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Marcel Hänggi, Null Öl. Null Gas. Null Kohle

Sachbuch

06.05.2020, 14:27 Uhr

Um menschliches Überleben langfristig möglich zu halten, müssen die Staaten das 1,5-Grad-Klimaziel von Paris zu erreichen. Dieses Buch erklärt, warum das so ist, und wie ein politischer Weg dorthin aussehen könnte – den der Autor selber zu bahnen versucht.

Viele reden vom Klimawandel (wenn Corona nicht wäre), aber wer tut wirklich etwas ausreichend Wirksames dagegen? Der Schweizer Journalist Marcel Hänggi hat sich engagiert – obwohl er damit gegen den journalistische Leitsatz verstößt, ein Journalist solle sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Mit einer einleuchtenden Begründung: „Um es pathetisch zu sagen: Wenn die Sache die Rettung der Welt ist, will ich mich mit dieser Sache nicht nicht gemein machen.“

 

Sein Weg ist ein Volksbegehren, für das er in der Schweiz bis Anfang 2020 schon über 110.000 Stimmen gesammelt hatte. Die Forderung: Ab 2050 wird in der Schweiz kein fossiler Kohlenstoff mehr in Verkehr gebracht, null Öl, null Gas, null Kohle verbrannt. Der Weg zu diesem Ziel ist nicht festgelegt, da haben Forschung, Technik und Sozialwesen freie Hand für kreative Lösungen. Zur Vermeidung extremer wirtschaftlicher Nachteile sollen Ausgleichsmaßnahmen bestehen.

 

Weltfremd? Übertrieben? Unzumutbar? Hänggi argumentiert bestens recherchiert und dokumentiert, mit vielen Fußnoten und langem Literaturverzeichnis. Und macht klar, dass die Forderung sogar noch als gemäßigt gelten könnte. Denn der WWF Schweiz hat ausgerechnet, dass die Schweiz schon bis 2038 von Öl, Gas und Kohle wegkommen müsste, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens einhalten zu können. Was nichts anderes wäre, als ein völkerrechtlich verbindliches Versprechen einzuhalten.

 

Dass dies vielleicht nicht zur Rettung der Welt, aber zum Erhalt der menschlichen Zivilisation wie wir sie kennen, eine Mindestanforderung ist, stellt Hänggi im ersten Teil des Buches dar. Darin schildert er den Stand der Klimaforschung und die Konsequenzen von Nichtstun und Zögern. Interessant ist der Einblick in die Hintergründe: Wie etwa die Berichte des wissenschaftlichen Weltklimarates IPCC aus politischen Rücksichten sogar eher zurückhaltend formuliert wurden. Und welche politischen Machtspiele und Leugnungslobbys zu verhindern suchen, dass unsere globale Menschengemeinschaft auf einen Pfad einschwenkt, der ihr gutes Weiterleben ermöglichen würde.

 

Effizienz, Substitution oder Suffizienz?

Dann erörtert er verschiedene Strategien, wie das gelingen könnte: Suffizienz, Substitution und Effizienz. Suffizienz, also ein bescheidenes „genug“, ist für ihn (wie auch für Nicho Paech und viele andere) der Königsweg: Wer zum Beispiel keine Fernreise macht, erzeugt keine Emissionen, muss sich also auch nicht überlegen, welches Fahrzeug das beste wäre, welcher Antrieb, oder wie die Emissionen kompensiert werden könnten. Dem Gegenargument, verordneter Verzicht schränke Freiheiten ein, hält er die Notwendigkeit der Lage entgegen – und verweist auf chancengesteuerte Konzepte. Eine Verringerung der erlaubten Geschwindigkeit in Städten zum Beispiel fördere Mobilität ohne Auto und belohne alle Einwohner mit besserem Lebensgefühl. Substitution, also das Ersetzen – etwa von Benzin durch Erdgas oder Strom –, sei die zweitbeste Lösung. Sie senkt Emissionen, aber nicht auf Null. Außerdem stehen ihr „Pfadabhängigkeiten“ entgegen: Gewohnheiten und etablierte Systeme, die ein Umschwenken erschweren. Die Effizienz schließlich – also etwa einen sparsamen Kleinwagen statt eines SUV zu fahren – hat dritte Priorität. Denn auch sie verhindert Emissionen nicht komplett; und was man spart, pulvert man gern woanders wieder raus.

 

Dieser Effekt, im Fachjargon „Rebound“ genannt, ist ein Problem sämtlicher Strategien zur Emissionseinsparung. Hänggis Lösungsansatz dazu nennt er „Brunnenspiel“. Bei einem Brunnen, der mehrere Abflussrohre hat, nutzt es nichts, nur eines zuzuhalten, wenn man den Abfluss reduzieren will – aus den anderen Rohren kommt mehr raus. Weniger Ausstoß erreicht man nur, wenn man den Zufluss beschränkt. Auf Politik übertragen heißt das: Nur wer das Angebot senkt, wird weniger Emissionen erzielen – dabei ist es dann egal, ob das Ziel durch Effizienz, Substitution oder Suffizienz erreicht wird. Genau das ist der Ansatz des Schweizer Volksbegehrens: Wenn Öl, Gas, Kohle nicht mehr verbrannt werden dürfen, sind die Emissionsziele erreichbar. Dass technische Lösungen, Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, nicht ausreichend funktionieren (wenn sie auch eine Rolle spielen), erläutert er sehr fundiert.

 

Wege zum Überleben der Menschheit

Nach Erörterung verschiedener staatlicher Lenkungsoptionen (Steuern, Zertifikate, Kompensation, Verbote) beschreibt er das Konzept des Volksbegehrens: einen radikalen, aber praxisfähigen Vorschlag, das zu schaffen, wozu sich die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet hat. Wie übrigens über 150 weitere Staaten, darunter auch Deutschland. Gerade die entwickelten Länder müssten vorangehen und reelle Reduktionen liefern – denn Kompensation (durch internationale Emissionszertifikate) funktioniere nicht in einer Welt, wo alle Staaten mitziehen müssen.

 

Ist der Autor vom Journalisten zum Träumer geworden? Wer die Weltpolitik anschaut, könnte das denken – und sich dadurch mit dem eigenen Untergang abfinden. Doch Hänggi zitiert Blaise Pascal, ob es sich lohne, gottesfürchtig zu leben: Falls es Gott gibt, macht das „falsche“ Leben den Unterschied zwischen Himmel und Hölle aus, wenn es ihn nicht gibt, schadet ein „gutes“ Leben nicht. Ähnlich sei es mit der Frage, ob es vernünftig sei, „an das Überleben der menschlichen Zivilisation zu glauben“: „Nur die eine Wette hat Sinn“.

 

Deshalb hat der Autor auch seinen Weg gewählt, zu dem er dieses Buch verfasst hat: „Eine Volksinitiative ist ein Risiko: Man kann die Abstimmung gewinnen oder verlieren. Aber wer nichts tut gegen die Bedrohung des Klimawandels, kann nur verlieren.“

 

Kurzcheck

Sprache
Info
Anregung

Besonders geeignet für … Schweizer und andere verantwortliche Menschen, die statt zu verzweifeln nach Wegen suchen wollen.

 

Marcel Hänggi, Null Öl. Null Gas.Null Kohle, Rotpunkt Verlag, 2019, 232 S., 20 Euro

 

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