Person mit Skiausrüstung wandert bei sonnigem Himmel und schneebedeckten Bergen im Hintergrund einen Hang hinauf.
Eisige Weiten: traumhaftes Skigelände beim Anstieg zum Nördlichen Saldurferner, nur einige Blankeisstellen erfordern Aufmerksamkeit. Foto: DAV/Stefan Herbke
Bergurlaub im Südtiroler Vinschgau

Einsame Spitzen: Skitouren in Matsch

Das Tal naturbelassen, die Landwirtschaft nachhaltig und überwiegend Bio, dazu unzählige Dreitausender mit spannenden Tourenmöglichkeiten. Das Bergsteigerdorf Matsch bietet viel – und trotzdem bleibt der große Ansturm aus.

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Weiß ist die dominierende Farbe, doch dabei handelt es sich nicht um Schnee, sondern um einen Teppich aus weißen und lila Krokussen, die die braunen Wiesen in ein Blütenmeer verwandeln. Normalerweise herrscht Anfang April im hochgelegenen Talschluss von Matsch Hochsaison und es liegt mehr als genug Schnee, um vom Parkplatz aus mit Ski zu starten. Doch der April 2025 ähnelt eher einem Frühsommermonat. Weit und breit kein Schnee, so wie schon den ganzen Winter nicht. „Vor zwei Jahren war es noch schlechter“, erinnert sich Manfred Heinisch vom Almhotel Glieshof, das gleichzeitig beliebter Stützpunkt zum Skitourengehen ist. „Da konnte man bei uns den ganzen Winter keine Skitour machen.“

Ein Teppich aus weißen und lila Krokussen bedeckt die braunen Wiesen. Foto: DAV/Stefan Herbke

Die neue Realität ist ernüchternd, auch wenn es zwischendurch immer wieder Winter gibt, die man so nennen darf. Doch die machen um das Matscher Tal immer häufiger einen großen Bogen. Klar, das Seitental des Vinschgaus ist ein Trockental, abgeschirmt vom Alpenhauptkamm im Norden und den hohen Dreitausendern der Ortlergruppe im Süden. Sichtbares Zeichen für den Wassermangel sind die heute noch funktionierenden Waale zur Bewässerung der Wiesen im Talboden. Andererseits gab es früher einfach zuverlässig Schnee und das Matscher Tal genoss einen ausgezeichneten Ruf zum Skitourengehen.

Früher gab es zuverlässig Schnee und das Matscher Tal genoss einen ausgezeichneten Ruf zum Skitourengehen.

„Du hast irre Möglichkeiten hier“, schwärmt Ludwig Gorfer. „Früher waren die Skitourengruppen mit Bergführer im März und April oft eine Woche im Glieshof.“ Der Bergführer aus Naturns im Vinschgau kennt und schätzt die Skitourenauswahl im Matscher Tal mit zahlreichen Dreitausendern, auch wenn es hier nichts unter tausend Höhenmeter gibt. „Für den Hochwinter geeignet sind nur wenige Ziele, doch im Frühjahr findest du mehr als genug lohnende Touren“, erzählt er. „Aber die meisten sind anspruchsvoll, abenteuerlich und eher einsam.“

Aufstieg zur Saldurspitze. Foto: Stefan Herbke

Selbst die Weißkugel als höchster Gipfel wird von Matsch aus eher selten begangen, zu lang ist der Zustieg. Etwas beliebter sind dagegen die Touren, die direkt am Glieshof auf beiden Seiten des Tales in die Höhe ziehen – ohne zeitaufwendigen Hatscher durch das schier endlose Matscher Tal. Gipfel wie die Portlesspitze oder der Upikopf, der Skitourenklassiker schlechthin. Eine kurzweilige Tour mit schönem Anstieg durch das breite Upital und einem sonnigen Finale – der Schlussanstieg führt direkt über die gefühlt endlose XXL-Südflanke. Eine beliebte Tour, auf der man eigentlich nie allein unterwegs ist.

Im Talschluss lockt mit der vergletscherten Weißkugel der vielleicht schönste Dreitausender der Ötztaler Alpen.

Doch mit den schneearmen Wintern kommen immer weniger Gäste ins Matscher Tal. Daran ändert auch die Auszeichnung als Bergsteigerdorf nichts, die Matsch 2017 verliehen wurde. Mit der Ausweitung der im Jahr 2008 vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV) gestarteten Initiative von Österreich hin zu einem alpenweiten Netzwerk suchte man auch im touristisch doch recht stark erschlossenen Südtirol passende Orte – und fand mit Matsch das erste Bergsteigerdorf der Region.

Seit 2017 darf sich Matsch Bergsteigerdorf nennen. Foto: DAV/Stefan Herbke

Mit weniger als fünfhundert Einwohner*innen ein kleiner Ort in einem stillen, naturbelassenen Seitental. Statt touristischer Anlagen in Form von Skiliften, großen Hotels oder Chalet-Dörfern gibt es hier gemütliche Waalwege entlang der in Südtirol typischen Bewässerungskanäle, viele einsame Dreitausender, mit den Saldurseen eine einmalige Seenplatte und im Talschluss mit der vergletscherten Weißkugel den vielleicht schönsten Dreitausender der Ötztaler Alpen.

„Wir in Matsch wurden damals gefragt, ob Interesse besteht“, erinnert sich Ramona Telser vom Kartatschhof an die ersten Gespräche zum Thema Bergsteigerdorf. „Und nachdem die Rückmeldung der Bevölkerung sehr positiv war, haben wir uns dafür entschieden.“ Durch die abgeschiedene Lage sah man die Auszeichnung auch als Werbung an, um sich nach außen zu präsentieren. „Das Ziel der Bergsteigerdörfer ist aber nicht, dass sie groß beworben werden und nachher dreimal mehr Leute kommen“, schränkt Ramona Telser die Erwartungen ein. Zusammen mit Karin Thöni von der Oberetteshütte, der einzigen Alpenvereinshütte im Matscher Tal, gehört sie zur Arbeitsgruppe Bergsteigerdorf Matsch. „Es geht auch um die Innenwirkung. Ich denke, dass die Bevölkerung immer mehr schätzt, was wir haben.“

Abfahrt vom Nördlichen Saldurferner zu den verschneiten Saldurseen. Foto: Stefan Herbke

Infrastruktur bietet Matsch eher wenig. Dafür gibt es unberührte Natur im Überfluss. „Das ist mittlerweile eigentlich wertvoller – und damit können wir auch Werbung machen“, so Karin Thöni. Die Menschen hier jedenfalls fühlen sich sehr verbunden und verwurzelt – und sind stolz auf ihre Heimat und die Dorfgemeinschaft mit einem aktiven Vereinsleben. Die Auszeichnung als Bergsteigerdorf bestätigt im Grunde nur das, was vielen vorher schon wichtig war. Natürlich geht es auch um eine positive Entwicklung beim Tourismus. „Aber wir wollen das so miteinander verzahnen, dass die Bevölkerung was davon hat“, erzählt Karin. „Nicht nur das Hotel, die Hütte und die Ferienwohnungen, sondern vielleicht auch Handwerksbetriebe und Bauernhöfe.“ Und dort geht man mittlerweile andere Wege als noch die Vorfahren. Statt auf Milchviehhaltung setzen etwa Karoline und Peter Telser auf Gemüseanbau. Die Nachfrage ist groß, so dass sie mittlerweile auf sechs Hektar Rohnen (Rote Bete), Blaukraut, Karotten oder auch Blumenkohl in Bioqualität anbauen.

Wichtig ist auch das Thema Mobilität. „Wenn der Verkehr zur Belastung wird, dann wenden sich die Leute gegen den Gast und das ist nicht das Ziel, es soll ja ein Miteinander sein“, erklärt Karin. Jetzt gerade ist das Matscher Tal jedoch gefühlt ausgestorben. So wie viele auf der Fahrt durch den Vinschgau das sehenswerte Glurns mit seinen Laubengängen – und mit knapp tausend Einwohner*innen eine der kleinsten Städte der Alpen – übersehen, so rauschen sie auch an der Abzweigung nach Matsch einfach vorbei. Rund sieben Kilometer sind es von Tartsch hinauf ins Bergsteigerdorf, eine Fahrt von den im Vinschgau typischen Trockenhängen hinein ins stille Tal. Der kleine Ort befindet sich gleich am Taleingang, dort, wo das Gelände noch steil ist – und auf den ersten Blick ungünstig für die Anlage eines Dorfes. Doch die deutlich sanfteren Hänge im Anschluss nutzte man lieber für die Landwirtschaft. Hinter Matsch wird die Straße schmal und führt aussichtsreich durch die Wiesen, die sich im Spätwinter in ein Meer aus Krokussen verwandeln, bis zum Glieshof – weiter geht es nur noch zu Fuß.

Kilometerlang zieht das Matscher Tal vom Vinschgau bis an den Fuß der Weißkugel. Foto: Stefan Herbke

Wenigstens im Sommer kommen genug Gäste, die die faszinierende Berglandschaft erkunden, einen Ausflug zu den einmaligen Saldurseen unternehmen oder zur Oberetteshütte wandern. Die wurde im Jahr 1883 durch die Alpenvereinssektion Prag als Karlsbader Hütte errichtet, 1902 umbenannt in Höllerhütte und brannte 1945 bis auf die Grundmauern ab. Erst ab den Jahren 1984 und 1985 trieb der Alpenverein Südtirol den Wiederaufbau voran und 1988 konnte schließlich die Oberetteshütte eröffnet werden, die heute von Karin Thöni und ihrem Mann Edwin bewirtschaftet wird. Seit dem letzten Sommer ist auch der Übergang ins Schnalstal wieder möglich, der aufgrund eines Erdrutsches lange Zeit unpassierbar war – die neue Route über das Langgrubjoch wurde bereits im Jahr 1300 vor Christus genutzt.

„Das Matscher Tal ist ein perfektes Ziel für alle, die im Winter ein paar Tage mit Höhenluft auf 1800 Meter genießen wollen“, meint Manfred Heinisch, der auf deutlich mehr Gäste hofft. Die Auszeichnung als Bergsteigerdorf sieht er positiv, doch seine Erwartungen wurden bisher nicht erfüllt. „Das im letzten Jahr neu gebaute Hallenbad hat mehr gebracht.“

Ein Winterwanderweg zur Matscher Alm oder ein Spaziergang entlang des Ackerwaals empfehlen sich bei wenig Schnee.

Im Winter hängt alles vom Schnee ab, zumindest auf den ersten Blick. „Ohne Schnee hast du keine Anfragen, keine Nächtigungen“, lautet das ernüchternde Fazit von Manfred Heinisch. Dabei sind die Entfernungen im Vinschgau überschaubar. Falls die weiße Unterlage einmal wirklich nicht ausreicht, dann fährt man halt nach Rojen oder Sulden, irgendwo geht immer was. Andererseits haben sich auch einige Skitourengeher*innen umgestellt und berühren das Matscher Tal nur noch im Rahmen einer Skidurchquerung. „Viele machen mittlerweile eine Skitourenrunde Schnalstal – Langtaufers – Glieshof – Schnalstal“, beobachtet Ludwig Gorfer, wobei der Startpunkt natürlich beliebig gewählt werden kann. Besonders schön ist beim Übergang von Matsch ins Schnalstal der Bereich um die Saldurseen Richtung Südliche Oberettesspitze – ein weißes, schön kupiertes Wintermärchen mit vielen Möglichkeiten.

Der Upikopf ist der Tourenklassiker im Matscher Tal. Foto: Stefan Herbke

„Und wenn wenig Schnee ist, dann muss man was draus machen und geht halt schattseitig“, grinst Ludwig Gorfer und meint damit den Klassiker Upikopf. Oder man sucht sich andere Aktivitäten. So locken ein Winterwanderweg mit Rodelbahn zur bewirtschafteten Matscher Alm, es gibt Schneeschuhwanderungen, ein genussreicher Spaziergang entlang des Ackerwaals – und natürlich zahlreiche Wanderungen unten im sonnenreichen und meist schneelosen Vinschgau.

Bergwandern im Matscher Tal

Die Gipfel um das Bergsteigerdorf Matsch bieten spannende Bergtouren aller Schwierigkeitsgrade - vom gemütlichen Spaziergang entlang des Ackerwaals oder zur Matscher Alm bis zum schweißtreibenden Aufstieg zu einem der vielen Dreitausender wie Upikopf oder Portlesspitze. Genügend Kondition sollte man mitbringen, wenn man in Matsch hoch hinaus möchte...

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