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Lois Hechenblaikner: Ischgl

23.02.2021, 16:57 Uhr

Tourismus als kapitalisierte Triebabfuhr: Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner zeigt Menschen und Berge unter dem Druck des Geldes. Ist das Wohlstand?

Im März 2020 machte eine Après-Ski-Bar den Tiroler Spaßindustriepark Ischgl zum „Super Spreader“ des Corona-Virus in Europa. Die Fotografien im neuen Bildband von Lois Hechenblaikner reichen aber viel weiter zurück. Als der Fotograf seine Langzeitbeobachtung des hiesigen Tourismusbetriebs aufnahm, in der Mitte der 1990er-Jahre, lebten die ehemals armen Bergbauernkinder längst im Wohlstand – oder was man so nennt. In der monströsen Architektur des Ortes war ein Monster entstanden: vielgliedrig, vielgesichtig, Täter und Opfer in einem, maßlos, exzessiv und, man muss es sagen, außerordentlich erfolgreich. Getrieben wird es von Geld und Alkohol. Von sehr viel Geld und sehr viel Alkohol. Der gelenkte Kontrollverlust der einen ist dabei der Gewinn der anderen, die die Kontrolle behalten.

 

Hechenblaikners Fotos zeigen nicht nur eine Rechnung in der „Champagnerhütte“ – drei Flaschen (0,75) Montrachet, zusammen 8770 Euro –, sie zeigen, wie man sich den Sekt auch über nackte Hinterteile schüttet, wie man im Schnee mit Sexpuppen spielt und wie die lokale Geistlichkeit die neue Seilbahn segnet. Scharf und unverpixelt dokumentiert der Fotograf auch die hochkapitalisierte, vollgestellte Berglandschaft. Seit ihrer Gründung im Jahr 1961 zahlt die Silvrettaseilbahn AG keine Dividenden aus. Alle Gewinne werden in die technische Infrastruktur reinvestiert, und so sieht es auf den Bergen aus.

 

Das Buch von vorn bis hinten anzuschauen, fällt nicht leicht. Ob es den Ischgler Tourismusbetrieb verändern wird? Wozu denn, werden die Ischgler zurückfragen.

 

Am 18. Mai 2020 meldete die Tiroler Tageszeitung: „Während die Zillertaler Seilbahner heuer Corona-bedingt die Investitionsbremse ziehen, gibt Ischgl trotz internationaler Kritik Gas: Mit 35 Millionen Euro will die Silvrettaseilbahn AG auch ein Zeichen setzen.“ Wofür das Zeichen steht, bleibt angesichts der Bilder in diesem Buch rätselhaft.

 

Kurzcheck

Authentizität
Fotos
Botschaft

Info

Besonders geeignet für: … alle, die gern den Albert Einstein zugeschriebenen Satz zitieren: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher“.

 

Lois Hechenblaikner: Ischgl, Steidl, 2020, 240 Seiten, 34 Euro

 

ISBN: 978-3-95829-790-6