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Birgit Lutz: Heute gehen wir Wale fangen

Biographie

07.01.2020, 17:11 Uhr

Grönland ist ein Land zwischen zwei Welten – dem alten Leben und der digitalen Moderne. Birgit Lutz besucht das faszinierende Land und seine Menschen. In ihrem Buch nimmt sie den Leser mit auf ihre Reise in eine andere Welt.

„Wie kann ein Mensch, der hier aufwächst, je anderswo glücklich und eins mit sich sein? In einem Büro? In einer Stadt? Und nicht deshalb, weil es in einem Büro in einer Stadt nun einmal nicht so schön ist. Sondern weil man hier so nah an der Erde lebt. Hier spielt nichts Künstliches mehr eine Rolle, alles ist echt, der Wind, die See, das Eis, das Blut das nach der Robbenjagd über die Felsen läuft.“

 

Als Birgit Lutz bei einer Expedition das erste Mal nach Grönland kommt, ist sie fasziniert. Sie kehrt mehrere Male zurück in den kalten Norden. Grönland ist ein Land, in dem viele Bewohner noch in Erdhäusern aufgewachsen sind. Doch die Insel hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Auf ihrer Reise begegnet sie Jugendlichen, die zwischen Tradition und Moderne schweben und keinen Platz im Leben finden. Ihr wird deutlich, welche Auswirkungen die schnelle Modernisierung auf das stille Volk hat – das nie gelernt hat, sich zu wehren. Überall sind die Probleme der Insel präsent: Alkohol, Gewalt und Selbstmorde. Birgit Lutz lässt sich tief auf die Grönländer ein. Sie redet mit ihnen über das besondere Leben am entlegensten Ort der Welt. Macht aber auch eigene Erfahrungen mit dem Land. Mit ebenso mitreißenden wie einfühlsamen Beschreibungen und vielen Fotografien vermittelt sie dem Leser die Faszination des Ortes. Das Buch ist nicht nur ein Buch über Grönland, es schildert auch Menschen, die ihre Identität suchen.

 

Zwischen Jagd und Internetanschluss

Selbst schreibt Birgit Lutz, Grönland habe sie herausgefordert. Nicht nur die Schicksale der Menschen, auch das ungewöhnliche Alltagsleben stellen sie auf die Probe. Grönländer leben von Fischen, Robben, Walen und Eisbären. Es sind die einzigen Ressourcen, die es in dem frostigen Gebiet gibt, und die wichtigsten Einnahmequellen. Die Autorin beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Jagd in Grönland. Die Jagd ist in diesem Land kein industrieller Zweig, wie ihn Europäer kennen. Vielmehr verkörpert sie einen Rest des bekannten Lebens, in einer Zeit in der sich alles ändert. Durch Verbote und Quoten ohne Berücksichtigung der Lebenswelten wurde den Grönländern der letzte Rest ihrer Identität genommen. So sind es vor allem junge Männer, die in Grönland Selbstmord begehen. Einst stolze Jäger, die nun keine Aufgabe mehr haben. Es ist spürbar, dass die Begegnung mit Grönland die Autorin an ihre Grenze gebracht hat. Die Fragen, die sie an die Leser weiter gibt, sind schwierig aber notwendig.

 

Birgit Lutz hat sich der Themen Grönlands angenommen und heraus kam ein persönliches und lehrreiches Buch über eine Kultur, die dabei ist, für immer zu verschwinden.

 

Kurzcheck

Faszination
Fotos
Authentizität

Info

Besonders geeignet für … Menschen die gern in fremde Welten eintauchen. 

 

Birgit Lutz: Heute gehen wir Wale fangen ... Wie mich die Grönländer mit in ihre alte Welt nahmen, btb Verlag, 2017, 448 Seiten, 25 Euro

 

Peter Brunnert: Bernd Arnold. Barfuß im Sand

Biographie

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Wenige Menschen haben das Klettern so geprägt wie Bernd Arnold – aus seiner Domäne Elbsandstein heraus hat er die Freikletterbewegung weltweit inspiriert. Die wichtigsten Jahre, vom Anfang an, zeichnet Peter Brunnert in dieser einfühlsamen Biografie nach. Bernd Arnold ist so einer, den man eine lebende Legende nennen könnte: Mehrere Jahrzehnte lang hat er das Klettern im Elbsandsteingebirge vorangetrieben, mit Riesentalent und brennender Leidenschaft – obwohl er nebenher noch eine Druckerei führte und eine Familie hatte. Peter Brunnert hat in „Ein Grenzgang“ schon eine der spannendsten Episoden seines Lebens geschildert, die Karakorum-Expedition mit einem nur knapp überlebten Unfall. In „Barfuß im Sand“ schildert er den ersten Teil von Bernds Leben, von der Kindheit bis zur Sachsen-Legende.   So bedächtig, wie der Bernd selber als Erzähler ist, lässt der Autor sich die Geschichte entwickeln – eingepackt in eine Rahmenhandlung der persönlichen Begegnungen, in denen die beiden alten Freunde Bernds Leben zum Gesprächsthema machen. Denn auch wenn seine Leidenschaft und sein Ehrgeiz ihn später an die schwierigsten Wände der Welt führen sollten: Seine Heimat im Elbsandsteingebirge hätte er nie aufgegeben, und dort mit Freunden zu sein, war ihm immer genau so wichtig wie seine sportlichen Erfolge. Erlebnisse zu teilen war ihm so wertvoll wie sie selber zu haben. Und ohne ein Netzwerk verlässlicher Begleiter, Helfer und Sicherer wären seine Erstbegehungen kaum möglich gewesen. So wird man auch als Leser von Anfang an Teil dieser großen Seilschaft, angetrieben von einem Vorsteiger mit unendlicher Begeisterung und Tatkraft. 

David Lama: Sein Leben für die Berge

Autobiographie

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Am 16. April starb Davd Lama zusammen mit Hansjörg Auer und Jess Roskelley beim Abstieg von einer schweren Mixedroute am Howse Peak in Kanada. Er war 28 Jahre alt. Und hat doch in den Annalen des Bergsteigens einen markanten Platz. Mit der freien Begehung der „Kompressorroute“ am Cerro Torre 2012, live gefilmt von einem Team am Gipfel und aus dem Hubschrauber, brachte er einen Höhepunkt der Alpinismusgeschichte in die Öffentlichkeit der Kinos. Er war ein medientauglicher Star und Sonnyboy, er war ein nahezu autistisch konzentrierter Perfektionist, er war ein romantischer Träumer, der in rustikalen und vogelwilden Eskapaden in den hintersten Tiroler Tälern mindestens so glücklich war wie auf dem Weltcup-Siegerpodium.   Zwei Bücher hat David Lama hinterlassen, aufgeschrieben vom Journalisten Christian Seiler. In „High“ schildert er seinen Werdegang vom hochbegabten Wunderkind, über die Arena der Kletterweltcups hinaus in die freie, gefährliche, begeisternde Welt des Bergsteigens. „Free“ beschreibt sein alpinistisches Erwachsenwerden, seinen Reifungsprozess an der Riesenaufgabe Cerro Torre. Wo er zuerst blauäugig, grünschnäbelig in einen Shitstorm läuft, weil sein Kamerateam zusätzliche Bohrhaken setzt. Und wo er beim dritten Versuch im dritten Jahr sein Traumziel in bestem Stil verwirklicht, obwohl direkt vorher eine andere Seilschaft die seit Jahrzehnten umstrittenen Bohrhaken des Erstbegehers abgeschlagen hat. Einige Artikel und Kolumnen aus der Zeit danach runden den dicken Band ab. 

Tom Dauer: Kurt Albert

Biographie

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Er hat den Rotpunkt erfunden und Marksteine des Freikletterns gesetzt. Was für ein Mensch Kurt Albert war, dem spürt dieses Buch mit Feingefühl und Überblick nach – so weit es geht. Allein wegen des vorletzten Absatzes wäre dieses Buch schon lesenswert: „Kurts Leben steht stellvertretend für alle, die mit Lust und Leidenschaft da sind. Die an jedem Tag etwas erleben wollen, das sie nicht vergessen. Denen das Tun wichtiger ist als das Sein, und das Sein wichtiger als der Schein. Die Sinn im Sinnlosen finden und Nebensachen als Hauptsache betrachten. Die sich frei fühlen. Und deshalb frei sind.“   „Frei denken – frei klettern – frei sein“ hat Tom Dauer als Untertitel gewählt für seine Biografie von Kurt Albert, die zum Teil auf Skizzen für eine Autobiographie beruht, und auf vielen Gesprächen mit Verwandten, Freunden, Weggefährten. Kurt Albert hat den Rotpunkt erfunden und damit der weltweiten Freikletterbewegung in den 1970er Jahren ein bis heute gültiges Symbol geschenkt. Den roten Punkt pinselte er an die Einstiege von Kletterrouten im Frankenjura, die er ohne Haken als Kletterhilfe begangen hatte. Von dort trug er ihn in die Berge der Welt, und hinterließ reihenweise Marksteine dieses aufblühenden Sports: Westliche Zinne „Schweizerweg“ rotpunkt, Schüsselkarspitze „Bayerischer Traum“, „Eternal Flame“ am Trangoturm, „Riders on the storm“ und „Royal Flush“ in Patagonien, und viele weitere wilde Wände in den abgelegensten Winkeln der Erde. 

Reinhold Messner: Der Eispapst

Biographie

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„Wie im richtigen Leben“: Ein Drama um „Eifersucht, Neid und Rivalität“ unter Bergsteigern. Wieder einmal steigt Reinhold Messner tief ein in die Frühgeschichte des Himalaya-Bergsteigens und verrät dabei viel über sich selbst. „Das Narrativ zum Bergsteigen ist ebenso wichtig wie das Bergsteigen selbst“, mit dieser steilen Behauptung beschließt Reinhold Messner sein jüngstes Buch. Tatsächlich hat die Menge der Publikationen, in denen der inzwischen Fünfundsiebzigjährige selbst vom Bergsteigen erzählt, längst die Höhe eines respektablen Bücherberges angenommen, den er nun mit dem „Eispapst“ um eine weitere Erzählung vergrößert.   Rund um die Person des Münchner Bergsteigers Willo Welzenbach, der 1934 am Nanga Parbat umkam und in dem Messner, nicht ganz zu Unrecht, einen Vorgänger und Gleichgesinnten sieht, entfaltet der Südtiroler ein Schauspiel von nahezu shakespearschen Ausmaßen. In diesem stehen sich Welzenbach und Paul Bauer gegenüber, beide zunächst Seilpartner bei schwierigen alpinen Unternehmungen und Mitglieder im elitären Akademischen Alpenverein München.   Durch die Erstbegehung zahlreicher eisgepanzerter Nordwände in den Alpen hatte sich Welzenbach zum „größten deutschen Bergsteiger der Zwischenkriegszeit“ entwickelt. Seine Veröffentlichungen, 1935 gesammelt und herausgegeben vom AAVM, gestaltet Messner über lange Strecken des Buches und mit einigen schriftstellerischen Freiheiten um zu lebhaften Vortragsreden. Bauer indes, der den 1. Weltkrieg als Offizier miterlebt hat, sieht im alpinistischen Tun einen „Kampf für Deutschlands Ehre“, dem er seine ganze Energie widmet. Die Bergfreundschaft zwischen den beiden Männern wird schließlich überrollt von einer tödlichen Lawine aus „Eifersucht, Neid und Rivalität“. Auf dem Höhepunkt des Dramas droht Bauer gar damit, Welzenbach zu vernichten bzw., ganz im Stil der Zeit, ihn „an die Wand zu quetschen“. Etwas geschraubt stellt Messner fest: „Liberaler Humanismus und evolutionäres Übermenschengehabe stehen sich also auch im Himalaya diametral gegenüber.“   Wie konnte es dazu kommen? Wesentlichen Anteil daran haben die Zeitläufte, deren Spuren bis in das ferne Berlin reichen und die Messner seitenlang in aller Breite, darin liegt der besondere Reiz des Buches, dokumentiert. Heutige Zeitgenossen können darüber wohl nur den Kopf schütteln. Angeregt durch die Aktivitäten der Briten am Everest, wollten auch die deutschen Bergsteiger der Zwanziger am Ringen um die Achttausender teilhaben. Einige von ihnen glaubten gar, auf diese Weise die Sieger des Weltkrieges auf dem bergsteigerischen Felde übertrumpfen zu können. Zu ihnen zählte Paul Bauer, der 1929 eine leidlich erfolgreiche Expedition zum Kantsch geführt hatte und diese zwei Jahre später fortsetzen wollte.   Demgegenüber verfolgte Welzenbach ganz andere Ziele. Sein Können und seine Erfahrungen im Eis verrieten ihm, der eher sportlich als national dachte, dass der Nanga Parbat das lohnendere und aussichtsreichere Ziel sei. Wenn man nicht auf die finanzielle Unterstützung des Alpenvereins verzichten wollte oder konnte, die im Angesicht einer Weltwirtschaftskrise sowieso nur zögernd und spärlich floss, so waren zwei gleichzeitige Expeditionen zu verschiedenen Bergen völlig ausgeschlossen. Außerdem blockierte das Auswärtige Amt die Unternehmungen, weil man bei den Verhandlungen um die Reduzierung der Reparationsforderungen auf die Zahlungsunfähigkeit der Deutschen setzte und diesen Eindruck nicht durch kostspielige Reisen gefährden wollte. Nicht zuletzt sahen es wohl auch einige britische Kolonialherren nicht ein, warum sie auf ihre Jagdausflüge und Regierungsreisen in die Himalayaberge nur deshalb verzichten sollten, weil ihnen deutsche Bergsteiger wieder einmal die besten Träger und auch die raren Lebensmittel wegschnappten.   So musste Welzenbach, der das große Intrigentheater, das Bauer gegen seine Pläne in Szene setzte, erst spät durchschaute, mehrfach in den sauren Apfel beißen, sich im Kampf um das Geld geschlagen geben und auf eine eigene Expedition verzichten. Erst 1934 gelangte er dann endlich an sein Traumziel, den Nanga Parbat. Allerdings musste er sich dafür der Führerschaft des wenig geeigneten Willy Merkl unterwerfen und eine von ihm eher abgelehnte Aufstiegsroute sowie einen ungünstigen Zeitplan akzeptieren. Diese misslichen Umstände macht Messner für die Katastrophe am langen Grat des Nanga Parbat verantwortlich, wo Merkl, Welzenbach und sieben weitere Bergsteiger starben. Eigentlich ist es müßig, zu fragen, wie Messner es am Ende tut, was passiert wäre, wenn der Alpenverein sofort die Qualitäten Welzenbachs erkannt und ihm alleine, wie zunächst vereinbart, ohne die Zeit mit Querelen zu vergeuden, den Diamir-Zugang zum „Schicksalsberg der Deutschen“ ermöglicht hätte, anstatt opportunistisch auf Bauer und dessen Kantsch-Pläne zu setzen. Immerhin machen die Dokumente das Dilemma der Verantwortlichen deutlich. Messner will daher auch nicht von der Schuld des Vereins sprechen, sondern das Bewusstsein wecken „für diese seine Verantwortung, das ihn stark macht.“   Viele der Dokumente, die Messner heranzieht, sind bekannt. In einigen Teilen kann er jedoch auf eine „Akte Welzenbach“ zurückgreifen, die aus dem Nachlass von Welzenbachs Mutter (1876-1970) stammt und über Anton Schwembauer an den Autor gelangt ist. Was über persönliche Beileidsbekundigungen hinaus aus dieser „Akte“ stammt, bleibt unklar, weil Messner, wie er betont, „keine wissenschaftliche Arbeit“ schreiben wollte und daher konsequent die Herkunft all seiner Quellen verschweigt. Auf dieser etwas heiklen Quellenlage, überwiegend mit Datum versehenen, mehr oder weniger offiziellen Schreiben, beruhen allerdings die Täterprofile, die Messner erstellt.   Während die Äußerungen des umtriebigen Bauer eindeutig seine verschrobene, nationalsozialistische (Beitritt zur NSDAP 1933), denunziatorische, ja antisemitische Gesinnung enttarnen, bleiben echte Charaktermerkmale Welzenbachs eher unscharf und oberflächlich: „Welzenbach war in erster Linie Bergsteiger, kein Vereinsmeier. Seine Freunde waren Alpinisten, keine Intriganten.“ „Gerechtigkeit ist ihm heilig.“ Oder etwas moderner: „Neben großem Kletterkönnen bei den technischen Schwierigkeiten waren Erfahrung und Risikomanagement Voraussetzungen für seinen Erfolg sowie ein außergewöhnliches körperliches Leistungsvermögen.“ Und wenn man liest: Welzenbach „möchte Ideen umsetzen, bergsteigen, davon erzählen, darüber schreiben. Ihm geht es nicht um Macht, er sucht das Abenteuer“, dann meint man, Messner über sich selbst reden zu hören. Wir wissen nicht, was die Zuhörer dachten, als man dem toten „Eispapst“ nachrief: „Er starb für Deutschlands Geltung und Ruhm.“ Heute wissen wir allerdings, dass sie diese und ähnliche Phrasen noch bis zum Überdruss vernehmen mussten, und sind damit gewarnt vor der Vereinnahmung für falsche Ziele. 

Bernadette McDonald: Die Kunst der Freiheit

Biographie

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„Leben und Berge“ von Voytek Kurtyka verspricht der Untertitel dieses Buches. Geliefert werden faszinierende Geschichten aus einer goldenen Zeit des Superalpinismus – und Zugang zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. „Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass das Klettern den Kletterer zu körperlichem und geistigem Wohlbefinden, ja zu Weisheit erheben kann, dass aber Preise und Ehrungen den Kletterer zu Eitelkeit und Egozentrik verführen. Wo Preise und Ehrungen regieren, endet die wahre Kunst.“ Mit diesen Worten lehnte Voytek Kurtyka die Einladung in die Jury des Alpinismus-Oscars „piolet d’or“ ab. Schließlich sei der Versuch, Leistungen im großen Alpinismus zu vergleichen, so sinnlos wie die Frage, ob Sex oder Weihnachten besser sei.   Als ihm später der Preis selbst angetragen wurde, zur Würdigung seiner alpinen Lebensleistung, schrieb er: „Unsere Erlebnisse grenzen manchmal an eine Art Erleuchtung, die unser Leben zutiefst prägt … Ich möchte diese kostbaren Momente unberührt belassen.“ Irgendwann gab er dann doch nach, akzeptierte die Auszeichnung und freute sich, bei der Zeremonie alte Freunde und Partner wiederzusehen.   Verdient hatte der charismatische Pole den Preis wie wenige andere: Seine Touren – unter anderem am Changabang, an der „Shining Wall“ des Gasherbrum IV, am Trango Tower, in Seilschaft an Achttausender-Neurouten – sind noch heute bewunderte Marksteine der Alpingeschichte. Seinen Lebensweg von Kindheit und Jugend bis zum (fast) ruhigen Alter (er wurde 1947 geboren) zeichnet Bernadette McDonald mit Empathie und Feingefühl nach; kongenial übersetzt von Robert Steiner, lektoriert von Daniel Anker – ein Dreamteam für eine der inspirerenderen Biographien der letzten Jahre. Die neben packenden Action-Schilderungen vom Berg und philosophischem Tiefgang auch amüsante Zeitgeschichte bietet, etwa zur polnisch-nepalischen Korruptions-Kooperation. 

Andy Kirkpatrick: Ungekannte Freuden

Biographisches Lesebuch

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„Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen“ verspricht der Untertitel: die besten Blogs des Extrem-Menschen Andy Kirkpatrick. Tough stuff, vor allem aus dem Dazwischen. Andy Kirkpatrick ist einer der stärksten alpinen Schreiber unserer Zeit. Das wurde bei seinem Erstling „Psychovertical“ deutlich, in dem er seinen persönlichen Gang zum Extremalpinismus und vom Legastheniker zum Autor mit einer haarsträubenden Schilderung eines Bigwall-Solos am El Capitan verschränkte. In seinem dritten Band versammelt er ausgewählte Geschichten, die teilweise in Magazinen, teils in seinem Blog erschienen sind. Die Erlebnisse am Berg sind manchmal (scheinbar) primäres Thema, manchmal nur unterschwelliges Fundament – es geht ihm hier vor allem um Menschliches: Angst und Überwindung, Liebe und Scheitern, Tod und Gesellschaft. In prägnanter Offenheit erzählt er von privaten Emotionen, von seinen Kindern und Beziehungen, von Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Abwegen.   Natürlich finden Berg-Aficionados auch Hardcore Erlebnisschilderungen, etwa ein typisches Kirkpatrick-Epic am Frendopfeiler, frostige Freuden in der Trollwand, bedrückende Betrachtungen über unzuverlässige Abseilstände oder vom Vater-Tochter-Ausflug am El Capitan. Immer aber geht es ihm um die Begegnungen mit Menschen, mit ihren Werten und Problemen, und oft stehen sie im Vordergrund seiner Texte, wie etwa Chongo, die Slackline-Legende aus dem Yosemite Valley, der sein Leben an der Grenze zwischen (sozialem) Absturz und Berühmtheit tanzt.