„Subjektive Gefahren [...] liegen im Menschen selbst, in seiner geistigen und körperlichen Unzulänglichkeit“ – klingt nach einer modernen Abhandlung zum Thema Risiko und Sicherheit im Gebirge? Nicht ganz. Dieses Zitat und die bis heute gebräuchlichen Begriffe der subjektiven und objektiven Gefahren beim Bergsport stammen von Emil Zsigmondy, aus seinem Buch „Die Gefahren der Alpen“ (1885). Als objektive Gefahren nennt er ausdrücklich Steinfall, Eis-, Schneelawinen und schlechtes Wetter. Daran hat sich bis heute wenig geändert. „Wie bei vielen Themen, sind auch beim Risiko die Diskussionen im Alpenverein praktisch dieselben wie schon vor hundert Jahren“, sagt Max Wagner, Historiker im Alpinen Museum in München. Wir leben in einer Umgebung von großer Sicherheit, vor allem, was elementare Gefahren angeht. Es gibt überall Lebensmittel und Trinkwasser, unsere Transportmittel sind sicher, die medizinische Versorgung ist gut und wenn doch mal etwas schiefgeht, springt die Versicherung ein. Echte, unmittelbare Gefahr erlebt man nur noch selten. Der Bergsport ist eine gute Gelegenheit, sich mit Gefahr bewusst auseinanderzusetzen.
Die Berge sind ein besonderer Ort – wild, schön und manchmal gefährlich. Wäre es angesichts steigender Unfallzahlen nicht sinnvoll, die gefährlichsten Stellen zu sichern, zu sperren oder den Zugang dorthin an Kompetenznachweise zu koppeln? Denkbar wäre es, denn im Flachland gehen wir aus guten Gründen in dieser Form mit den Gefahren um. So wild und so schön, wie wir die Berge lieben, sind sie aber nur, weil wir sie eben nicht zähmen. Bleibt also nur ein anderer Weg, mit dem Bergsportrisiko sinnvoll umzugehen: eigenverantwortlich handeln. Die Haltung, die dahintersteckt, bereichert uns als Bergsteigerinnen und Bergsteiger und als Menschen.
Selbst bei einfachen Wanderungen gilt es aufmerksam zu gehen, um sich nicht den Fuß zu verstauchen, und genug Wasser dabeizuhaben, um nicht mitten am Berg zu dehydrieren. Beim Klettern ist die Gefahrenexposition recht offensichtlich: Ist der Knoten falsch oder unvollständig geknüpft, kann das beim Sturz fatal enden. Und wer im winterlichen Gebirge unterwegs ist, ist mit einer auf den ersten, ungeübten Blick unsichtbaren und tückischen Gefahr konfrontiert: Lawinen. Hier kommt einer der Grundpfeiler des Alpenvereins ins Spiel, in seinem Leitbild ist das so formuliert: „Wir ermutigen Menschen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und vermitteln die Fähigkeit, mit Gefahren und Risiken bewusst umzugehen.“
Ohne Risiko keine Sicherheit. Ohne Risiko kein Wachstum. Ohne Risiko kein Leben. Zur Dialektik des Lebens gehört das Wagnis – das Risiko ist kein Störfaktor, sondern ein Motor. Wir brauchen Menschen, die mit Unsicherheiten umgehen können, die nicht verharren, sondern ins Wagnis gehen, Risiken annehmen und Entscheidungen treffen – in Verantwortung für sich selbst und andere. Die Berge fordern und fördern diese Haltung. Sie lehren Demut vor dem Aufstieg, vor den eigenen Fähigkeiten – und die Bedeutung von Vorbereitung. Doch Risiko verlangt mehr als Mut: Es braucht Risikobewusstsein. Dieses Bewusstsein entsteht nicht aus Sehnsuchtsträumen vom Display, von Hochglanzbildern in den sozialen Medien. Es wächst aus Erfahrung, Schritt für Schritt, aus Wissen und aus der ehrlichen Einschätzung der eigenen Grenzen. Nicht jedes Ziel ist zu jeder Zeit für jeden erreichbar. Ob beim Bergsteigen, in der Bergrettung oder im Leben im Tal: Risiko gehört dazu. Und es macht uns lebendig – wenn wir es verstehen und verantwortungsvoll gestalten.
Die Ausbildung der Mitglieder durch die ehrenamtlichen Trainer*innen in den Sektionen ist eine der zentralen Aufgaben des DAV. Und in diesen Ausbildungen sind Inhalte wie Tourenplanung und Risikomanagement fundamental. Sie dienen allesamt dazu, Bergsport so sicher wie möglich zu machen und das Risiko so weit wie möglich zu reduzieren. Welche Risiken gesellschaftlich akzeptiert und welche schlicht als „hirnlos“ angesehen werden, das bietet regelmäßig Anlass für große Diskussionen, besonders in den Kommentarspalten der sozialen Medien. Auch das ist nichts Neues, die Diskussion ist so alt wie der Alpenverein, ja vermutlich so alt wie der Bergsport selbst.
Beispiel gefällig? Als um 1880 das Bergsteigen ohne Bergführer begann, wurde das auch in den Mitteilungen des Alpenvereins, als viel zu gefährlich angeprangert. Es könne das Bergsteigen in Gänze in Verruf bringen, vielleicht würde es deswegen sogar verboten werden! Die Führerlosen schimpften dagegen zurück, mit Bergführer ließen sich keine alpinistischen Leistungen von Wert erbringen. Auch die beliebte These, dass verbesserte Ausrüstung, heutzutage etwa ein Lawinenairbag, zu erhöhter Risikobereitschaft führt, gibt es seit mehr als hundert Jahren. Was der Bergführer und Psychologe Martin Schwiersch heute dazu sagt, ist im Interview nachzulesen. Genauso alt ist das Bestreben des Alpenvereins, das Bergsteigen sicherer zu machen: Schon in den 1920er Jahren gab es in den Alpenvereinsmitteilungen eine Bergunfallrubrik, die Unfälle nachskizzierte – immer schon mit dem Ansatz, aus Fehlern anderer zu lernen. Bis heute ist das eine der vielfältigen Aufgaben der Sicherheitsforschung des DAV. Und auch wenn dank ausführlicher Berichterstattung die eigene Wahrnehmung häufig eine andere ist: Trotz des Bergbooms bleibt die Zahl der Toten auf verhältnismäßig niedrigem Niveau, auch wenn absolute Unfallzahlen und vor allem auch Unfälle durch Stein- und Eisschlag im Hochtourengelände zunehmen (Quelle: DAV-Bergunfallstatistik – erfasst werden Unfälle von DAV-Mitgliedern).
Risiko Gruppendynamik: Brenzlig wird es am Berg, wenn es in der Gruppe ‚holpert‘ – also wenn Konflikte oder Unklarheiten entstehen. Problematisch ist zum Beispiel, wenn Rollen sehr starr verteilt sind und
eine Person ständig das Ziel vorgibt. Schwierig wird es auch, wenn unklar bleibt, wer welche Rolle einnimmt und wie zufrieden alle damit sind. Wichtig ist der Blick von außen auf die Gruppe: Was passiert gerade? Wo können Risiken entstehen? Wenn eine Situation angespannt ist oder es ein großes Kompetenzgefälle gibt, ist es oft sinnvoll, wenn eine Person die Leitung übernimmt. Viel Demokratie trägt zu einem positiven Klima in Gruppen bei, in der Ausbildung zur Bergführerin schätze ich es aber auch zu lernen, klare Ansagen zu machen.
Wer selbst einmal am Berg in ein Gewitter oder auch nur in die Dunkelheit geraten ist, wer einmal Steinschlag am Helm vorbeisausen hat hören oder die Wucht einer Lawine erlebt hat, wird im Alltag, der ja keine solche Gefahren birgt, vielleicht tatsächlich ein wenig entspannter durchs Leben gehen. „Der elende Mensch, der die Furcht nicht mehr kennt – die Todesangst, diesen wundersamen Nervenpfeffer, dessen stimulierende Kraft auch der Stumpfsinnigste fühlt“, so formulierte es der österreichische Alpinist Eugen Guido Lammer 1893. Bis zur Todesangst muss man es wahrlich nicht treiben, aber ein klein wenig „Nervenpfeffer“ im Leben ist vermutlich dennoch nicht das Schlechteste.
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