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Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less

Sachbuch

06.05.2020, 14:34 Uhr

Eine Kultur des „Genug“ – das bedeutet nicht Verzicht, sondern Gewinn an Entspanntheit und Lebensqualität. Und eine Überlebenschance für die überheizte Menschheit. Ein Buddhist und ein Ökonomieprofessor beleuchten diese Vision aus zwei Perspektiven.

„Es entspräche einem überfälligen Verständnis von Gerechtigkeit, nicht die Armen durch eine ökologisch ruinöse Aufholjagd an die Reichen heranzuführen, sondern umgekehrt die Reichen auf ein verantwortbares Maß zurückzuführen.“ Niko Paech, Professor an der Uni Siegen, liebt provokante Formulierungen. Mit seiner „Postwachstumsökonomie“ hat er viele begeisterte Anhänger gefunden. Für sein neues Buch hat er sich mit dem Dharma-Lehrer Manfred Folkers zusammengetan – gemeinsam zeichnen sie eine Utopie, die nicht nur als Chance gegen die Klimakatastrophe zu verstehen ist, sondern vor allem als Hoffnung auf ein gelingendes Leben.

 

„Für Niko ist Suffizienz eine ökonomische Theorie der Genügsamkeit. Für mich besteht das praktische Ergebnis eines achtsamen Lebens in einer Kultur des Genug, die gekennzeichnet ist von Mitgefühl, Zufriedenheit, Integrität und Engagement. Auch in der Betonung der Wichtigkeit des einzelnen Menschen stimmen wir überein, ebenso in der Analyse, dass die Lage der Menschheit brisant ist.“ So skizziert Manfred Folkers in einem einleitenden, moderierten Gespräch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu seinem langjährigen Freund und Weggefährten. In seinem Beitrag zum Buch macht er klar, dass es ihm vor allem um den Menschen geht – der natürlich in einer überlebensfähigen Welt stehen sollte. „Die Suche nach behutsamen Formen des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Miteinanders sollte allerdings nicht aus Furcht vor dem Crash, sondern aus der Attraktivität der neuen Perspektive entstehen.“ Die Haltung „genug“ drückt für ihn kein Nein aus, sondern ein Ja.

 

Folkers verweist auf die „Drei Wege zum Leiden“, die Buddha umschrieben habe mit den Begriffen Gier, Hass und Täuschung. In unserer kapitalistisch-konkurrenzbasierten Wirtschaft findet er diese Phänomene wieder als Wachstum, Wettbewerb und Folgenleugnung. Gegen diese „drei Peitschen des Mehrungssystems“ skizziert er seine Strategien.

 

Gier macht nicht glücklich, sondern hält gefangen im Hamsterrad des immer-mehr-Wollens. Eine Haltung des „genug“ befreit von diesen gesellschaftlichen Zwängen; der Weg dazu ist vor allem Suffizienz. Konkurrenz sieht den Mitmenschen als Gegner und verhindert Gemeinschaft. Wer in grundsätzlicher Zufriedenheit mit seiner Situation leben kann, hat die Chance, durch Kooperation in Solidarität und Toleranz gute Beziehungen mit seinen Mitmenschen zu genießen. Verblendung entsteht durch Werbung und medialen Druck und entfremdet den Menschen von seinen eigenen Bedürfnissen; durch Achtsamkeit dagegen könne man ein gutes Leben in Bewusstheit und Integrität erreichen.

 

Für den Weg zum Glück benannte Buddha vier wertvolle Eigenschaften: liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Sie helfen zu einer „persönlichen Balance des Strebens nach Glück und der Einsicht, Teil des Ganzen zu sein“. Und daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage nach der Suffizienz: Wer ein „genug“ findet, befreit sich aus Druck und Getriebenheit.

 

Mit Verantwortung zur Zufriedenheit

Suffizienz ist auch für Niko Paech der einzige Weg in eine Zukunft der Nachhaltigkeit. In seinem Essay erklärt er, warum die Strategien Effizienz (z.B. sparsamere Motoren) und Konsistenz/Substitution (z.B. Elektromotor statt Verbrenner) nicht ausreichen, eine enkeltaugliche Welt zu gestalten – solange nämlich der „Lebensstil unverantwortlicher Verschwendung“ beibehalten werde, der „hedonistischste, noch vor Kurzem undenkbare Ausschweifungen“ zulasse (wie beliebig viele Flugreisen oder Zwei-Tonnen-Autos für 80-kg-Fahrer). Nur Suffizienz könne uns retten, ein „weniger für alle“: globale Gerechtigkeit in ökologischen Grenzen.

Paech skizziert drei Stufen auf dem Weg in ein suffizientes Leben: Selbstbegrenzung (kein „Mehr“ mehr), Reduktion („weniger“) und Entsagung („nein danke“) – wie weit man zwischen Status-Quo-Einfrieren und echtem Verzicht gehen möchte, bleibt Ehrensache. Und der Ökonom findet auch einen Deal, denn Suffizienz habe viele Vorteile, u.a.: Verantwortung (man handelt richtig), Legitimität (man beansprucht nur, was man wirklich verdient), Resilienz (wenn es nichts mehr gibt (Corona), vermisst man es nicht), Sinn (Glück kommt nicht vom Blick auf andere und vom Blick der anderen, sondern vom Blick in den Spiegel). Er argumentiert sogar mit Schlagworten der Gegenseite: „(Suffizienz) ist notwendig, um die verfügbaren Konsumoptionen zeitökonomisch zu optimieren“ – ein Überangebot an Genussoptionen führe eher zu Frustration, weil man nicht alles gleichzeitig nutzen kann.

 

Paech argumentiert radikal, es existiere eine „Obergrenze für den materiallen Wohlstand, der einem einzelnen Individuum zustehen kann“ und findet klare Worte für Menschen, die gerne „me first“ sagen: „nackte Gewalt gegen die Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation“; „ökologischer Vandalismus, der die humanen Ziele der Moderne verhöhnt“; „wenn Doppelmoral zum Normalzustand wird, beginnt die Drift ins postzivilisatorische Desaster. An der Enthemmung aller erdenklichen Ausschweifungen zerbricht die Moderne an sich.“

 

Deshalb sieht er seine Vision auch als alternativlos: „Demokratien sind ohne Suffizienz nicht zu retten. … Wer die Freiheit bewahren will, darf sie nicht missbrauchen oder überstrapazieren, sondern muss sie vorsorglich und freiwillig begrenzen.“ Dabei ist sein Glaube an die Politik nicht sonderlich optimistisch: „Auch wenn Suffizienz in der Demokratie nicht gewählt werden wird, jeder einzelne kann sie als Weg für sich wählen. Der Anstand gebietet es, wenn schon die soziale Ächtung nicht mehr stattfindet.“ Es brauche Pioniere und Vorbilder für suffizientes Leben, und „wer nur auf die Politik verweist, leugnet die eigene Verantwortung, macht sich abhängig und unfrei“.

 

Diese Pioniere – er selbst versucht seit Jahren, ein solcher zu sein – lockt er mit einer fast schon buddhistischen Vision für „Routinen des ökologisch harmlosen Zeitverwendens: Meine persönlichen Favoriten sind Musikhören, Lesen, Wandern, Radfahren … und möglichst viel Zeit in Wirtsstuben zu verbringen. … Die entschleunigte und maßvolle Weizenbierverarbeitung erlaubt durchaus Momente der Kontemplation. … Die Kunst des Genusses liegt in der Konzentration und Fokussierung.“

 

Paech schreibt mal plakativen Klartext, dann auch wieder akademisch verdrechselt, aber immer inspiriert und inspirierend. Folkers formuliert eher im Gesprächston, aber nicht weniger anregend. Gespräche mit einem Journalisten leiten die zwei Essays ein und aus und lassen die Persönlichkeiten und Lebenshintergründe der Autoren transparent werden. Die Chance ist beschrieben – jetzt muss man sie nur noch ergreifen.

 

Kurzcheck

Info
Sprache
Anregung

Info

Besonders geeignet für … verantwortlich Bewegte, die sich mit dem Schlagwort „Verzicht“ bisher noch etwas schwer getan haben.

 

Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less, Oekom Verlag, 2020, 256 S., 20 Euro

 

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