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Peter Brunnert: Bernd Arnold – Ein Grenzgang

Biographie

10.01.2018, 15:26 Uhr

In seinem jüngsten Buch begibt sich Peter Brunnert mit Bernd Arnold auf spannungsreiche Grenzgänge.

Unbeachtet von den übrigen Passanten liegt ein Mann sterbend auf einer Straße im pakistanischen Lahore. Die Teilnehmer der DAV Trango Expedition 1988, unter ihnen die Ausnahmekletterer Kurt Albert und Wolfgang Güllich, beobachten das Geschehen mit Entsetzen. „Ich fürchte, wir können nichts für ihn tun“, stellt der Expeditionsarzt resigniert fest. Das ist eine der Schlüsselszenen im neuen Buch von Peter Brunnert. Wochen später nämlich verweigert ein Offizier der pakistanischen Armee ähnlich fatalistisch die Bitte um einen lebensrettenden Hubschraubereinsatz für den schwerverletzten Bergsteiger Bernd Arnold: „Nein, das ist unmöglich.“ Der Deutsche indes hat Glück, und das nicht nur in dieser Situation.

 

 

Das Buch mit dem anspielungsreichen Untertitel „Ein Grenzgang“ ist weder eine klassische Biographie noch, wie der Autor selbst eingangs betont, eine seiner spaßigen Geschichten vom Bergsteigen, mit denen er bislang bekannt und geschätzt wurde. Es erinnert eher an eine dokumentarische Novelle, ein Text mittlerer Länge, der, so Goethe in seiner berühmten Novellendefinition, von einer „unerhörten Begebenheit“ berichtet, und zwar aus dem Leben der sächsischen Bergsteigerlegende Bernd Arnold. Was Arnold darüber seinem Tagebuch anvertraute, davon muss ein alpingeschichtlich versierter Autor wie Brunnert einfach erzählen. Aus den nüchternen Tagebuchnotaten und den Berichten der übrigen Beteiligten destilliert er pures Adrenalin, das in einem Zug genossen werden kann. Diesseits und jenseits seiner Quellen, einige davon im eindrucksvollen Bildteil abgedruckt, führt uns Brunnert auf spannungsgeladene Grenzgänge in unsicheres Gelände und atemraubende Höhen.

 

Adrenalin für Alpinisten und andere

Eingebettet in eine Rahmenhandlung aus der Gegenwart, spielt die Handlung im Jahre 1988. Hier, unmittelbar vor dem Mauerfall, dessen Nahen schon deutlich spürbar wird, kreuzen sich Konflikt- und Lebenslinien einer streng begrenzten und in ihren Konturen scharf erfassten Personengruppe. Ein Schicksalsschlag in der sogenannten Norweger-Route am Großen Trangoturm im fernen Himalaja, Wende- und Höhepunkt des dramatischen Geschehens, stellt alle Beteiligten auf eine harte Probe. Mehrfach geht es für den Protagonisten um Leben oder Tod. Am Ende bewähren sich Freundschaft und Charakterstärke, die oft missverstandene Heimatliebe und das leitmotivische Vertrauen auf Glück. West-östliche Befindlichkeiten und Gegensätze, die bis in unsere Tage wirken, und die Tatsache, das sämtliche Katastrophen schließlich eine glückliche Wendung nehmen, lassen genügend Platz für den typisch Brunnert´schen Humor. Die alte Gattung der Novelle, oft und zurecht als Schwester des Dramas bezeichnet, hat also Zukunft. Das beweisen nicht nur jüngere Vertreter wie Uwe Timms „Entdeckung der Currywurst“ oder Günter Grass´ „Im Krebsgang“, sondern auch Brunnerts „Bernd Arnold – ein Grenzgang“. hh

 

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Besonders geeignet für… literarisch interessierte Leser, die Einblicke in Ausnahmesituationen schätzen und alpinistische, geschichtliche und menschliche Grenzgänge lieben.

 

Peter Brunnert: Bernd Arnold – Ein Grenzgang, Panico Verlag, 2017, 268 S., 29,80 Euro

 

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ISBN: 9783956110801

Hans Kammerlander

Biographie

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Das Konzept dieses Buches in Interview-Form passt gut zu seinem Thema: Locker und hemdsärmelig erzählt der berühmte Alpinist Hans Kammerlander von seinem Lebensweg, mit allen Höhen und Tiefen. „Im Sommer mussten wir beim Mähen in den Bergwiesen bis ganz nahe an die Felswände gehen, um auch noch den allerletzten Grashalm zu erwischen. Der Vater hat nicht gesagt: Das mach ich selbst. Er hat uns bis ganz nach vorn an den Abhang gelassen, aber klar vermittelt, worauf wir achten müssen. Das war sehr lehrreich.“ Auf einem Bergbauernhof in Südtirol in den 1960er-Jahren hatten Kinder ein hartes Leben.   Doch Hans Kammerlander schaffte den Absprung von Stallarbeit und Brennsuppe. Neben dem Beruf am Bau macht er die Ausbildungen zum Skilehrer und Bergführer – und gerät in die Bergschule von Reinhold Messner. Dessen Förderung – beruflich, mit Ausrüstung und als Mentor – führt ihn in die Berge der Welt, wo sie große Erfolge einfahren; insgesamt stand er auf zwölf Achttausendern.   Aber es gibt auch Negatives, etwa den ungeliebten Buttertee „aus Tee, Milch, ranziger Butter und Salz. Das riecht in etwa so, als ob man aus einem Paar Socken, das man den ganzen Sommer über getragen hat, einen Tee gekocht hätte.“ Und nicht nur Lustiges: Am Manaslu stirbt zuerst Karl Großrubatscher, dann Hans‘ bester Freund Friedl Mutschlechner – ein Trauma, das er erst in einer späteren Lebensphase überwindet. Als die Partnerschaft mit Messner endet, muss Kammerlander seine eigene Geschichte weiterentwickeln. Die Alkoholfahrt mit Todesopfer ist darin der Tiefpunkt, „der größte Fehler meines Lebens“ – auch darüber redet er offen und reflektiert. 

Tommy Caldwell: Push

Autobiographie

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Es ist sicher eines der besten Bergbücher der letzten Jahre. Schonungslos ehrlich analysiert Tommy Caldwell seine psychischen und körperlichen Achterbahnfahrten durchs Leben, die ihn zum prägenden Bigwallkletterer gemacht haben – und zu einem Familienvater. „Der Rhythmus, mit dem man sich in den Bergen bewegt, führt dazu, dass die Ecken und Kanten des eigenen Egos abgetragen werden.“ Solche Sätze liest man regelmäßig in „Push“. Tommy Caldwell hat so viele Routen am legendären El Capitan im Yosemite Valley frei geklettert wie kein anderer, seine „Dawn Wall“ ist die schwierigste Bigwall-Freikletterei aller Zeiten. Aber Heldenposen findet man in seiner Autobiographie nicht. Nur minutiöse Beschreibungen der Anforderungen und seines langjährigen Arbeitens, um diese selbstgestellte Aufgabe zu lösen. Vor allem aber ist das Buch eine durch und durch aufrichtig wirkende Selbsterforschung, eine Analyse der Höhen und Tiefen seines Lebens und der Antriebskräfte, die ihn immer wieder weiter gebracht haben. So präzise, anschaulich und inspirierend geschrieben, im besten angelsächsischen Reportagestil, dass man nur ungern eine Lesepause macht.   Aufgewachsen in einer liebenden, leistungsorientierten Familie (der Vater war als Bodybuilder Mr. Mid-America), entdeckte der kleine, in der Schule eher hinterherlaufende Tommy sein Talent zum Klettern und zu konsequentem Training. Er schildert, wie er als Kletter-Wunderkind seine große Begabung entdeckt: Freiklettern in den Bigwalls des El Capitan. Er berichtet von seinen Problemen, eine Freundin zu finden, und von seinem Glück mit Beth Rodden, die ihm auch in den Bigwalls Partnerin ist. Bei einer Kletter-Expedition in Kirgisistan wird ihr Team von Rebellen entführt – um ihnen zu entkommen, müssen sie sich von ihrem Bewacher befreien:   „Die Kraft in meinem Innern ist zu einem Monster herangewachsen …Mit der Wendigkeit einer Bergziege nähere ich mich Su, pirsche mich lautlos durch die Dunkelheit. … Mein Fuß tritt einen Stein los. Er dreht sich abrupt zu mir um. Unsere Blicke treffen sich. Ich greife nach dem Gurt der Waffe, den er sich über die Schulter gehängt hat. Ich ziehe daran, so fest ich kann, und stoße dann seine Schulter nach hinten. Sein Körper kippt rückwärts in die Dunkelheit, er zeichnet sich im Mondlicht scharf ab. Su stößt einen überraschten, angstvollen Schrei aus. Mit einem abscheulichen, dumpfen Aufprall schlägt er auf einem Felsband auf und stürzt dann in den Abgrund. Einen Augenblick lang höre und spüre ich gar nichts. Dann wird mir schwindlig. … Ich klettere und renne das letzte Stück zum Gipfel hinauf, wo ich allein und keuchend stehen bleibe. Dann sacke ich in mich zusammen und kauere am Boden, mache mich so klein ich kann. Schluchzend wiege ich mich hin und her. Alles, was ich in mir zurückgehalten habe, strömt jetzt aus mir heraus.“   Dann sägt er sich beim Heimwerken den linken Zeigefinger ab. Konsequentes Training und Beths Unterstützung bringen ihn zur alten Leistungsfähigkeit zurück, und die Erkenntnis: „In den schwierigeren Routen sind die Griffe oft so winzig, dass man sie sowieso nicht mit allen vier Fingern greifen kann. Bei diesen Zwei- oder Drei-Finger-Griffen war ich besser als die anderen, denn mehr hatte ich an der linken Hand ohnehin nicht zu bieten.“ Doch dann scheitert die Beziehung mit Beth – auch wenn sich herausgestellt hat, dass ihr kirgisischer Entführer überlebt hatte: Das traumatische Erlebnis konnte Beth nicht überwinden. Die Trennung führt überdies zu einer Krise mit dem Vater, dem stärksten Antreiber und Motivator der Kindheit und Jugend.   Tommy findet ein neues, motivierendes Ziel, die Dawn Wall am El Capitan, unvorstellbar kompakt: „Wenn man sich dem El Capitan nähert, erkennt man immer mehr Einzelheiten, die aus der Ferne betrachtet ineinander verschwimmen. Dem geübten Auge des Kletterers erscheint der Fels allmählich ersteigbar. Die Dawn Wall aber sieht auch aus drei Meter Entfernung immer noch glatt aus, mit nichts, woran man sich festhalten könnte. Erst wenn man nur noch Zentimeter vom Fels entfernt ist, sieht man die Strukturen, die Feinheiten, die Möglichkeiten.“   Was es bedeutet, an derart glattem Fels zu klettern, das schildert er anschaulicher, als es selbst die hervorragenden Filmaufnahmen aus der Epochetour können: „(Kevin Jorgeson) markierte die wichtigsten Unebenheiten mit Magnesia und entwarf so eine mögliche Sequenz. Dann drückte er sanft seine Finger in den Fels, ließ jeden einzelnen Kristall in seine Haut einsinken und überlegte, wie viel Druck er anwenden musste.“   Die Arbeit an der Route gibt ihm ein Ziel im Leben, gleichzeitig verliebt er sich neu, söhnt sich mit dem Vater aus. Natürlich nehmen die Schilderungen der Versuche in der Dawn Wall oder von der epischen Überschreitung des Fitz-Roy-Massivs in Patagonien viel Raum im Buch ein. Doch sie sind in keiner Zeile langweilig, weil sie hautnah vorstellbar werden und weil Caldwell auch immer sein eigenes Seelenleben und die Beziehungen zu seinen Mitmenschen und seiner Umgebung analysiert – mit messerscharfer Wahrnehmung und präzisen Formulierungen.   Ihm auf diesen Wegen durch die Wände und das Leben zu folgen, ist teilweise spannend wie ein Krimi. Und es ist kaum ein Wunder, dass bei solcher Aufgeschlossenheit und Konsequenz auch Erfolge entstehen. Für die Erstbegehung der Dawn Wall wurden Caldwell und sein Seilpartner Kevin Jorgeson vom US-Präsidenten Obama geehrt. Vielleicht wichtiger für Tommy ist aber das Abenteuer, Vater zu werden. Als er seinen neugeborenen Sohn Fitz (benannt nach dem Fitz Roy) im Arm hält, reflektiert er:   „Ich glaube, Beziehungen zwischen Menschen können und sollten dem Prinzip des Abenteuers folgen, nicht beschränkt auf das Klettern, sondern in umfassenderem Sinne: das Unbekannte mit offenen Armen begrüßen. Indem man anderen gegenüber offen bleibt, gewinnt man Wissen hinzu, und die Sicht auf das Leben und die Welt erweitert sich.“ 

Christiane Tramitz: Harte Tage, gute Jahre

Biografie

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70 Jahre auf einer Alm in den Chiemgauer Alpen - es ist eine ungewöhnliche Geschichte einer ungewöhnlichen Sennerin von der Christiane Tramitz erzählt. Ein Leben das vom hartem Alltag, aber auch Freiheit geprägt ist. Ein gebrochenes Herz und Großvaters Wille sind der Grund warum Maria Wiesbeck mit siebzehn den heimischen Hof verlässt. Von da an ist sie Sennerin am Geigelstein und kehrt von dort nie wieder zurück. Mare führt auf ihrer Alm ein einfaches und selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur. Allerdings ist das Leben oben am Blumenberg kein Idyll, sondern gezeichnet von schwerer Arbeit, kalten Wintern und wenig Essen. Mit der Zeit werden die Berge und Tiere zu Mares neuer Heimat. Von der Umwelt abgeschieden haust die eigensinnige Mare allein auf ihrer Alm. Die Menschen erzählen ihr von den Ereignissen der Welt, die die Berge nicht erreichen. Alles um sie herum verändert sich. Der Krieg kommt auch in das Gebirge. Es gibt Streitereien wegen Gebietsansprüchen und Almverteilungen. Der Luxus der Nachkriegszeit erobert die Alpen. Mit der Zeit erkennt Mare, dass das Vertraute mehr und mehr verschwindet. Aber von alldem lässt sie sich nicht einschüchtern. Die Sennerin ist dankbar für ihr kleines Reich und gibt dieses um keinen Preis auf. Krieg, Modernität der Neuzeit (Infrastruktur, Tourismus), Unwetter und der Kampf mit anderen Menschen bringen sie nicht dazu, ihre geliebte Alm zu verlassen. Denn ein schöneres Leben kann sich Mare nicht vorstellen. „...gibt nix Besseres für mi auf derer Welt. So frei und dem Himmi so nah."