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Claudio Locatelli: MTB zwischen Comer See, Valsassina und Val Brembana

Führer Rad/MTB

08.07.2021, 17:43 Uhr

Eine in unseren Breiten wenig bekannte Ecke des oberitalienischen Alpenbogens zwischen Veltlin, Comer See und Poebene beleuchtet der in den Bergamasker Alpen beheimatete Bikeautor Claudio Locatelli.

Der italienische Verlag Versantesud hat sich in Fachkreisen einen Ruf für ausgesprochen akribisch recherchierte Tourenführer erworben. Die alpinen Reihen decken Wintersport, Klettern, aber auch Mountainbiken ab. Allen gemeinsam ist, dass als Autoren ausnahmslos ortsansässige Locals zum Zuge kommen, die ihre Heimat wie ihre Westentasche kennen. Manche Führer werden von Autorenteams erarbeitet, immer aber illustrieren eine Fülle guter Fotos die detaillierten Tourenaufzeichnungen und Beschreibungen. Anfangs wurden die Bände noch zweisprachig herausgegeben, mittlerweile sind sie auf italienisch, englisch oder deutsch auf dem Buchmarkt. Beim Lesen wird man geradezu erschlagen von Wissenswertem rund um einen Tourenvorschlag: Infokästen, Textbeschreibungen, GPS-Tracks, Höhenprofile, Fotos, gezeichnete Landkarten. Es ists förmlich zu spüren, wie viel Arbeit im Zusammentragen dieser Infofülle steckt.

 

Bei all dem einheitlichen Gerüst aller Bände spürt man aber auch die persönliche Handschrift des Autors. Claudio Locatelli, Jahrgang 1958, der in oberitalienischen Bikerkreisen als bekannter Tourentüftler, Bikeguide und Crack Wertschätzung genießt, läst es sich nicht nehmen, seinen Band mit persönlichen Zugaben anzureichern. So stößt man zwischen den einzelnen Tourenbeschreibungen immer wieder einmal auf Lesestücke, die schon in den Rang kürzerer Feuilletons kommen. Einige schreibt Locatelli selbst, andere steuern ihm befreundete Biker aus der lombardischen Szene bei, wie beispielsweise die Bikejournalistin Marzia Fioroni. Locatelli lässt es sich auch nicht nehmen, seinen Band mit einem doppelseitigen Foto zu eröffenen, eine Hommage an den befreundeten und mit 56 Jahren viel zu früh an Krebs verstorbenen Freund Giovanni Giacobazzi, den alle nur Jag nannten und der sich in der über die sozialen Medien eng vernetzten Szene einen Ruf als „verrückter Hund“ gemacht hatte.

 

Klassiker und Tourenperlen

Dies alles sind für den ortsfremden Interessierten nur Randnotizen ohne tieferen Wert, verraten aber doch ein wenig über das Credo des Autors, das sich so zusammenfassen lassen könnte: der Einzelne ist nichts ohne die Mithilfe der anderen. Und so ist dieser Bikeführer vor allem eine Bestandsaufnahme nicht nur einer Großregion, sondern auch des gesammelten Tourenwissens einer Clique. Über 70 Tagestouren sammelt dieser Band, von der berühmten „Tracciolino“-Felsentour im Norden des Comer Sees, über den aussichtsreichen „Sentiero del Viandante“ hoch über dem Ostufer bis hin zu versteckten Perlen wie der „Costa di Biandino“ im Valsassina. In der Gebirgsgruppe der Orobischen Alpen knüpft der Autor gar eine viertägige Durchquerung zum „BrembOrobieBikeTrail“ zusammen, eine wahrhaftige „Alta Via“ in einsamem Gelände, bei der das Bike nicht selten geschoben und getragen werden muss. Dies setzt komplette Biker*innen voraus, die mit alpinen Gefahren genauso umgehen können wie mit unvorhergesehenen Wendungen. Aber auch für weniger abenteuerlustige Radfreunde hat dieser Guide etwas zu bieten: Elf einfache Radwege entlang der Täler sind eine erste Eintrittskarte in ein Gebiet, das zu entdecken sich lohnt. Bikeführer mit dieser Informationstiefe sind selten geworden, heutzutage setzen die meisten doch auf schnell verdaubare Häppchen. Anders diese aus dem Verlag „Edizioni Versante Sud“. Wenn man unbedingt etwas bemängeln wollte, dann vielleicht, dass die Übersichtskarten lediglich gezeichnet sind und die Übersetzungen aus dem Italienischen sich nicht so recht frei machen können vom blumigen Sprachduktus des Originals, was sich in der deutschen Übersetzung zuweilen arg poetisch liest.

 

Kurzcheck

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Fotos
Nutzwert

Info

Besonders geeignet für … entdeckungshungrige Abenteurer, die allseits bekannten Hotspots wie Gardasee oder Finale Ligure gern einmal den Rücken kehren.

 

Claudio Locatelli: MTB zwischen Comer See, Valsassina und Val Brembana, Edizioni Versante Sud, 2019, 34 Euro.

 

ISBN: 978 88 85475 731

Thomas Plank: Freeride Nepal

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„In über 50 Tourentagen auf den schönsten Trails durch das Himalaya-Königreich“ verspricht dieser im Eigenverlag erschienene Führer eines jungen Rad-Enthusiasten – er bietet viel mehr als nur das. Sucht man nach Literatur oder Informationen über Mountainbiken in Nepal, so findet man außer ein paar Einzelbeschreibungen oder geführten Touren durch unzählige, kommerzielle Veranstalter aus Europa und Nepal - „Nichts“! Schön, dass es seit 2016 den Mountainbike-Führer „Freeride Nepal“ gibt. Sorgfältig recherchierte Informationen, ordentlich gemachte Beschreibungen incl. toller Bilder, Länge der Touren und bestens strukturierten Schwierigkeitsbewertungen machen Laune, selbst dorthin zu fahren. GPS-Tracks stehen zum Download bereit. Sechs Gebiete werden beschrieben, jeweils zuerst mit allgemeinen Infos zum Charakter der Region, touristischen Angeboten und Regelungen. Dann stellt der Autor jeweils einige Tagestouren vor, in drei Regionen auch Mehrtagestouren (Annapurna Umrundung, Upper Mustang, Manaslu Umrundung). 

Thorsten Brönner: Flussradwege abseits des Trubels

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Wer meint, dass es nicht immer Mountainbiken sein muss, findet hier ein geradezu gegenteiliges Konzept: Auf Flussradwegen rollt man fast entspannt durch die schönsten deutschen Landschaften und zu manchem Kulturziel. Einem Fluss entlang radeln – das verspricht ein Fahrraderlebnis mit wenig Anstrengung, weil wenig Steigung. Und dafür braucht man auch kein vollgefedertes Mountainbike; ein Reise- oder Trekkingrad sollte ausreichen – zwei Packtaschen sind allerdings sinnvoll, da die 30 Routen, die der Autor vorstellt, nichts für den schnellen Genuss sind. Um die 200, 300 Kilometer sind die Strecken meist lang – also immer zumindest für einen Kurzurlaub gut; wer sich’s gemütlich einrichtet und nicht nur durchstrampelt, sondern auch mal die Sehenswürdigkeiten am Weg anguckt, wird sich auch eine Woche lang beschäftigen können. Bei diesem Buchkonzept kann man auch damit leben, dass die Schwierigkeitsangabe „leicht“ oder „mittel“ nicht näher erklärt wird; die Angaben zum Terrain (Asfalt, unbefestigter Grund, Steigungen) geben ausreichend Hinweis zum Anspruch der Tour. Einige davon sind auch für Familien gut tauglich, manche sogar vom ADFC als „Qualitätsradrouten“ zertifiziert. So bleibt dem Autor hauptsächlich die Aufgabe, die touristischen Infos aufzubereiten: den Tourenverlauf mit den wesentlichen Orten; Angaben zur An- und Abreise; Kontaktdaten der Tourismus-Institutionen. GPS-Tracks gibt’s natürlich im Internet. Besonders wertvoll dürften die ausführlichen Tipps zu kulturellen oder landschaftlichen Highlights am Weg sein, die im Infokasten wie im Lauftext zusammengetragen sind. 

Zahn/Führer: 100 Bike Highlights Alpen

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Das ist kein Buch für Weicheier. Wer diese 100 Mountainbiketouren in den Alpen gefahren hat, hat nicht nur vieles von diesem schönen Gebirge gesehen – dazu gehört auch reichlich Power in den Beinen. Die 100 schönsten Radtouren der Alpen! Das ist ein hoher Anspruch. Wer solch einen verbindlichen Kodex aufstellen möchte, muss mit Diskussionen rechnen, auch wenn er seit 30 Jahren auf zwei Rädern durch die Berge gondelt. Die Autoren stellen sich der Kritik und stehen zu ihrer subjektiven Auswahl – wie gut sie gelungen ist, sei jedem Leser zur Beurteilung überlassen. 

Versante Sud: 3 x Mountainbiken in Italien

Rad-Führer

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Gleich drei Mountainbikeführer hat der italienische Verlag Versante Sud herausgebracht: zum Klassiker Finale Ligure und zu den Inseln Sardinien und Sizilien. Jeder ein Sack voll verlockender Tipps. Versante Sud ist vor allem unter Kletterern für solide gemachte Führer bekannt; in den letzten Jahren hat der Verlag auch ansprechende Skitouren- und Freerideführer herausgebracht. Die drei Mountainbikeführer schreiben nun den guten Eindruck fort, in ziemlich ordentlicher deutscher Übersetzung. Das Aufbauprinzip ist bei den drei Bänden vergleichbar. Die technischen Daten – Schwierigkeit, Höhenunterschied, Dauer… - sind in einer Infospalte übersichtlich sortiert, sehr ordentliche Karten helfen bei der Planung der Halbtags- bis Tagestouren. Eine ausführliche Beschreibung und große Bilder vermitteln einen guten Eindruck von den Anforderungen, aber auch von landschaftlichen Reizen, die GPS-Tracks stehen natürlich im Internet bereit. Und zu einigen Touren gibt es sogar Videos.