen der ganzen Menschheit (und der Ökosphäre überhaupt) bedroht, dagegen möchte der von der 68er- und der Anti-AKW-Bewegung der 1970er Jahre geprägte Abenteurer mobil machen. „Es ist die Pflicht des Chronisten, sich einzumischen und zu berichten.“   Das Buch ist eine unterhaltsame Mischung aus Reisebericht, Faktensammlung und politischem Manifest, garniert mit begeisternden, motivierenden und erschütternden Fotos. Sympathisch erzählt Fuchs von seinen Erlebnissen in den großartigen polaren Landschaften. Liefert ordentlich recherchierte Hintergründe, etwa zur Umweltbilanz von Offshore-Windkraftanlagen: Tote Vögel, aber weniger als an Hausfassaden oder durch Klimawandel-Folgen; Störungen der Meeresfauna beim Bau, die aber durch technische Maßnahmen reduziert werden; und dass die künstlichen Inseln im Meer Ansatzpunkt für neues Leben werden, auch durch reduzierten Verkehr und Fischereiverbot. Und er schildert Best-Practice-Beispiele, wo Menschen die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Lebensweise und Energieversorgung zukunftstauglich gemacht haben: Die dänische Insel Samsö, die mehr als energieautark ist; das Dorf Hausbay bei Koblenz, das von und mit gemeinsamer Ökoenergieerzeugung bestens lebt; Stadtwerke wie in Oerlinghausen, die in Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Wärme aus Biomasse liefern; Island mit einem Komplettmix aus Wind-, Wasserkraft und Geothermie, daraus erzeugtem Methanol und CO2-Bindung an Tiefengestein. Er belegt damit: Es ist möglich, dass wir die Kurve kriegen – wenn wir es wirklich wollen. 

David Wallace-Wells: Die unbewohnbare Erde

Sachbuch

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"Armageddon kommt, oder ist in vollem Gange…" Akribisch recherchiert und drastisch geschildert macht dieses Buch klar, warum es täglich höhere Zeit wird, endlich weltweit und energisch gegen den Klimawandel aktiv zu werden. "Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken."   David Wallace-Wells, stellvertretender Chefredakteur des New York Magazine, erreichte 2017 mit einer Titelgeschichte über die Folgen des Klimawandels Millionen Leser. Denn er scheut sich nicht, nach gründlicher Recherche die Fakten schonungslos zu präsentieren und dafür markige Worte zu wählen, wie etwa, wir seien "eine Zivilisation, die sich in eine selbstmörderische Gaswolke hüllt, ähnlich einem laufenden Motor in einer verschlossenen Garage."   In diesem Buch breitet er seine Erkenntnisse ausführlicher aus, mit fast 700 Fußnoten geradezu wissenschaftlich exakt dokumentiert. Er belegt die "Elemente des Chaos", die verschiedenen Auswirkungen der Klimakatastrophe: Hitze, Hunger, Ertrinken, Flächenbrand, Wassermangel, sterbende Meere, Seuchen und ähnliches – eine apokalyptisch-bedrohliche Auflistung. Man mag ihm vorwerfen, dass in der Anhäufung von Zahlen und journalistisch geschilderten Schicksalen der Gesamtzusammenhang verlorenzugehen droht. Wenn sein Ziel ist, seine Leser spüren zu lassen, wie vielfältig, umfassend und massiv die Konsequenzen unseres Verhaltens sein werden, erreicht er es gerade dadurch. 

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit

Sachbuch

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"Die Welt ist mir stumm und taub." Depression und Burnout, die Seelenkrankheiten unserer Zeit, drohen ausgerechnet dann, wenn alles erreichbar, beherrschbar, nutzbar ist. Unverfügbarkeit ist der Schlüssel zu heilsamer "Resonanz" – diese These entfaltet der Soziologe Hartmut Rosa in diesem Buch. "Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen: Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügten." Hartmut Rosa ist einer der inspirierendsten Denker unserer Zeit. Sein Konzept der "Resonanz", des Einswerdens mit einem größeren Ganzen, ist ein heilsames Gegenmodell zum "immer mehr" der Wachstumsgesellschaft.   In diesem "Versuch", wie er das dünne, aber mit Ideen vollgepackte Taschenbuch nennt, analysiert er eine weitere Kehrseite unserer kapitalistischen Gesellschaft: ihre aggressive Grundhaltung zur Welt. "Alles, was erscheint, muss gewusst, beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden." Der Körper muss optimiert funktionieren, die Karriere muss passen, selbst Freizeit und Liebe werden (oft digital) gesteuert, kontrolliert und maximiert. Als Maxime der Wachstumsgesellschaft führt dieser Drang der "Verfügbarmachung" zu den Bedrohungen und Katastrophen, denen wir uns derzeit gegenübersehen.   Den Prozess des Verfügbarmachens unterteilt Rosa in vier "Dimensionen", man könnte auch Schritte sagen: sichtbar machen – zugänglich machen – beherrschbar machen – nutzbar machen. Ziel dieser ständigen Umwandlung von Dingen und Wissen in Mittel zum Zweck sei eine ständig zu steigernde "Weltreichweite". Doch dieses Programm mache uns nicht glücklich, formuliert er dann als Hauptthese – im Gegenteil: "Die … verfügbar gemachte Welt scheint sich uns auf geheimnisvolle Weise zu entziehen und zu versperren … erweist sich als bedroht und bedrohlich gleichermaßen." Frustration und Daseinsangst seien Folgen dieses "Weltverlustes". 

Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less

Sachbuch

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Eine Kultur des „Genug“ – das bedeutet nicht Verzicht, sondern Gewinn an Entspanntheit und Lebensqualität. Und eine Überlebenschance für die überheizte Menschheit. Ein Buddhist und ein Ökonomieprofessor beleuchten diese Vision aus zwei Perspektiven. „Es entspräche einem überfälligen Verständnis von Gerechtigkeit, nicht die Armen durch eine ökologisch ruinöse Aufholjagd an die Reichen heranzuführen, sondern umgekehrt die Reichen auf ein verantwortbares Maß zurückzuführen.“ Niko Paech, Professor an der Uni Siegen, liebt provokante Formulierungen. Mit seiner „Postwachstumsökonomie“ hat er viele begeisterte Anhänger gefunden. Für sein neues Buch hat er sich mit dem Dharma-Lehrer Manfred Folkers zusammengetan – gemeinsam zeichnen sie eine Utopie, die nicht nur als Chance gegen die Klimakatastrophe zu verstehen ist, sondern vor allem als Hoffnung auf ein gelingendes Leben.   „Für Niko ist Suffizienz eine ökonomische Theorie der Genügsamkeit. Für mich besteht das praktische Ergebnis eines achtsamen Lebens in einer Kultur des Genug, die gekennzeichnet ist von Mitgefühl, Zufriedenheit, Integrität und Engagement. Auch in der Betonung der Wichtigkeit des einzelnen Menschen stimmen wir überein, ebenso in der Analyse, dass die Lage der Menschheit brisant ist.“ So skizziert Manfred Folkers in einem einleitenden, moderierten Gespräch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu seinem langjährigen Freund und Weggefährten. In seinem Beitrag zum Buch macht er klar, dass es ihm vor allem um den Menschen geht – der natürlich in einer überlebensfähigen Welt stehen sollte. „Die Suche nach behutsamen Formen des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Miteinanders sollte allerdings nicht aus Furcht vor dem Crash, sondern aus der Attraktivität der neuen Perspektive entstehen.“ Die Haltung „genug“ drückt für ihn kein Nein aus, sondern ein Ja.   Folkers verweist auf die „Drei Wege zum Leiden“, die Buddha umschrieben habe mit den Begriffen Gier, Hass und Täuschung. In unserer kapitalistisch-konkurrenzbasierten Wirtschaft findet er diese Phänomene wieder als Wachstum, Wettbewerb und Folgenleugnung. Gegen diese „drei Peitschen des Mehrungssystems“ skizziert er seine Strategien.   Gier macht nicht glücklich, sondern hält gefangen im Hamsterrad des immer-mehr-Wollens. Eine Haltung des „genug“ befreit von diesen gesellschaftlichen Zwängen; der Weg dazu ist vor allem Suffizienz. Konkurrenz sieht den Mitmenschen als Gegner und verhindert Gemeinschaft. Wer in grundsätzlicher Zufriedenheit mit seiner Situation leben kann, hat die Chance, durch Kooperation in Solidarität und Toleranz gute Beziehungen mit seinen Mitmenschen zu genießen. Verblendung entsteht durch Werbung und medialen Druck und entfremdet den Menschen von seinen eigenen Bedürfnissen; durch Achtsamkeit dagegen könne man ein gutes Leben in Bewusstheit und Integrität erreichen.   Für den Weg zum Glück benannte Buddha vier wertvolle Eigenschaften: liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Sie helfen zu einer „persönlichen Balance des Strebens nach Glück und der Einsicht, Teil des Ganzen zu sein“. Und daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage nach der Suffizienz: Wer ein „genug“ findet, befreit sich aus Druck und Getriebenheit.