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So geht das: Sondieren und Ausgraben von Verschütteten

Rettung aus höchster Not

Bei der Rettung von Lawinenverschütteten denkt man vor allem an die Suche mit dem LVS-Gerät. Mindestens genau so wichtig ist der zweite Teil der Rettung: das Sondieren des Liegepunktes und das schnelle Ausgraben.

Die Zeit läuft gegen uns: Nach 15 Minuten ohne frische Luft sinken die Überlebenschancen von Lawinenverschütteten drastisch. Schaffen wir die Suche mit dem LVS-Gerät in fünf Minuten, bleiben also noch maximal zehn für die nächsten Schritte: mit der Sonde den exakten Liegepunkt feststellen – durch den harten Lawinenschnee zum Verschütteten hingraben – Atemwege freilegen. Schnell, effizient und geordnet müssen deshalb auch diese Aufgaben ablaufen.

 

1) Sondieren:

Am Ende der Feinsuche hat man mit dem LVS-Gerät den geringsten Entfernungswert zum Verschütteten ermittelt. An dieser Stelle beginnt man mit dem Sondieren: Man markiert den Punkt mit Mütze oder Handschuh und setzt dort den ersten Sondenstich. Wie man die eigene Sonde einsatzbereit macht, muss man natürlich vorher geübt haben. Wichtig beim Sondieren: senkrecht zur Oberfläche, Sonde mit beiden Händen führen und idealerweise mit Handschuhen arbeiten! Die Sonde sollte mit Gefühl und doch mit Kraft eingestochen werden, härtere Schneeschichten dürfen nicht dazu führen, dass man die Sonde nicht komplett in den Schnee einführt. Beim Einstechen achtet man auf zwei Dinge: Wie fühlt sich das „Hindernis“ an? Und wie tief verschwindet die Sonde im Schnee?

 

Das Fühlen mit der Sonde fällt anfangs nicht leicht: Ein Körper ist elastisch und leicht federnd, ein Rucksack federt deutlich mehr, steiniger harter Untergrund federt gar nicht, erdiger Boden saugt und fühlt sich an als ob die Sonde festgehalten wird. An einer sogenannten Sondenbar (Abb. 1), die sich an jeder Schneeböschung leicht einrichten lässt, kann man das persönliche „Sonden-Gespür“ trainieren. Manchem fällt das trotzdem schwer – deshalb hilft es, das Gefühl über die Einstechtiefe zu verifizieren: Dort wo der Verschütte liegt, sollte die Sonde deutlich weniger tief eindringen als daneben. Dies lässt sich an den Segmenten der Sonde gut ablesen.

 

Landet man beim ersten Sondenstich noch keinen Treffer, sondiert man systematisch die Fläche rund um den Bestwert, indem man in einer eckigen Spirale (Abb. 2) etwa alle 20 Zentimeter einen Sondenstich setzt. Es braucht einiges an Übung, dabei den Überblick zu behalten und nicht einen Bereich komplett zu durchlöchern und den anderen zu vergessen. Als optische Hilfe kann man auch mit einem Stockkreuz (Mittelpunkt auf Bestwert) arbeiten. Wichtig: Ruhe bewahren und weiter sondieren, auch wenn die ersten Sondenstiche nicht erfolgreich waren! Hat man auf diese Weise den Verschütteten geortet, wird – wichtig! – die Sonde an diesem Punkt stecken gelassen und das Ausgraben beginnt!

 

2) Ausgraben:

Das Graben ist der Teil der gesamten Rettung, der am meisten Zeit verschlingt. Dehalb gilt es, koordiniert und schnell zu arbeiten und dabei alle verfügbaren Helferinnen und Helfer bestmöglich einzusetzen. Wichtig: Nicht direkt an der Sonde entlang graben, sondern leicht schräg zum Verschütteten hin – und im geneigten Gelände natürlich von unterhalb. Das Graben beginnt man an einem Punkt, der von der im Schnee steckenden Sonde etwa 1 - 1,5-mal so weit horizontal entfernt ist wie ihre Eindringtiefe (Abb. 3).

 

Ab hier sticht man den Schnee von oben ab und schiebt ihn nach hinten weg – abstechen ist effizienter als graben. Bei zwei Rettern arbeiten beide nebeneinander und legen einen etwa 1 - 1,5 Meter breiten Schacht zum Verschütteten frei. Hat man einen dritten Retter, schaufelt dieser den abgegrabenen Schnee nach hinten weg. Bei vier Schauflern arbeiten zwei vorne, zwei hinten. Ein gelegentlicher Positionswechsel hilft, da das Ausgraben wesentlich kräftezehrender ist als das Wegschaufeln. Wichtig: Den Bereich um die Sonde – also dort wo der Verschüttete liegt – nicht betreten oder zertrampeln! Dies könnte eine vorhandene Atemhöhle zerstören!

 

Sobald man sich dem Verschütteten nähert, sollte man generell vorsichtiger schaufeln, am Schluss und zum Freilegen der Atemwege am besten die Hände statt der Schaufel benützen. Egal an welchem Teil des Körpers man auf den Verschütteten stößt: Das wichtigste ist, den Kopf freizulegen, Atmung und Atemwege zu kontrollieren und eine Versorgung mit Sauerstoff zu ermöglichen. Anschließend erfolgt die Versorgung gemäß Erste-Hilfe-Algorithmus. Unterkühlung ist innerhalb der angestrebten 15 Minuten und dank der Dämmeigenschaft des Schnees selten ein akutes Problem, kann aber schnell eins werden, wenn ein durchnässter Verschütteter Wind und Wetter ausgesetzt wird. Deshalb ist es sinnvoll, den Verschütteten im Schutz des Schnees zu belassen, bis man ihn adäquat lagern kann, mit guter Isolation und Wärmeerhalt.

 

Generell sollte Sondieren und Graben ähnlich intensiv geübt und trainiert werden wie die LVS-Suche. Vor allem Gruppenszenarien sind ein spannender Zeitvertreib bei Schlechtwetter oder heikler Lawinensituation. DAV-Sektionen und kommerzielle Anbieter bieten Kurse dazu an.

 

Tipps:

  • Sondieren senkrecht zur Oberfläche
  • Mit beiden Händen sondieren
  • Systematisch Absondieren rund um den Bestwert
  • Graben: Start 1,5-fache Verschüttungstiefe entfernt
  • Leicht schräg zur Sonde graben
  • Einsatzkräfte und Helfer sinnvoll koordinieren und nützen
 

Text: Max Bolland (Sportwissenschaftler, Staatl. gepr. Berg- und Skiführer, Mitglied der DAV-Lehrteams Bergsteigen und Sportklettern und Leiter der Bergschule erlebnis-berg.com)

 

Illustration: Georg Sojer

 

Aus DAV panorama 01/2021

 

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