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Standplatz III - Seilmanagement: Mit Durchblick geht's schneller

16.11.2021, 15:34 Uhr

Bei Mehrseillängen-Routen bedeutet Schnelligkeit oft auch Sicherheit. Das Klettertempo lässt sich kaum ohne Risiko beschleunigen – richtig Zeit sparen kann man dagegen mit cleverem Seilmanagement und systematischer Standplatzorganisation.

Drei Kriterien sollte ein Stand erfüllen: ausreichend sicher – schnell – übersichtlich. Wie ausreichende Sicherheit mit unterschiedlichen Systemen für Bohr- oder Normalhakenstände zu schaffen ist, wurde in Heft 4 und 5/2021 ausführlich erklärt. Nun geht es vor allem um das „Schnell“ und „Übersichtlich“. Dabei ist aber nicht nur der Standplatzaufbau selbst entscheidend, sondern das gesamte organisatorische Drumrum. Wo stelle ich mich hin? Wo parke ich den oder die Nachsteigenden? Wie wechsle ich von Nachstiegs- auf Vorstiegssicherung? Wie binde ich mich in der Dreierseilschaft um? Wie versorge ich das Seil am Stand, so dass es nicht zum Chaos kommt? Und wie war das noch mal mit der Fixpunkt- und der Körpersicherung? (Vgl. auch Heft 3/2014)

 

 

Selbstsicherung: Allzweckmethode Mastwurf

Die Allzweckmethode zur Selbstsicherung am Stand ist und bleibt der Mastwurf. Komme ich im Vorstieg an, klinke ich einen Seilstrang in den Zentralpunkt und vervollständige den „gelegten“ Mastwurf einhändig. Der zweite Strang des Doppelseils wird lose in den gleichen Karabiner dazu geklippt. Tut man das nicht, läuft nach dem Seileinziehen ein Strang wandseitig in den entstandenen Seilhaufen, der andere direkt vom Einbindeknoten weg – Seilchaos droht.

 

Für die Nachsteigenden bereite ich jeweils eigene Verschlusskarabiner im Zentralpunkt vor und hänge sie bei Ankunft am Stand mit „ihrem“ Seil so ein, dass die Länge der Selbstsicherung passt.
Die Selbstsicherung mit einer längenverstellbaren Seilschlinge dagegen ist nur vorteilhaft beim Abseilen oder wenn in Seilweiche geklettert wird. Denn schon bei der Längenabstimmung für optimale Platzierung sind schnell Grenzen erreicht – etwa wenn eine*r der Nachsteigenden etwas unterhalb „geparkt“ werden soll. Und um eine Kräfteverteilung nach unten zu verspannen, braucht man eine separate Reepschnur und zeitaufwendiges Gebastel – beim Mastwurf nimmt man einfach das freie Seilende. 

Manche lassen die Nachsteigenden in der Platte als Selbstsicherung hängen – auch das ist oft weniger praktisch. Denn eine Verspannung kann an der Platte nicht aufgebaut werden. Und wenn zwei Personen am Stand hängen, aber versetzt mit genügend Abstand nachkommen sollen, muss dazu die Sicherung für beide aufgelöst werden, was an einem exponierten Hängestand unangenehm sein kann.

 

Nachsichern: Mit Platte – aber …

Am komfortabelsten und sichersten ist das Nachsichern per Platte. Es ist sicherer als die HMS, bei der vor allem routinierte Sichernde beim Seileinziehen manchmal in den gefährlichen „Pinzettengriff“ verfallen. Und es ist komfortabel: Beim Sichern mit der Platte kann man sich nebenbei um die Seilverstauung kümmern, eine Jacke überziehen, die Schuhe lösen, etwas essen oder trinken oder schnell ein Foto machen. Zwei Punkte sind allerdings mit Platte zu beachten: Bei zwei Nachsteigenden (hier ist die Platte wirklich Standard, denn mit HMS lassen sich zwei Personen nicht vernünftig gleichzeitig nachsichern!) blockiert die Platte nur, wenn die Zugrichtung der beiden Seile ungefähr parallel ist. Über 90° Winkel (Gefahr bei Quergängen) wird einer der beiden Stränge sonst durchrutschen, und zwar der mit der kleineren Last. Zwar ist dieses „Durchrutschen“ etwas gebremst, aber eben nicht mehr selbstständig blockierend. In solch einer Situation muss die Bremshand immer am Bremsseil bleiben!

 

Die zweite Situation ist noch etwas heimtückischer: Sichert man eine Person mit einem dünnen Seil nach, sind viele Platten/Tuber zu breit dafür. Es kann passieren, dass die beiden Seilstränge im Bremsschlitz aneinander vorbeirutschen, so dass die Blockierfunktion aufgehoben ist. Das Problem wird leider oft nicht erkannt. Wir nutzen immer dünnere Seile, die Tuber ändern sich jedoch nicht. Das weit verbreitete ATC Guide von Black Diamond ist für die meisten neueren, dünneren dreifach zertifizierten Seile schlicht zu breit! Das Reverso von Petzl ist zwar etwas schmaler, aber für weiche, sehr dünne Seile auch zu breit; das Reversino wird nicht mehr hergestellt. Selbst beim kleineren ATC Guide Alpin von Black Diamond trat mit einem weichen 7,7-mm-Halbseil das Problem immer noch auf. Wann bauen die Hersteller endlich wieder schmalere Tuber, die für dreifach zertifizierte Seile und sehr dünne Halbseile geeignet sind?
Das Problem tritt zum Glücknur bei großen Belastungen auf, etwa wenn man die Platte als Rücklaufsperre beim Expressflaschenzug nutzt oder bei einem Nachstiegssturz kurz vor dem Stand. Abhilfe: bei schweren Stellen kurz vor dem Stand Bremshand immer am Bremsseil; für die Verwendung als Rücklaufsperre einen Sicherungsknoten hinter das Seil legen. 

 

Der Umbau von Nach- auf Vorstieg

Bei Wechselführung lässt sich das Manöver optimal zügig organisieren: Die kletternde Person platziert sich gleich auf der Seite des Standes, wo es weitergeht, und hängt sich in die Platte (die sinnvollerweise auch auf dieser Seite platziert wurde). So fixiert, übernimmt sie das Material und orientiert sich für den Weiterweg, während der oder die Sichernde mit dem Bremsseil die Vorstiegssicherung einrichtet. Dann heißt es nur noch die Platte ausklippen und schon geht’s weiter.

 

Was zu „Vorstiegssicherung einrichten“ gehört, hängt von der Situation ab: Fixpunkt- oder Körpersicherung, HMS oder Tube. Für eine Fixpunktsicherung (Standard) wird das Gerät auf der „Kletterseite“ in den Zentralpunkt gehängt. Beim HMS ist die „gelegte“ Methode optimal: Vorstiegsseil „in Linie“, also so wie es nach oben laufen soll, im HMS-Karabiner einlegen, dann den Vorstiegsstrang richtigrum („nach hinten“) eindrehen und drauflegen – so läuft es störungsfrei raus und immer über den „gesunden Schenkel“ des HMS-Karabiners. 

 

Bei Fixpunktsicherung mit Tube muss die passende Bremskraft (ein oder zwei Karabiner am Tube) gewählt werden und
entweder ein Dummyrunner in einen zuverlässigen Fixpunkt oberhalb des Standplatzes geklippt werden (ausreichend Abstand: mindestens 40 cm über dem Zentralpunkt) oder es wird ein Karabiner bremsseilseitig vorgeschaltet. Bei Körpersicherung klippt man zuerst den Dummyrunner und hängt dann das Sicherungsgerät am Körper ein.

 

Am Körper sichern – wann ist’s o.k.?

Klar: Körpersicherung ist angenehm, wie vom Klettergarten gewohnt, und erlaubt präziseres Seilhandling – in Mehrseillängen-Routen müssen aber die folgenden Voraussetzungen gegeben sein.

  • Passendes Gewichtsverhältnis und Erfahrung im Halten von Stürzen über den Körper.
  • Der Sturzzug wirkt immer nach oben, nicht zur Seite oder in den Körper der sichernden Person; Dummyrunner oder Plusklipp können dazu helfen.
  • Ausreichend Bremsweg für die sichernde Person, das heißt: mindestens 1,5 Meter lange Selbstsicherung und kein „Dach über dem Kopf“.
  • Zuverlässige Fixpunkte am Stand und in der Route – ein Dummyrunner wird bei einem Sturz etwa doppelt so heftig belastet wie der Zentralpunkt bei direktem Standsturz mit Fixpunktsicherung.
  • Akzeptable Abstände zwischen den Fixpunkten in der Seillänge. Je größer die Abstände, desto größer die Sturzenergie und desto heftiger wird der oder die Sichernde nach oben gerissen – bei hartem Anprall droht Verlust der Bremsseilkontrolle.

Ist einer dieser Punkte deutlich nicht gegeben, ist unbedingt die Fixpunktsicherung zu empfehlen! Und sichern mit HMS oder Tube? Die HMS funktioniert unproblematisch, egal ob der Sturz in den Stand oder in die Zwischensicherung geht. Beim Tube bedeutet Standsturz Gefahr des Durchrauschens; die möglichen Gegenmaßnahmen Plusklipp, Dummyrunner oder Vorschaltkarabiner verlangen Mitdenken und richtige Anwendung – Halbseiltechnik funktioniert prinzipiell nur mit Tube.

 

Seilmanagement – Basis

Bleiben noch die Seilversorgung und das Seilmanagement. Am wenigsten Stress habe ich mit einem Einfachseil. Für alpine Routen bietet aber das Doppelseil mehr Sicherheitsreserven: Angesichts teils fraglicher und weit auseinanderliegender Fixpunkte, erhöhter Steinschlaggefahr und der Scharfkantenproblematik ist man froh über den redundanten Schutz zweier Seilstränge. Außerdem hat man immerdie volle Seillänge zum Abseilen und für einen Rückzug – und kann bei Zickzackverlauf durch Halbseiltechnik die Reibung verringern.
Bin ich mit Einfachseil und in Wechselführung unterwegs, wird das Seil wenn möglich zu einem ordentlichen „Seilhaufen“ abgelegt. Bei gleich bleibender Führung muss ich das Seil vor dem Start neu durchziehen oder zumindest umdrehen. Dabei sorgfältig arbeiten und den gesamten Seilhaufen umdrehen, sonst gibt’s Seilchaos!
 
 

Fehlt dazu der Platz, empfiehlt es sich, das Seil am Standplatz aufzuhängen. Eine praktische Methodedazu basiert auf Luftmaschen (auch Würgeknoten genannt): Wenn die vom Stand herabhängende Seilschlaufe etwa zehn Meter lang ist – spätestens aber, bevor Verhängegefahr (Baum, Riss, Eiszapfen) droht –, knote ich sie mit einer Luftmasche ab und hänge diese in einen Karabiner am Stand. Ist der erste Karabiner voll, wird ein zweiter danebengehängt. Ein Luxus für Hängestände und besonders im Eis ist ein „Seilhaken“. Später, beim Seilausgeben, lässt sich die Luftmasche leicht aufziehen, um das Seil wieder freizugeben. Dabei sollten die Schlaufen zunehmend kürzer werden: Unten, innen, am Fels liegt die längste, obenauf die kürzeste; andernfalls besteht die Gefahr, dass eine längere Seilschlaufe beim Hochziehen eine kürzere „einfängt“ und Seilchaos erzeugt.

 

Das funktioniert bei Wechselführung einfach – bei „permanenter Führung“ heißt es aufpassen:

Man hängt den Karabiner „falschrum“ ein, mit der Schnapperöffnung nach oben, und macht zunächst kurze und dann immer längere Seilschlaufen. Vor dem Weitersteigen wird dann einfach der Karabiner in die „korrekte“ Position gedreht (Öffnung nach unten), so dass die zuerst eingelegten kürzeren Seilschlaufen vorne liegen. Bei Reihenschaltung an nebeneinander liegenden Fixpunkten kann man die Seilschlaufen auch in die Standplatzschlinge einknüpfen, wenn das nicht zu sehr irritiert. Die gelegentlich zu sehenden Methoden, kurze Seilschlaufen über den Selbstsicherungsstrang, den Oberschenkel oder den Fuß zu legen, behindern die Bewegungsfreiheit und führen wegen der kurzen Schlaufen und der beengten Situation oft zum Seilchaos.

 

Seilmanagement – fortgeschritten

Mit Doppelseilen werden die Anforderungen an ein gutes Seilmanagement noch größer. In Zweierseilschaft ist auch ein Seilhaufen am besten; bei „permanenter Führung“ zieht man das gesamte Seil durch. In der Dreierseilschaft kommt erschwerend hinzu, dass die Seilstränge nicht immer parallel abgelegt werden, sondern abhängig von der Klettergeschwindigkeit der Nachsteigenden. Daher muss in Dreierseilschaft das Seil immer durchgezogen werden – was aber kein Problem ist, schließlich ist man zu zweit am Stand. Eine Person sichert, die andere wird zum „Seilmanager“. Meist kann der Vorstieg gleich beginnen, denn anfangs läuft das zwar unten liegende, aber parallel eingezogene Seil noch ganz gut aus dem Seilhaufen. Beeilt sich der Seilmanager, ist der Seilhaufen schnell durchgezogen und neu geordnet und das Vorstiegsseil läuft sauber von oben weg. Am Hängestand in Dreierseilschaft funktioniert die Seilschlaufen-Methode auch bestens. Die Luftmasche wird mit beiden Strängen des Doppelseils gemacht, aber nur mit einem in den Karabiner gehängt – das spart etwas Platz. Dass die Seilstränge nicht immer parallel und gleich lang sind, ist kein großes Problem – schließlich hat man den Seilmanager, der dem Sichernden das Seil häppchenweise reicht.

Zwei Tipps noch, um Doppelseile zu bändigen. Vor dem Start werden die Seile in zwei getrennten Seilhaufen vorbereitet. Wer vorsteigt, bindet sich an den oben liegenden Seilenden ein – sinnvollerweise das „rechte“ Seil rechts im Gurt, das linke links (mit Blick zum Fels). Beim Einziehen des Restseils hält man die beiden Stränge mit einem dazwischen geführten Finger getrennt. Beim Nachsichern mit der Platte/Tuber sollten dann auch keine Seilverdrehungen entstehen können.
Beim Vorstiegssichern mit HMS entstehen unvermeidbar Verdrehungen. Diese sollten die Nachsteigenden vor dem Losklettern so gut wie möglich entwirren.

 

Muss das wirklich alles sein?

Ein „ordentliches“ – cleveres und systematisches – Seilmanagement spart Zeit und Nerven. Was kleinlich und penibel wirken mag, bedeutet weniger Stress, einen reibungslosen Klettergenuss und Schnelligkeit. Auch hier macht Übung den Meister.

 

Standplatz- und Seilmanagement: So läuft es gut

  • Überblick am Stand: In welche Richtung startet die nächste Seillänge? Wo ist der Zentralpunkt, wo stell ich mich hin und wo meine(n) Partner?
  • Mastwurf zur Selbstsicherung immer direkt mit dem vom Gurt kommenden Seil legen und bei Doppelseil den zweiten Strang lose in den Karabiner dazulegen.
  • Seil entsprechend dem Gelände im Haufen ablegen – dabei am besten bereits einen Platz für das Umdrehen im Auge haben. Seil nur komplett umdrehen!
  • An Hängeständen das Seil in Schlaufen am Stand versorgen, dabei darauf achten, ob in Wechselführung oder in permanenter Führunggeklettert wird. Dementsprechend länger oder kürzer werdende Schlaufen machen.
  • Bei Doppelseilen von Beginn an darauf achten, die Seile möglichst nicht zu verdrehen.
  • Die HMS in Linie und mit dem zum Kletternden führenden Seilstrang einlegen.

 

Text: Chris Semmel