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Waldbaden: was ist so gesund daran?

25.04.2022, 06:42 Uhr

Einfach Zeit im Wald verbringen – das ist Waldbaden. Aber was ist so gesund daran und wie kann ich am besten in den Wald eintauchen?

Shinrin Yoku, zu Deutsch "das bewusste Eintauchen in die Waldatmosphäre", stammt aus Japan und ist dort eine anerkannte Therapieform. Der Wald als Ruheort und Gegenpol zur Alltagshektik verspricht viele positive und wissenschaftlich belegte Effekte. Die Verbundenheit zur Natur ist in der japanischen Kultur tief verwurzelt. Das Waldbaden ist dort schon lange üblich, aber keine klassische Tradition. Als Reaktion auf den Stress in der Bevölkerung lud das Forstministerium in den 1980er Jahren dazu ein, Zeit im Wald zu verbringen. Das Waldbaden sollte nicht nur heilen, sondern auch die Wertschätzung gegenüber dem Wald stärken. Nur so würde der Mensch spüren, warum die Natur so schützenswert ist.

 

Die vielen positiven Effekte des Waldbadens

  • Stärkt das Immunsystem
  • Senkt den Blutdruck
  • Verringert das Ausschütten von Cortisol und Adrenalin 
  • Kann Burnout vorbeugen
  • Senkt den Blutzuckerspiegel
  • Reduziert Stress und Anspannung
  • Verringert chronische Schmerzen
  • Wirkt sich positiv auf Angststörungen und Depressionen aus
  • Beugt vielen Krankheiten vor
  • Aktiviert mehr "Killerzellen", die gegen Krebs oder Viren kämpfen
  • Stärkt die Gefühle von Ruhe, Geborgenheit, Wohlbefinden, Entspannung usw.
  • Verbessert die Schlafqualität

 

Quelle: Die Studie "Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review" (2017) untersuchte 127 andere Studien und deren Ergebnisse. Eine Tabelle dieser Ergebnisse zu den Auswirkungen auf die Gesundheit gibt es hier.

 

Die Wirkung von Waldbaden ist wissenschaftlich belegt

Manche neigen dazu, Waldbaden direkt in eine esoterische Ecke zu schieben - doch die positiven Effekte des Waldbadens sind wissenschaftlich zahlreich belegt. Menschen, die viel Zeit im Grünen verbringen, gaben in einer Studie an, mehr Energie zu haben, sich insgesamt gesünder zu fühlen und mehr Sinn im Leben zu sehen. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, was die Menschen intuitiv wissen: Die Natur hat große Vorteile für das menschliche Gehirn, was sich in erhöhter Zufriedenheit, Wohlbefinden und verbessertem Gedächtnis zeigt.

Viele Forschende fordern daher, dass Waldbaden auch in der westlichen Medizin als Naturtherapieform (Nature Therapy) anerkannt wird. Dabei gehen die Wissenschaftler*innen Song, Ikei und Miyazakis von einem "gestressten Zustand" der Menschen aus, deren Immunsystem dann durch das Waldbaden wieder gestärkt wird. 

 

Besonders die Studie "Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review" untersuchte 127 verschiedene Papers zu Shinrin Yoku und bestätigt, dass Waldbaden die Gesundheit auf ganz vielen Ebenen stärkt. Die Forschungsergebnisse der untersuchten Papers zeigen zahlreiche Verbesserungen der Gesundheit, von signifikant geringeren chronischen Schmerzen bis hin zu einer niedrigeren Herzfrequenz, geringerem Blutzuckerspiegel und Blutdruck. Mithilfe von speziellen psychologischen Test wurde deutlich, dass sich das Waldbaden auch positiv auf Angststörungen und Depressionen auswirkt. Außerdem belegen die untersuchten Studien, dass sich Menschen durch das Waldbaden entspannter, geborgener, zufriedener und weniger depressiv fühlen. Somit wirkt sich Shinrin Yoku nicht nur stark positiv auf die physische Gesundheit aus, sondern auch auf die mentale Gesundheit. Einige Probant*innen gaben an, wieder mehr den Sinn des Lebens zu spüren und zu erkennen.

 

 

 

Die zahlreichen Studien machen aber auch deutlich, dass es nicht immer ein ganzer Wald sein muss: schon ein paar Bäume um einen herum, Pflanzen in der Wohnung oder ein Spaziergang im Stadtpark wirken sich positiv auf den Körper aus.

 

 

Mit allen Sinnen den Wald spüren

Doch wie „waldbadet“ man richtig? Der Naturphilosoph John Muir (1838-1914) beschreibt es bereits treffend: „In den Wald gehe ich, um meinen Verstand zu verlieren und meine Seele zu finden“. Es gibt also keinen richtigen, aber auch keinen falschen Weg. Der Kopf hat Sendepause und die Instinkte übernehmen. Eifer und Ehrgeiz haben hier keinen Platz. Die kindliche Neugier ist wieder gefragt. Welche Vögel zwitschern in den Baumkronen? Wie fühlt es sich nochmal an, wenn ich meine Finger in die Erde stecke? Und was rieche ich, wenn ich einen Baum umarme? Das Meer aus Grün, der erdige Geruch und die vertrauten Klänge erfrischen den Geist. Wer den Wald bewusst in sich aufnimmt, spürt sich selbst.

 

Viele sind ständig mit den Gedanken in der Zukunft und werden beim Waldbaden sanft ins Hier und Jetzt geholt. Dabei werden einige feststellen, wie schwer es ist, einfach nur zu sein. Gerade deshalb lohnt sich der Sprung ins „Badebecken“ voller Bäume. Denn wer regelmäßig in der Natur unterwegs ist, wird feststellen, dass auch der Kopf irgendwann verstummt. Wenn es schwer fällt loszulassen, kann man von einer Waldbademeisterin wie Manuela Goerlich lernen, sich dem Moment hinzugeben. Die geführten Ausflüge durch die Botanik sind oft nur wenige hundert Meter lang, dauern aber ein paar Stunden.

 

 

 

Zurück zur Natur

Ein Drittel der Fläche Deutschlands ist von dem tiefen Grün überzogen und damit eines der waldreichsten Länder Mitteleuropas. Bis vor ungefähr 150 Jahren verbrachte der Mensch darin noch wesentlich mehr Zeit. Der Wald bot den Menschen Schutz und Geborgenheit, sie haben in ihm und von ihm gelebt. Tiere wurden erlegt, um sich zu ernähren, Pflanzen gepflückt, um zu heilen. Betrachtet man die Evolution des Menschen zeigt sich, weshalb er sich intuitiv mit dem Wald verbunden fühlt.

 

Mit Aufkommen der industriellen Revolution flammte die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit wieder auf. Aus diesem Verlangen entsprang schließlich eine Epoche, die lange Zeit Kunst und Kultur prägen sollte: die Romantik. Und es zeichnen sich Parallelen ab: in einer immer „smarteren“ Welt scheint der Mensch der Natur ferner denn je – und kommt doch zu ihr zurück, um Ruhe zu finden. Daher überrascht es nicht, dass das Waldbaden auch in Deutschland Anklang findet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gemeinsam mit unserem Partner Bergader setzt sich der DAV im Rahmen der Kampagne Spüre Dich selbst für einen gesundheitsorientierten Lebensstil und Achtsamkeit für das eigene Körpergefühl ein – in den Bergen wie auch Zuhause. 

Waldbaden ist dabei ein wesentlicher Baustein.

 

Weitere Informationen zu unserem Partner Bergader gibt es hier.

 

Wie geht Waldbaden? Manuela Goerlich im Interview

Mehr erfahren
Manuela Goerlich ist Waldbademeisterin, Kräuterpädagogin, Wald-Gesundheitstrainerin und ganzheitliche Entspannungstherapeutin. Ihr Wissen gibt sie in Führungen und Kursen weiter. Wie bist du denn zum Waldbaden gekommen? Ich bin über meine Kräuterpädagogikausbildung zum Waldbaden gekommen. Damals ist das unter Shinrin Yoku erstmals aufgetaucht und wurde von vielen erstmal belächelt und in die esoterische Ecke geschoben.   Wie kann man sich Waldbaden vorstellen? Wir machen viele Übungen zur Sinneswahrnehmung, um die Achtsamkeit zu fördern. Ich biete auch Atemübungen und Gehmeditationen an. Man ist ganz bewusst langsam unterwegs.   Du legt großen Wert darauf, deine Kurse naturverträglich zu gestalten. Als Privatperson darf man die Wege im Wald nicht verlassen. Ich kann als Kursleiterin meine Gruppe aber auch mal abseits ins Gelände schicken und achte dann darauf, dass sie zum Beispiel nicht versehentlich junge Baumschösslinge zertrampeln.   Was ist das Beste an deinem Job? Waldbademeisterin zu sein, ist eine extrem abwechslungsreiche Aufgabe. Es sind immer andere Menschen dabei und ich finde es toll zu sehen, was die Zeit im Wald in Menschen bewirken kann.   An welches Erlebnis wirst du dich immer erinnern? Eine Dame hat mich mal angerufen und gesagt, sie hält überhaupt nichts von diesem Trend des Waldbadens. Sie gehe in dem Waldstück, wo ich das Waldbaden anbiete, seit Jahren täglich spazieren und kenne das Gebiet. Sie hat also nicht geglaubt, dass ich ihr etwas Neues bieten könnte. Aber sie war trotz ihrer Skepsis neugierig und ist dann in einer meiner Gruppen zum Waldbaden mitgekommen. Zuerst meinte sie, sie würde im Nachhinein gar nicht über ihre Erfahrung sprechen wollen. Aber hinterher hat sie mir gestanden, dass sie noch nie so in diesem Wald unterwegs war und es für sie ein wertvolles Erlebnis war.   Sind wir mittlerweile zu entfremdet von der Natur? Ja, das nehme ich erschreckenderweise so wahr, besonders bei meiner Arbeit mit Kindern. Manche haben noch nie einen Tannenzapfen in der Hand gehabt. Besonders Stadtkinder wachsen einfach anders auf und dadurch bilden sich oft große Wissenslücken.   Was hast du vom Wald gelernt? Dass man mit der Natur leben muss. Wenn ein Gewitter aufzieht, kann ich meinen Kurs eben nicht abhalten. Man ist einerseits von vielen Faktoren abhängig, auf der anderen Seite bietet uns der Wald auch einiges. Und die Natur ist wahnsinnig widerstandsfähig und für mich daher ganz klar ein Vorbild. Ich denke, wir könnten uns da ganz viel abschauen, wenn wir näher hinschauen.   Überrascht dich dein Waldgebiet noch, wenn du es schon so gut kennst? Ja, und das überrascht mich auch immer wieder selbst. Aber durch den Jahreszeitenwechsel verändert sich die Natur permanent und kann immer wieder ein bisschen anders erlebt werden.   Umarmt man beim Waldbaden auch Bäume? (Lacht) Ja, wenn man möchte. Da gibt es öfter mal Berührungsängste. Der Vorteil dabei ist, dass man näher an der Rinde ist und die ätherischen Öle und Terpene intensiver riechen kann.   Warum ist das Umarmen von Bäumen für viele so absurd? Ich denke, das ist eine Hemmung des Nicht-Kennens, weil nicht alle von Klein auf mit der Natur aufwachsen. Und dadurch entstehen dann Berührungsängste. Für manche Menschen ist es sogar befremdlich, sich auf den Waldboden zu setzen. Dabei hat das Waldbaden ja wirklich ausschließlich positive Effekte und das kann die Medizin inzwischen auch gut belegen. Und allen, die sich dem gegenüber nicht öffnen, denen entgeht eigentlich etwas.