Inhalt
Ohne Sicht und Akku – Skitour im Blindflug
Anne Zeller, Trainerin C Bergsteigen, Sektion Wolfratshausen
Quelle: bergundsteigen.com, Dezember 2023
Ende März: Nach Neuschnee und Sturm auf der Kasseler Hütte wollten wir trotz Lawinengefahrenstufe 3 und null Sicht „nur kurz“ Richtung Magerstein aufbrechen. Die Route war bekannt, unter dreißig Grad steil, ein GPS-Track sollte helfen. Doch nach einer halben Stunde im eisigen Wind: Mein Smartphone – das einzige mit dem Track –schaltete sich ab, Akku leer. Ich sagte nichts. Wir stiegen weiter, bis die Sicht völlig verschwunden war. Beim Abfellen war die Spur kaum noch erkennbar, die Abfahrt wurde zum Blindflug, Stürze inklusive. Orientierung nur noch über eine grobe Karte. Am Ende erreichten wir die Hütte – mit dem Gefühl: Das war unnötig riskant.
Was sind die Learnings?
Handy bei Kälte am Körper tragen – sonst ist der Akku schnell leer.
GPS-Tracks sind hilfreich, sollten aber nie alleinige Orientierungsquelle sein.
Bedenken sofort kommunizieren – im Zweifel umdrehen.
Besondere Vorsicht bei Skitouren ohne Sicht: Geländefallen und Steilheit bleiben unsichtbar.
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
(Ski-)Touren ohne Sicht sind auch mit elektronischen Orientierungsmitteln kritisch. Für die Orientierung ist nicht nur die Position auf der Karte, sondern die Verortung im Gelände notwendig. Bei Lawinengefahrenstufe 3 ist auch der Einzugsbereich relevant – wer ohne Sicht von der „optimal“ geplanten Route abkommt, kann schnell im Auslaufbereich eines Steilhangs stehen.
Plötzlich mitten im Gewitter
Jochen Weiner, Jugendreferent, Sektion Bremen
Bei Arbeiten zur Hütteneröffnung im Juni wollten wir an einem Seilbahnmast eine Funkanlage installieren. Der Arbeitsort lag über eine Stunde von der Hütte entfernt auf über zweitausend Metern in der Nordflanke des Alpenhauptkamms. Wir waren zu viert, das Wetter schien stabil, nur geringe Gewitterneigung war angekündigt. Während wir die Antenne montierten, begann es plötzlich zu donnern. Das Gewitter kam von Süden. Zunächst für uns nicht sichtbar, brachten wir dann schleunigst Abstand zwischen uns und die Seilbahn. Blitz und Donner folgten fast ohne Abstand, Regen prasselte, wir waren durchnässt. Der Rückweg über einen exponierten Rücken war zu gefährlich. Wir kauerten uns in sicherer Entfernung zum Mast in eine Senke und warteten unter einem Regencape, bis das Gewitter abzog. Erst dann traten wir den kalten Rückweg an.
Was sind die Learnings?
Wissen, aus welcher Richtung das Wetter kommt und die Entwicklung regelmäßig prüfen, besonders bei verdeckter Sicht.
Mobilfunk nutzen: Regenradar checken!
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
Unsere Bergwanderstudie zeigt, dass viele Personen bereits ein oder mehrere Male am Berg in ein Gewitter gerieten. In den meisten Fällen geht dies glimpflich aus, es kann aber lebensgefährlich werden. Daher sollte besonders auf Anzeichen einer erhöhten Gewitterwahrscheinlichkeit geachtet werden: sich rasch auftürmende Quellwolken, eine heranziehende Wolkenfront oder schwüle, feuchte Luft und Dunst am Morgen.
Achtzig Höhenmeter mitgerissen
Frederico Göpelt, Jugendreferent, Sektion Berlin
Die letzte Abfahrt auf unserer Skidurchquerung bei einer Fortbildung für Jugendleiter*innen im Rätikon. Laut LLB bestand mäßige Lawinengefahr (Stufe 2), vor allem durch älteren Triebschnee an Schattenhängen sowie mögliche Nassschneelawinen im späteren Tagesverlauf. Den südexponierten Hang erreichten wir bereits um elf Uhr. Ich fuhr als Letzter hinein. Über mir löste sich eine Lawine und riss mich etwa achtzig Höhenmeter mit. Ich wurde teilverschüttet, aber zum Glück ist nicht viel passiert – nur meine Skibrille, ein Stock und ein Ski wurden vergraben. Der Weiterweg auf neuer Route war sehr entkräftend. Wir vermuteten, dass oben am Rand des Einstiegs eine Wechte abbrach und den Hang mitnahm. Diese war östlich ausgerichtet und musste deutlich früher durch die Sonne durchfeuchtet worden sein.
Was sind die Learnings?
Sonniges Wetter, ausgelassene Stimmung und eine große Gruppe können ein bestehendes Risiko geringer erscheinen lassen.
Gut abwägen: Mehr Risiko wegen eines höheren Erlebniswerts eingehen?
Kritische Situationen in der Gruppe im Nachhinein reflektieren.
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
Die Lawinengefahrenstufen sind Zahlen, die die Komplexität der Schneedecke zusammenfassen. Auch bei der zweitniedrigsten Gefahrenstufe 2 („mäßig“) besteht an bestimmten Hängen eine erhöhte Auslösewahrscheinlichkeit. Und: Auch ein kleines Schneebrett kann eine Person mitreißen, verletzen und unter Umständen komplett verschütten.
Völlig ungesichert über dem Abgrund
Ingo Röger, Trainer C Bergsteigen, Sektionen Leipzig und Chemnitz
2012 kletterten wir in den Wiener Bergen unsere erste gemeinsame Mehrseillängen-Route. Oben angekommen, seilte ich die erste Länge ab, dann folgte meine Partnerin. Auf dem schmalen Felsband nahm sie sich wie selbstverständlich aus dem Abseilgerät und stand plötzlich völlig ungesichert auf dem winzigen Absatz. Ich drückte sie zur Wand und hielt sie fest. Sie schaute ungläubig, dann verstand sie und klickte ihre Selbstsicherung ein. 13 Jahre später im Tessiner Maggiatal: Mein junger Partner kletterte noch nicht lange. Beim Abseilen beobachtete ich ihn kritisch von oben. Er meisterte alles bestens. Ich folgte nach, gab ihm dabei Ratschläge und war so versunken, dass ich mich am Stand aus der Abseile nahm und den Prusik entfernte. Mein (vermeintlich) unerfahrener Kletterpartner machte mich sofort auf den Fehler aufmerksam und ich fixierte mich mit der Selbstsicherung.
Was sind die Learnings?
Routine schützt nicht vor Unaufmerksamkeit – gerade in Momenten der Entspannung oder Ablenkung heißt es, wachsam zu bleiben.
Die eigene Sicherung hat Vorrang – dies sollte immer bewusst sein.
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
Abseilfehler können schwerwiegende bis tödliche Konsequenzen haben. Deswegen sollte auch hier ein Partnercheck unten und oben selbstverständlich sein. Sicherheitsrelevante Vorgänge sollten bewusst und ohne Ablenkung durchgeführt werden.
Im Gewitter ohne Seil mitten in der Wand
Bea, Leiterin der Abteilung Natur-, Umwelt- und Klimaschutz, Sektion München
Eigentlich sollte es der Dolomitenklassiker Delagokante werden. Wir stiegen morgens in die Route ein, doch ich fühlte mich körperlich und mental nicht in der richtigen Form. Mein langjähriger Kletterpartner und ich entschieden uns also für den Normalweg auf den benachbarten Stablerturm (IV-). Laut Wetterbericht sollte die Gewittergefahr erst ab 18 Uhr steigen – da wären wir längst wieder unten. In der ersten Seillänge konnten wir ein verklemmtes Seil einer geführten Gruppe lösen. Wer hätte gedacht, dass sich der Spieß noch umdrehen würde? Der Aufstieg dauerte länger als geplant. Und auch das Wetter verschlechterte sich früher. Als wir die Turmplattform erreichten, brach das Gewitter los. Starker Regen, Wind, Blitz und Donner! Hektisch seilten wir ab, übersahen den ersten Abseilstand sieben Meter unter dem Gipfel. Am zweiten Stand angekommen, blieb das Seil beim Abziehen hängen. Wir zogen mit aller Kraft, doch es half nichts. An Hochprusiken war bei diesen Bedingungen nicht zu denken.
Wir setzten einen Notruf ab, gaben über die whereareyou-App die genauen Koordinaten durch. Nach ca. 40 Minuten kam der Helikopter. Eine Person der Bergrettung wurde auf den Turm geflogen und löste das verklemmte Seil. Die restlichen Seillängen konnten wir selbständig abseilen. Durchnässt, unterkühlt, mit zitternden Knien, aber überglücklich erreichten wir in der Dunkelheit die rettende Hütte.
Was sind die Learnings?
Körperliche und mentale Verfassung vor der Tour richtig einschätzen und kommunizieren.
Ein angemessenes Zeitmanagement ist sehr wichtig.
Abbrechen ist keine Schande, wenn mehrere Dinge (wie Wetter und Fitness) nicht passen.
Kürzere (definierte) Abseilpassagen reduzieren die Gefahr, dass sich das Seil verklemmen kann.
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
Ein Gewitter kommt manchmal früher als prognostiziert – wenn man sich noch dazu nicht fit fühlt, um eine Route "durchzuziehen", ist es ratsam, an dem Tag auf Plan C zurückzugreifen: eine Wanderung, Sportklettern oder einfach im Lager liegenbleiben und ausgedehnt frühstücken!
Nicht zu empfehlen: Schutzengel statt Partnercheck
Anne Zeller, Trainerin C Bergsteigen, Sektion Wolfratshausen
Quelle: bergundsteigen.com, Mai 2023
Als Jugendliche ging ich mit meinem Vater in die heimische Kletterhalle. Er steigt vor, ich sichere. Mein Gurt ist etwas groß für mich, so dass das zurück gefädelte Gurtband um einiges übersteht. Zur Sicherheit stopfe ich es seitlich unter den Gurt. Mein Vater steigt ohne Sturz und Rasten bis zum Umlenker, ruft „zu“ und setzt sich ins Seil. Ich schaue ungläubig auf meinen Gurt, dorthin, wo das Sicherungsgerät sein sollte. Aber da ist nichts! Weder Sicherungsgerät noch Seil. Von oben ruft mein Vater, aufgrund des leichten Überhangs am Ende der Route jetzt frei hängend, was los sei. Ich schaue zu ihm und dann an die Wand. In der ersten Exe hängt das Sicherungsgerät. Es hat sich – zum Glück! – im Karabiner verkeilt und so meinen Vater gestoppt. Ein nebenan stehender Kletterer begreift die Situation schneller als ich. Er schnappt sich das freie Seil unter der Exe und nimmt meinen Vater in seine Sicherung. Sein Kletterpartner hängt darauf die unterste Exe aus, so dass mein Vater abgelassen werden kann. Ich hatte tatsächlich den Karabiner mit dem Sicherungsgerät in die Lasche des Gurtbandes eingehängt. Natürlich war dieser bei der ersten Belastung herausgerutscht.
Was sind die Learnings?
In der Routine oder an müden Tagen kann man den Karabiner durch Fahrlässigkeit falsch einhängen.
Ein umsichtiger Partnercheck ist lebenswichtig und sollte immer durchgeführt werden.
Die DAV-Sicherheitsforschung ergänzt:
Zum vollständigen Partnercheck gehören nicht nur das korrekte Einbinden und Einlegen des Sicherungsgeräts, sondern auch zu kontrollieren, ob der Klettergurt richtig sitzt. Und: Irgendwie verstaute Bänder oder Seilenden bergen ein hohes Fehlerpotenzial. Deshalb: Überflüssiges Material wie beim Gurtband abschneiden, keinen zusätzlichen Schlag (Spierenstich) auf einen zu langen Seilschwanz beim Einbindeknoten – Knoten auf und neu/kürzer knüpfen!