Der Hochvogel in den Allgäuer Alpen gilt manchen als das Matterhorn der Region – markant, scheinbar unverrückbar. Und doch zieht sich seit einigen Jahrzehnten ein Riss durch sein Gipfelplateau, der in den zurückliegenden Jahren sichtbar schneller wächst. Ein Forschungsteam der TU München vermisst den Berg seit Langem mit Sensoren, Drohnen und Laserscannern; Warnschilder markieren inzwischen den Gefahrenbereich am Gipfel, einzelne Wege sind gesperrt. Ein großer Felssturz wird erwartet. Auftauender Permafrost – das ist hier außergewöhnlich klar belegt – gilt als wesentlicher Faktor für die Veränderungen am Berg und für die Veränderung der Tourenbedingungen.
Dabei ist der Hochvogel kein Einzelfall: Immer häufiger gibt es Steinschläge, Fels- und Gletscherstürze. So kam es im Sommer 2022 zu einem vollkommen unerwarteten und verheerenden Gletscherabbruch an der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten. In der Folge rauschte eine Eis- und Felslawine ins Tal. Viele Bergsteigende wurden mitgerissen, elf Menschen starben.
Zwei Berge, zwei völlig unterschiedliche Verläufe – aber dieselbe neue Situation: Die Grenze dessen, was am Berg bislang als gut kalkulierbar galt, verschiebt sich. Und für alle, die in den Bergen unterwegs sind, verschieben sich damit auch die Anforderungen an eine gründliche Tourenplanung.
Wir sind gefordert: Stärker denn je gilt es – auch bei vermeintlich einfachen Wanderungen und Touren – wirklich eigenverantwortlich zu planen und zu agieren.
Sicher unterwegs im Gebirge in Zeiten des Klimawandels
10 Empfehlungen des CAA
Sicher am Berg in Zeiten des Klimawandels
Was muss man heute bei der Tourenplanung und am Berg beachten? 10 Empfehlungen für den Umgang mit alpinen Gefahren in Zeiten des Klimawandels.
Vor der Tour: Aktuelle Informationen sind essenziell
Beim Vorbereiten einer Tour griff man früher oft einfach zu Führer und Karte und hatte damit im Kern schon die wichtigsten Informationen beisammen. Längst reicht das nicht mehr aus – nicht, weil Führer und Karten schlechter geworden wären, sondern weil sich das, was sie beschreiben, schneller verändert, als neue Auflagen erscheinen können: Gletscherstände verschieben sich rasant, ehemals feste Wegabschnitte werden instabil, ganze Routenführungen können binnen weniger Jahre oder über Nacht nicht mehr passierbar sein.
Zu den festen Bestandteilen einer guten Vorbereitung zählt zunächst einmal, sich mit den jeweiligen Witterungsbedingungen auseinander zu setzen: Gab oder gibt es besondere Vorkommnisse wie Starkregen oder extreme Hitze? Wie sind die Prognosen für den Zeitraum meiner Tour? Auch in Tourenportalen findet sich heute mehr als nur die Wegbeschreibung: Auf alpenvereinaktiv.com etwa lassen sich unter „Aktuelles" alle dem DAV bekannten Wegsperrungen einsehen, außerdem kurzfristige Einschränkungen und andere wichtige Hinweise. Darüber hinaus ist es sinnvoll, auch nach Hinweisen auf Websites und Social-Media-Profilen von Hütten und Regionen zu recherchieren oder sich telefonisch über eventuelle erosionsbedingte Wegsperrungen bei Hüttenzustiegen zu erkundigen.
Mehr denn je gehört zu einer optimalen Tourenplanung auch, mögliche Alternativrouten von Anfang an mitzuplanen – oder sich bewusst zu sein, dass es, einmal losgegangen, mitunter keine Alternativen gibt. Das gilt insbesondere für die Hochtour, aber auch für den Klettersteig und im Extremfall sogar für Wanderungen in mittleren Lagen: Die Frage, ob der Weg noch der ist, den man sich vorgestellt hat, stellt sich heute überall – nicht nur im Hochgebirge, wo Gletscher und Permafrost das Landschaftsbild prägen.
Anders planen, weil sich die Berge verändern
Klimawandel, Risiko und Bergsteigen
Veränderte Bedingungen in den Alpen
In den Alpen wird der Klimawandel beim Bergsteigen unübersehbar: Wenn Permafrost taut, werden Touren unmöglich oder zu riskant, Jahreszeiten sind nicht so verlässlich wie früher.
Unterwegs: Verschobene Zeitfenster, neue Aufmerksamkeit
Auch unterwegs verschiebt sich einiges, das lange als selbstverständlich galt. Wer im Hochgebirge unterwegs ist, kennt den frühen Aufbruch als Standardempfehlung: Mit steigender Tageswärme nimmt die Spaltensturz- und Steinschlaggefahr zu, weshalb sich Begehungszeiten zunehmend in die sehr frühen Morgenstunden oder ganz und gar in andere Jahreszeiten verschieben. Gletscherbäche führen durch die höhere Nullgradgrenze über weite Strecken des Tages viel Wasser – eine Querung, die im Führer als unproblematisch beschrieben ist, ist das in der Realität nicht mehr.
Was weniger zur Sprache kommt: Auch abseits von hochalpinen Unternehmungen gibt es, wenngleich abgewandelt, veränderte Bedingungen. So stellt eine Wanderung über einen schattenlosen Südhang in den Voralpen oder im Mittelgebirge an heißen Tagen ähnliche Anforderungen an Wasserversorgung und Zeitplanung wie eine alpine Unternehmung – nur ohne Gletscher und Fels als sichtbare Warnzeichen. Und wer bei praller Sonne unterwegs ist, sollte Kopfbedeckung, Sonnenschutz und ausreichend Flüssigkeit ebenso selbstverständlich einplanen wie eine Trinkpause im Schatten, spätestens, wenn sich erste Anzeichen von Erschöpfung zeigen. Auch bei anderen Sportarten, wie beim Klettern oder Mountainbiken verändert sich einiges: Südwände, die im Frühjahr noch angenehm temperiert sind, werden inzwischen oft schon im Frühsommer schlicht zu heiß. Und auch das Biken auf allzu schattenlose Berge verschiebt man mitunter lieber in die Vor- oder Nachsaison.
Der gemeinsame Nenner bei all diesen Bergaktivitäten ist also weniger die Höhe als die Tageszeit und die Ausrichtung: Wer weiß, wann und wo an einem Tag das meiste Schmelzwasser oder die größte Hitze zu erwarten ist, kann seine Tour entsprechend timen – unabhängig davon, ob es von langer Hand geplant auf einen Dreitausender oder schnell zwischendurch auf einen bewaldeten Hausberg geht.
Die Hütte: Tagesziel & neue Herausforderungen
Auf vielen Touren ist das Ziel eine Hütte – ob nur zur kurzen Einkehr oder um dort zu übernachten. Und auch hier zeigt sich der Klimawandel. Etwa 10 Prozent der Alpenvereinshütten, so die Schätzungen, sind schon heute akut betroffen; in den nächsten Jahren werden die Herausforderungen für nahezu alle Hütten größer.
Besonders deutlich sind die Konsequenzen bereits am Hochwildehaus in den Ötztaler Alpen: Dort ist seit 2016 nicht nur die Quelle versiegt, auch der auftauende Permafrost unter einem Teil des Gebäudes lässt die Giebelwand absacken – die Hütte bleibt seither geschlossen.
Alpenweit gehört Wassermangel mittlerweile zum Alltag vieler Schutzhütten: Trockene Sommer und schneearme Winter lassen Quellen und Zisternen früher zur Neige gehen als noch vor wenigen Jahren. Die Neue Prager Hütte am Großvenediger beispielsweise musste deshalb bereits mehrfach ihre Saison verkürzen; auf anderen Hütten wurden Duschen (vorübergehend) abgestellt oder Trockentoiletten eingebaut, um die knappen Wasserreserven zu strecken.
Verschärft wird die Lage zusätzlich dadurch, dass das In-die-Berge-Gehen beliebt und viele Hütten seit Jahren sehr stark gebucht sind. Genau das macht Einsparmaßnahmen wie Trockentoiletten oder Duschverzicht zu keiner vorübergehenden Notlösung, sondern zunehmend zum neuen Normalzustand.
Für Gäste heißt das im Kleinen: eigenes Trinkwasser mitbringen, wo es empfohlen wird, sparsam mit Dusche und Spülung umgehen, und Hinweise der Hüttenwirtsleute nicht als Schikane, sondern als Teil der aktuellen Lage verstehen. Wer sich vorab informiert, erspart sich – und dem Hüttenteam – manche unnötige Diskussion an der Theke.
Ausblick
Die Veränderungen in den Alpen werden zunehmen. Und ganz gleich, wie gut die nächste Tour geplant ist – die neuen Rahmenbedingungen unterwegs lassen sich nicht einfach ändern. Was aber in der eigenen Hand bleibt: der Blick auf die Sperrungen vor der Abfahrt, die Wasserflasche, die für den Nachmittag reicht, die zweite Route, die man im Kopf hat, falls die erste nicht mehr passierbar ist. Nichts davon ist gänzlich neu – es war schon immer Teil guter Tourenplanung. Neu ist nur, wie übergreifend es inzwischen zum Tragen kommt, und wie wenig man sich auf das verlassen kann, was vor einigen Jahren noch als sicher galt. Wer das im Blick behält, tauscht nicht Abenteuerlust gegen Vorsicht – sondern verschafft sich genau den Spielraum, den es braucht, damit aus der Tour am Ende eine gute Geschichte wird und keine Rettungsmeldung.