Unterkühlung
Anders als erwartet, tritt dieser Zustand nicht nur im tiefsten Winter, in großen Höhen oder bei Schneesturm auf, sondern unter Umständen schon bei einstelligen Plusgraden. Hierbei spielen vor allem die Kleidung und Faktoren wie Nässe eine große Rolle. Bei einer Lawinenverschüttung kühlt der Körper im Schnee vergleichsweise langsam mit 1 bis 9 °C pro Stunde ab, wohingegen ein Sturz ins kalte Wasser zu einer Abkühlung von 5 bis 10 °C alle zehn Minuten führen kann. Auch der Wind spielt eine entscheidende Rolle: Bei nur 10 km/h Wind können 0 °C schon wie -3,3 °C wirken.
Ab einem Abfall der Körperkerntemperatur unter 35 °C spricht man von einer Unterkühlung (Hypothermie), wobei man diese in mild, moderat und schwer unterteilt. Eine milde Hypothermie von 35 bis 32 °C wird im Allgemeinen gut toleriert und äußert sich vor allem durch Unruhe, Kältezittern und blasse Haut. Bei einer moderaten Hypothermie von 32 bis 28 °C kommt das Kältezittern zum Erliegen und das Bewusstsein trübt zunehmend ein. Unter 28 °C Körperkerntemperatur tritt häufig Bewusstlosigkeit ein und schwere Herzrhythmusstörungen können zum Atem- und Kreislaufstillstand führen.
Eine Kombination aus Unterkühlung und starker körperlicher Erschöpfung und/oder Verletzungen sind prognostisch besonders ungünstig. So kam es zum Beispiel 2008 beim Zugspitzlauf dazu, dass nach einem Wetterumschwung zwei Trailläufer an Unterkühlung starben. Hier spielte die Kombination aus nasser, nicht dem Wetter angepasster Kleidung und starker körperlicher Erschöpfung wohl die entscheidende Rolle. Ein anderes bekanntes Beispiel ist der Tod einer 33-jährigen Frau am Großglockner im Januar 2025. Die Kombination aus massiver körperlicher Erschöpfung, Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes und Sturm führten vermutlich innerhalb von wenigen Stunden zum Tod durch Erfrieren.
Die Vorbereitung ist entscheidend
Wie können wir uns also bei Unternehmungen am Berg bestmöglich auf genau diese Situationen vorbereiten und uns vor Unterkühlung schützen – insbesondere bei plötzlichen Wetterumschwüngen?
Entscheidend ist neben einer vorausschauenden Tourenplanung unter Einbeziehung eines verlässlichen Wetterberichts (alpenverein.de/bergwetter) die optimale Ausrüstung. Hierzu zählen Wechselkleidung, winddichte Oberbekleidung, warme Getränke, ausreichend Essen und mindestens eine Rettungsdecke und ein Biwaksack je zwei Personen. Kommt man trotzdem in eine Situation, in der man Kälte ungeplant ausgesetzt ist, sind einfache erste Schritte entscheidend, um eine weitere Auskühlung zu vermeiden. Hierzu zählt primär – sofern gefahrlos möglich – sich an einen geschützten Ort zu begeben. Dieser sollte vor allem windgeschützt und trocken sein, nasse Kleidung sollte schnellstmöglich durch trockene ersetzt werden. Weitere sinnvolle Hilfsmittel sind Unterlagen, um nicht direkt auf der kalten Unterfläche zu sitzen (Isolation), das Anbringen einer Rettungsdecke in „Windeltechnik“ (reines Auflegen bringt wenig!) und das Verwenden eines Biwaksacks. Hat man keine Sitzunterlage dabei, kann man sich auch auf den Tourenrucksack oder das Kletterseil setzen. Auch das Thema Essen sollte nicht unterschätzt werden, da das Kältezittern bei einer milden Hypothermie zu einem erhöhten Energiebedarf führt. Durch die vorangegangene Wanderung, Berg- oder Skitour ist meist ohnehin ein Kaloriendefizit gegeben, wodurch die körpereigenen Reserven noch schneller aufgebraucht sind – Zucker hat hier ausnahmsweise mal positive Wirkung!
Tyrolean Wrap
Bei der modifizierten „Windeltechnik“, der so genannten „Tyrolean Wrap“, wird die Rettungsdecke als „Dampfbremse“ und Reflexionsschicht der körpereigenen Wärme am Rücken auf der untersten Kleidungsschicht eng angelegt und unter einer Jacke von unten nach oben durchgezogen. Der obere Teil wird wie ein Kopftuch über den Kopf gezogen und unter dem Kinn verknotet. Anschließend wird die Folie auseinandergefaltet und der untere Teil (unter der Jacke) auf einer Seite des Körpers unter der Achsel auf die Vorderseite/Brust hochgezogen. Der Rest wird in die Hose gesteckt. Durch die modifizierte Technik ist der Oberkörper besser eingepackt. Darüber so viele Kleidungsstücke wie möglich anziehen (Zwiebelprinzip).
Insbesondere für Tourenleitungen, aber auch für alle anderen, ist es essenziell, gefährliche und potenziell lebensbedrohliche Situationen bei anderen (und sich selbst) zu erkennen und rechtzeitig Hilfe anzufordern. Gerade ab einer moderaten Hypothermie mit zunehmendem Bewusstseinsverlust ist die Vermeidung einer weiteren Abkühlung mit Hilfe der oben genannten Maßnahmen durch die Tourenpartner* innen von besonderer Bedeutung. Kommt es trotz allem zu einem Herzkreislaufstillstand, sollte mit sofortigen Wiederbelebungsmaßnahmen im Rhythmus 30:2 (siehe Szenario 3) begonnen werden. Da eine niedrige Körperkerntemperatur schützend für Nerven und Gehirn sein kann, gibt es Fälle, in denen Personen auch nach mehreren Stunden der Reanimation fast unbeschadet das Krankenhaus verlassen konnten. Eine aktive Wiedererwärmung außerhalb eines Krankenhauses ist so gut wie unmöglich, daher muss der Fokus darauf liegen, weitere Auskühlung zu vermeiden und einen schnellstmöglichen Transport in ein geeignetes Krankenhaus zu organisieren.
Erfrierungen
Ein weiterer Aspekt von kälteassoziierten Krankheitsbildern sind lokale Erfrierungen, vor allem der Gliedmaßen. Erfrierungen der Füße sind in nassen Schuhen schon bei +6 °C möglich. Die Symptome sind hierbei abhängig vom Grad der Erfrierung. Es beginnt mit Gefühlslosigkeit, weißlicher Verfärbung und geht über Blasenbildung mit blauroter Verfärbung bis hin zu völliger Gefühlslosigkeit mit blauschwarzer Verfärbung und möglicher schwarzer Mumifikation. Das vollständige Ausmaß ist erst nach ein bis zwei Wochen erkennbar. Die Heilung kann Monate dauern – im schlimmsten Fall können sogar Amputationen notwendig sein. Auch bei Erfrierungen ist die Prävention der entscheidende Faktor. Trockene und warme Handschuhe und Schuhe, Wärmepads oder Heizsocken können entgegenwirken. Deshalb muss am Berg stets auf Wechselkleidung, inklusive Mütze und Handschuhe, sowie passendes (nicht zu klein!) und der Tätigkeit und Saison angepasstes Schuhwerk geachtet werden (Gletscher: Bergstiefel mit Isolationssohle).
Liegen eine allgemeine Unterkühlung und eine lokale Erfrierung vor, ist die Behandlung der Unterkühlung prioritär, da sie einen lebensbedrohlichen Zustand darstellt! Kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu Erfrierungen, dürfen betroffene Körperstellen initial nicht gerieben oder massiert werden, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Nach Wiedererwärmen von erfrorenen Extremitäten muss ein erneutes Frieren tunlichst vermieden werden. Die Extremitäten müssen vor weiterer Auskühlung unbedingt geschützt werden – hier muss abgewogen werden, ob Bergschuhe ausgezogen werden können oder nicht! Und: Die stationäre Behandlung sollte möglichst in spezialisierten Kliniken stattfinden.
Erste Hilfe bei Lawinenunfällen
Einem Artikel zum Überleben nach einem Lawinenabgang (siehe bergundsteigen vom Frühling 2025) zufolge haben die Überlebenschancen nach Ganzkörperverschüttung insgesamt um zehn Prozent zugenommen – und auch die Verschüttungsdauer sowohl in der Kameradenrettung als auch in der organisierten Bergrettung konnte dank besserer Technik und Ausbildung über die Jahre verkürzt werden.
Jedoch hat sich auch die Überlebensdauer im Vergleich zu einer der meistzitierten Studien zu diesem Thema aus dem Jahr 1994 von achtzehn Minuten auf zehn Minuten reduziert. Warum das so ist, ist noch nicht ganz klar – eine mögliche Erklärung ist eine durchschnittlich höhere Schneedichte, bedingt durch den Klimawandel.
Die Zahlen unterstreichen, wie wichtig eine effiziente Kameradenrettung ist, da innerhalb von zehn Minuten keine organisierte Bergrettung das Lawinenfeld auch nur betreten kann. Die Ortung mit Lawinenverschüttetensuchgerät und Sonde und das „grobe, schnelle“ Ausschaufeln ist ein eigenes Thema, detaillierte Infos gibt es auf alpenverein.de. Die nächsten Schritte, nachdem einzelne Körperteile freigelegt wurden: das Tempo beim Ausschaufeln etwas drosseln und nun behutsamer vorgehen – mit den Händen statt der Schaufel – um dennoch möglichst rasch, aber sorgsam zum Kopf der verschütteten Person vorzustoßen und deren Atemwege freizulegen.
Freilegen des Kopfes und der Atemwege: rasch, aber sorgsam Zugang schaffen. Ist der Kopf sichtbar, muss darauf geachtet werden, ob Mund und Nase der verschütteten Person frei von Schnee sind. Ist dies der Fall, besteht eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Zunächst muss der Kopf leicht nach hinten überstreckt und bei nicht vorhandener Atemhöhle oder Erbrochenem der Mundraum gesäubert werden. Nun wird durch Hören, Sehen und Fühlen für etwa zehn Sekunden überprüft, ob eine Atmung vorhanden ist.
Szenario 1
Ist eine Atmung vorhanden und die verschüttete Person bei Bewusstsein, muss man trotzdem sehr sorgsam mit ihr umgehen. Ansprechen, auf weitere Verletzungen untersuchen, gegen Auskühlung schützen. Beim leisesten Zweifel die Person nicht unnötig bewegen und lieber auf die organisierte Rettung für den Abtransport warten.
Szenario 2
Ist eine Eigenatmung vorhanden, die geborgene Person aber bewusstlos, sollte sie bis zum Eintreffen der organisierten Bergrettung in die stabile Seitenlage gebracht und auf einen adäquaten Wärmeerhalt geachtet werden.
Szenario 3
Ist keine Atmung vorhanden, sofort mit der Herzdruckmassage beginnen! Entscheidend sind hier das Entkleiden des Brustkorbes (Daunenjacke öffnen, falls nötig aufschneiden) und ein fester Untergrund – zur Not auch noch in untypischen Positionen, oder wenn der Körper noch nicht komplett freigelegt ist. Im Wechsel 30 : 2 sollten je dreißig Thoraxkompressionen und zwei Atemhübe durchgeführt werden. Wichtig ist eine Frequenz von 100-120/min, eine Kompressionstiefe von 5-6 cm und ein vollständiges Entlasten zwischen den Kompressionen. Alle zwei bis drei Minuten sollte die „drückende“ Person ausgewechselt werden, da es schnell zu einer Ermüdung kommt und die Herzdruckmassage in ihrer Qualität dadurch stark abnimmt
Bei einer längeren Verschüttungsdauer und einer dadurch kombinierten Unterkühlung kann die Atemfrequenz deutlich abnehmen und eine längere Überprüfung der Atmung – bis zu dreißig Sekunden – nötig sein. Ein regelmäßiges Training dieser Erste-Hilfe-Maßnahmen im Sinne des Basic Life Supports ist essenziell, um in Notfallsituationen ruhig und effektiv handeln zu können und möglicherweise Leben zu retten.
Fazit
Unterkühlung und Erfrierungen sind lebensbedrohliche Krankheitsbilder, die uns vor allem bei mangelnder Tourenplanung und unzureichender Ausrüstung ereilen können.
Vor allem Wind, Nässe und Erschöpfung (!) steigern das Risiko einer schweren Unterkühlung – adäquate Tourenplanung und Erkennen der eigenen Leistungsgrenzen sind daher Pflicht.
Ist man Kälte ungeplant ausgesetzt, sollte man sich vor weiterer Auskühlung schützen. Dies gelingt vor allem durch trockene Kleidung, einen geschützten Ort, Bewegung und warme, gesüßte Flüssigkeiten – frühzeitig ein Notbiwak errichten.
In gefährlichen oder sogar potenziell lebensbedrohlichen Situationen frühzeitig Hilfe holen – lieber einmal zu früh als einmal zu spät!
Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung über mehrere Stunden kann bei Unterkühlten mit gutem Ergebnis erfolgreich sein, ganz nach dem Leitspruch „Niemand ist tot, solange er*sie nicht warm und tot ist“.
Erste-Hilfe-Ausbildung und regelmäßiges Üben sind genauso wichtig wie ein Lawinenkurs.
„Groupshelter“ (große Biwaksäcke) in den Rucksack von Tourenleiter*innen, Bergführer*innen und allen, die am Berg Verantwortung für Gruppen tragen oder selbst in größeren Gruppen unterwegs sind.
Bei Erfrierungen an Gliedmaßen eine rasche Wiedererwärmung anstreben, eine spezialisierte Klinik aufsuchen und auf Reiben und Massieren der erfrorenen Körperstellen verzichten.
Beim Freilegen des Kopfes von Lawinenverschütteten auf freie Atemwege achten.
Kameradenrettung geht vor organisierter Rettung. Regelmäßige Basic Life Support Kurse sind essenziell, um eine realistische Chance zu haben, Lawinenopfer in der notwendigen Zeit retten zu können.