Drei Männer klettern gesichert an einer steilen Felswand in den Bergen bei klarem Himmel, im Hintergrund sind grüne Täler und Bergketten sichtbar.
Gut gesichert und frohen Mutes an der luftigen Schlüsselstelle der Schönfeldspitze. Foto: Ingo Röger
Sektionstour durchs Steinerne Meer

Zurück zu den Wurzeln

Manche Orte vergisst man nicht – besonders, wenn dort die Leidenschaft für die Berge geweckt wurde. Die Route durchs Steinerne Meer ist ein Klassiker unter den Hüttentouren der Berchtesgadener Alpen. Und so kehrt Ingo Röger Jahrzehnte später zurück, mit einer Männergruppe seiner Sektion.

Meine allererste Hüttentour im August 1991 führte mich in Jeans und mit hingekritzelter Skizze statt Wanderkarte ins Steinerne Meer. Inzwischen bin ich seit über zwanzig Jahren ehrenamtlich Trainer C Bergsteigen im Alpenverein und habe seither viele Hochgebirgstouren mit Chemnitzer und Leipziger Sektionsmitgliedern unternommen. Bei der Planung der Tour 2024 erinnere ich mich an meine ersten Schritte im Hochgebirge. Schnell steht die Entscheidung fest: „Back to the roots!“ Mit sieben Teilnehmern geht es nun wieder im August zur Peter-Wiechenthaler-Hütte, am Südabfall des Steinernen Meeres gelegen.

Die Peter-Wiechenthaler-Hütte auf 1752 Metern bietet ein tolles Fotomotiv im Abendlicht. Foto: Ingo Röger

So etwas gab es noch nie auf meinen Sektionstouren: Ich bin ausschließlich mit Männern unterwegs. Ein Teilnehmer gibt daraufhin augenzwinkernd das Motto für die kommenden Tage aus: „Harmonisch, aber niveaulos“ – ich bin gespannt. Grauer Himmel und wolkenverhangene Gipfel am nächsten Morgen erzwingen eine Planänderung: Schweren Herzens lassen wir den Klettersteig übers Persailhorn (2347 m) aus und machen uns ohne Diskussion auf den direkten Weg via Weißbachlscharte (2259 m) zum Ingolstädter Haus. Das karge Hochplateau des Steinernen Meeres wirkt im Nebel besonders geheimnisvoll. Pünktlich bei unserer Ankunft an der Hütte setzt Regen ein. Alles richtig gemacht! So stehen am Nachmittag vor allem kulinarische Höhepunkte auf dem Plan. Bei unseren Gesprächen rund um die Lebensräume von Luchsen, Füchsen und Wölfen und die Frage, wie man Gänse- und Bartgeier unterscheiden kann, glänzt derweil Dennis, der zum ersten Mal auf Hüttentour unterwegs ist, mit Fachwissen. „Niveaulos“ sieht anders aus.

Der Weg zum Ingolstädter Haus wird trotz Nebel mit guter Laune gemeistert. Foto: Ingo Röger

Beeindruckende Gipfelziele

Als ich vor 33 Jahren zum ersten Mal im Ingolstädter Haus übernachtete, mussten wir uns in ein völlig überfülltes Lager mit 24 anderen Schlafgästen zwängen. Dieses Mal bekommen wir Vierer-Zimmer zugeteilt und können uns auf zwei erholsame Hüttennächte freuen. Gut, denn morgen wollen wir den Großen Hundstod (2593 m) besteigen – eine nicht lange, aber im Mittelteil ordentlich steile Tour. Als wir aufbrechen, liegen die Täler unter einer geschlossenen Wolkendecke, hier oben ist die Sicht jedoch recht gut. Am Gipfel angekommen, blicken wir auf das Steinerne Meer und die geplanten Gipfelziele der kommenden Tage. Besonders beeindruckend ist der Blick nach Norden. Zum Greifen nah stehen die markanten Felsgestalten von Hochkalter (2607 m) und Watzmann (2713 m) vor uns, dessen Silhouette aus dieser Perspektive völlig ungewohnt ist.

Am frühen Morgen der Blick zurück auf das Kärlingerhaus am Funtensee. Foto: Ingo Röger

Tags darauf steht der Übergang zum Kärlingerhaus am Funtensee auf dem Programm. Die Hütte gilt aufgrund ihrer Lage in einer tiefen Karstsenke als Kältepol Deutschlands. Minus 45,8 Grad wurden hier im Januar 2000 gemessen. Davon merken wir nichts, als wir nach einer entspannten Halbtagesetappe hier eintreffen, denn inzwischen ist das Hochsommerwetter endgültig zurückgekehrt. Das Schutzhaus ist während der Saison mit seinen über zweihundert Schlafplätzen nahezu permanent ausgebucht. Besonders die Fernwanderroute vom Königssee zu den Drei Zinnen in den Dolomiten ist derzeit en vogue. Weit weniger angesagt sind die Gipfelziele rund um die Hütte. Bei bestem Wetter stehen wir am Nachmittag allein auf dem Viehkogel (2158 m). Der Grenzberg zwischen Bayern und dem Land Salzburg erhebt sich direkt hinter der Hütte und ist ohne größere Schwierigkeiten zu erreichen. Die Fern- und Tiefblicke sind seinen berühmten Nachbarbergen jedoch ebenbürtig.

Der Watzmann grüßt beim ruhigen Aufstieg zum Viehkogel. Foto: Ingo Röger

Einen dieser Nachbarberge, den Funtenseetauern (2578 m), nehmen wir uns als nächstes vor – wieder einmal mit leichtem Tagesgepäck. Auch bei dieser Tour strahlt die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel. Der bislang anspruchsvollste Aufstieg hat es in sich. Besonders eine lange Querung durch eine steile Schrofenflanke unter dem Stuhljochgrat stellt einige von uns auf eine Bewährungsprobe. Auf manchmal nur fußbreiten Tritten heißt es: Ruhe bewahren. Das Gipfelpanorama wird von den üblichen Verdächtigen bestimmt. Am Watzmann sind die Graterhebungen von Watzmannfrau und den fünf Watzmannkindern zu erkennen. Zu unseren Füßen liegt erstmals auf dieser Tour in voller Pracht der Königssee. Auf dem Hochkönig, mit 2941 Metern höchster Punkt der Berchtesgadener Alpen, sieht man deutlich das Matrashaus. Und im Süden steht die kühne Pyramide der Schönfeldspitze (2653 m). Wie wir da in zwei Tagen ohne weitere Kletterausrüstung hinaufsteigen wollen, bleibt aus dieser Perspektive ein Rätsel.

Weitergehen oder umkehren?

Weiter geht es zum Riemannhaus und damit zurück nach Österreich. Der Weg führt durchs zentrale Steinerne Meer und einmal mehr ist die Hütte bereits gegen Mittag erreicht. Das Steinerne Meer gleicht einer riesigen Schüssel, an deren bogenförmigem Südrand ein Gipfel neben dem anderen in den Himmel ragt. Mehr als ein halbes Dutzend davon kann man vom Riemannhaus aus besteigen. Als Nachmittagstour wollen wir zum Breithorn (2504 m) aufbrechen und, wenn das Wetter mitspielt, die anspruchsvolle Überschreitung von Mitterhorn, Äulhorn und Achselhorn anschließen. Laut Prognose sind Gewitter am Nachmittag nicht auszuschließen. Gerade als wir am Breithorngipfel eintreffen, tauchen die Kumuluswolken über den Südwänden auf. Ob sie sich bald zu gefährlichen Ambosswolken auftürmen werden oder wieder in sich zusammenfallen, lässt sich beim besten Willen nicht erkennen. Weitergehen oder umkehren? Ich bin ob der anstehenden Entscheidung nervös. So kann ich den Moment, nach über 33 Jahren zu meinem ersten Zweitausender zurückgekehrt zu sein, kaum würdigen. Wir finden einen Kompromiss. Mit Ulli, Bert und Michael geht es bis zum nahen Mitterhorn weiter. Dort wollen wir umkehren und mit den anderen, die derweil ausgiebig auf dem Breithorn rasten, gemeinsam zur Hütte zurückkehren. Für die luftige Querung unter den sogenannten „Drei Docken“ sind Gurt, Helm und Klettersteigset angebracht. Ein Drahtseil hilft nur an ein paar einzelnen Stellen, dazwischen sind Konzentration und Trittsicherheit vonnöten.

Abendstimmung: das Riemannhaus vor der Silhouette des Breithorns. Foto: Ingo Röger

Der Sommerstein (2308 m) ist der Hausberg des Riemannhauses. Es gibt deutlich höhere Berge im Steinernen Meer. Dennoch ist diese Berggestalt eine der markantesten weit und breit. Durch die steile Südwand führen kühne Kletterrouten. Ein kurzer Steig leitet hingegen in wenigen Minuten von der Hütte hinauf zum Gipfel. Ein perfektes Ziel also für den Sonnenuntergang. Herrlich ist der Blick über den Zeller See hinweg auf den Alpenhauptkamm mit Großem Wiesbachhorn, Großglockner und Großvenediger. In der Hütte sind derweil schon die Lichter angegangen. Die abendlichen Diskussionen kreisen um Fotografie und Hydrauliksysteme, von Niveaulosigkeit weiterhin keine Spur. Dafür stimmt die Chemie in unserer kleinen Gruppe und wir freuen uns auf die Königsetappe zur Schönfeldspitze.

Luftige Kletterei

Am nächsten Tag geht es über den Gratweg. Aus der Ferne versuche ich den logischen Aufstiegsweg zur Schönfeldspitze zu erkennen, doch es fällt mir schwer. Die Lösung ist verblüffend: Zunächst geht es, gespickt mit leichten Kletterstellen, durch die Nordwestflanke hinauf auf einen breiten Rücken. Dann wird es luftig: Eine Mischung aus Rinne und Band leitet relativ sicher, aber mit ordentlich Luft unter den Schuhsohlen, auf der Südseite unterm Gipfel vorbei. Dann erwartet uns die Schlüsselstelle: Sehr ausgesetzt geht es über eine kompakte Felsplatte hinüber – dank Drahtseil und einzelner Eisenbügel jedoch eine sichere Angelegenheit. Nun schwenkt die Route über eine gleichbleibend steile Schrofenflanke hinauf zum gut besuchten Gipfel mit beeindruckendem Gipfelkreuz; es wurde von einem einheimischen Holzbildhauer geschaffen und stellt die Jungfrau Maria dar, die Jesus mit der Dornenkrone trägt.

Unverkennbar: Das Gipfelkreuz der Schönfeldspitze wurde von einem einheimischen Holzbildhauer gefertigt. Foto: Ingo Röger

Für den Rückweg wählen wir die gleiche Route und nehmen noch den Abstecher auf das Streichenbeil mit. Kaffee und Kuchen auf der sonnigen Hüttenterrasse haben wir uns nun redlich verdient und die Gedanken schweifen zu den Erlebnissen der vergangenen Tage. Harmonisch war sie, die Zeit. Und alles andere als niveaulos, wie ich finde.

Tipps für den Bergurlaub

  • Besuch der Einsiedelei am Palfen zu Saalfelden (am Weg zur Peter-Wiechenthaler-Hütte)

  • Bademöglichkeit Zeller See, u.a. Strandbad Erlberg (Eintritt frei)

  • Lamprechtshöhle, Seisenbergklamm, Vorderkaserklamm bei Weißbach bei Lofer

  • Sommerrodelbahnen, z.B. am Biberg in Saalfelden oder am Alpengasthof Hochlenzer bei Berchtesgaden